Category Archives: Breaking Bad

Breaking Bad: Cornered (4×06)

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Während die ersten Sekunden dieser Episode laufen, glaubt man, die falsche eingeschaltet zu haben. Denn der Anfang von Cornered ist absolut identisch mit dem von Bullet Points! Kalte blaue Qualmfäden schweben von links in den schwarzen Bildschirm hinein. Ist es wieder Mike, der im Truck sitzt? Doch nein, diesmal sitzen zwei andere Männer dort – mit Maschinengewehren in der Hand. Als der Truck gestoppt und überfallen wird, leistet sich Breaking Bad einen typischen, schwarz-metaphorischen Scherz.

Der Unterschied zum Teaser von Bullet Points liegt in der Sinneswahrnehmung. Ging es dort ums Sehen – um Licht, Farbkontraste, Innen und Außen, um eine Grenze, die jederzeit von Kugeln durchsiebt werden kann –, so geht es hier, in Cornered, um Luft, ums Atmen, darum, ausweglos in einem Raum eingeschlossen zu sein. Die Kartell-Leute leiten die Abgase des Trucks direkt in den Laderaum. Gus’ zwei Männer ersticken qualvoll, nachdem sie vergeblich die Wände durchsiebt und nach Luft geschnappt haben.

Auch Walter White (Bryan Cranston) befindet sich in einem solchen Raum, in eine Ecke gedrängt, sowohl in seinem Kopf als auch in jedem seiner Lebensbereiche. Und zwar ironischerweise genau deswegen, weil er taub und blind ist: dafür, was wirklich draußen passiert, was andere zu ihm sagen. „I am not in danger. I am the danger!“ sagt er zu Skyler (Anna Gunn), als sie ihn mit seinem Auftritt bei Hank und Marie konfrontiert, ihren Ängsten freien Lauf lässt und korrekte Mutmaßungen wegen Gale anstellt. „Who are you talking to right now? Who is it that you think you see?“ schreit er. Gute Frage, Walter.

An diesem Punkt nimmt Walter genau die Position ein, die er so lange um jeden Preis geleugnet hat. „I am the one who knocks!“ Jetzt, in die Ecke getrieben, sieht er in Heisenbergs Identität die einzige Möglichkeit, Luft zu holen. Auch in der Szene mit Bogdan im Car Wash setzt sich Walter gegen Bodgans Versuche zur Wehr, ihn immer wieder zu erniedrigen.

Skyler wiederum flieht. Die wieder einmal brillanten Wüstenbilder zeigen sie in einer rührenden Szene mit Holly am Four-Corners-Monument, wo sie eine Münze wirft, um sich für eine Richtung zu entscheiden. Aber obwohl die Münze zweimal auf Colorado fällt, kehrt Skyler schließlich nach Hause zurück. Nur um festzustellen, dass Walter Junior einen roten 2011 Dodge Charger von seinem Vater bekommen hat. War es nicht auch ein Charger, in dessen Kofferraum die Cousins eine glänzende Axt zu hüten pflegten? „I just worry that he’ll blame you for this“, sagt Walter zu Skyler und macht denselben Fehler immer und immer wieder. Er schwenkt zu den so genannten Half Measures um, gefangen zwischen Walter White und Heisenberg. Entweder Boss sein oder nicht! Kein Dazwischen!

Sowohl Bogdans Rede über das Boss-Sein als auch das Abendessen mit Gus in der letzten Staffel zeigen Walter, was es hieße, dieser Boss zu sein: Dinge auf sich nehmen zu können, dazu zu stehen, Fehler nicht zu wiederholen und sich in die Köpfe anderer versetzen zu können. „You tell Gus to blame me, not them“, sagt Walter im Labor zu Tyrus, als dieser die drei Frauen aus der Wäscherei wegführt – Walter hatte ihnen Geld gegeben, um für ihn das Labor zu putzen. „He does“, antwortet Tyrus.

