Supernatural: The Man Who Would Be King (6×20)

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Who’s the king, who’s the king, who… So lautet der Refrain von Dog Eat Dogs gleichnamigem Song, und so lautet die Frage, der Supernatural in den letzten Seasons nachgeht. Der Kampf zwischen Gut und Böse aber verwandelte sich mit zunehmender Dauer in eine Grauzone – und für die Kontrahenten zu einer Frage der Kompromisse, die sie bereit sind zu einzugehen.
The Man Who Would Be King erzählt vom Kampf mit den und gegen die Konsequenzen dieser Kompromisse. Freund und Feind, Vertrauen und Verrat: dazwischen spannt sich nur ein dünnes Seil, und das eigentliche Thema der Episode liegt in den Schwierigkeiten, auf ihm zu balancieren. Ausgerechnet ein gefallener Engel versucht den Seiltanz zu vollbringen und berichtet uns in dieser Episode von dessen unmöglichem Gelingen.

Mit The Man Who Would Be King beweist die CW-Serie, dass sie immer noch angenehme Überraschungen parat hält – abseits ihrer zwischenzeitlichen Schwankungen und Schwächen, die übrigens die meisten Serien in einem solchen „Alter“ befallen. Mit Überraschungen meine ich nicht nur besondere Enthüllungen oder unerwartete Wendungen wie in der letzten Episode, sondern die Art, wie das schon Erzählte vertieft wird und dadurch emotionale Wucht bekommt. Dass Castiel (Misha Collins) und Crowley (Mark Sheppard) zusammen arbeiten und die Herrschaft im Himmel und Hölle anstreben, wussten wir ja schon – und dass Cas seine Freunde belügen muss, ebenfalls. Aber nun wird in die Tiefe gefragt: Musste er das wirklich? Hatte er wirklich keine andere Wahl? Oder stand ihm nicht doch sein Stolz im Wege, geknüpft an ein neues, verführerisches Machtempfinden? Ist Castiel durch Deans Lektionen über Freiheit und freie Wahl in eine moralisch prekäre Lage geraten?

The Man Who Would Be King eröffnet mit einem an sich und der Situation verzweifelnden Castiel: mit dem Mann, der König werden wollte, aber einen himmelhohen Preis dafür entrichten muss. Man kann den Supernatural-Autoren gratulieren: Sehr gelungen, diese Ben Edlund-Episode so zu konstruieren – nachdem letzte Woche Mommy Dearest die Fans in Angst und Schrecken darüber versetzt hatte, dass Cas „ein Böser“ geworden sein könnte. Nun also sitzt Castiel auf einer Bank, umgeben von dem schmelzenden Schnee der eigenen Erinnerungen und des eigenen Bewusstseins für Entscheidungen, die er traf.

Niemand sonst ist im Bild zu sehen. Die Kamera zeigt Cas im Close-Up, wir hören sein Voice Over, und vor unseren Augen entfaltet er Bilder aus seinen Erinnerungen an eine ewige Existenz im Laufe der menschlichen Geschichte. Dann aber spricht er direkt in die Kamera, zu uns Zuschauern: Let me tell you my story. Let me tell you everything.
Endlich darf Misha Collins aus dem Vollen seiner schauspielerischen Fähigkeiten schöpfen. Diese Episode gehört eindeutig ihm, ihm und Mark Sheppard als King of Hell Crowley, seinem alter ego. Castiels Geschichte ist eine Tragödie, wie er selbst sagt. Er verhält sich loyal zu Gott (auch in dessen Abwesenheit), hat unter den Sterblichen Freunde gefunden, kämpft für das Gute – und findet sich plötzlich auf der falschen Seite wieder. Cas’ Geschichte enthält aber mehr als eine Flucht in Selbstmitleid: Sie reflektiert die Tücken der Freiheit und das Zweifeln an den eigenen Entscheidungen. Als Cas nach seiner Auferstehung ins Paradies zurückkehrte, versuchte er Rachel und den anderen Engeln vergeblich zu erklären, dass sie frei seien zu tun, was sie wollen. Inzwischen weiß er: Freedom is a length of rope. God wants you to hang yourself with it. Explaining freedom to angels is like teaching poetry to fish.

