Monthly Archives: January 2013

Supernatural: Let it Bleed / The Man who Knew Too Much (6×21/6×22)

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Supernaturals sechste Staffel glich einer langen und holprigen Reise, auf die man sich manchmal mühevoll einlassen musste, aber die Mühe hat sich letztendlich in meinen Augen gelohnt. Vor allem in den letzten zwei bis drei Episoden gewann die Erzählung wieder an altbekannter Supernatural-Wucht und vollführte eine interessante und zum Nachdenken inspirierende Wendung, die wenn nicht allen, so doch den meisten Handlungssträngen Sinn verlieh und die Zuschauer mit einem mächtigen Cliffhanger sitzen ließ. Dies alles ist nur mit einem langen Review zu bewältigen.

Macht lautet das Codewort in diesem zweiteiligen Finale. Zu der allergrößten Macht will Castiel gelangen, der Lieblingsengel der Supernatural-Zuschauerschaft – und ausgerechnet seine Ersatzfamilie Sam, Dean und Bobby versucht ihn daran zu hindern. Obwohl es vermutlich viele Fans traurig macht, Cas nun in Relation zu den anderen Hauptfiguren als  „böse“ zu sehen, gefällt mir die Entwicklung sehr gut, die die Autoren Cas als Figur durchmachen ließen: Von einem einfachen, nichts hinterfragenden Engel-Soldaten, der meistens unbewusst für humorvolle Einlagen sorgte, stieg Misha Collins als Castiel zu einer mächtigen, aber gleichzeitig bekümmerten Figur empor, die plötzlich ihr eigenes Schicksal in den Händen hält… und am Ende auch das aller anderen. Misha Collins gebührt großes Lob dafür, uns jeden einzelnen Schritt auf diesem Weg und die damit verbundenen Gefühlsregungen mitfühlen zu lassen – so, als führte er die Zuschauer an der Hand bei dieser halsbrecherischen Balance auf dem dünnen Seil zwischen Gut und Böse.

Die Dialog-Szenen zwischen Cas und jeder anderen einzelnen Figur in diesen letzten Episoden sind mehr wert als ein Krieg der Welten mit Special Effects. Supernatural hat schon immer aus der Budget-Not eine Tugend gemacht und auf epische Bilder verzichtet; stattdessen inszenierte die Serie die „epische“ Zerrissenheit ihrer Figuren, das epische Spiel zwischen Liebe, Verrat und Vertrauen. In “Let it Bleed” fließt das Blut, aber und vor allem im metaphorischen Sinne. Es ist die Episode der blutenden Herzen – von Dean und Castiel.

Crowley und Castiel suchen nach wie vor die Tür zum Purgatorium. Der Schlüssel zum Erfolg führt zurück in das Jahr 1937, als ein Schriftsteller namens H.P. Lovecraft starb. Inwieweit sich die Supernatural-Autoren an historische Fakten halten oder sich alles zurechtgedichtet haben, ist eine Sache, aber die Lovecraft-Story bietet möglicherweise den einzigen funktionierenden Ausweg aus der Klemme, in die man sich mit der Purgatorium-Story manövriert hatte. Der Cthulhu-Mythos, über den Lovecraft schrieb, ist viel tiefer und erschreckender, als man sich nach dem Zuschauen des Finales vorstellen mag – doch das Ding, das durch Lovecraft & Co. in unsere Welt kam, ist interessanterweise nicht wirklich böse. Es schlief sogar mit Bobby Singer! Ja, es ist Ell, die Dean in Like a Virgin das Schwert gab… und ja, es ist ein bisschen weit hergeholt, aber es treibt die Handlung voran.

Wie Ell in Let it Bleed zu Bobby sagt, gefällt es ihr auf der Erde, aber jetzt schwebt sie in Gefahr: Crowley und Cas suchen nach ihr, um die Pforte zum anderen Ort wieder öffnen zu können. Um Dean außer Gefecht zu setzen, lässt Crowley Lisa und Ben entführen. Wenn es um Macht geht, ist Verrat gefordert – auf jeder Seite. Ausgerechnet von Balthazar holt sich der verzweifelte Dean Hilfe, der anscheinend erst jetzt, durch Dean, den kompletten Plan seines Freundes Castiel durchschaut und ihn nicht nur als zu gefährlich einstuft, sondern auch Castiels Geheimnistuerei nicht mag: I’m officially on your team, you bastards!

Dean kann Ben und Lisa befreien, aber Lisa wird schwer verletzt. In meinen Augen findet Supernatural am Ende von Let it Bleed die beste Lösung für den Ben-Lisa-Handlungsstrang: Die stärkste Szene der Episode findet im Krankenhaus statt, wo Castiel wieder einen Schritt auf Dean zu versucht, indem er Lisa „heilt“ und sie Dean vergessen lässt – nur um zu erfahren, dass Dean Castiels ‚Verrat’ nicht vergessen kann. Castiels Gesicht im Close-Up, als er das erkennt, kann man tatsächlich mit den Worten „sein Herz blutet“ beschreiben. Genau dasselbe aber geschieht mit Dean.  Er entscheidet sich sowohl gegen seinen „Wahlbruder“ als auch gegen seine „Wahlfamilie“, weil ihm einfach… keine andere Wahl mehr bleibt. Er lässt es zu, dass Castiel ihn und alles mit ihm Verbundene aus Bens und Lisas Gedächtnis ausradiert.

Auf leisen Sohlen tritt Dean aus dem Leben der beiden hinaus und schließt die Tür. Cas hilft Dean, diese Tür zu schließen – um gleichzeitig zwei andere zu öffnen: die in Sams Kopf und die zum Purgatorium. The Man Who Knew Too Much, der zweite Teil des Finales, spielt sich über weite Strecken in Sams Kopf ab: in seinem Unbewussten, in dessen Abgründen Sam sich wieder findet. Castiel nämlich hat die von Death errichtete Wand in Sams Kopf entfernt, damit ihm Dean nicht länger im Weg stehen kann.
„Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit ist die Furcht, und die älteste und stärkste Furcht ist die Furcht vor dem Unbekannten“, schreibt der berühmte englische Schriftsteller H.P. Lovecraft, dessen Erzählungen etlichen audiovisuellen Produktionen als Quelle gedient haben. Horror and Suspense: diese beiden Elemente bildeten den Schlüssel zu ihrem Gelingen. Ausgerechnet den Horror-Meister und den Suspense-Meister haben sich die Supernatural-Autoren ausgesucht, um die sechste Staffel der CW-Serie zu beenden. Während im ersten Teil des zweiteiligen Finales Lovecraft in die Handlung einbezogen wird, steht Hitchcocks berühmter Film The Man Who Knew Too Much Pate für den Titel des zweiten.

Supernaturals Finale scheint mir einmal wieder jene sehr typische Mischung darzustellen, die die Serie auszeichnet und für die sie sich etlicher Mythologien, Erzähltraditionen und Religionen bedient. Supernatural ist eine Erzählung über „Es“, das Übernatürliche, das Unbekannte. Man könnte sich selbstverständlich fragen, warum Supernatural plötzlich an Lovecraft anknüpft. Wahrscheinlich haben die Autoren den direkten Weg gewählt und, abgesehen von den kulturellen Referenzen, einfach die folgende Gleichung zu Grunde gelegt: Lovecraft = Horror. Nun: das Faszinierende an guten TV-Serien ist, dass man unterhalten wird und gleichzeitig selbst entscheiden kann, ob man sich etwas dazudichtet oder nicht.

Es geht nicht immer um einen von den Autoren implizierten tieferen Sinn, den es aufzudecken gilt, sondern auch darum, Anregungen zu bieten. Natürlich berührte Supernatural immer nur oberflächlich das ultimative, kaum in Worte zu übersetzende blanke Horrorgefühl beim Eintritt dieses Unbekannten in das menschliche Leben oder gar der Erkenntnis über seine Existenz. Das zu verbalisieren, gelingt höchstens schriftstellerisch – etwa bei Lovecraft.

