Supernatural: Meet the New Boss (7×01)

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Das Supernatural-Universum verharrte einen ganzen Sommer lang im Stillstand, doch nun bot sich unseren Augen erneut die Szene: Castiel verlangt von seinen ehemaligen Freunden, niederzuknien und dem selbst ernannten neuen Gottvater ihre Liebe zu schwören. Genau an diesem Höhepunkt setzt die Handlung wieder ein. Bobby kniet als erster; die Winchester-Brüder sind im Begriff, es ihm nachzutun, als der neue Gott einsieht, dass erzwungene Liebesbekenntnisse nichts nützen…

Dass eine Genre-Serie wie Supernatural schon den siebten Staffelauftakt feiert, ist definitiv ein Liebesbekenntnis seitens der Zuschauer. Ob dieses erzwungen ist, ob Supernatural seit der fünften Staffel „künstlich beatmet“ wird? Hier scheiden sich die Geister. Viele Fans und Kritiker bangten um Supernatural, als die Serie trotz Ausstieg des Schöpfers Eric Kripke nach der fünften Staffel doch fortgesetzt wurde. Und die sechste Staffel glich tatsächlich einem Weg voller Staus. Doch man lavierte sich hindurch, um mit Castiels Fall am Ende Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Ob die CW-Serie das Tempo und die dadurch entstandene Spannung in der siebten Staffel weiterführen kann? Meet the New Boss lässt es uns definitiv hoffen.

Mit zwei Szenen möchte ich die Besprechung der Episode anfangen, denn ich sehe sie als metaphorische Beschreibung sowohl des Serienverlaufs insgesamt als auch der Ereignisse innerhalb der Episode selbst. In diesen beiden Szenen vollführt die Kamera Drehbewegungen: einmal im Kreis um Castiel herum, als er die rebellischen Engel im Himmel in den Tod schickt, und einmal auf der vertikalen Achse, als Dean am Impala arbeitet. Beide Szenen bieten einfach einen Augenschmaus, sind schön anzusehen; aber darüber hinaus bieten die Drehachsen Angelpunkte für den gesamten Verlauf.

Interessanterweise liegen die Szenen dicht beieinander, genauso wie Castiel und Dean einander nahe standen. Jetzt aber hat sich alles gewendet, gedreht. Oben und unten sind nicht mehr dort, wo sie zu sein pflegten. Eigentlich nichts Neues bei Supernatural – und damit berühren wir einen kritischen Punkt der Serie: Ja, sie spielt immer wieder ähnliche Szenarien durch, in welchen die Winchester-Brüder einer überwältigenden Bedrohung gegenüber stehen und große Opfer bringen müssen, um diese abzuwenden; die Spannung im persönlichen Bereich speist sich dabei aus dem Nicht-Ausgesprochenen zwischen Sam (Jared Padalecki) und Dean (Jensen Ackles). So auch hier: Sam leidet an schrecklichen Halluzinationen von seinem Aufenthalt in der Hölle, versichert Dean und Bobby jedoch, dass alles in Ordnung sei. Doch wenn es heißt, Gott stecke im Detail, dann heißt es in Supernatural: Der Genuss, den man als Zuschauer an der Serie empfindet, verbirgt sich in den Details der Ausführung – im Variieren des vertrauten Strickmusters und im Zusammenspiel der Darsteller.

In dieser Hinsicht ist Meet the New Boss ist eine gute Episode, vor allem dank Misha Collins und seinen drei Verwandlungen. Die Heilige Dreifaltigkeit? Kann man ironischerweise so sagen! Er ist sowohl der einfühlsame, gutmütige Castiel, der zornige und strafende Gott und das Biest, das fern jedem Menschlichen seinen Ziel und Zweck im Wahn der Vernichtung findet. Alles wirkt wie ein Rad, das sich dreht und dreht und keine Glücksspalte findet.

In den letzten zwei Staffeln wurde demonstriert, dass Gottes Verzicht auf seine Schöpfung seinen Grund hatte. Castiel muss nun am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, in einem philosophischen Teufelskreis gefangen zu sein – vor allem als jemand, der im Umgang mit Grauzonen nicht geübt ist. Was ereignet sich, wenn man die Macht besitzt, Anderen den eigenen Maßstab von Gut und Böse aufzuzwingen? Ein Blutbad, lautet die Antwort! Deren veranstaltet Castiel einige, wie im Himmel, so auf Erden. Sein erstes Ziel: die falschen Propheten. Übrigens, da wir bei Propheten sind: Wo ist eigentlich Chuck abgeblieben, der „wahre“ Prophet? War er, wie oft von den Fans spekuliert, doch mehr als ‚nur’ ein Prophet?

The God in the trenchcoat: Castiels Regenmantel ist sein Markenzeichen, aber dann auch das Einzige, was den in ihm tobenden Kampf verdeckt. Denn Castiel ist nicht allein. Die Stimmen in ihm werden immer lauter, und wie im Film Alien versucht etwas aus seinem Inneren auszubrechen. Dieses Etwas ist einer der Leviathane, jener Seeungeheuer aus der christlich-jüdischen Mythologie, welche Gott erschuf und später selbst vernichtete. In Supernaturals Mythologie schuf Gott das Purgatorium, um diese Ungeheuer zu verbannen.
Das alles erfahren die Winchester-Brüder, als sie sich zu einem verzweifelten Schritt entschließen, um dem neuen Gott Einhalt zu gebieten. Mit Crowleys Hilfe rufen sie Death herbei und legen ihm die Kette an, die ihn ihre Wünsche zu erfüllen zwingt. Zum Trost besorgt ihm Dean Fast Food… Zuerst aber wird Crowley in seinem Wohnwagenversteck von Castiel selbst aufgesucht und muss einen neuen Deal eingehen, der ihn wieder zum König der Hölle macht – aber unter Auflagen. Crowley (Mark Sheppard) wird derzeit wie ein Ping-Pong-Ball hin und her geschleudert. Ich schätze, lange wird er das nicht mit sich machen lassen!

Auch Death lässt nicht alles mit sich machen. Die Szene zwischen Death und Cas-Gott ist die beste der gesamten Episode. Die eindrucksvolle verbale Auseinandersetzung lässt Bobby, Dean und Sam im Hintergrund immer kleiner werden. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zuzuschauen. Death spricht darüber, dass er Gott kenne und Castiel nicht Gott sei. Der neue Boss erkennt das nach und nach selbst: Eine dritte Partei ergreift zunehmend Besitz von ihm. Aber ist das nicht der Wahnsinn, der mit der Macht einher geht? Die Welt verdreht sich vor Cas’ Augen. Aber ist es die Welt oder er selbst, was sich dreht?

Dieselbe Frage gilt auch Sams Zustand und seinen Halluzinationen. In ihnen erscheint schließlich Luzifer (Mark Pellegrino) selbst und erklärt ihm, dass er den Käfig nie verlassen habe und die scheinbare Befreiung Teil der Teufelsfolter sei… Welche Realität ist realer? An welcher Stelle wird das Rad stoppen, das in Gang gesetzt wurde und sich unaufhörlich dreht?
Bei Castiel heißt die Station: Leviathan. Die Episode endet mit einem zutiefst beunruhigenden, schiefen Grinsen auf seinem Gesicht, einer Grimasse des Realen, dem entstellten Bild, das unter der Oberfläche lauert! Willkommen zurück, Supernatural: zwischen Genie und Wahnsinn…

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