Freiheit will gelernt sein. Cas’ anfängliche Begeisterung vom The Winchester Way, sein Stolz und sein Glaube daran, Gottes Liebling zu sein, auserwählt, um alles zu verändern, führen ihn auf einen trügerischen Pfad. Als Raphael das Kommando übernahm und die Apokalypse wieder starten wollte, rebellierte Castiel, aber es fehlte ihm an Macht. An diesem Punkt kann man übrigens, wie ich finde, einen Vergleich zwischen Castiel und Sam (Jared Padalecki) ziehen; Deans Anmerkung später in der Episode, dass Cas wie ein Bruder für ihn sei, unterstützt eine solche Parallele. Auch Sam wollte schon einmal das Richtige tun, aber mit den falschen Mitteln, so dass er seine Freunde und seinen Bruder belügen musste. Dasselbe geschieht Cas, und von der anderen Seite widerfährt es Dean zum zweiten Mal: nun durch seinen großen Wahl-Bruder.

Cas’ Liebe zu seinen Freunden zusammen mit seiner Hybris, wir er selbst es nennt, und seinem Stolz haben ihn… in die Hölle des Menschseins getrieben, die tatsächlich die des tragischen Helden aus der griechischen Tragödie ist: mit guten Vorsätzen die falsche Wahl zu treffen, weil es keine richtige gibt – anders formuliert: auch mit den besten Absichten der Schuld nicht ausweichen zu können. The devil you know! Castiel wollte Dean aus der Geschichte heraushalten – und sah sich stattdessen gezwungen, einen Deal mit dem neuen Teufel einzugehen.
Übrigens: Die neue Hölle ist tatsächlich schrecklich – Warteschlange, Nummer ziehen, Wiener Walzer im Hintergrund. Der Alltag als Hölle und die Hölle als Alltag. Das schwarz-weiße Porträt an der Wand mit Crowley im Hitler-Style und Dreizack-Binde am Arm – awesome. Genauso eindrucksvoll, Bobbys Gegenstück auf der Dämonenseite zu zeigen und ihn Ellsworth zu nennen – so hieß die von Jim Beaver gespielte Figur in Deadwood. Diese Episode aber hält die humorvollen Momente geschickt auf einem Minimum, so dass die Balance gewahrt bleibt.

Crowley wiederum (hört er tatsächlich Me and Mrs. Jones in seinem Folter-Autopsieraum?!) verliert definitiv die Balance, da er Castiels Zweifel sieht und sich Sorgen um sich selbst macht. Im Vergleich zu früheren Bösewichtern unterschätzt er die Winchesters kein bisschen. Cas aber tut es und findet sich plötzlich in einem Kreis aus Feuer wieder, von Bobby, Sam und Dean mit den Entscheidungen konfrontiert, die er traf – und mit der Tatsache, das Vertrauen seiner Freunde verspielt zu haben. So gibt er auch noch zu, Sams Auferstehung vollzogen zu haben, von der sein Voice Over uns Zuschauern schon vorher erzählt hat: Mit der zusätzlich gewonnenen Macht und Zuversicht holte er Sam und merkte zum ersten Mal, wie verräterisch frei getroffene Entscheidungen sein können, so dass man auf die falsche Seite der moralischen Do-not-cross-Linie gerät. Dean fleht Cas an, alles zu stoppen, aber Cas ist dazu außerstande…

Am Ende der Episode sehen wir Castiel wieder auf der Bank sitzen. Er spricht erneut in Richtung Kamera; dann zieht sich diese aus der Close-Up-Einstellung zurück und lässt somit Raum für Castiels Verzweiflung, für seine Ratlosigkeit. Cas fleht Gott an, ihm ein Zeichen zu geben, aber der Allmächtige antwortet nicht. Oder hat er ihm längst ein Zeichen gegeben, das Castiel übersehen hat? Ist die ganze Zeit über Dean das göttliche Zeichen gewesen? Denn nicht nur sieht sich Castiel als Deans guardian angel – Dean ist zugleich Castiels guiding angel der Menschlichkeit.

Wie dem auch sei: Da uns dieses kleine Cas-Kammerspiel für seine Dauer in Gottes Position versetzt, dürfen wir getrost Misha Collins und dieser Episode ein Zeichen geben, nämlich den hoch erhobenen Daumen.

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