Zu sehr im eigenen Kopf gefangen, um sich in die Köpfe anderer zu versetzen: das ist und bleibt Walters Problem. Wie er Jesse mitteilt, erkennt er durchaus, was sich hinter Jesses neuem Job versteckt. Er kann aber seinerseits auf Gus’ Setups und Schachzüge nur reagieren – nicht agieren. Dabei sieht sich Walter jedoch als die einzige Schachfigur, deren Platz sich einzunehmen lohnt, die wichtig ist. Er übersieht den Rest, die Wichtigkeit jeder einzelnen Figur, deren jeweiligen Wert für das Spiel: „This whole thing, all of this, it’s all about me!“

Das galt vielleicht für die Anfänge von Breaking Bad: jetzt allemal nicht mehr. Walters und Jesses Bindung hat sich gegenwärtig darauf reduziert, was sie zusammen taten, für und mit einander. Obwohl Walter nach wie vor auf diesen Bund pocht, scheint sich Jesse daraus befreien zu wollen, wie er es schon einmal versucht hat. Vielleicht dieses Mal mit Erfolg? Nachdem er Mike bei einem Job tatsächlich große Hilfe leisten konnte, bekommt er von Gus auf die Frage „Why me?“ Folgendes zu hören: „I like to think I see things in people.“ Dieses Kompliment hebt sich in Jesses Ohren vermutlich vorteilhaft ab von Walters erzwungenem in One Minute. Für Gus wäre ein loyaler Jesse eine gute Unterstützung bei den kommenden Ereignissen. „Ready to talk?“ lautet die Nachricht des mexikanischen Kartells. Ja, Gus ist bereit.

Breaking Bad: Shotgun (4×05)

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Walter (Bryan Cranston) als Drogenhersteller und sein eigener Boss Heisenberg. Walter als genialer Mitarbeiter. Walter als Familienoberhaupt. Walter als Beschützer und Ersatzvater für Jesse? Shotgun schießt Stückchen für Stückchen von Walters Ego ab; sie zerfallen in einzelne Kristallteilchen, so wie das Eis, das Jesse (Aaron Paul) im Labor gegen Ende der Episode klein hackt. Dem entsprechend endet Shotgun mit Walters selbstzerstörerischer Ohnmacht: Ihm wird vor Augen geführt, dass er von den anderen Beteiligten in keiner der aufgezählten Rollen so gesehen wird, wie er sich selbst sieht.

Im Teaser der Episode rasen wir auf Reifenhöhe durch ABQs Straßen; aus dem Off, dem Auto, ist Walters wütende Stimme zu hören: Er telefoniert mit Saul. Walter ist zu allem bereit, um Jesse zu holen oder zu rächen. Er steuert direkt auf das Los-Pollos-Restaurant zu und hinterlässt zu Hause Skyler (Anna Gunn) eine Nachricht, die in dem Moment als Abschied gemeint ist: „I love you!“ Nur: Jesse will nicht gerettet werden! „Where are you going?“, fragt Walter am Telefon. „Beats me“, antwortet Jesse.

Nach diesem furiosen Anfang nimmt Breaking Bad das Tempo heraus, und wir verbringen die Hälfte der Episode mit Jesse und Mike. Zwar sind wir immer noch mit dem Auto unterwegs, aber dies ist eine ruhige Fahrt – so ruhig und langweilig, als wolle Mike Jesse mit Schweigen und Ruhe umbringen. Als sie in die Wüste hinausfahren, wird Jesses Langeweile durch ein Spannungsmoment unterbrochen, da er um sein Leben fürchtet – aber die Schaufel, die Mike aus dem Kofferraum holt, soll nur eine Geldlieferung aus dem Wüstenboden graben. Wie schon manch einer unserer Leser letzte Woche vorausgesagt hat, soll Jesse Mike bei einem Job helfen.

Die Orte, die Jesse und Mike besuchen, um die Geldlieferungen abzuholen, sind wunderschön gefilmt, obgleich verlassen und dem Verfall preisgegeben.Nachdem beim letzten Stopp nur Jesses schnelle Reaktion ihn und Mike von einem Überfall bewahrt, verstehen wir, was hinter der ganzen Geschichte steckt: Sie wurde von Gus inszeniert, um Jesse, dessen Dasein aussieht wie die Orte, die sie besuchen, ein neues Gefühl zu geben, ihn fester an das Geschäft zu binden. Und es funktioniert: „I was out with Mike, helping make pickups“, sagt er anschließend im Labor zu Walter. „Two dudes tried to rob us and I saved the stash. I took care of business, just like I’m taking care of business right now. I guess I have two jobs now. You wanna stand there dicking around or you want to suit up and get to work?“ So schnell kann sich der Spieß umdrehen: Man erinnere sich an Walters tönende Worte aus der letzten Episode, dass er der einzige professionell Handelnde sei!

