Supernatural: Death’s Door (7×10)

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Ein so genannter CSI-Shot von Bobbys Kopfwunde. Die Kamera fährt zurück, aus der Wunde heraus, um uns Zuschauern einen Überblick über die traumatische Szene zu verschaffen. Bobby liegt im Sterben, während Dean und Sam zum nächsten Krankenhaus rasen, beide völlig außer sich vor Verzweiflung und Angst: Verlustangst. Dann fährt die Kamera wieder hinein in die Wunde, in Bobbys Kopf, in Bobbys Leben, in Bobbys Erinnerungen… und damit in Supernaturals Erzählung über Söhne und Väter, über Freundschaften und große persönliche Verluste. Wir haben schon des Öfteren darüber diskutiert, wie sehr Supernaturals Welt unter dem schnellen Beseitigen von Nebenfiguren leidet.

Über diesen drohenden Verlust jedoch reflektiert die Serie: über sich selbst, über die Trauer verpasster Möglichkeiten und gleichzeitig über den freien Willen, der zum Schicksal wird. Zu Supernaturals zentralen Themen gehörte immer schon die Opposition Freier Wille vs. Schicksal, aber anhand Bobbys Figur und mit Hilfe dieser Episode verschiebt die CW-Serie den Blickwinkel. Schicksal bedeutet hier die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, zu wählen, ob und durch welche Tür man gehen soll. Man könnte entgegnen, dass es doch letztendlich nur eine richtige gebe – dass es einfach der Zwang des Schicksals sei, durch diese eine Tür gehen zu müssen. Aber wer konstruiert diesen Zwang, wenn nicht man selbst? Die Reise durch Raum und Zeit in Bobbys Erinnerungen macht genau diese Tatsache klar: dass man selbst die Tür erzeugt, dass hinter dem Schicksal die Verkettung von Ursache und Wirkung eigener Entscheidungen steht.

Death’s Door öffnet die Tür und schließt damit eine Lücke. Es geht um Bobbys Vergangenheit, um seine Gefühle, die stets dem Hauch eines vorbeihuschenden Geistes glichen; das komplette Bild bekamen wir nie zu sehen. Die Kamerabewegung in die Wunde hinein bietet uns Zuschauern, metaphorisch gesehen, die entgegen gesetzte Bewegung an und damit die Möglichkeit des Schritts zurück, um das komplette Bild vors Auge zu bekommen: um zu erfahren, wie lange Bobbys Wunde schon blutet. Ein Wunder, dass Bobby nicht längst schon blutleer ist… Nun – das Einzige, was dieses emotionale Ausbluten verhindert hat, ist eine Beziehung, die Bobby selbst um jeden Preis verhindern wollte: die Beziehung zwischen einem Vater und seinen Söhnen. Während Bobby im Koma liegt, springt die Erzählung zwischen Sams und Deans Verzweiflung und unserer Reise in Bobbys noch lebendige Erinnerungen hin und her.

Diese Reise soll einen Schlusspunkt in Bobbys Tod finden, denn der Reaper ist schon da und versucht Bobby klar zu machen, dass sein Weg hier ende, enden müsse, dass er genug getan habe und dass Sam und Dean ohne ihn zurechtkommen würden. Aber Bobby weigert sich zu gehen, auch wenn die Erinnerungen durch die in seinem Kopf steckende Kugel nach und nach ausgelöscht werden. Die Kugel tötet Gehirnzellen, Träger der Erinnerungen eines Lebens voller Traumata. Eigentlich ist es ein Kindheitstrauma, das allem zugrunde liegt. Visuell wird Bobbys Reise in die Tiefe dieser Erinnerung von Aufnahmen unterstützt, die genauso „tief“ wirken; ihr Fluchtpunkt ist jene letzte Tür, die Bobby nicht öffnen will. Doch er unternimmt die Reise nicht allein. Sein ehemaliger Partner Rufus begleitet ihn: als Ratgeber, als Freund, als Teil von Bobbys Patchworkfamilie. Nicht nur ist es gut für uns Zuschauer, Rufus wieder zu sehen und den Austausch zwischen den beiden Huntern zu genießen, sondern es wird uns ein Kontrast vor Augen geführt. Wir sehen, wie sehr sich Dean und Sam verändert haben.

Angesichts der Aufnahmen von dem fröhlichen Bruderstreit (Jet Li vs. Chuck Norris – Dean, du hast Unrecht!) spürt man beinahe den väterlichen Schmerz, den Bobby für die beiden empfindet, wenn man an die müden, verbitterten Gesichter der gegenwärtigen Winchesters denkt. Diese Veränderung ist Bobbys Grund dafür, nicht zu gehen, die beiden nicht allein lassen zu wollen: Zwar scheint sich Bobby in Erinnerungen zu verlieren, doch es sind Sam und Dean, die verloren sind. Am Ende sehen wir schließlich das traumatische Ereignis, das Bobbys Leben geprägt hat: Mit der Schrotflinte tötete er noch als Junge den eigenen Vater, der Bobby und seine Mutter misshandelte. Der Kopfschuss traf den Vater an der gleichen Stelle, wo nun Bobby die Kugel getroffen hat: eine symbolische Wunde, die mit dem Öffnen dieser letzten Tür geschlossen wird. God will punish you for what you did, sagt die Mutter zu Jung-Bobby, anstatt sich für die Rettung zu bedanken.

Dadurch hat Bobby früh gelernt, keinen Dank in seinem Leben zu erwarten… und wie es sich in dieser Welt mit Gott verhält, wissen wir: Er ist nicht mehr da, um zu belohnen und zu strafen. Er hat sich selbst bestraft (oder belohnt?): mit Abwesenheit. Bobby wacht schließlich kurz auf, um Sam und Dean die Ziffern zu übermitteln, die anscheinend wichtig sind für den Kampf gegen Dick Romans Truppe. Aber die Kugel in Bobbys Kopf schließt langsam die Lücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und alles droht zu verschwinden, sich in Nichts zu verwandeln. Stay or go?, lautet die Frage des Reapers am Ende – und sie bleibt vorerst unbeantwortet von Bobby, indem der Bildschirm schwarz wird. Wir werden bis zum nächsten Jahr warten müssen! Supernatural verabschiedet sich mit der in meinen Augen besten Episode der siebten Staffel – und falls Bobby wirklich stirbt: bereitet sich die Serie damit auf das letzte Kapitel vor, in dem Sam und Dean vollkommen auf sich gestellt sein werden bei ihrem Versuch, diese Welt zu retten?

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