The truth is in our (dead) body: Die monströse Suche nach der Wahrheit zur Primetime

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n den 90ern verwandelte die Serie „The X-Files“ die Post-Vietnam-Paranoia in eine monströse Verschwörung, in die die Regierung involviert war. Die Wahrheit befand sich „da draußen“, und die Verschwörung betraf die Gesellschaft als soziales Netzwerk. Wenn man so will, ist „Fringe“ das X-Files des neuen Jahrhunderts, mit einem wesentlichen Unterschied: Hier ist die Verschwörung physisch zu spüren – und betrifft das Netzwerk des menschlichen Körpers.

Man sucht nach der Wahrheit „da drin“, im rohen Fleisch des menschlichen Körpers. So gesehen, kennzeichnet „Fringe“ eine Rückkehr zum Monströsen, zu alten Geschichten über Drachen, Werwölfe, Kraken usw., d.h. über die Transformation des Menschlichen ins Monströse. Das leitende Prinzip heißt:
Show me a human fear, and I’ll show you a monster!

Mit „Fringe“ schließt sich ein Kreis, und wir gelangen wieder zu Frankenstein: Die Menschheit hat unglaubliche Macht über das Leben erlangt und kann den Einzelnen beliebig verwandeln, von Festplatte über Sender bis zum Urtier. Hamlets Frage nach dem Sein würde jetzt heißen: Maschine oder Monster? – Freilich ist es nicht nur „Fringe“, das nach der traumatischen Wahrheit in lebendigen und toten Körpern sucht – auf und unter ihrer Oberfläche. Auf diese Suche machen sich viele Primetime-Serien, wie CSI, Terminator, Eleventh Hour, Dollhouse, Lie to Me, Nip/Tuck etc.

Die atomare Bedrohung wurde nach und nach aus der Primetime verbannt und ersetzt durch die Angst vor dem eigenen Körper – vor allem vor der Wahrheit, die er verbergen könnte.
Warum sollten wir solche Angst vor dem eigenen Körper haben? Die Wissenschaft ist dabei zu lernen, wie das Leben auf dem mikroskopischsten Niveau funktioniert. Gibt uns dieses Wissen nun Macht – oder entmachtet es uns? Ein Gentest könnte uns zeigen, dass wir zu einer Krankheit neigen, für die es kein Heilmittel gibt. Oder man kann Fisch-DNA in eine Tomate packen. Alles könnte in etwas Anderes transformiert werden! Eine entsetzliche und gleichzeitig faszinierende Vorstellung – Geheimnisse zu lüften, zu hören, was der Körper (tot oder lebendig) für eine Geschichte, für eine Wahrheit zu erzählen hat.

Diese Serien inszenieren nicht nur die offene Wunde, das blutende Fleisch und die halb verwesten Organe, deren Madenbefallstadium auf den Todeszeitpunkt verweist, sondern auch unseren Blick darauf. Müssten wir, das Publikum, nicht geschüttelt von Graus und Ekel abschalten? Wir tun es nicht. Wir müssen mitmachen, unser Blick ist neugierig auf der Suche nach sich selbst – und sei es in einer blau schimmernden Schusswunde. Die Serien spekulieren auf die menschliche Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen, um ein Rätsel zu lösen, die Wahrheit zu erfahren.

Man erschafft einen Raum, eine glitzernde Oberfläche, die diesen suchenden Blick umgarnt, ihn durch ein audiovisuelles Spektakel ohnmächtig macht, so dass er sich dem Gezeigten nicht mehr entziehen kann und sich Woche für Woche entlang einer Linie führen lässt: von „Body of Evidence“ (die erzählten Geschichten) durch „Body of Spectacle“ (der audiovisuelle Raum) zu „Body of Truth“ (das Versprechen). Darin liegen die Wurzeln des Erfolgs dieser Formate.

Es wird gesucht nach der Wahrheit über das Humane, über die Menschlichkeit. Man bedarf manchmal des Todes (wie bei CSI), um zu den gewünschten Informationen Zugang zu bekommen – zu ihnen und zu der Position des objektiven Beobachters.

Ein Spektakel über die Suche des menschlichen Blicks nach der Wahrheit – nach der Wahrheit über sich selbst. Diese Wahrheit bleibt freilich ein Rätsel, das zusammengepuzzelt werden muss und will. Sie entzieht sich einem endgültigen Abschluss; man muss immer von vorne anfangen, denn es bleibt ein blinder Fleck, der den Blick stört und diesen Abschluss verweigert – die menschliche Fehlerhaftigkeit, der menschliche Makel.

Dieses Thema inszeniert man immer wieder – das unmögliche Begehren nach der Überwindung dieses Makels.

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