Im Grunde verpasst Gus Jesse ein neues Selbstbild. Und parallel dazu hackt er die Beziehung zwischen Jesse und Walter langsam, aber sicher in Stücke und isoliert Walter immer mehr. Gus übernimmt, als unsichtbarer Dritter, Walters Rolle als der Mann, der Jesses Leben verändert und überhaupt lebenswert macht. Auf viel subtilere Weise, ohne dass Jesse es überhaupt bemerkt – anstatt sich selbst in den Vordergrund zu stellen, wie es Walter zu tun pflegt. Diesen chemischen Prozess versteht Gus besser als Walter.

Was Skyler missversteht, ist die Nachricht auf dem Anrufbeantworter, die sie abhört, nachdem sie und Walt den Car-Wash-Deal finalisiert haben. In einem höchst emotionalen Moment endet alles im Schlafzimmer. Aber mit Skyler obenauf! Danach bietet sie ihm sogar an, wieder einzuziehen. Walter antwortet nichts darauf – nur um am nächsten Morgen von Junior zu erfahren, dass sein Einzug am Dienstag erwartet würde: Wieder einmal hat Skyler die Entscheidung für ihn getroffen. Er steht in der Küche, mehr oder weniger wortlos, und sein Blick sucht Halt – um schließlich bei dem Kaffeebecher in Juniors Hand innezuhalten, den Becher mit der Aufschrift „Beneke“.

Auch im Labor liegt die Entscheidungsgewalt nicht mehr allein bei Walter. Als er droht, nicht weiterzuarbeiten, bis sein Partner zurückgebracht wird, taucht einfach Gus’ neuer Helfer auf. Frustriert trinkt Walter beim Abendessen mit Marie und Hank ein Glas Wein nach dem anderen, nur um sich dem Wortschwall am Tisch zu entziehen. Dann aber erzählt Hank wieder einmal von Gale und bezeichnet ihn als extravagantes Genie. Immer wieder zeigt die Kamera, wie schon letzte Woche, Walter aus der Untersicht. Eigentlich werden solche Einstellungen benutzt, um eine Figur machtvoll erscheinen zu lassen. Bei Walt jedoch sehen wir Ohnmacht.„All that brilliance looks like nothing more than copying. Probably of someone else’s work. Maybe he’s still out there“, sagt er zu Hank, den wir früher in der Episode die Heisenberg-Files zurückgeben sahen. Hank auf die eigene Spur zu hetzen und dadurch auf Gus’, scheint Walters einzige Möglichkeit, sich wieder in den Vordergrund zu spielen, wo er seiner Meinung nach hingehört. Die letzten Minuten zeigen uns Hank am Tisch mit den kompletten Heisenberg-Akten: Er hält ein Blatt in der Hand, eine Aufnahme aus Gales Habseligkeiten. Sie zeigt einen Los-Pollos-Hermanos-Umschlag, auf dem eine Nummer steht. Nun darf Hank darüber grübeln, was ein Vegetarier wohl mit Hähnchen anfing…

Breaking Bad: Bullet Points (4×04)

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Wir haben viel darüber gesprochen, wie Breaking Bad das Licht von New Mexico und die Landschaft in spektakuläre Bilder verwandelt, die schon an sich sehenswert wären – auch ohne die Geschichte, die sie erzählen. Kameramann Michael Slovis und Showrunner Vincent Gillian bezeichnen das Licht und die Wüste sogar als eigenständige Figuren ihrer Serie. Aber auch von Dunkelheit macht man in Breaking Bad Gebrauch: dem Fehlen des Lichts oder aber einem bläulichen Schimmern der dunklen Bildoberfläche, kombiniert mit undefinierbaren Geräuschen.Dabei hat sich die Serie auf Teaser spezialisiert, in welchen die Zuschauer orientierungslos sind und den Bildern nicht gleich entnehmen können, wo man sich befindet, was gerade passiert und welche Bedeutung das Ganze hat. Im Previously On werden wir daran erinnert, wie Gus sich die Konkurrenz vom Hals schaffte; der Teaser von Bullet Points liefert den perfekten Beweis dafür, wie sich die AMC-Serie auf ihre Zuschauer verlässt: darauf, dass sie sich aus dem Gezeigten – wohlgemerkt: nicht Gesagten – eine Geschichte konstruieren.