Im Grunde liegt der Lovecraft’sche Horror außerhalb unserer Möglichkeiten. Aber die CW-Serie schafft es Staffel für Staffel, das Grauen von Außen, das Unbekannte, das Unheimliche in den Bereich des Freudschen Un-Heimlichen zu verschieben. In seinem Aufsatz über das Unheimliche beschreibt Freud die Furcht, die Wurzel der Horrorgeschichten, als die Wiederkehr von etwas Bekanntem, das verdrängt wurde. Demnach gilt diese Furcht einem traumatischen längst Bekannten, das solche Horrorgefühle erzeugt, dass es lieber verborgen bleiben sollte.

Das Unbekannte, das Lovecraft, wie wir in der ersten Episode des Zweiteilers erfahren, hereinließ, erwies sich als ein „Gutes“. Die Gefahr kam nicht von außen, sondern geht vom Heimeligen aus, von dem nur zu Vertrauten, das man unter der Oberfläche versteckt, verdrängt hat. Die Furcht vor dem Unheimlichen ist in Supernatural die Furcht vor dem Messer im Rücken. Im Grunde ist das „Es“, von dem Supernatural erzählt, der menschliche Makel, unsere Fehler und Traumata, um die herum wir eine Wand errichten und die uns trotzdem immer wieder heimsuchen. Warum? Weil sie Teil von uns sind – genauso wie Sam Winchester aus mehreren Sams besteht, denen er allen gegenübertreten muss. Nicht nur ist Sams Reise in das eigene Unbewusste sehr gut inszeniert, sondern auch die Jared Padaleckis Leistung kann überzeugen.

Seine Führerin während der Reise ist eine Unbekannte (in der Rolle: Erica Cerra, Eureka), die wir zum ersten Mal sehen und auf die ein Sam ohne jegliche Erinnerungen in einer Bar trifft. Sam kennt sie nicht, aber ein Teil von ihm – der seelenlose Sam, der ihn verfolgt und auszulöschen versucht – kennt sie sehr wohl. Er hatte damals, auf Monsterjagd in der „Realität“, ihren Tod in Kauf genommen. Was, so fragt Supernatural, muss / darf man alles in Kauf nehmen, um Macht zu erlangen – und wie wird man dadurch verändert? Die Serie behält das richtige Maß und die Balance zwischen den Bildern aus Sams Kopf und dem gegenwärtigen Geschehen – abgesehen von der doch am Ende zu kleinen Rolle Sams im Showdown -, so dass alles sich an einem Höhepunkt wieder findet, an dem Castiel Crowley hintergeht und anschließend Crowleys neues Bündnis mit Raphael zerschlägt.

Ell, wie so typisch für weibliche Figuren in Supernatural, überlebt das Ganze nicht, genauso wenig wie Balthazar, dem Castiel wegen seines Verrats ein Messer in den Rücken rammt. Castiel selbst bekommt das Engel tötende Messer von Sam in seinen Rücken gestoßen; es vermag aber nichts mehr auszurichten: Supernaturals Suche nach Gott hat ihr Ende gefunden. Cas: „I am not an angel any more. I am your new God, a better one!“ Die Macht glänzt in seinen Augen und macht ihn gleichzeitig blind für die ihm Nahestehenden. „You cannot imagine how it feels… they’re all inside me…“ Er steht an diesem Punkt über allen, über den Freunden und über der Familie. So fordert er Dean, Sam und Bobby auf, sich vor ihm zu verneigen, niederzuknien, ihm ihre Liebe zu schwören – oder sie würden ausgelöscht. Dean darf ihm seine Liebe nicht länger verweigern, er muss sie ihm gewährleisten – aber ist eine solche Liebe der Pflicht wirklich dieselbe wie die Liebe, die Dean seinem Wahlbruder freiwillig gab?

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Supernatural: The Man Who Would Be King (6×20)

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Who’s the king, who’s the king, who… So lautet der Refrain von Dog Eat Dogs gleichnamigem Song, und so lautet die Frage, der Supernatural in den letzten Seasons nachgeht. Der Kampf zwischen Gut und Böse aber verwandelte sich mit zunehmender Dauer in eine Grauzone – und für die Kontrahenten zu einer Frage der Kompromisse, die sie bereit sind zu einzugehen.
The Man Who Would Be King erzählt vom Kampf mit den und gegen die Konsequenzen dieser Kompromisse. Freund und Feind, Vertrauen und Verrat: dazwischen spannt sich nur ein dünnes Seil, und das eigentliche Thema der Episode liegt in den Schwierigkeiten, auf ihm zu balancieren. Ausgerechnet ein gefallener Engel versucht den Seiltanz zu vollbringen und berichtet uns in dieser Episode von dessen unmöglichem Gelingen.

Mit The Man Who Would Be King beweist die CW-Serie, dass sie immer noch angenehme Überraschungen parat hält – abseits ihrer zwischenzeitlichen Schwankungen und Schwächen, die übrigens die meisten Serien in einem solchen „Alter“ befallen. Mit Überraschungen meine ich nicht nur besondere Enthüllungen oder unerwartete Wendungen wie in der letzten Episode, sondern die Art, wie das schon Erzählte vertieft wird und dadurch emotionale Wucht bekommt. Dass Castiel (Misha Collins) und Crowley (Mark Sheppard) zusammen arbeiten und die Herrschaft im Himmel und Hölle anstreben, wussten wir ja schon – und dass Cas seine Freunde belügen muss, ebenfalls. Aber nun wird in die Tiefe gefragt: Musste er das wirklich? Hatte er wirklich keine andere Wahl? Oder stand ihm nicht doch sein Stolz im Wege, geknüpft an ein neues, verführerisches Machtempfinden? Ist Castiel durch Deans Lektionen über Freiheit und freie Wahl in eine moralisch prekäre Lage geraten?

The Man Who Would Be King eröffnet mit einem an sich und der Situation verzweifelnden Castiel: mit dem Mann, der König werden wollte, aber einen himmelhohen Preis dafür entrichten muss. Man kann den Supernatural-Autoren gratulieren: Sehr gelungen, diese Ben Edlund-Episode so zu konstruieren – nachdem letzte Woche Mommy Dearest die Fans in Angst und Schrecken darüber versetzt hatte, dass Cas „ein Böser“ geworden sein könnte. Nun also sitzt Castiel auf einer Bank, umgeben von dem schmelzenden Schnee der eigenen Erinnerungen und des eigenen Bewusstseins für Entscheidungen, die er traf.

Niemand sonst ist im Bild zu sehen. Die Kamera zeigt Cas im Close-Up, wir hören sein Voice Over, und vor unseren Augen entfaltet er Bilder aus seinen Erinnerungen an eine ewige Existenz im Laufe der menschlichen Geschichte. Dann aber spricht er direkt in die Kamera, zu uns Zuschauern: Let me tell you my story. Let me tell you everything.
Endlich darf Misha Collins aus dem Vollen seiner schauspielerischen Fähigkeiten schöpfen. Diese Episode gehört eindeutig ihm, ihm und Mark Sheppard als King of Hell Crowley, seinem alter ego. Castiels Geschichte ist eine Tragödie, wie er selbst sagt. Er verhält sich loyal zu Gott (auch in dessen Abwesenheit), hat unter den Sterblichen Freunde gefunden, kämpft für das Gute – und findet sich plötzlich auf der falschen Seite wieder. Cas’ Geschichte enthält aber mehr als eine Flucht in Selbstmitleid: Sie reflektiert die Tücken der Freiheit und das Zweifeln an den eigenen Entscheidungen. Als Cas nach seiner Auferstehung ins Paradies zurückkehrte, versuchte er Rachel und den anderen Engeln vergeblich zu erklären, dass sie frei seien zu tun, was sie wollen. Inzwischen weiß er: Freedom is a length of rope. God wants you to hang yourself with it. Explaining freedom to angels is like teaching poetry to fish.

