Twin Peaks: Beyond Life and Death (2×22)

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Vor dem Eintritt in The Black Lodge, wo wir uns möglicherweise verlieren werden, zunächst eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse: Nachdem Annie von Earl entführt wurde, machen sich Cooper (Kyle MacLachlan) und Harry auf den Weg in die Wälder. Währenddessen erlangt Nadine wieder das Bewusstsein ihres erwachsenen Selbst, und Doc Hayward und Ben geraten in eine Auseinandersetzung, die blutig ausgeht. Andrew und Pete finden in der Bank das Schlieflfach, für das der Schlüssel bestimmt ist.

Auch Audrey (Sherylin Fenn) ist in der Bank, da sie eine Art Protest gegen das Ghostwood-Projekt inszenieren will. Im Schlieflfach befindet sich eine Bombe. Alles geht hoch.
Man muss gestehen, dass dies eine etwas plumpe Art ist, sich einer Figur wie Audrey oder aber auch Pete zu entledigen. Nachdem jedoch Audrey innerhalb der zweiten Staffel in keine wirklich interessante Story involviert werden konnte, bekommt dieser etwas plumpe Abschied doch eine gewisse Plausibilität… Bobby Briggs und Shelly genieflen ihr Beisammensein in RR, als die deutsche Kellnerin hereinkommt (die gleiche Szene wie im Piloten) – und anschlieflend Sarah Palmer, mit einer Nachricht für Major Briggs, der ebenfalls im Diner sitzt. In einem bedrohlichen Close-Up spricht Sarah mit verzerrter männlicher Stimme folgende Worte aus:  I’m in The Black Lodge.

Hier begann die Reise, hier endet sie und fängt neu an.  Twin Peaks  ist wie ein Möbiusband angelegt, wie eine Spiegelung, eine Verdoppelung – eins und dasselbe! Earl und Annie betreten The Black Lodge durch die roten Vorhänge, in die sich die Bäume verwandeln. Cooper folgt ihnen kurze Zeit später. Und nun beginnt womöglich das surrealste Serienfinale aller Zeiten. Fast die komplette Handlung, wenn man sie so nennen kann, spielt sich in The Black Lodge ab, wo Cooper auf mehrere Figuren trifft, während er von einem Raum zum anderen geht.

Die zwei Räume, die Cooper an diesem Ort findet – zu beiden Seiten eines Korridors gelegen -, scheinen ebenfalls miteinander identisch zu sein. Die Wände des Korridors und der Räume selbst bestehen aus roten Vorhängen. Während wir im Laufe der Serie oft Bilddiagonalen von oben links nach unten rechts beobachten konnten, ist es hier interessanterweise anders: Cooper betritt die beiden Räume durch die Vorhänge und bewegt sich dabei auf einer Diagonalen von oben rechts nach unten links und wieder zurück.Wenige Möbel stehen in den Räumen.

Man hört jedes Geräusch sehr intensiv. Die Farben (Schwarz – Gelb – Braun – Rot) betonen den flieflenden, fast organischen Charakter der Räume. Die Masse der Vorhänge / Wände spielt mit der Vorstellung ihrer (Ver-) Formbarkeit – als stünden die Wände nicht, sondern verharrten nur vorübergehend in ihrer augenblicklichen Form. Die Räume bleiben irgendwie unberührt und auch unberührbar, sie umhüllen ihre Bewohner und ihre Besucher und nehmen sie auf – aber man zweifelt nicht daran, dass sie auch absolut unabhängig von ihnen existieren könnten. Ist nun Cooper ein Besucher oder ein Bewohner?

Diese zum Groflteil leeren Räume setzen mit ihrer Bühnenstruktur uns Zuschauer als Beobachter voraus. Wir sind die einzigen, die Cooper auf seiner Reise begleiten. Er trifft wieder auf den tanzenden Zwerg, der ihm mitteilt, manche Freunde von ihm seien da. Danach spricht er eine Art Warnung aus:  When you see me again it won’t be me.  Stroboskopisches Licht zerfetzt immer wieder die Bilder in Stücke. Dadurch sind sie sichtbar und gleichzeitig nicht zu durchschauen. Sie sind gleich, aber irgendwie verschoben.  Doppelganger , sagt der tanzende Zwerg. Die Doppelgänger haben wässrig blaue Augen; unter ihnen ist Laura Palmer, die kurz davor (noch mit normaler Augenfarbe) zu Cooper gesagt hatte:  I’ll see you again in 25 years.

Soll das heiflen, dass Cooper in einer Zeitschleife gefangen ist, die ihn mit sich selbst zusammentreffen lassen wird? Generell scheinen die Selbstbespiegelungen in  Twin Peaks  nicht nur für eine subjektive Identitätsproblematik zu stehen, sondern dienen darüber hinaus vor allem zur Veräuflerlichung oder Darstellung eines überindividuellen Prinzips, das subjektunabhängig die dargestellte Welt beherrscht.

Laura fängt an zu schreien. Das stroboskopische Licht setzt wieder ein, genauso wie Coopers Treffen mit weiteren Bekannten, darunter Annie, Caroline und Earl. Cooper ist bereit, Earl im Tausch für Annie / Caroline seine Seele zu geben. Aber das Bild explodiert in Flammen – und Bob taucht auf, der Earl das Anrecht auf Coopers Seele abspricht und selbst stattdessen Earls nimmt. Cooper verlässt den Raum und trifft auf Leland (mit wässrigen Augen), der zu ihm sagt:  I did not kill anybody.  Ein Doppelgänger von Cooper erscheint am oberen Punkt der schon am Anfang des Artikels angesprochenen Diagonalen, während Cooper sich an ihrem anderen Ende befindet: ein böse lachender Cooper mit wässrigen Augen!

Er verfolgt sich selbst zwischen den Räumen. Danach öffnet sich wieder das Tor zu The Black Lodge: Harry findet Cooper und Annie neben dem Eingang liegen. Später sehen wir Cooper in seinem Bett aufwachen. Harry und Doc Hayward sind da.  Annie? How’s Annie?  fragt Cooper. Danach geht er ins Bad, Zähne putzen. Er schaut in den Spiegel. Er blickt uns direkt an. Dann zerschlägt er mit seinem Kopf den Spiegel, in dem wir… Bob sehen. Cooper / Bob wendet sich zu uns, den einzigen Zuschauern, und beginnt zwischen bösartigen Gelächteranfällen immer wieder den Satz zu wiederholen:  How’s Annie?
Alles wiederholt sich. Der Horror kann von vorne beginnen.

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One response »

  1. jedes mal, wenn ich durch irgendetwas an twin peaks erinnert werde, bekomme ich gänsehaut. danke dafür!

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