Ein blauer Rauchfaden dringt von links nach rechts in das schwarze Bild ein. Für eine Sekunde rechnet man fast damit, dass als Nächstes Breaking Bads Titel erscheinen und der Vospann zu laufen anfangen wird, nur mit anderen Farben. Aber wir sehen… Mikes Atem. Er sitzt im kalten Inneren eines LKW, der Gus’ Ware transportiert. Der Wagen wird angehalten, Schüsse fallen. Dann fliegt eine Kugel herein. Mike duckt sich. Als sein Gesicht wieder im Bild erscheint, fällt Licht auf sein Auge: das Licht der Wüste, das hinein will… und dann auch hinein kann, als die Wände von Maschinengewehrfeuer durchsiebt werden.Es folgt ein extremer Kontrast, der in den Augen des Zuschauers beinah schmerzt: Plötzlich befinden wir uns mit der Kamera draußen und sehen zu, wie zwei Männer auf den LKW feuern.Anschließend öffnen sie die Türen und treten ins Schwarz ein – nur um im nächsten Moment mit Kugeln wieder nach draußen, zurück ins Licht befördert zu werden. Mike kommt heraus.In einem Close-Up sehen wir, dass er etwas abgekriegt hat: Eine Kugel hat sein rechtes Ohr gestreift, so dass ein kleiner Fetzen herunterklappt. Erst jetzt folgen die Breaking Bad-Titel.

Nicht nur lässt uns dieser Ausschnitt bemerken, dass Gus’ Operationen nicht problemlos laufen und er mit Rache seitens des mexikanischen Kartells rechnen muss, sondern der Teaser kann – wie so oft in der AMC-Serie – als Metapher für den Rest der Episode gesehen werden. Ein geschlossenes Ganzes wird von Kugeln durchsiebt. Die Wände werden durchlöchert. Licht strömt hinein und erleuchtet das Innere. Es geht nicht nur um das Auge, das von innen nach außen schaut, sondern auch um das Auge, welches von außen nach dem wahren Inneren des Ganzen zu blicken bemüht ist.

Skyler (Anna Gunn) ist bemüht, dieses Licht von dem Car Wash-Geschäft fern zu halten, es kugelsicher zu machen. Der Weg dorthin: „Bullet Points!“ Skyler zwingt Walter (Bryan Cranston) nicht nur dazu, Black Jack zu lernen und zu Treffen der Anonymen Gambler zu gehen, sondern sie verfasst auch ein Drehbuch („Bullet Points“) und übt es mit Walter ein. Denn beide wollen ein Coming Out für Hank und Marie veranstalten, um zu erklären, woher das Geld für die Waschanlage kommt. Walter wehrt sich – ihm sind die zwei „terrible“ im Drehbuch zuviel. Nachdem ihm Skyler vor Augen geführt hat, was alles sie seinetwegen durchmachen muss, entscheidet er sich für zwei „sorrys“.

Bezüglich des Vor-Augen-Führens von Walter Taten bleibt es nicht bei Skylers Monolog. Nach dem Abendessen – und nachdem Familie White die Gambler-Bombe platzen ließ – zeigt Hank, um Walter und Walter Jr. zu amüsieren, ein Video. Auf diesem ist… Gale zu sehen, tanzend und singend vor einem Hintergrund mit fremden Planeten, Raumschiffen und Sternen. Auch in den Lab Notes steht etwas über Sterne – mit einer Widmung: „To W.W. Look’d up in perfect silence at the stars.“Walt Whitmans (1819–1892) Gedicht “When I heard the learn’d astronomer” (aus Leaves of Grass, 1900) lautet wie folgt:

„When I heard the learn’d astronomer / When the proofs, the figures, were ranged in columns before me / When I was shown the charts and the diagrams, to add, divide, and measure them / When I, sitting, heard the astronomer, where he lectured with much applause in the lecture-room / How soon, unaccountable, I became tired and sick / Till rising and gliding out, I wander’d off by myself / In the mystical moist night-air, and from time to time / Look’d up in perfect silence at the stars.“