Freiheit will gelernt sein. Cas’ anfängliche Begeisterung vom The Winchester Way, sein Stolz und sein Glaube daran, Gottes Liebling zu sein, auserwählt, um alles zu verändern, führen ihn auf einen trügerischen Pfad. Als Raphael das Kommando übernahm und die Apokalypse wieder starten wollte, rebellierte Castiel, aber es fehlte ihm an Macht. An diesem Punkt kann man übrigens, wie ich finde, einen Vergleich zwischen Castiel und Sam (Jared Padalecki) ziehen; Deans Anmerkung später in der Episode, dass Cas wie ein Bruder für ihn sei, unterstützt eine solche Parallele. Auch Sam wollte schon einmal das Richtige tun, aber mit den falschen Mitteln, so dass er seine Freunde und seinen Bruder belügen musste. Dasselbe geschieht Cas, und von der anderen Seite widerfährt es Dean zum zweiten Mal: nun durch seinen großen Wahl-Bruder.

Cas’ Liebe zu seinen Freunden zusammen mit seiner Hybris, wir er selbst es nennt, und seinem Stolz haben ihn… in die Hölle des Menschseins getrieben, die tatsächlich die des tragischen Helden aus der griechischen Tragödie ist: mit guten Vorsätzen die falsche Wahl zu treffen, weil es keine richtige gibt – anders formuliert: auch mit den besten Absichten der Schuld nicht ausweichen zu können. The devil you know! Castiel wollte Dean aus der Geschichte heraushalten – und sah sich stattdessen gezwungen, einen Deal mit dem neuen Teufel einzugehen.
Übrigens: Die neue Hölle ist tatsächlich schrecklich – Warteschlange, Nummer ziehen, Wiener Walzer im Hintergrund. Der Alltag als Hölle und die Hölle als Alltag. Das schwarz-weiße Porträt an der Wand mit Crowley im Hitler-Style und Dreizack-Binde am Arm – awesome. Genauso eindrucksvoll, Bobbys Gegenstück auf der Dämonenseite zu zeigen und ihn Ellsworth zu nennen – so hieß die von Jim Beaver gespielte Figur in Deadwood. Diese Episode aber hält die humorvollen Momente geschickt auf einem Minimum, so dass die Balance gewahrt bleibt.

Crowley wiederum (hört er tatsächlich Me and Mrs. Jones in seinem Folter-Autopsieraum?!) verliert definitiv die Balance, da er Castiels Zweifel sieht und sich Sorgen um sich selbst macht. Im Vergleich zu früheren Bösewichtern unterschätzt er die Winchesters kein bisschen. Cas aber tut es und findet sich plötzlich in einem Kreis aus Feuer wieder, von Bobby, Sam und Dean mit den Entscheidungen konfrontiert, die er traf – und mit der Tatsache, das Vertrauen seiner Freunde verspielt zu haben. So gibt er auch noch zu, Sams Auferstehung vollzogen zu haben, von der sein Voice Over uns Zuschauern schon vorher erzählt hat: Mit der zusätzlich gewonnenen Macht und Zuversicht holte er Sam und merkte zum ersten Mal, wie verräterisch frei getroffene Entscheidungen sein können, so dass man auf die falsche Seite der moralischen Do-not-cross-Linie gerät. Dean fleht Cas an, alles zu stoppen, aber Cas ist dazu außerstande…

Am Ende der Episode sehen wir Castiel wieder auf der Bank sitzen. Er spricht erneut in Richtung Kamera; dann zieht sich diese aus der Close-Up-Einstellung zurück und lässt somit Raum für Castiels Verzweiflung, für seine Ratlosigkeit. Cas fleht Gott an, ihm ein Zeichen zu geben, aber der Allmächtige antwortet nicht. Oder hat er ihm längst ein Zeichen gegeben, das Castiel übersehen hat? Ist die ganze Zeit über Dean das göttliche Zeichen gewesen? Denn nicht nur sieht sich Castiel als Deans guardian angel – Dean ist zugleich Castiels guiding angel der Menschlichkeit.

Wie dem auch sei: Da uns dieses kleine Cas-Kammerspiel für seine Dauer in Gottes Position versetzt, dürfen wir getrost Misha Collins und dieser Episode ein Zeichen geben, nämlich den hoch erhobenen Daumen.

Supernatural: Mommy Dearest (6×19)

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Dean und Sam retten ein junges Bruderpaar. Als die Jungs hinten im Impala sitzen und von Sam und Dean zu ihren Verwandten und damit in Sicherheit gebracht werden, wird man irgendwie nicht nur an die Winchester-Kinderzeit erinnert, sondern auch an alte Supernatural-Zeiten, als zwischen Freund und Feind eine relativ klare Linie gezogen wurde. Früher stand die Welt nicht auf der Kippe: Monster existierten neben Menschen und mussten welche töten, um ihre Existenz zu sichern, während die Hunter die Monster jagten, um das zu unterbinden. Die Parteien hatten sich miteinander arrangiert; keiner pochte auf Endgültigkeit. Aber alles hat sich verändert. Der Feind ist nicht mehr klar zu identifizieren.

Ganz egal, ob man es kommen spüren konnte oder nicht: Ich finde die Wendung, die Mommy Dearest präsentiert, sehr zufrieden stellend. Nicht nur bringt sie einen „sympathischen“ Bösewicht zurück, sondern sie macht einen sympathischen Helden zum Bösewicht. Oder ist Castiel (Misha Collins) etwa keiner? Auf diese Frage werden wir bis zum Finale eine Antwort bekommen müssen.

Alle haben  mittlerweile bemängelt, dass Eve, die böse Mutter und Feind Nr.1 in der laufenden Staffel, viel zu selten auftritt und die Geschichte nicht wirklich vorankommt, dass gar das Ganze ziellos erscheint. In Mommy Dearest machen sich Dean (Jensen Ackles), Sam (Jared Padalecki), Bobby (Jim Beaver) und Castiel, bewaffnet mit Phönix-Asche, auf den Weg nach Grants Pass, Oregon, wo sich Eve befindet. Die nötige Info bekommen sie von der Vampirin Lenore, die wir seit der zweiten Staffel nicht mehr gesehen haben und die zu den „friendly monsters“ zählt. Sie hat Eves Ruf bisher widerstanden, aber dennoch – wie für Frauenfiguren in Supernatural üblich – endet ihr Weg hier. Allerdings wird sie auf eigene Bitte von Castiel getötet.

Seit der Krieg im Himmel begonnen hat, ist Castiel sowieso schnell am Abzug. Als die Truppe in Grants Pass auf eine Menge toter Menschen und Monster stößt, will Dean zwei noch menschliche Jungs zu ihrem Onkel bringen, mitten in der Suche nach Eve. Castiel ist dagegen, kann Dean aber nicht aufhalten, da Eve seine Engelskräfte in Oregon suspendiert hat. In Castiels Augen sind aber nicht nur Unverständnis („Pardon me for highlighting their crippling and dangerous empathetic response with sarcasm.“), sondern immer wieder Scham zu lesen, wie schon in den letzten Episoden. Es ist so, als könne er durchaus Deans Tun verstehen: sein Bestreben, einer Sache oder einer Tat Sinn zu verleihen, auch den kleinsten Erfolg zu feiern. Aber Cas befindet sich in einer Situation, die ihm dieses „einfache“ Handeln nicht mehr erlaubt. Er scheint überfordert, hin- und hergerissen zwischen Entscheidungen und den damit verbundenen Gefühlen – denn auch menschliches Fühlen hat ihm Dean nahe gebracht: Letztendlich hat vor allem Deans Einfluss Castiel das Engelsleben schwer gemacht.

Nun, die Winchesters machen sich wie immer selbst das Leben schwer und laufen direkt in Eves Falle. Schwer wird es für die Brüder, Eve zu bekämpfen, da sie die ganze Stadt in Monster verwandelt hat – sogar in Hybrid-Monster, die Dean sofort als Jefferson Starships betitelt: Because they’re horrible and hard to kill. Im Diner treffen sie letztendlich auf Eve in Person und erfahren, dass sie nicht aus Gier nach dem Weltuntergang handelt, sondern aus Liebe: Sie ging durchaus konform mit der alten Supernatural-Welt, die ich am Anfang des Artikels beschrieben habe – bis Crowley (Mark Sheppard) King of Hell wurde und auch ihre ältesten Kinder zu foltern und zu töten begann.

