Dexter: First Blood (5×05)

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Seit der ersten Serien-Minute beschäftigt sich Dexter mit dem Spiel zwischen Oberfläche und Tiefe bzw. mit dem Spiel von Reflexionen. Mit Reflexionen sind sowohl Dexters Gedanken gemeint als auch ihr Widerhall, ihr Echo. Es ist so, als würden sie an den bunten Oberflächen von Miami, an den Ereignissen in Dexters Leben abprallen und zurückkehren: als Spiegelungen, als Reflexionen, die aber nur eine Illusion des Lebens sind, anstatt Sinn und Tiefe mit sich zu bringen – so wie die Farben des Regenbogens illusorische Reflexionen sind (Dexters Voice Over in dieser Episode). Das Leben von Miami, bei Tag und bei Nacht, ist voller glänzender Oberflächen, die den Blick erwidern.

Das Beleuchten der Oberflächen durch den Blick zwingt sie, ihre Tiefe preiszugeben: aber was, wenn diese Tiefe gleichzeitig eine Leere ist, die den Blickenden selbst reflektiert und ihn so als Illusion inszeniert?
In der allerersten Episode der Serie stellt sich uns Dexter Morgan vor: My name is Dexter. Dexter Morgan. I don’t know what it was that made me the way I am, but whatever it was left a hollow place inside. People often fake a lot of human interactions, but I feel like I fake them all.

Durch diese Selbstreflexion tauchten wir in Dexters Welt ein. Im Laufe der Zeit erfuhren wir von diesem „it“, dem traumatischen Ereignis aus Dexters Kindheit, das Dexter nach wie vor Probleme bereitet. Nun aber geht es nicht mehr um Dexters eigenes „it“, sondern um das „it“ von Harrison.

Die Interaktion zwischen Vater und Sohn ist das einzige, was Dexter nicht spielt, was nicht gefakt, keine Illusion ist. Wovor sich Dexter fürchtet, ist die Spiegelung des Lebens, dieses „First Blood“. So heißt die fünfte Episode der neuen Staffel.
Dexter macht sich Gedanken um Harrison, der beim Spielen ein anderes Kind an der Wange kratzt (später auch Dexter selbst). Außerdem versucht Dexter, Lumen und sich selbst davon abzubringen, einen Unschuldigen zu töten. Und er muss feststellen, dass Debra mit Quinn schläft.

Angel hingegen glaubt, dass Maria mit Jim McCourt aus Internal Affairs schläft – und vermasselt durch seine Eifersucht um ein Haar den Fall, bei dem Maria undercover für Jim arbeitet… Der beurlaubte Quinn wiederum findet einen Helfer für seine private Kyle-Butler-Untersuchung: ausgerechnet den dreckigen Cop, den Maria und Jim im Visier haben. In dieser ziemlich ernsthaften Episode sorgt wieder einmal Masuka für die Prise Humor: Wir bekommen einen unreflektierten Blick auf seinen voll tätowierten Rücken (eine Frau mit nackten Brüsten und einem Schwert auf einem Drachen sitzend) und… seinen Leoparden-Tanga.

Das meiste Interesse wecken natürlich die Ereignisse um Dexter und Lumen. Vielleicht verärgert es manche Dexter-Fans, dass die neue Staffel ungewöhnlich langsam Fahrt aufnimmt, aber spätestens nach dieser Episode sollte die Richtung ziemlich klar sein: Lumen schlägt Dexters Rat aus, einfach nach Hause zu fahren und alles zu vergraben; am Ende der Episode sehen wir, dass sie in Miami bleibt.
Ich frage mich, welcher Teil von Dexter in Lumen reflektiert wird: In den bisherigen Staffeln war es stets so, dass die Person, mit der Dexter „gepaart“ wurde – zum Beispiel Miguel Prado oder aber Arthur Mitchell – ein Bedürfnis Dexters reflektierte: die Leere in sich auszufüllen und gleichzeitig den Blick der Anderen von sich abwenden zu können, sich zur spiegelnden Oberfläche zu machen. So versuchte Dexter, einen Freund zu haben (Prado) und ein „normales“ Familienleben zu führen (Trinity).

In dieser Episode bildet der traumatische Kratzer / Schnitt das sich wiederholende Muster. Harrison kratzt ein anderes Kind; der Kratzer sieht genauso aus wie die kleinen Einschnitte, die Harrisons Vater bei seinen Opfern macht. Lumens Rücken ist übersät von solchen Kratzern, Schnitten – und die sind nicht nur oberflächlich, sondern füllen Lumen aus, genauso wie Dexter.

Lumen macht sich auf die Suche nach Boyds Komplizen – und Dexter tut dasselbe. Beide töten in dieser Episode fast denselben falschen Mann. Während Dexter Lumen aufhält, wird er selbst von Harry aufgehalten. In dieser neuen Staffel setzt Dexter Harrys Figur besser ein als in den letzten zwei Staffeln, wo er im Grunde ein Nacherzähler dessen blieb, was wir Zuschauer schon wussten. Hier nun kehrt er zurück zu seiner Rolle aus den ersten zwei Staffeln, als er aktiv in Dexters Tun eingriff, indem er ihn als sein Unbewusstes auf Dinge aufmerksam machte und zu Entscheidungen zwang.

Die Episode beginnt und endet mit fast derselben Szene: Der Bildschirm ist komplett rot, Dexters Stimme erzählt uns von seiner Sorge um Harrison, von Regenbögen und Reflexionen. Dann kommen andere Farben hinzu: blau, gelb, grün. Die Farben sind sehr gesättigt, eigenständig, nicht wie die Palette bei Außenaufnahmen der Serie, wenn alle Farben eine rötliche Färbung erhalten. Dann drehen sich die Farben und wechseln sich in einer Karussellbewegung miteinander ab. Vor unseren Augen entpuppen sie sich als die Farben eines großen, bunten Schwungtuchs, das Eltern – unter ihnen Dexter – beim Mommy-&-Me-Kurs auf ihre darunter sitzenden Kinder herabsinken lassen und dann wieder hochheben. Ein Spiel der Farben, ein Spiel der Reflexionen: Wir wissen, was „Over the Rainbow“ ist, aber was ist „Underneath the Rainbow“? Die Illusion?

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One response »

  1. Ah, wie praktisch! Ich hole gerade 6 Staffel Dexter nach (weil in der 7. Yvonne Strahovski mitspielt *hüstel*), und es ist schön, dass es die Reviews jetzt hier gibt.
    Dann werd ich mich mal weiter “hocharbeiten”.

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