Nicht nur spielt man in Bullet Points mit den Initialen „W.W.“, sondern erinnert uns an Gale und an die Episode namens aus der dritten Staffel. Dort sahen wir, wie sich Walter und sein neuer Assistent nach getaner Arbeit ein Glas Wein gönnen… und eben Walt Whitmans “When I Heard the Learn’d Astronomer”. Später in der Episode, als Hank mit Marie telefoniert, berichtet er ihr, dass es im Fall Jesse nicht voran gehe. Marie hat eine Idee, wer ihm weiter helfen könnte. Auf die Frage „Who?“ erfolgt ein Schnitt auf ein Buch mit dem Cover Walt Whitman: Leaves of Grass – gelesen von Walt. Sein Handy klingelt – und Hank ist dran. Man darf jetzt sagen: Der Postmann klingelt zwei Mal!

Walter bringt Hank dazu, ihm mehr über den Gale-Fall zu erzählen, und wird prompt mit der Widmung aus Gales Lab Notes „To W.W.“ und den Zeilen des Gedichts konfrontiert. „W.W. like Walter White“, schießt Hank aus der Hüfte. Aber Walter kann sich im letzten Moment ducken, so dass die Kugel nur sein Ohr streift. Er weist Hank auf das Whitman-Gedicht hin. Es läuft nicht nach Drehbuch: Niemand scheint sich daran zu halten. Walter fragt Saul, wieso nur er sich professionell zu verhalten scheint: „Why am I the only person behaving in a professional manner?“

Walter empfindet die Story als von Kugeln durchsiebt; es scheint ihm nur eine Frage der Zeit, bis eine davon ihn trifft. Wenn die Wände der Erzählung durchlöchert werden, dann fällt Licht auf das Innere, auf ihr wahres Inneres. An diese Wahrheit will Jesse (mit kahl rasiertem Kopf) nicht erinnert werden. Aber Walter stattet ihm einen Besuch ab und will wissen, wie der Mord an Gale genau ablief, um herauszufinden, ob Jesse (Aaron Paul) irgendetwas am Tatort hinterließ. Jesse kann nicht darüber sprechen und lässt Walter hinauswerfen. Mike (der nächste Glatzkopf neben Walter und Jesse) will Jesse aus dem Geschäft heraus haben; nach einer Besprechung mit Gus sehen wir Mike mit Jesse im Auto in das glühende Licht der Wüste hinausfahren. Wohin? Das will Jesse nicht wissen. Für ihn gibt es kein Ankommen mehr.Für alle Beteiligten gibt es weder Ankommen noch Entkommen, denn die Sache, in die sie verwickelt sind, hat sie im Griff: wie der Krebs, dem Walter entkam. Die kahlen Köpfe bleiben ein Kennzeichen für Krankheit, für diesen Kreislauf aus Lügen und Verbrechen, in deren Fänge sich die Figuren begeben haben und deren Wände jederzeit von Kugeln durchlöchert werden können.

Breaking Bad: Open House (4×03)

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„The Devil is in the Detail“, sagt Skyler (Anna Gunn) gegen Ende von Open House zu Walter (Bryan Cranston). Ja, in Details liegt auch Breaking Bads Erzählung. Von Anfang an legte man großen Wert auf Details, sei es um die Zuschauer auf kommende Ereignisse hinzuweisen, sei es um sie in die Irre zu führen und Spekulationen zu provozieren – Beispiel: das Teddy-Auge… oder diese Woche die etlichen extremen Close-Ups, die zur Lösung des Geldwäsche-Problems von Familie White führen.

Open House erzählt von der Schließung von Bogdans Autowaschanlage und von ihrem Verkauf an Skyler und Walter. Nachdem beide sich im Gespräch mit Saul einig dafür aussprachen, dass Bogdans Car Wash gekauft zu werden habe und kein anderes, verhilft ein kleines Detail Skyler zu einer brillanten Idee. Wie wir schon besprachen, setzt Breaking Bad zur Lenkung des Zuschauerempfindens nicht nur visuelle, sondern auch auditive Details ein – oftmals die einzelnen, sehr lauten Geräusche, die das Bild “erfüllen”.