Um Dean davon abzuhalten, sie „bitch“ zu nennen, und ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, verwandelt sich Eve in Mary Winchester (Samantha Smith). Sie will ihre Kinder vor Crowley retten, der offenbar seine Macht mit dem Besitz von immer mehr Seelen vergrößern will. Genauso wie Eves Eintreffen uns Zuschauer in die Irre führte, kann nun Dean Eve täuschen, so dass sie letztendlich getötet wird. Aber das gelungene Hybrid-Monster-Experiment ist noch da draußen: ausgerechnet der kleinere der beiden Brüder, die Sam und Dean retteten.
Aber die Monster-Seuche ist nicht ausgebrochen, denn Dämonen haben den Jungen getötet. Das bringt das Winchester-Team dazu, doch an Crowleys Überleben zu glauben – und damit an Eves Worte. Cas verschwindet, angeblich um das Ganze sofort zu überprüfen. Doch auch wenn Dean an Cas‘ Aufrichtigkeit glauben will, sehen wir Zuschauer in der letzten Szene, wie Crowley und Castiel aufeinander treffen und Crowley sich darüber beschwert, ständig hinter Cas aufräumen zu müssen.

Der King of Hell arbeitet also zusammen mit dem… King of Paradise? Die Episode endet wie sie anfing: mit „Miracles“. Während am Anfang Hot Chocolates „You Sexy Thing (I believe in Miracles)“ erklingt, schließt man mit Jefferson Starships “Miracles“. Durch welches Wunder ist Crowley noch am Leben – und welche Wunder will er zusammen mit Castiel bewirken?

Supernatural: Frontierland (6×18)

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Frontierland zeigt uns eine weitere Reise der Winchester-Brüder in die Vergangenheit. Diese sollte die übergreifende Story der Staffel voranbringen und dabei den Humor nicht zu kurz kommen lassen. Nun, die Episode schafft ein paar Schritte in beide Richtungen, aber sie hinterlässt – wie so oft im sechsten Supernatural-Jahr – den Zuschauer mit dem Eindruck, dass die CW-Serie die Gesamt-Richtung der laufenden Staffel nicht so recht kennt. Gewiss, die Auseinandersetzung mit Mother of All steht bevor – und vermutlich die Enthüllung über Sams Rettung aus der Hölle. Außerdem wissen wir, dass Castiel (Misha Collins) einen himmlischen Krieg führt. Aber von den Gegnern der Winchester-Brüder und vom Krieg im Himmel ist, insgesamt betrachtet, viel zu wenig zu sehen.

Vom Budget her kann sich Supernatural keine himmlisch-höllischen Schlachten leisten. Die wären aber auch nicht nötig, denn in der Vergangenheit haben uns die Autoren gezeigt, wie geschickt man solche Gut-gegen-Böse-Auseinandersetzungen als Mittel zum Zweck einsetzen kann, ohne sie gleich zum spektakulären Endziel zu machen. Mein kleiner persönlicher Kritikpunkt an der Serie betrifft in diesem Zusammenhang das fehlende Akkumulieren von Spannung: sei es in der übergreifenden Story oder auf der persönlichen Ebene zwischen den Figuren. Natürlich kann dieser subjektive Eindruck durch die vielen Unterbrechungen entstanden sein; deswegen kann man erst dann wirklich Kritik üben, wenn man die komplette Staffel noch einmal am Stück sieht. Also belassen wir es vorerst bei dieser Anmerkung.

Nichtsdestotrotz spürt man eine gewisse Leere bei Supernatural. Etliche Figuren, ob gut oder böse, wurden aus dem Weg geräumt oder aber sind, wie schon gesagt, nur selten zu sehen. Man hat manchmal den Eindruck, Sam (Jared Padalecki), Dean (Jensen Ackles) und Bobby (Jim Beaver) seien ganz allein und bekämen nur gelegentlich Besuch von Castiel.
In Frontierland braucht das Trio Cas’ Hilfe, als man aus Samuels Notizen und Buchsammlungen entnimmt, wie gegen Mother of All vorzugehen ist: Man braucht die Asche eines Phönix. Ein solcher wurde im Jahre 1861 in Sunrise, Wyoming von und mit einem gewissen Colt getötet. Also beschließen die Brüder kurzerhand, zurück in die Vergangenheit zu reisen. Dafür aber brauchen sie Cas’ Hilfe.

Der jedoch ist extrem beschäftigt, teilt den beiden seine persönliche Assistentin Rachel mit, die an seiner Statt auftaucht. Um interessant zu werden, ist sie nicht lange genug da: Supernatural bleibt konsequent mit dem Töten weiblicher Figuren – und generell „ziehen“ die Autoren in dieser sechsten Staffel schneller, als man gucken kann. Aber bevor Castiel Rachel tötet, erfahren wir, dass er anscheinend Dinge getan hat, die auch seine treuesten Mitarbeiter seinen Tod wünschen lassen. Geht es um die menschlichen Seelen? Welche Grenzen hat er im himmlischen Krieg übertreten bzw. übertreten müssen? Sehr überzeugend spielt Misha Collins in seinen Frontierland-Szenen Cas’ innere Zerrissenheit, sogar Scham. Wofür, werden wir noch erfahren.

Gar keine Scham verspürt Dean ob seiner Obsession mit dem Wilden Westen. Die Reise und der Aufenthalt in Sunrise, Wyoming sind eine Mischung aus Star Trek-, Deadwood- (Jim Beaver spielte in der Serie!), Back to the Future- und Clint Eastwood-Referenzen. Dazu bekommt die in Sepia-Tönen gehaltene Episode einen Bonanza-Vorspann, der ziemlich cool aussieht. Nicht so cool findet Dean den Wilden Westen, in dem die Saloons relativ leer sind und die leichten Mädchen schlechte Zähne haben. Dazu kommen noch die Probleme mit der übernatürlichen Welt von damals. Für alles haben die Brüder nur 24 Stunden Zeit, bevor sie Cas zurück holen muss. Wenn man den Zeitpunkt verpasst, muss Dean für immer eine „blanket“ tragen, wie Cas und alle anderen seinen Poncho nennen – und Sams strahlend weißes Hemd würde seinen Glanz verlieren.

Ich muss gestehen, den Aufenthalt der Brüder in Sunrise zwar genossen, aber dennoch Einiges vermisst zu haben. Irgendwie lief einem tatsächlich die Zeit davon, um mehr Wendungen einzubauen und der Story mehr Gewicht zu verleihen. Die Szenen aus dem Teaser, das Shootout zwischen Dean und dem Unbekannten enden genau so, wie man es erwartet. Dieser Unbekannte übrigens heißt Elias Finch und wird beim Eintreffen der Brüder in Sunrise gehängt. Elias ist aber kein Mensch, sondern der Phönix höchstpersönlich, der aus der Asche aufersteht und seine Peiniger einen nach dem anderen erledigt. Warum Peiniger? Weil das Monster im Grunde im Recht ist. Es rächt die Vergewaltiger und Mörder seiner menschlichen Frau. Dean tötet es aber trotzdem. An diesem Punkt verpasst die Serie die Möglichkeit, tiefer in das moralische Dilemma einzudringen und Parallelen zu Cas’ Der-Zweck-heiligt-die-Mittel-Einstellung zu ziehen. Es ist einfach nicht genug Zeit da! Aus diesem Grund sehen wir auch den berühmten Samuel Colt (Sam Hennings) nur kurz, was irgendwie schade ist.

Aber er hilft den Brüdern entscheidend: Der durch Rachel verwundete Cas holt die beiden zurück, bevor Dean die Phönix-Asche einsammeln kann. Sie bekommen jedoch ein Paket in die Gegenwart geschickt, das Samuel vor 150 Jahren abgeschickt hat und das die Asche enthält. Es bleibt nun also abzuwarten, was Supernatural damit macht – und ob sich vielleicht zum Abschluss der Staffel doch noch ein glühender Phönix daraus erhebt.

