Dexter: Those Kinds of Things (6×01)

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Dexter mit Engelsflügeln. Aus Blut. In den letzten Wochen vor der Premiere der sechsten Staffel war diese Showtime-Werbung überall zu sehen. Viele haben sich gefragt, ob sie tatsächlich einen thematischen Hinweis enthält oder nur eine kunstvolle Provokation darstellt. Nach der Sichtung der ersten Episode kennt man die Antwort! Dexter war immer schon eine Provokation, aber mit der neuen Staffel betreten die Autoren ein Feld, das sie bis jetzt ausließen.

Natürlich gehören Themen wie Familie, Freundschaft, Identitätsfindung, das Urteilen über Gut und Böse, das staatliche Rechtssystem etc. zu nahezu jeder Dexter-Staffel, wobei der Schwerpunkt während Dexters Reise wechselt. Das heikle Thema Religion blieb bisher ausgespart bei Dexters Suche nach Verbindung mit der ihn umgebenden Welt, aber Those Kinds of Things stellt klar, dass die neue Season Dexter mit theologischen Fragen konfrontieren wird. Zuvor galt: Es gibt Harrys Regeln und die sozialen Normen und Gesetze.

Zwischen diesen beiden Regularien bewegte sich der Protagonist. Nun aber wird ihm klar, dass Menschen auch versuchen, nach anderen Regeln zu leben: Gottes Regeln. Wir sehen Dexter schon zum Anfang der Episode in einer prekären Situation, als er Harrison in eine von Angel empfohlene katholische Schule zum Vorstellungsgespräch mitnimmt. Ja, es ist schon soweit: Harrison soll in die Vorschule! Ein Jahr ist seit dem Finale der fünften Staffel vergangen, und es ist Einiges passiert. Die Nonne in der Schule findet Dexters Antwort auf ihre Fragen nach seiner Glaubensrichtung nicht wirklich zufrieden stellend: Er glaube an nichts, verkündet Dexter. Auf Debs (Jennifer Carpenter) Nachfrage erklärt er: I believe in a certain set . . . of rules to follow, so that I don’t get myself in trouble. Deb: That sounds kind of cold and empty. Dexter: Does it?

Gibt es tatsächlich etwas, was die Leere füllen kann? Bevor Dexter und wir mit ihm dieser Frage nachgehen, springen wir noch einmal zurück zum Anfang der Episode, als Dexter sich ebenfalls in einer prekären Situation befindet. In seinem Kill-Outfit steht er – nein, nicht vor der katholischen Schule, sondern im Dunkel der Nacht unter dem blutroten Mond und blutet aus einer Bauchwunde. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt, als er einen Krankenwagen ruft. Als die Sanitäter eintreffen, entpuppt sich alles als Inszenierung: sowohl für die beiden als auch für unsere Zuschaueraugen. Für wen sonst sollte Dexter während des Anrufs den schwer Verletzten spielen? Die neue Staffel beantwortet mit einem Doppelschlag von Dexters Seite vorab jede eventuelle Frage danach, ob es weitere „Kills“ geben wird. Sein Voice Over nimmt direkt Kontakt mit uns Zuschauern auf, wie mit alten Vertrauten – dieser Kommunikationsstil Dexters mit uns erscheint mir viel direkter und vertraulicher als gewöhnlich!

It’s not what you think, sagt Dexter, als man Angels Schwester im Bikini in seiner Wohnung zu sehen bekommt. Tatsächlich: Sie ist Harrisons Babysitterin. Ansonsten ist alles beim Alten: Maria lässt sich mit Hilfe von Erpressung befördern, und der mittlerweile von ihr geschiedene Angel soll Chef der Mordkommission werden. Mehrmals spricht Dexters Stimme mit uns über das Vorwärtskommen, darüber, Dinge hinter sich zu lassen und sich nach vorn zu bewegen. Erstaunlicherweise findet Dexter heraus, dass er selbst vorangekommen ist: zumindest in den Augen seiner Highschool-Kommilitonen. Ja, Dexter geht zu seiner Highschool-Reunion – aber natürlich mit einem ganz bestimmten Ziel, nämlich den ehemaligen Sporthengst der Klasse, inzwischen erfolgreicher Geschäftsmann, zu erledigen. Denn der hat gemäß Dexters Recherche die eigene Ehefrau getötet, die Dex damals als einziges Mädchen überhaupt zu bemerken schien und nett zu ihm war.

Plötzlich allerdings sind alle nett zu ihm: wegen der Schlagzeilen, die sein Job und seine Familientragödie gemacht haben. Dexter ist beliebt. Für die damalige Schönheitskönigin Tricia bildet die Reunion folglich einen willkommenen Anlass, sich bei Dexter gewissermaßen zu bedanken – für die Möglichkeit, damals abzuschreiben und so ihren Abschluss zu schaffen. Dexter selbst aber ist durch mit dem „Abschreiben“ vom Leben Anderer. Er will verstehen und nicht nur nachahmen.

Ihren drei Hinrichtungen zum Trotz beinhaltet die Episode mehrere durchaus gelungene Slapstickmomente, dank Michael C. Halls Leistung und dank Masukas Einsatz als Professor Masuka. Er hat Online-Studenten, die er dann zur Mordkommission einlädt, um einen von ihnen als Hilfskraft auszuwählen. Es dauert nicht lange, bis es tatsächlich Arbeit gibt, die blutig genug ist, um Dexter und Masuka zu fordern. In zwei Szenen bekommen wir einen gewissen Travis (Colin Hanks) und seinen Mentor Professor Gellar (Edward James Olmos) zu sehen. Die beiden planen und begehen einen grausamen Mord – in Gottes Namen. Und das ist nur der Anfang, wie Gellar beim Sonnenuntergang am Ende lächelnd zu Travis sagt: It has begun. Vielleicht ergibt ihr Tun mehr Sinn für Dexter als Angels verzweifelter Versuch, ihm zu erklären, was Glauben ist und warum man an Gott glaubt…

Insgesamt ein gelungener Auftakt der Showtime-Serie, aber die Deb-Quinn-Story wirkt nach wie vor eher ablenkend, genauso wie alle Vorkommnisse um Maria und Angel. Dafür gibt Masuka sein Bestes. Das Bösewicht-Pärchen ist nach nur einer Episode schwer einzuschätzen, da wir von den beiden wenig zu sehen und zu hören bekommen; aber das Tun der beiden wird direkt mit Dexters gegenwärtigem Zustand und Innenleben verknüpft – und mit der Dauerfrage der Showtime-Serie: Gehört Dexter zu den Kräften des Guten oder des Bösen?

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