So wie das Geräusch der schaumigen Lauge, die in der White’schen Küche in den Abfluss gurgelt, gefolgt von dem plötzlichen Lächeln auf Skylers Gesicht, dem extremen Close-Up der Zündholzschachtel mit Sauls Telefonnummer, als sie ihn kontaktiert, und einem Schnitt auf ein Reagenzglas mit Flüssigkeit, das in der Luft angehoben und geschüttelt wird.Und richtig: Skyler schüttelt das As aus dem Ärmel, das Bogdans Augenbrauen zum Zittern bringt. Das Wasser in seiner Anlage sei kontaminiert; es bestehe die Gefahr der Grundwasserverschmutzung. Kontamination war immer schon eine beliebte Vokabel in Breaking Bads Welt. Also muss Bogdan schließen – und verkaufen, damit ihm überhaupt noch etwas bleibt von seinem Geschäft. Inzwischen allerdings ist der Preis für das Etablissement von 879 000 auf 800 000 Dollar gesunken, dank Skylers geschäftlicher Hartnäckigkeit und ihrem Wunsch nach einer kleinen Rache für Bogdans Worte bei ihrem letzten Treffen.

Bei einer solchen Summe erscheint die Differenz unbedeutend: ein kleines Detail. Aber im Gegensatz zu Walter legt seine Frau großen Wert darauf. Die Details könnten ins Auge fallen, befürchtet Skyler. Und dann würde Walter nicht etwa mit einem blauen Auge davon kommen, sondern gar nicht mehr. Also wäscht sie ihm den Kopf wegen der teuren Champagnerflasche, die er kauft. Gus will sich kein Detail aus Jesses (Aaron Paul) und Walters Arbeit im Labor mehr entgehen lassen: Ab sofort verfolgen an den Wänden angebrachte Kameras die beiden während des Kochens auf Schritt und Tritt, was Walter zur Weißglut bringt. Er und Jesse stehen auch sonst unter Beobachtung, wie man etwas später sieht. Einmal ins Auge gefallen zu sein, bedeutet in diesem Geschäft: für immer im Auge behalten werden!

Open House versieht das einzige Ereignis der Episode – den Kauf der Autowaschanlage, jenen von Familie White mit Champagner begossenen Erfolg – mit dem faden Beigeschmack emotionaler Zusammenbrüche: Jesses und Maries. Jesses Welt entgleitet ihm weiter: Sein Haus droht zur Ruine zu werden, in der ruinierte Existenzen Zuflucht finden, wobei Jesse sein Geld an sie verschwendet. Beim Kartfahren, zu dem er Walter vergeblich einlädt, kann Jesse zwar in der Bahn bleiben, aber im Leben entgleist er bis zur Unerträglichkeit. Marie wiederum hat sich selbst nicht mehr unter Kontrolle; wir sehen sie bei mehreren Hausbesichtigungen auftauchen, immer unter falschem Namen und mit erfundener Lebensgeschichte, und Gegenstände entwenden. Ihre Kleptomanie ergreift Besitz von ihr.

Was Marie jedoch wirklich ergreifen will, ist ein neues Leben als eine Andere. Sie wird erwischt und dank Hanks Polizeikontakten wieder frei gelassen. Neben dem verantwortlichen Detective sitzt eine Marie, die in Tränen ausbricht.Kurze Zeit später taucht der Kollege bei Hank und Marie auf und will seinen alten Freund dazu bewegen, etwas Anderem Aufmerksamkeit zu schenken als nur seinen Mineralen. Wir erinnern uns an die Nahaufnahme von Gales “Lab Notes” am Ende der Staffelpremiere. Jetzt bekommt Hank eine Kopie von dem Heft, um vielleicht seinen ehemaligen Kollegen weiter helfen zu können: als der Mann, der hinter dem berüchtigten Heisenberg her war. War er es wirklich? Hat er etwas dabei erreicht? Konnte er etwas tun? Vielleicht ist es Hanks Angst davor, genau das zu sein – keine Hilfe, unfähig -, die ihn dazu bringt, Gales Heft zunächst abzulehnen. Aber dann sehen wir ihn in der letzten Szene mitten in der Nacht, unter dem blauen Licht seiner Nachttischlampe, Gales Labornotizen durchblättern: The Devil is in the detail…

Breaking Bad: Thirty-Eight Snub (4×02)

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Thirty-Eight Snub ist eine der Breaking Bad-Episoden, in denen nichts zu passieren scheint und die dem Zuschauer dennoch wie ein Kloß im Hals sitzen. Sie reflektiert den Gemütszustand der drei Männer, die letzte Woche heil am Leib das Labor verließen. Aber heil an der Seele sind sie nicht mehr. Während Jesse und Mike auf ähnliche Weise reagieren – ohne viele Worte -, ist Walters Reaktion… typisch Walter: Er versucht alles zu erklären, zu rechtfertigen. Im Teaser sehen wir ihn beim illegalen Waffenkauf!