Supernatural: My Heart Will Go On (6×17)

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Supernatural ließ die Fans lange warten, aber heraus gekommen ist dabei eine neue Supernatural-Episode, wie sie sein soll. Man bekommt ein bisschen von Allem in einer gut ausgewogenen Mischung. Zwar adressiert die CW-Serie nur im Nebensatz die handlungsübergreifenden Plots, macht sie dafür aber um so interessanter. My Heart Will Go On steckt voller Melancholie, Humor und Fragen.

Unter Melancholie verstehe ich nun nicht Celine Dion. Vielleicht entspringt mein Gefallen an dieser Episode auch ein wenig meinem Missfallen an dem Film Titanic…? Balthazar (Sebastian Roche) spricht zumindest mir aus der Seele, wenn er erklärt, warum er die Titanic mit ihren 50000 Passagieren rettete und damit den Verlauf der Geschichte änderte: Offenbar hat Balthazar das Schiff Titanic vor dem Untergang gerettet, um den Film Titanic und Celine Diones Karriere zu verhindern. Freier Wille eben!

Aber das Schicksal höchstpersönlich – in Gestalt Atropos‘ (Katie Walder), einer der drei Schicksal-Schwestern – will diesen Eingriff korrigieren und den Status Quo wieder herstellen, dass niemand dem Schicksal entrinnen kann. So finden sich die Winchester-Brüder plötzlich innerhalb einer weiteren alternativen Supernatural-Zeitlinie wieder, in der Sam und Dean einen Mustang fahren und Bobby (Jim Beaver) mit… Ellen (Samantha Ferris) verheiratet ist. Auch Jo ist noch am Leben. Es dürfte die Supernatural-Fans geschmerzt haben, an diese beiden im Krieg gegen Luzifer geopferten Figuren erinnert zu werden.

Das Hinters-Licht-Führen der Zuschauer am Anfang der Episode fand ich durchaus gelungen. Man sieht Bobby den Geschehnissen aus der Episode And Then There Were None nachtrauern; Ellens selbstverständliches Auftauchen in seinem Haus sieht zunächst wie ein Traum aus. Es ist aber keiner, es ist eine „what if“-Situation, die die Frage nach dem Schicksal und dem freien Willen erhebt und sie durch das melancholisch-liebevolle Miteinander von Bobby und Ellen um so schmerzvoller in der Luft hängen lässt.

Apropos „in der Luft hängen“: Die Episode eröffnet mit einer Reihe von Zufallsverkettungen, die gezielt zum Tod der Beteiligten führen – etwa durch eine wie eine Guillotine in der Luft hängende Garagentür oder einen gierigen Kopierer. Dem Schicksal kann man nicht entrinnen. Schon gar nicht, wenn Atropos Arbeitslosigkeit droht und sie daher persönlich motiviert ist, alle 50.000 Titanic-Passagiere und deren Nachkommen unter die Erde zu bringen. Plus zwei weitere Personen! Es handelt sich natürlich um Sam (Jared Padalecki) und Dean (Jensen Ackles), die die Apokalypse verhinderten, so dass der Schicksalslauf die falsche Kurve nahm.

Padalecki und Ackles sind wieder einmal für humorvolle Einlagen gut, etwa als Sam und Dean die Straße entlang gehen und von jeder Ecke den Schicksalsschlag befürchten (Musik: One Way or Another, Blondie). Castiel rettet die beiden im letzten Moment und ist zusammen mit Balthazar gewillt, Fate zu beseitigen. Was Balthazars Figur so interessant macht, ist das Verunsicherungspotential für uns Zuschauer: Balthazars wenige, aber prägnante Auftritte lassen uns immer wieder auf der Hut sein, da wir uns nie ganz über seine Ziele im Klaren sind. „Sorry, you have me confused with the other angel. You know, the one in the dirty trench coat who’s in love with you. I don’t care“, sagt er zu den Brüdern.

In dieser Episode aber wird klar, dass sich Balthazar durchaus für jemanden einsetzt, nämlich für seinen alten Freund Castiel. Anscheinend sind 50.000 Seelen kein geringer Vorteil im himmlischen Krieg. Atropos wirft Castiel vor, Balthazar wegen dieser Seelen Titanics Rettung befohlen zu haben – und Castiel vermag den Vorwurf nicht überzeugend von sich zu weisen. Er muss sich nun zwischen 50.000 Menschen-Seelen und Sam und Dean entscheiden.

Zum wiederholten Mal rettet er die beiden, und die Supernatural-Zeit wird wieder in die „normalen“ Bahnen gelenkt. Aber ist der freie Wille, das Ändern des Schicksals tatsächlich positiv für die Welt? Nach der misslungenen Apokalypse spielt das Universum verrückt, und niemand scheint zu wissen, wie es weiter geht. Sehr schöne Wendung seitens der Supernatural-Autoren, ein Hauptthema ihrer Serie direkt in die Handlung einer Episode einzubinden: Schicksal vs. Freier Wille. Denn das Versinken der Titanic bedeutet auch Ellens Tod – und einen Bobby, der weiterhin allein und mit Schuldgefühlen leben muss. Wenigstens weiß er nicht, wie gut es ihm in der Parallelzeit ging. Aber Castiel lässt Sam und Dean sich an alles erinnern. Die Frage lautet: Sollte dies eine Lektion für die Brüder sein, wie ernst die Situation ist und wie weit Castiel bereit ist zu gehen? Was verbirgt er noch vor den beiden?

Supernatural: And Then There Were None (6×16)

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Nachdem in der humorvollen Episode der letzten Woche, The French Mistake, im Paralleluniversum (einer Imagination unserer Welt) so gut wie alle Produktionsmitglieder – vom Schöpfer bis zum Regisseur – ermordet wurden, kennt Supernatural weiterhin keine Gnade und macht sich diesmal über etliche wiederkehrende Figuren her. Es scheint, als forciere man auf allen Ebenen den Neuanfang.

Da wir bei Neuanfang sind: Wir erfahren, dass Eve die mysteriöse Mutter aller Monster ist. Eva, die allererste Frau, auf deren Liebe zu verbotenen Früchten das Christentum alle nachfolgenden menschlichen Sünden zu schieben wusste. Also: Bösewicht gefunden und auf in den Kampf? Back to the roots?

Eve, The Mother of All: Sie steht ganz in der Supernatural-Tradition der „heißen“, bösen Frauen, die beseitigt werden müssen. Die Alternative der „guten“ Frauen in Supernatural: sich für das Gute (und die daran beteiligten Männer) zu „opfern“… Nein, ich will hier keine Gender-Diskussionen entfachen. Nach sieben Staffeln hat die US-Serie diese beiden Frauenrollen als Schema verfestigt, was wir einfach als Fakt konstatieren können. Und es wäre schön, wenn die US-Serie ihr Schema diesmal etwas variabler gestaltete, um aus dem Potential der Frauenfiguren mehr herauszuholen – nachdem man beispielsweise aus der Sam-Ruby-Beziehung für meinen Geschmack zu wenig gemacht hat.

Ebenso fest steht, dass Supernatural seine besten Momente feiert, wenn Dean (Jensen Ackles) und Sam (Jared Padalecki) Winchester im Kontext ihrer Familie agieren. Damit ist zuallererst die Hunter-Familie gemeint. Durch die Interaktion zwischen Rufus und Bobby wird in “And Then There Were None” deutlich gezeigt, dass die familiäre Bindung sich aus der Art ihres besonderen „Jobs“ ergibt: aus dem gemeinsam Erlebten und der langen Tradition, in der sie stehen. Das aber macht diese Bindungen beileibe nicht unproblematisch. Die Beziehung zwischen Bobby (Jim Beaver) und Rufus (Steven Williams) scheint die Komplikationen zwischen Sam und Dean förmlich zu spiegeln.

Und so kommen wir zum größten Kritikpunkt der Episode, wie schon einige Fans in den Foren geschrieben haben: Warum musste Rufus sterben? Natürlich hat sein Tod die Auswirkung eines emotionalen Knockouts für die anderen Figuren und führt einen Schockmoment für die Zuschauer herbei. Aber bisher geschahen Tode beliebter Figuren in Supernatural immer zu Gunsten einer Wendung in der Erzählung – oder aber um den Hauptfiguren zum Erreichen eines Ziels zu verhelfen. Haben sich die Autoren für diesen Schritt entschieden, um Bobbys Kampf gegen Eve persönlicher zu gestalten? Oder aber, um sechs Episoden vor dem Ende der Staffel das Back-to-the-roots-Konzept zu Ende zu führen, indem man den Cast auf die Hunter-Kernfamilie reduziert: Bobby und die Winchester-Brüder?

