Homeland: I’ll fly away (2×08)

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Ein kleines Kind hat keine Kontrolle über sein Leben. Wann es ist, wann es schläft und generell der ganze Tagesablauf werden von anderen bestimmt. Das Erwachsensein ist mit dem Übernehmen der Kontrolle über das eigene Leben verbunden. Ob man tatsächlich diese hat oder nicht ist im Prinzip irrelevant, denn die Illusion die Kontrolle zu haben reicht, wenn man sie aufrechterhalten kann. Was passiert aber im Falle einer Geiselnahme? Man wird zurück in das Kleinkind-Stadium versetzt. Die Kontrolle geht verloren und wieder sagen einem andere, wann man zu essen und zu schlafen hat. Das eigene Überleben liegt ganz in den Händen anderer.

Aus diesem Grund ist es laut Spezialisten keine Seltenheit, dass die Geisel, wenn sie frei kommt, ein ganz anderer Mensch ist. Es ist so, als würde der Geiselnehmer sein Opfer wie ein kleines Kind erziehen und den Charakter formen. Abu Nazir verbrachte acht Jahre, in welchen er Nicholas Brody zerbrach und wieder neu zusammenstellte. Er gab ihm dann die Freiheit und stellte mit Hilfe der Mission für Brody die Illusion von Kontrolle wieder her. Dann kam Carrie und “brach” Brody erneut. Auch visuell wird das thematisiert und hervorgehoben. In den Flashbacks sehen wir immer Abu Nazir über Brody gebeugt, genauso wie Carrie bei dem Verhör oder in den intimen Momenten zwischen den beiden.

Die Frage ist: Kann sie ihn wieder “ganz” machen? Als einen anderen oder als den “alten” Brody? Natürlich sind wir von serialisierten Erzählungen daran gewöhnt, eine Art Kontrolle über die Geschichte zu empfinden, zu ahnen, wohin sie sich bewegt. Was Homeland geschickt macht, ist diese Kontrolle hin und wieder zu entziehen. Enthüllungen anzubieten, wo man sie nicht erwartet (wie gleich zum Anfang der zweiten Staffel) oder aber keine zu haben, wenn der Zuschauer welche erwartet. Ein solches Vorgehen ist gefährlich und viele Zuschauer kritisieren die zweite Staffelhälfte genau deswegen und wegen ihrer angeblichen Gradlinigkeit. Aber die Gerade ist bei Homeland gebogen, gebrochen, sowie es Carrie und Brody sind.

Gefangen sein inmitten der Freiheit. Homeland erzählt über die Feststellung, wie wenig Kontrolle man trotz Erwachsensein über das eigene Leben hat. Das gilt nicht nur für Brody, der angesichts Abu Nazirs Ankunft und der erneut entflammten Beziehung mit Carrie (und dadurch mit der CIA) buchstäblich emotional zerrissen wird.
Es ist nicht nur die Verschiebung von Identitäten oder der Identitätsverlust, die hier thematisiert werden. Die Frage lautet nicht “Wer bin ich?” sondern “Ist mein Tun mein eigenes?”

Viele haben den Dana-Plot kritisiert, aber anhand dieser Entwicklung macht auf grausame Art und Weise Homeland sein Statement! Als Dana zu der Tochter der überfahrenen Frau geht, erfährt sie, dass die Waldens deren Schweigen schon gekauft haben. Dana ist im Grunde der Moralkompass der Serie, aber ihre Illusionen werden zerstört, als sie vorgeführt bekommt, wie diese Welt funktioniert. Wenn andere die Kontrolle haben, können die eigenen Handlungen noch so sehr reiner Motivation entsprungen sein und trotzdem zu dem “falschen” oder gar kein Ergebnis führen.

Danas Zusammenbruch zeugt nicht nur von dem Verlust der Illusionen, sondern auch von der Erkenntnis, dass ein Mensch eine Geisel sein kann auch wenn sie oder er frei herumlaufen dürfen. Die Kontrolle liegt im Anderen und meistens die Menschen, die die Kontrolle haben, machen das Leben anderer miserabel…

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