Supernatural: 99 Problems (5×17)

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If you’re havin’ (girl) problems i feel bad for you son. I got 99 problems but a bitch ain’t one (Jay-Z): Als ich den Episodentitel sah, war das die erste Zeile, die in meinem Kopf erschien. Ob die Supernatural-Autoren den Titel unter anderem als Pop-Kultur-Referenz gewählt haben, sei dahingestellt. Den Preis für originelle Episodentitel habe ich zwar schon an Breaking Bad vergeben, aber auch Supernatural hätte einen verdient. Jay-Z-Zitat oder nicht: 99 Problems, die neunundneunzigste Supernatural-Episode (und wenn man den Computerbildschirm umdreht, wird aus der 99 eine 66…), handelt von Problemen mit einer Frau – nicht mit irgendeiner, sondern mit der Hure von Babylon (The Whore of Babylon)!

Gute Entscheidung der Autoren, sich nicht nur auf den vier Reitern der Apokalypse auszuruhen, sondern auch andere Geschöpfe hinzuziehen, um so den tragischen Zustand der Supernatural-Welt zu besingen. Denn die hat deutlich mehr als nur 99 Probleme: Jede Hoffnung scheint verloren, was vor allem dank der brillanten darstellerischen Leistung von Jensen Ackles (Dean) und Misha Collins (Castiel) in dieser Episode sehr stimmungsvoll zum Tragen kommt. Hoffnungslos: so agieren die beiden – und es ist schön, wenn auch traurig, sie so agieren zu sehen, denn dadurch erreicht Supernatural endlich den Punkt, an dem der Einfluss des Gemütszustandes auf die Handlungen der Figuren die Oberhand gewinnt.

Oft reden die Brüder zwar über die verlorene Hoffnung, über die Müdigkeit, die das ständig-an-vorderster-Front –Stehen mit sich bringt – aber dennoch machen sie immer weiter. 99 Problems stellt die Frage: Gibt es tatsächlich (immer noch eine) Hoffnung? Umso passender der Auftritt der Hure von Babylon in Gestalt der Tochter eines Priesters, die sich als Prophet des Himmels inszeniert und der kompletten Bevölkerung einer Kleinstadt tödliche Hoffnung einflüstert. Kleinstadt: warum immer Kleinstädte? Habt ihr euch auch schon gefragt, warum der Kampf zwischen Gut und Böse immer in Kleinstädten stattfindet? Auf der einen Seite handelt es sich um eine lange audiovisuelle Horror-Tradition, die freilich auch literarische Höhepunkte verzeichnet – ein gutes Beispiel sind die Bücher von Stephen King.

Das Böse fängt immer klein an! Auf der anderen Seite kann man die Apokalypse budget-technisch nicht in New York inszenieren. Meiner Meinung nach eignen sich die kleinen Ortschaften und die Menschen darin hervorragend für das Hervorrufen dieses apokalyptischen Supernatural-Gefühls. Denn Supernatural schildert die Apokalypse nicht als ein Meer aus Flammen, sondern als eine Verkettung von persönlichen Einzeltragödien, als Lebensflammen, die zu erlöschen drohen. Genau das ist die Apokalypse, die Sam und Dean zu schaffen macht, die sie nicht mehr ertragen können. Wie die furiose Sequenz im Dämonennest zeigt – ich mag Action! -, können sie den Kampf jederzeit führen und gewinnen, aber wie sollen sie zum Beispiel Rob und Jane  helfen?

Deren Sohn wird in Sams und Deans Anwesenheit von den Dämonen getötet, nachdem er davor Deans Leben gerettet hatte. Deans Gesicht, als er “No.” über dem toten Körper sagt, ist so voller herzzerreißender Resignation und Schuld, dass es nachvollziehbar gewesen wäre, hätte er als Nächstes „Yes!“ zu Michael gesagt. Hier liegt die Stärke von Supernatural: die Entscheidungen des Einzelnen plausibel erscheinen zu lassen. Aus diesem Grund schien mir 99 Problems eine Episode zum richtigen Zeitpunkt zu sein, denn darin wurde genau das deutlich: Leah (im Besitz von der Hure von Babylon) nutzt den Horror des alltäglichen Lebens einer Kleinstadt, um den Bewohnern ein Versprechen zu machen, Hoffnung zu geben, ihre Wünsche, um jeden Preis in den Himmel zu kommen, durchaus erreichbar erscheinen zu lassen.

Dafür sind sie bereit, verständlicherweise, den Preis zu bezahlen. Was bliebe ihnen sonst übrig, wenn sie den Glauben an sich verloren haben? Trinken! Das wäre die passende Antwort. Mindestens für Cas (Misha Collins), der zum Glück seinen Anrufbeantworter abhört und den Brüdern im Kampf gegen The Whore of Babylon zu Hilfe eilt. Na ja, gewissermaßen … Castiels betrunkener Auftritt – I found a liquor store. And I drank it. – sorgt nicht nur für Comedy-Momente (awesome seine „Unterhaltung“ mit dem Anrufbeantworter: Why do you want me to say my name?), sondern fügt sich perfekt ins Thema der Episode. Cas ist tatsächlich ein „gefallener“ Engel, ein verlorener Sohn. Genau wie Dean.

Aber Wunder geschehen immer wieder und Dean erledigt die Hure von Babylon, obwohl das eigentlich nur ein Gottesknecht tun kann! Hier stellt sich die Frage: Ist Dean einer? Oder hat er als Michaels Gefäß einfach besonderen Status? Vielleicht will man uns damit sagen, dass Dean den Glauben noch nicht komplett verloren hat? Wie soll man die letzte, großartig von Ackles gespielte, Szene deuten, als er sich von Lisa verabschiedet? Will er doch „Yes“ zu Michael sagen, um überhaupt noch jemanden retten zu können, trotz Verlust des Glaubens? Die Glaubensfrage inszeniert Supernatural nicht so sehr als theologische Disposition, sondern als Dis-Position (Verschiebung, Verschoben-Sein) des Selbst: als Verlust des Glaubens an sich selbst, als Entfernung des Subjekts von sich selbst. 99 Probleme eben…

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