The Walking Dead: TS-19 (1×06)

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Im Finale erfahren wir, warum Dr. Jenner allein im CDC geblieben ist; die Gruppe der Überlebenden genießt die Zeit in Sicherheit. Aber für wie lange?

The Walking Dead verabschiedet sich fürs Erste – mit einem Kracher. Leider ist damit nicht das Finale an sich gemeint, sondern das CDC-Gebäude, das am Ende in Flammen aufgeht; die Kamera verharrt für eine Weile aus der Vogelperspektive bei den Flammen, nur um dann nach oben zu schwenken, zu dem schwarzen Rauch, der emporsteigt. Genau wie dieser Rauch verflüchtigen sich die Hoffnungen, mit denen die Überlebenden im Cliffhanger der letzten Woche zurückgelassen worden waren – und mit denen sie fast zwei Drittel dieser finalen Episode verbringen.

Im bisherigen Verlauf schaffte es die AMC-Serie, mit jeder Episode eine wichtige Frage aufzuwerfen: wem kann man vertrauen, nach welchen Regeln wird jetzt gelebt, wie geht man mit den Infizierten um, wo sollen die Überlebenden hin? All diese Probleme werden im Finale in einer einzigen Frage zusammengefasst: Warum soll man überhaupt am Leben bleiben? Diesbezüglich kann man TS-19 als sehr gelungen bezeichnen, was vor allem an der Noah Emmerichs Leistung in der Rolle des Dr. Edwin Jenner liegt und seinem Zusammenspiel mit Andrew Lincoln als Rick. Die klaustrophobische Atmosphäre in den Katakomben von CDC lädt buchstäblich zu einem Kammerspiel ein, in dem die beiden brillieren.

Der Rest der Episode allerdings fühlt sich nicht so sehr wie ein Finale an, sondern eher wie die Vorbereitung darauf. TS-19 eilt überhastet voran und steckt doch voller belangloser Szenen, wo Figuren eine Menge Zeit damit verbringen, einander schockiert anzustarren, bevor sie sich wieder einmal in Panik auf den Weg machen müssen. Vermutlich wegen der kurzen Season ließ man ihnen kaum Zeit, im CDC zur Ruhe zu kommen: schade, denn so hätte noch tiefer in ihrem Trauma gegraben werden können, was die Serie bisher ja mehr zu interessieren vorgab als Zombie-Schlachten.

Irgendwie funktionierte der Rhythmus dieser Episode nicht, was man generell über die gesamte erste Staffel sagen kann. Sie glich einem Auf und Ab – zweifellos mit zahlreichen grandiosen Momenten. Kann Frank Darabont Recht haben, wenn er für die zweite Staffel durch die Entlassung der restlichen TWD-Autoren Kurs auf einen Auteur-Ansatz nimmt? Kann für die Inkonsistenz in der Entwicklung der ersten Staffel, wenn überhaupt davon gesprochen werden kann, wirklich der Writer Room verantwortlich gemacht werden – weil die unterschiedlichen Autoren den Stoff in den einzelnen Episoden mit unterschiedlichen Ansätzen angingen? Rein spekulative Fragen – denn wir wissen nicht mit Sicherheit, was hinter der ganzen Geschichte steckt.

Was ich mit Sicherheit weiß: der Teaser von TS-19, mit Shanes Flashback, ist absolut grandios! Ich mag zwar TWDs stille Art des Erzählens, aber die Szenen des absoluten Chaos, das dem menschlichen Verstand seine Grenzen zeigt und die Hilflosigkeit des Einzelnen hervorhebt, kamen in der Serie manchmal zu kurz. Wir sehen Shane im Krankenhaus, der nicht weiß, wie er den komatösen Rick wegtransportieren soll, während überall Zombies auftauchen und die Soldaten auch Zivilisten in den Kopf schießen, ohne zu schauen, ob sie infiziert sind oder nicht.

