Southland – Review des Piloten

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Nach 15 Jahren ER wechselt der Autor und Produzent John Wells vom Krankenhaus- und Beziehungschaos zu dem von L.A.’s Straßen. Was ein hartes Stück Arbeit voraussetzt. Ich hab oft in letzter Zeit die Abwesenheit von „echten“ Cop-Serien heutzutage bedauert und etliche Reviews über misslungene Versuche wie The Line und The Beast verfasst. Nun, endlich kann ich ruhigen Gewissens diese Serie empfehlen.

Southland erinnert zwar sehr an Boomtown, aber im Vergleich zu der in Kapiteln unterteilten (chaotischen aber geordneten) Handlung der ersten ist Southland noch unübersichtlicher und noch anstrengender zu folgen. Was aber keine negative Tatsache ist. Im Gegenteil – den Chaos auf den Straßen, den Chaos im Privatleben bzw. die Unmöglichkeit eines solchen – das nehmen wir der Serie ab. Und wenn man über eine dokumentarische Kameraarbeit in einer fiktionalen Serie reden kann, dann ist Southland definitiv ein Kandidat für die vorderen Plätze. Southland ist durch und durch was man ein Ensemble-Drama nennt, das keine Zeit verliert und in einem absolut soliden Piloten von der ersten Sekunde an sich in die chaotischen Zustände der Straßen von L.A. stürzt.

Mehrere Plots fließen in und auseinander. Die einzige Orientierung für den Zuschauer sind die jeweils an einem Plot gebundenen Figuren und die Ort und Zeit-Überschriften. Es ist der erste Tag für den frisch gebackenen Officer Ben Sherman (Benjamin McKenzie), der unter dem erfahrenen und seinem Job fast auf soziopathische Art und Weise verbundenen John Cooper (Michael Cudlitz) zugeteilt wird. Er bietet dem jungen Akademieabgänger eine Tour durch “the greatest freak show on Earth”: Alles von Verkehrsunfällen bis zum „komischen Geruch“ aus einem Haus. “You’ve got 90210 written all over your face,” – das ist Cooper’s Begrüßung, der Sherman noch am ersten Tag klar machen will, was der Job erfordert und ihm auch gleich die Entscheidung nahe legt, zu kündigen, falls er es nicht aushält.

Quer durch die Stadt begegnen wir Lydia Adams (Regina King) und Russell Clarke (Tom Everett Scott), die an einer Kindesentführung arbeiten und den Detectivs Nate Moretta (Kevin Alejandro) und Sammy Bryant (Shawn Hatosy), die eine Gangschießerei untersuchen. Jeder folgt seiner Story, bis zum teilweise bitteren Ende und Sherman bekommt Gelegenheit Cooper zu zeigen, was für einen Cop er sein könnte. Und Southland wartet keine Sekunde auf das Publikum, das es „warm“ und komfortabel mit dem Geschehen wird. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, denn es gibt nichts Komfortables im Fall einer Kindesentführung, oder dem sinnlosen Niederschießen eines Jungen von Gangmitgliedern. Der dokumentarische Stil von Southland verstärkt enorm den Effekt der teilweise extremen Bilder.

Extrem sind sie nicht deswegen, weil „alles“ gezeigt wird (was man sowieso im Networkfernsehen nicht darf), sondern weil nur Details vom grausamen Ganzen gezeigt werden, die die Kamera bei einem Schwenk oder Zoom erhascht. Den Rest erledigt unsere Vorstellungskraft. Zum Beispiel in der Szene, als Ben und Cooper der Meldung des „unangenehmen Geruchs“  nachgehen und nachdem Animal Control etliche Hunde aus dem entsprechenden Haus entfernt, finden die beiden einen Mann, der anscheinend die letzte Mahlzeit dieser Hunde war.

Die Szene ist in einem fast komplett dunklen Raum gefilmt, was uns nur einzelne Details dieser entsetzlichen Szene preisgibt. Dann erfolgt ein Schnitt auf Ben, der hinausrennt und sich übergibt. Auf dieselbe Art und Weise erfahren wir auch an der Reaktion von Lydia Adams, was für einen Anblick sich vor ihren Augen erschließt, als sie den Schrank öffnet, in dem das entführte Mädchen sich befinden soll. Diese Art der Darstellung tut mehr dafür, uns klar zu machen, was für einen Job die Polizisten machen müssen, als wenn man alles zeigen würde. Abgesehen von ein paar Abschweifungen ins Privatleben, die eine wütende Ehefrau und Lydias Mutter (wiederum nur als Voice Over) beinhalten, verbringen wir die komplette Stunde des Piloten auf der Straße. Insoweit ist Southland’s Konzept stimmig – die Serie handelt von dem Job, den die Cops verrichten.

Southland wurde von NBC als Procedural promotet (vermutlich um Zuschauer nicht weg zu jagen), aber diese Serie ist weit von Laborräumen, Profiling und CGI entfernt.

Nachdem NBC’s große Donnerstage Geschichte sind, liefern Wells & Co zum ER-Timeslot ein Drama, das einem pochenden Herzen gleicht. Ob das dem Network, das kurz vor einem Herzstillstand steht, wieder auf die Beine hilft, ist abzuwarten, aber diese Serie lohnt sich – Licht am Ende des Cop-Drama-Tunnels!

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