Auf der einen Seite stehen nun also die drei, allein: ohne weitere „Familienmitglieder“. Auf der anderen Seite steht offenbar Eve (Julia Maxwell), die Mutter aller Monster. In dieser Episode lässt sie einen (Ohr)Wurm von Menschen Besitz ergreifen und sie zu Gewalttaten bewegen; dahinter steckt eine Nachricht von Eve an die Winchester-Brüder. Zu der kommen wir gleich. Es muss zuerst gesagt werden, dass Eve, wie alle „bösen Wesen“ vor ihr, die Zerstörung der Menschenwelt  anstrebt: dies ihre Nachricht an Sam und Dean. Im Gegensatz zu den bisherigen Bösewichtern tappen wir Zuschauer aber diesmal nahezu völlig im Dunkeln: Wir wissen weder, wie mächtig sie ist, noch kennen wir ihren Status in der Supernatural-Mythologie.

Wenn Supernatural weiterhin die christliche Mythologie aufbereitet, müssten wir in Eve, Eva, tatsächlich die Sünderin sehen, die sich von der Schlange (einem Monster) verführen ließ. Während die Paradies-Erzählung der Bibel interessanter Weise neben dem körperlichen Bild der Schlange die verführerische Kraft vom Baum der Erkenntnis ausgehen lässt – Eva erliegt also nicht allein fleischlicher Lust, sondern vor allem ihrem Wissensdurst -, thematisiert Supernatural bisher nur die fleischliche Verführung: Anscheinend haben Eva und die Schlange das erste Monster gezeugt. Oder geschah dies erst nach der Vertreibung aus dem Paradies – um sich für den ersten wahrhaft monströsen Akt zu rächen, nämlich für die Verbannung seitens des Vaters?
Was Supernatural uns nun allerdings lehrt, ist, dass auch Übernatürliches auf Familienbanden basiert – und dass umgekehrt auch im Göttlichen Monströses steckt. Wenn die Serie ihre eigene Lesart und Deutung beibehält und sich weiterhin nicht zu sehr von „Originalvorgaben“ verführen lässt, bleibt zu hoffen, dass das bunte mythologische Gemisch dennoch einen roten Faden besitzt. Wie ist Crowleys (Mark Sheppard) Suche nach dem Purgatorium mit dem Krieg im Himmel und mit Eves Auftauchen verbunden? Hat der seelenlose Sam mit dem Ganzen etwas zu tun – oder NUR Sam? Und nach wie vor: Wo ist Gott (Chuck?) abgeblieben?

Samuel taucht wieder auf, der seit Crowleys Tod nicht wirklich viel zur Handlung beitragen konnte. Als Sam, Dean, Rufus und Bobby sich auf Eves Spuren machen, treffen sie plötzlich auf Samuel und Gwen. Wir wissen, dass Dean in Caged Heat Samuel versprach, ihn bei der nächsten Begegnung zu töten. Dieses Versprechen will er halten, aber die Umstände hindern ihn zunächst daran. Alle Hunter sehen sich mit einem Parasiten konfrontiert, der durchs Ohr in Menschen hineinkriecht und Besitz von ihnen ergreift. Der Großteil der Episode kommt in Folge dessen als gut inszeniertes Kammerspiel mit einer funktionsfähigen Mischung aus Ernst und Komik daher, in dem jeder im nächsten Moment der „Böse“ sein könnte.

Vor allem die Chemie zwischen Bobby und Rufus ist exzellent: Diese Episode dient unter anderem auch dazu ihre gemeinsame Vergangenheit zu beleuchten, was zu den großen Pluspunkten gehört. Weniger löblich erscheint mir die Art, wie man Gwen beseitigt, für deren Figur die Autoren anscheinend nie wirklich Verwendung fanden – ebenso wenig wie für Samuel nach Crowleys Ende. Nichtsdestotrotz wirkt die Szene, als Dean mit Ohr-Wurm Gwen erschießt, als Schock-Moment, dem ein witzig-ernstes Katz-und-Maus-Spiel folgt.
Das Versteck- und Ratespielchen erhebt die Frage danach, wer von den Beteiligten Nachhilfe braucht, um eine grausame Tat zu vollbringen – und wer nicht. Die Antwort ist klar: Sam braucht keine. Er schießt Samuel in den Kopf, obwohl Samuel nur Samuel ist. Konnte Sam das wissen? Offenbar wollen die Autoren zurück zu der Problematik von Sams böser und guter Hälfte – gar keine schlechte Idee.

Am Ende sieht man Bobby, Dean und Sam an Rufus‘ frischen Grab stehen und über Familie reden. In dieser Episode haben sie zwei Familienmitglieder verloren, aber sie stehen nur am Grab des Einen: denn für die Zugehörigkeit zu einer Familie reicht, wie Dean hervorhebt, Blut nicht aus, man muss sie sich verdienen.
Dass noch einiges Blut vergossen werden wird, kann man von Supernatural erwarten – und auch, dass bald ein von den Fans schmerzlich vermisstes Familienmitglied wieder zum Kern stößt, das sich die Zugehörigkeit zur Familie allemal verdient hat: Cas (Misha Collins).

Supernatural: The French Mistake (6×15)

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Oh my God, they killed Misha! Mit dieser Meta-Referenz wollen wir unsere Unterhaltung über einige der lustigsten Minuten in der Supernatural-Geschichte einleiten. Obwohl sich Supernatural regelmäßig selbstreflexiv zeigt, läuft The French Mistake tatsächlich auf einer Meta-Meta-Ebene ab. Wenn wir freilich über „meta-“ sprechen, dann gehen wir doch von einer existierenden Ebene der Normalität aus – oder nicht? Und die fällt komischerweise immer mit der eigenen Realität zusammen… Vielleicht steht auf der anderen Seite des Fensters ein Vladislav Tinchev, der sich als den echten empfindet, und denkt über mich: Gott, ist der peinlich mit diesem ständigen Geschreibe über irgendwelchen Meta-Selbst-Referenz-Blödsinn und kommt sich dabei auch nocht toll vor… Wer will das schon lesen?

Wer will schon eine Serie gucken, die sich Supernatural nennt, in der zwei bis zu den Ohren geschminkte Hübschlinge (Oh crap, I’m a painted whore.) Pappmonster jagen und hölzern auf die Motorhaube gelehnt über Gefühlsregungen (So we’d have to blow off the scene where they sit on the Impala and talk about their feelings.)  sprechen?

Nun: wie ausgerechnet diese beiden Hauptfiguren ihres eigenen Lebens erfahren, gibt es eine Menge Verrückter, die ihnen gern zuschauen. Mit The French Mistake rechnet Supernatural letztendlich mit sich selbst ab, angefangen mit den zwei Hauptdarstellern und dem ganzen Produktionsprozess bis zu der Erzählung über eine Welt, in der es keine Magie gibt. Für mich besteht die Meta-Aussage nicht so sehr in den Humoreinlagen dieser Episode, sondern in dem Kommentar über unsere Realität, in der die magische Essenz des Lebens verloren gegangen zu sein scheint; die Menschen sehnen sich danach – und finden sie dann in TV-Erzählungen wieder (früher waren es mal Bücher). Mit The French Mistake kreiert Supernatural nicht nur eine weitere Welt innerhalb der eigenen fiktionalen Welt, sondern kommentiert sich selbst als Teil unserer Welt.