Als der Strom ausfällt, hält Shane Rick tatsächlich für tot – aber verbarrikadiert trotzdem die Tür, bevor er flieht. Diese Erinnerungen werden später aufgegriffen, als die Überlebenden nach einem schönen Essen, einer warmen Dusche und einer Menge Wein im CDC relaxen und der betrunkene und verzweifelte Shane Lori zur Rede stellt. Wir haben im Flashback gesehen, dass er Lori nicht wirklich belogen hat: es war einfach alles zu viel für ihn, für sein Denkvermögen, alles entglitt ihm, eigentlich genau wie in jedem einzelnen Moment. Er wird sogar handgreiflich, und Lori zerkratzt sein Gesicht. Shane lässt los – aber es sieht danach aus, als sei jede Hoffnung für ihn verloren.

Und nicht nur für ihn? Dr. Jenner konfrontiert schließlich die Gruppe mit der Belanglosigkeit ihres Überlebens. Wir erfahren zwar wenig bezüglich der Zombies, was wir nicht schon wussten oder ahnten, aber Jenner enthüllt dennoch zweierlei: Der Titel der Episode steht für Test Subject Nr.19! Das war Jenners Frau, eine geniale Wissenschaftlerin und Leiterin des CDC, die infiziert wurde und ihren Mann den Mutationsprozess freiwillig an ihr selbst dokumentieren ließ. Jenner habe nur deshalb keinen Selbstmord begangen, wie so viele seiner Kollegen, weil er ihr versprochen habe, so lange nach Heilmitteln zu suchen wie irgend möglich.

Aber er ist bislang erfolglos geblieben, und die Zeit läuft langsam davon: Die Gruppe erfährt, dass ein Countdown läuft; wenn die Energievorräte erschöpft sind, wird ein Selbstzerstörungsmechanismus alles vernichten. Decontamination! Wir haben in der letzten Episode gesehen, was das bedeutet. Jenner hat keine Hoffnung mehr für die Welt da draußen – und in einem Gespräch mit Rick bekommen wir zu hören, dass Rick ebenso wenig Hoffnung verspürt. Das kommt, ausgehend vom bisherigen Verlauf, etwas überraschend, aber sorgt für eine emotional geladene Szene, in der Jenner alle mit sich zusammen einsperrt, um sie zu erlösen, und der Gruppe Ricks Einstellung mitteilt. Letztendlich lässt er sie doch hinaus, um weiter hoffen zu dürfen, und verbleibt zusammen mit Jacqui in Erwartung des Todes.

Jenners Figur und Noah Emmerich als Schauspieler hätten dem Cast von TWD gut getan, wäre er länger geblieben. Im Gegensatz dazu verabschiedet sich mit Jacqui eine weitere Figur; als Zuschauer registriert diesen Abschied kaum, da er irgendwie belanglos ausfällt – genauso wie die Trennung von der Latino-Familie in der letzten Episode. Andrea (Laurie Holden) will zunächst auch bleiben, aber Dale (Jeffrey DeMunn) kann sie überzeugen, doch mit den anderen zu fliehen und weiter zu hoffen. Die Frage ist nur – worauf?

Das Einzige, was diese Staffel als Ganzes zusammenhält bzw. den Kreis der sechs Episoden schließt, ist die Granate aus dem Piloten. Mit Hilfe eben dieser Granate schaffen es Rick & Co., rechtzeitig aus dem versiegelten CDC-Gebäude zu entkommen, bevor alles in Flammen aufgeht – unter den Klängen von Bob Dylans “Tomorrow Is A Long Time“. The Walking Dead verabschiedet sich in eine lange Pause, die den Produzenten genug Zeit liefert, die Hoffnungen der Fans nicht zu enttäuschen: denn einen Grundstein für großartiges Fernsehen hat man mit einer zwar unebenen, aber beileibe nicht schlechten ersten Staffel schon gelegt.

 

 

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