The Walking Dead: Judge, Jury, Executioner (2×11)

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Die Gruppe steht vor der Entscheidung, ob Randall am Leben bleiben soll oder nicht. Ist man aber überhaupt in der Lage, diese Entscheidung zu treffen? Was und wer berechtigt dazu? Bei so vielen “freien” Plätzen in dieser post-apokalyptischen Welt müsste es doch für jeden Existierenden einen geben, oder nicht?

The group is broken, sagt Daryl zu Dale. Dieser geflügelte Satz ist lange schon Wahrheit geworden. Dabei ist geflügelt genau das richtige Wort hinsichtlich der Engelsflügel auf Daryls Rücken bzw. auf seiner Lederjacke. Wieder einmal ein kleiner, feiner visueller Eingriff der The Walking Dead-Produzenten. Es ist der gefallene Engel Daryl, den wir am Anfang der Episode Randall foltern sehen, um Informationen über die Gruppe zu bekommen, der Randall angehört hat; und Daryl ist es auch, der Dale am Ende den Gnadenschuss verpasst.

Wenn die Menscheit immer weiter nach oben strebt, immer mehr anstrebt und leistet, so dass sie wie die glühende Sonne den Zenit erreicht, bleibt ihr nichts Anderes mehr als der Fall. Dieser gleicht einer Katastrophe, der absoluten Vernichtung der Zivilisation. Und in der noch heißen Asche sucht man nach dem pulsierenden Herzen, nach dem, was den Menschen ausmacht. Geht es nur um Überlebenswillen? Oder verliert der Mensch sein Herz auch dann, wenn er befreit wird von den Gesetzen, die er sich einmal  selbst gegeben hat? Wird Menschlichkeit nur durch Überwachen und Strafen aufrecht erhalten?

Mit der Diskussion der Frage, ob Randall getötet werden soll oder nicht, berührt The Walking Dead das heiße Eisen der Existenz und Definition von Menschlichkeit – und die Frage, ob eine apokalyptische Welt Menschlichkeit ausschließt. Wie so typisch für The Walking Dead, lässt die Ausarbeitung dieses Problemfeldes leider viel zu wünschen übrig. Zwar ist die Diskussion um Randall interessant und eigentlich eine logische Konsequenz, aber sie scheitert genau an dem Punkt, den sie anstrebt – nämlich dramatisches Gewicht zu erzeugen. Der Grund dafür liegt in der fehlenden Gefahr: Die Gruppe ist keiner unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt. Plötzlich weiß Randall den Weg zurück zur Farm und könnte seine Truppe von Mördern und Vergewaltigern zurückführen.

Ihn irgendwo abzusetzen, ist ja plötzlich zu gefährlich. Lori, nicht alle fahren so Auto wie du! Sollte man Randall gefangen halten oder ihm die Chance geben, sich zu beweisen? Nein, macht zu viel Arbeit. Hier genau liegt das Problem – wieder einmal: Wir sollten eigentlich interessiert sein an diesen Figuren, an ihrem Schicksal; wir sollten sie – wenigstens einige von ihnen – mögen. Daryl sagt zu Dale: “This group is broken”, aber der Satz bleibt einfach ein Satz aus dem Drehbuch: Er hat kein Gewicht, weil es uns eigentlich egal ist, wer als Nächstes von der Lebenden-Liste gestrichen wird. Bei all den von Dale initiierten Diskussionen über Randalls Schicksal hat man nicht das Gefühl, dass sich die Gruppe in Gefahr befinde. Vielmehr scheint einfach keiner Lust zu haben, sich mit ihm und mit der ganzen Sache zu beschäftigen. Also, lasst ihn uns einfach abknallen! Haben ja schließlich alle genug zu tun!

Ist übrigens jemandem von euch aufgefallen, wie T-Dog sofort auf die dramatische Diskussion reagiert – mit seinem einzigen Satz in dieser Woche: Was machen wir mit der Leiche? Nice move, T-Dog. Langsam entwickelt er sich zu meiner Lieblingsfigur. Warum? Weil er immer schon Ricks kostbaren Ratschlag befolgt hat: Don’t talk, think!

Der Rest redet eindeutig zu viel und denkt selten nach. Aber meine Forderung der letzten Wochen an Dale hat man auf Autorenseite anscheinend gehört und drastische Maßnahmen ergriffen, um ihn zum Schweigen zu bringen. Eigentlich konzentriert sich diese Episode auf zwei Handlungsstränge und zwei Figuren: auf Dale und Carl – und verbindet beide am Ende. Sowohl Carl als auch Dale scheinen nach ihrem Platz in dieser Welt zu suchen. Dale muss der Tatsache ins Auge sehen, dass es keinen Platz für ihn gibt.

Und wir schauen mehrmals in dieser Episode tief in die Augen eines Zombies. So viele extreme Zombie-Close-Ups gab’s lange nicht mehr! Es handelt sich um den Zombie, den Carl auf seiner Wanderung am Fluss findet, steckengeblieben im Matsch, und dem er unfreiwillig hilft. Nach etlichen Episoden, in welchen Carl eine Art Aufziehpuppe spielte, ergreift er nun die Initivative und bricht im Grunde aus. Er beleidigt Carol, besucht heimlich Randall, entwendet eine Waffe, geht mit einem Zombie am Fluss spielen… und taucht letztendlich während Randalls Hinrichtung auf, um den eigenen Vater zu ermutigen: Do it, Dad! Der kann aber nicht.

Rick scheint plötzlich aufgefallen zu sein, was diese Welt aus Carl machen könnte und auch tatsächlich macht. Als einziges Kind in der Gruppe befindet sich Carl an einem genauso kritischen Punkt wie Dale. Dass Carl halbwegs für Dales regelrechte Ausweiden dank dem Fluß-Zombie als verantwortlich gesehen werden kann, ist die in meinen Augen passende Verbindung zwischen den beiden Figuren, die die Serie (viel zu selten) kreiert. Obwohl Entscheidungen innerhalb einer gefallenen Welt trotzdem verheerende Konsequenzen haben können… Leider bringt es The Walking Dead bisher auf nicht mehr als ein oder zwei gelungene Sequenzen pro Episode.

Die AMC-Serie ist genau genommen mittlerweile zur Comedy geworden. Man lacht über die Figuren und macht Witze darüber, anstatt mit schweißfeuchten Händen um ihr Schicksal zu bangen. Aber letztendlich ist daran auch nichts Schlimmes – ob man mit dem Mund voller Popcorn die Serie schaut, um T-Dogs epische Geschichte mitzubekommen, Dales unfassbare Erkenntnisse über Gott und die Welt zu hören oder aber Shanes Darth-Vader-Trip zu bejubeln (die spastische Kopfbewegung ist nicht mehr nötig, Shane, wir haben die Durchgeknalltheit mitbekommen!), ist letztendlich egal. Hauptsache, man schaut weiter: in einem Zuschauer-Stockholm-Syndrom-Zustand.

The Walking Dead braucht definitiv nicht noch mehr Zombies, sondern mehr Menschen, mehr Figuren, um interessant zu sein – und damit uns aus dem Zombie-Modus herauszuholen.

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