Natürlich erfordert es Zeit, auf all die eigenen Schwächen und Stärken einzugehen, und für den handlungsübergreifenden Erzählstrang bleibt nicht viel davon übrig. Er ist hier mehr Mittel zum Zweck. Nichtsdestotrotz kommt man einen gewaltigen Schritt voran: Wir erfahren, dass Raphael Balthazar (Sebastian Roche) jagt, der den Schlüssel zu den von ihm entwendeten Himmelswaffen besitzt. Diesen Schlüssel händigt Balthazar am Anfang der Episode den Brüdern aus und schickt sie in eine Parallelwelt, um sie vor Virgil, Raphaels Handlanger und Waffenmeister des Himmels, zu verstecken.

Auf der anderen Seite des Fensters, durch das sie Balthazar wirft, finden sich Sam und Dean auf einem TV-Set wieder, wo man sie Jared Padalecki und Jensen Ackles nennt und die beiden als Hauptdarsteller der TV-Serie Supernatural bekannt sind. Ab diesem Zeitpunkt ist die Handlung ein Feuerwerk an Kommentaren zu allen Klischees, die man über die Produktion der Serie kennt und die von der Presse stets munter weiter getragen werden. Wir bekommen nicht nur Jensens angeblichen Riesenwohnwagen (mit einem Risenaquarium) zu sehen, sondern genauso Jareds Over-the-Top-Zuhause, in dem seine Ehefrau Ruby – ich meine natürlich: Genevieve Cortese – auf ihn wartet.  Außerdem wundern sich alle darüber, dass die Hauptdarsteller überhaupt miteinander sprechen; Cas ist „nur“ Misha Collins, ein mit gestylten Harren twitternder Jammerlappen.

Krönung dieser Selbstreferenz-Eskapaden: die Szene mit Sam und Dean (oder Jared und Jensen), als sie versuchen, tatsächlich auf dem Set ihren Part zu spielen. Sams Herumfuchteln im Hintergrund und Deans mit gewaltig hervor tretendem Kiefer männlich gegrölte Line sind in der Kombination unschlagbar! Auch der Schöpfer der Serie und die neue Showrunnerin kommen nicht ungeschoren davon. Man könnte sagen, dass Supernatural in The French Mistake den „offiziellen“ Abschied von Eric Kripke feiert. Dieser ist sehr schön in Western-Style inszeniert. Während Sera Gamble nur eine gestresste Stimme am Telefon bleibt, taucht Kripke auf, gespielt von Micah A. Hauptman, und wird von Virgil erschossen, der ebenfalls in die Realität rübergekommen ist. Nicht nur Kripke, sondern fast die komplette Crew muss dran glauben – inklusive Misha Collins.

Und Balthazars Schlüssel? Er erweist sich als eine Art McGuffin: seine einzige Bedeutung bestand darin, Raphael abzulenken, während Cas die Waffen beschafft und somit das Blatt im Bürgerkrieg des Himmels wenden kann. Und Dean und Sam? Sie können sich wieder ihrem Leben, ihrer Welt widmen, in der es noch Magie gibt. Und jede Menge versiffter Motelzimmer.
Und wir? Wir dürfen dabei sein…

Supernatural: Mannequin 3: The Reckoning (6×14)

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Trotz schlimmer Befürchtungen kann man die sechste Supernatural-Staffel zwar bisher als gelungen bezeichnen. Aber auch sie hat ihre Höhen und Tiefen. Mannequin 3: The Reckoning gehört in meinen Augen zu den Tiefen und ist mit Abstand die bisher schwächste Episode der Staffel. Obwohl der Titel so viel versprechend klingt. Die übliche, sonst gut funktionierende Mischung aus Humor, Emotion und Mythologie wirkt hier wie aus der Balance geworfen – und zum größten Teil erzwungen.

Das ABER folgt auf dem Fuße: Mannequin 3: The Reckoning ist nichtsdestotrotz eine wichtige Episode. Denn sie bietet einen etwas anderen Blick auf die Odyssee der Winchester-Brüder. Wir sehen Dean (Jensen Ackles) nach Sams (Jared Padalecki) Zusammenbruch in grenzenloser Panik. Aber Sam kommt wieder zu sich: Es scheint so, als hielte die Mauer noch stand. Und da die Diskussion darüber zwischen den beiden wieder einmal in eine Sackgasse führt, machen sie sich auf den Weg zum nächsten Job.

Dieser involviert den mit Abstand schrecklichsten Alptraum vieler Menschen, den man vor allem aus den Kinderjahren mit sich herumträgt: Puppen oder andere menschenähnliche künstliche Objekte, wie Mannequins erwachen zum Leben und hegen uns gegenüber tödliche Absichten. In dieser Episode werden die Fäden der Puppen von einem Geist gezogen, der sich nach Rache sehnt. Es ist der Geist der jungen Rose, deren Tod zwar ein Unfall war, aber von einer Gruppe ihrer männlichen Mitarbeiter verursacht und vertuscht wurde. Da Ben bei Dean einen Notruf absetzt, muss Sam die Puppen zwischenzeitig allein im Griff behalten. Er tut es zwar, aber der Fall verläuft – genauso wie in den letzten zwei Wochen – äußerst unspektakulär; sogar der Versuch, mit dem Rose-besessenen Impala einen humorvollen Dreh in die Story zu bekommen, verläuft im Sand.

Warum ist dann die Episode wichtig? Weil sie die Brüder am Ende als Verlierer zeigt. Durch ihr Tun werden nicht wirklich nette Menschen gerettet – und eine unschuldige Frau getötet. Wäre es nicht besser gewesen, sich nicht einzumischen? Wo liegen aber die Grenzen – und ist es nicht längst zu spät, welche zu ziehen? In dieser Hinsicht erzeugt die Episode, beide Plots betreffend, melancholische Stimmung. Sie zeigt, dass es für die Brüder keinen Weg zurück gibt: weder auf „beruflicher“ noch auf persönlicher Ebene.
Bens Notfall-Anruf ist nur ein Vorwand, um Dean zurückzuholen: Lisa trifft sich mit einem Mann. Ben ist alarmiert und wünscht sich Dean zurück, aber Dean kann nicht der Mann sein, der er lange Zeit zu sein versuchte: Dafür ist es zu spät. Vielleicht muss man sich überdies fragen, inwieweit sein Leben mit Lisa und Ben seinem Versprechen Sam gegenüber geschuldet war – und weniger Deans freier Entscheidung… ?

Auf der einen Seite verwöhnt uns Supernatural derzeit nicht mit Leben-und-Tod-Situationen und großen Gegnern (es sei denn, Mutter taucht wieder auf), was den Spannungsfaktor drastisch absinken lässt. Andererseits erfordert die dramaturgische Struktur einer Staffel eben immer wieder einmal Episoden zum Luft-Holen (negativ ausgedrückt: Füller-Episoden).
Das Fehlen einer großen Auseinandersetzung zwingt uns außerdem die Frage auf, welches Leben die Winchester-Brüder überhaupt führen könnten: Wie kann ihre Zukunft aussehen? Sam ist eine Art tickende Zeitbombe – und Dean muss sich selbst in dieser Episode endgültig eingestehen, dass er nie zurück zu Ben und Lisa gehen wird: zu der Familie, die er eigentlich immer haben wollte. Man stellt damit die beiden vor die traurige Erkenntnis, dass sie tagtäglich immer dasselbe erwartet und die Zukunft kein Happy-End bereithält…

Supernatural: Unforgiven (6×13)

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In der letzten Episode ist der dramatische Kontext für die Ereignisse bis Ende der Staffel kreiert worden. Auf der einen Seite gilt es, „Mutter“ zu stoppen – was auch immer Ihre Hoheit vorhat. Auf der anderen Seite schwebt die emotionale Welt der Winchester-Brüder erneut in großer Gefahr: Wenn die Mauer in Sams Kopf und Seele fiele, könnte er in einen Zustand geraten, aus dem der Gnadenschuss den einzigen Ausweg böte.

Unforgivens Ende bestätigt diese Bedrohung mit Hilfe eines erschreckenden Augenblicks. Aber muss man davon wie von einer Unausweichlichkeit sprechen? Was Unforgiven interessant macht, ist nicht so sehr der Fall der Woche (der meiner Meinung nach schwach ausfiel, so wie die Drachen letzte Woche), sondern das Dilemma, vor dem die Brüder stehen. Natürlich freut sich sowohl die echte als auch die fiktionale Welt darüber, dass Sam (Jared Padalecki) seine Seele zurück hat. Aber Sam scheint in einer paradoxen Situation zu stecken, deren Kompliziertheit sich aus dem Widerspruch zwischen Logik und Gemütszustand ergibt.

Sam muss, wie er nun einmal ist, wissen, was mit ihm passiert ist. Er will ‚wieder gut machen‘. Rein logisch gesehen schuldet er den Menschen jedoch gar nichts: Letztendlich ist ja er in die Hölle gegangen, um diese Welt zu retten! Dean (Jensen Ackles) versucht ihm diese Tatsache als „das warst nicht du!“ zu verkaufen – aber Sam ist wieder der Sam, den wir seit der ersten Supernatural-Stunde kennen: „the big picture“ ist in dem Augenblick, da er durch eigene Fehler verursachtem Leid begegnet, nicht mehr relevant.

Und so gerät Sam in dieser Episode in zwei Fallen, deren erste den Schritt zur zweiten bedeutet. Sam bekommt einen anonymen Hinweis, dass in Bristol, Rhode Island, plötzlich Frauen verschwänden. Das löst in ihm erste Erinnerungen aus: Vor einem Jahr haben Samuel und er schon einmal einen Job dort erledigt. Als die Brüder sich auf den Weg machen, werden die Flashbacks länger und intensiver. Wie könnte Sam auch die Welt vergessen, wenn die sich an ihn erinnert? Wie kann man die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen, wenn sie einen hartnäckig einholt?

Es erweist sich, dass nur diejenigen Frauen entführt werden, mit welchen der seelenlose Sam damals geschlafen hat – und dass das Monster (eine altertümliche Riesenspinne) ihn damit zu locken versucht, um ihm das Monströse seiner eigenen Tat vor Augen zu führen. Sam hat nämlich, zu Samuels Entsetzen, allen fünf damaligen Opfern den Gnadenschuss verpasst. Nur hatte die Spinne nicht alle von ihnen vergiftet, sondern einige in Monster verwandelt… Eines davon: Sheriff Roy Dobbs, den Sam vor einem Jahr als Köder benutzt hat. Im Grunde demonstrieren die Spinnenstory und Sams Zusammenbruch (erstes Loch in der Mauer?) die unmögliche Situation: Wiedergutmachung kommt geradezu der Suche nach dem Gnadenschuss gleich. Oder kann Sam auf andere Art und Weise erlöst werden? Vielleicht nur von Gott selbst?

Ab nächster Woche wird das Supernatural-Review einen neuen „Sendeplatz“ bekommen: am Montag um 12 Uhr. Um dem morgen drohenden Valentinstags-Wahn zu entkommen, sind die Winchester-Brüder aber diesmal schon am Sonntag zu „lesen“!

Supernatural: Like a Virgin (6×12)

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I made it through the wilderness, somehow I made it through, didn’t know how lost I was until I found you… So lauten die ersten Zeilen aus Madonnas „Like a Virgin“ – und genauso heißt die neue Supernatural-Episode. Die Winterpause schien ebenso endlos wie Sams Tage ohne Seele. Aber sie waren gezählt: In Like a Virgin kehrt der alte, wieder beseelte Sam (Jared Padalecki) zurück.

Sams Zeit also wird zurück gedreht zu einem Like a Virgin-Zustand: ein Neuanfang, den Jared Padalecki hervorragend inszeniert. Sam wacht auf – und weiß nichts von den anderthalb Jahren, in welchen er als Robo-Sam schlachtend durch die Gegend marschierte. Kurz zuvor hat Cas (Misha Collins) Dean (Jensen Ackles) mitgeteilt, dass Sams Seele sich wie „bei lebendigem Leibe gehäutet“ angefühlt habe. Aber Dean will nichts von Castiels und Bobbys (Jim Beaver) Bedenken hören: Deaths Mauer scheint ja zu halten, und Dean möchte so lange wie möglich den jungfräulichen Status Quo beibehalten. Was gibt es da Besseres als einen neuen „Job“ für die beiden Brüder?

„Like a Virgin“ ist zwar keine Episode, die den Zuschauer mit offenem Mund sitzen lässt, aber sie gewährleistet einen sehr soliden Wiedereinstieg nach der Pause. Vor allem die Entscheidung der Autoren, nicht wieder dem altbekannten Dilemma „Dean und Sam verbergen etwas vor einander“ zu verfallen, finde ich sehr gut. Bis zum Ende von „Like a Virgin“ erfährt Sam die Wahrheit, die Dean ihm zunächst vorenthält. Damit wird sehr schnell eine dramatische Fragestellung für die zweite Hälfte der Staffel etabliert, nämlich Sams Hadern mit dieser Wahrheit.
Das wiederum knüpft an die Vergangenheit der Figur an: die Frage nach Sams „böser Seite“ war durchgehendes Thema, geriet aber durch Deans Vorrücken in den Mittelpunkt (der letzten zwei Staffeln) ein wenig in den Hintergrund. Wie die Autoren diese Problematik handhaben wollen – zusammen mit der Bedrohung, dass die von Death errichtete Mauer Risse bekommen oder gar fallen könnte -, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall steht uns ein neuerlicher Balanceakt zwischen dem Melodramatischen und dem emotional Berührenden bevor: und so etwas weiß die Supernatural-Crew ja in der Regel zu meistern.

Wenden wir uns aber dem Humorvollen in dieser Episode zu: dem Element, das meines Erachtens wirklich gut gelungen ist. Deans Vorlesen aus dem Tagebuch einer Jungfrau (I think I delivered it!) bringt es tatsächlich, genauso wie seine Antwort auf Sams Frage „What thing likes virgins and gold?“ Dean: “P. Diddy?” Nicht nur ‚an sich’ sind Deans One-Liner witzig: Mit Hilfe des Slapsticks demonstriert man geschickt, wie sehr Dean die Rückkehr seines Bruders herbeigesehnt hat. Ihm fällt ein Stein vom Herzen – und gleichzeitig hat er in Like a Virgin mit einem Stein zu kämpfen.

Da in einer Gegend plötzlich Jungfrauen und goldene Gegenstände verschwinden, kommen die Brüder zu der Schlussfolgerung, dass Drachen involviert sein müssen. Der Verdacht bestätigt sich; Dean macht sich auf zu einer alten Flamme von Bobby, die allem Anschein nach das einzige Mittel besitzt, Drachen zu töten: Ein altes Schwert, das in Drachenblut geschmiedet wurde. Das Problem: Genau wie Excalibur steckt das Schwert in einem Felsbrocken. Der tapfere Ritter Dean schreitet zur Tat! Bei den Versuchen, das Schwert herauszuziehen, beweist Jensen Ackles wieder einmal sein komödiantisches Talent. Nach Schweiß treibenden Von-Hand-Aktionen, die kläglich misslingen, will Dean keine halben Sachen mehr machen und jagt den Stein in die Luft. Das Ergebnis ist… ein halbes Schwert: mehr als genug immerhin, denn die Drachen legen einen leicht enttäuschenden Auftritt hin. Kann man ein paar Typen in Lederjacken überhaupt als Drachen bezeichnen?

Irgendwie hat es der Auftritt nicht wirklich in sich und verrät sich deutlich als Mittel zum Zweck, um möglichst schnell den großen Bösewicht der zweiten Staffelhälfte einzuführen.
Hierzu bedarf es eines alten Buches aus Menschenhaut, einer Jungfrau (warum wurden eigentlich so viele gesammelt?) und der richtigen Höhle. Der Alpha-Vampir sagte damals zu Dean, dass alle Kreaturen eine Mutter hätten. Die nun holen die Drachen aus dem Purgatorium; im Körper der geopferten Jungfrau setzt sie den Fuß auf die Erde. Es bleibt spannend, den Grund für ihre Präsenz zu erfahren: Welchen mythologischen Hintergrund werden die Autoren liefern? Hat das Ganze mit dem Krieg im Himmel und Gottes Abwesenheit zu tun? Soll die Welt in den jungfräulichen Zustand zurück versetzt werden, als die Monster über sie herrschten?