Der Verkäufer wird von Jim Beaver gespielt, den man aus Supernatural, aber auch aus Deadwood gut kennt. Ironie der Autoren – oder das nächste perfekt passende Puzzlestück? Denn am Ende von Box Cutter trug Walter ein T-Shirt mit Kenny Rogers darauf – und jetzt ist er schon bereit, den Revolver zu ziehen. Vielleicht gar mit Gus gleichzuziehen? Dafür braucht er eine Menge Übung, merkt der Verkäufer an, während das Licht durch die Jalousien hindurch Walters Gesicht sucht, aber nur eine Hälfte zum Beleuchten findet. Die andere bleibt im Dunkeln. Dennoch ist sie zu erkennen, genauso wie der Verkäufer Walters wahre Absichten erkennt. Walter behauptet, die Waffe zur Verteidigung zu benötigen, aber keiner nimmt ihm das ab. Trotzdem murmelt er wiederholt „defense“ – ein verzweifelter Versuch der Selbsttäuschung, der Rechtfertigung.

Viele Close-Ups von Walters (Bryan Cranston) Augenpartie und extreme Close-Ups von dem Revolver, wie in einem Western, bekommen wir in der Szene in Walters Haus zu sehen, als er den Umgang mit der Waffe übt. Auf dem Tisch liegen Kugeln und ein Apfel – ein Bild für Walters Versuch, zwei Welten zu kombinieren, die Kontrolle zu behalten. Er will einen Showdown mit Gus, aber nüchtern verkündet ihm später Mike im Labor, dass er Gus nie wieder zu Gesicht bekommen werde.

Nun: wenn nicht als Walter White, dann vielleicht als Heisenberg? Im Dunkel der Nacht rollt Walters Auto die Straße hinunter und bleibt in der Nähe von Gus’ Haus stehen. Walter setzt den Hut auf und steigt als Heisenberg aus. Die Musik wechselt; die Kamera befindet sich direkt hinter Walters Schulter, als er entschlossen auf das Haus zugeht. Dann klingelt das Telefon: Die „Django“-Magie ist verflogen. Eine Stimme (Gus oder Mike?) sagt: „Walter, go home.“ Dann zeigt ihn die Kamera aus der Vogelperspektive: ein Schatten im Blau der Nacht, der ratlos auf einem Kreuzweg steht. Viel zu wählen bleibt ihm freilich nicht: Einzig und allein ein Hut ist Heisenberg geblieben. Vielleicht auch von Heisenberg? Er versagt.

Auch Jesses Gesicht wird von Licht gesucht, aber die Farben wechseln: Mal wird es in Blau, dann in Rot, Gelb und Grün getaucht. Es sind die Breaking Bad-Farben und gleichzeitig die Smiley-Farben am Pain Board an Jesses Bett im Krankenhaus, nachdem Hank ihn zusammenschlug. Ein Wechselbad der Gefühle – oder besser gesagt: ein Wechselbad des Schmerzzustandes. Denn Jesse durchläuft alle Stufen, und als er glaubt, den „worse pain possible“ erreicht zu haben, wird es prompt noch schlimmer. Aaron Pauls großartige Leistung in dieser Episode unterstreicht, gemeinsam mit den ungewöhnlichen Winkeln der Aufnahmen in seinem Haus, das Gefühl kompletter Desorientierung und eines schmerzvollen Verlorenseins.

Jesse versucht, den Schmerz mit Freunden, Partys (wir haben eine Art DJ Roomba) und Drogen von sich fern zu halten. Aber der Sound der neuen Musikanlage ist nicht laut genug, um die Realität wegzupusten. Wieder einmal mengt Breaking Bad der chemischen Mischung genau den richtigen Anteil an Humor bei, um sie mannigfaltig, aber nicht zu überdreht wirken zu lassen.

Die Rede ist von Badger und Skinny Pete, die bei Jesse abhängen und eine tiefsinnige Diskussion über Nazi-Zombies führen, die Badger für die schlimmste Sorte hält. Skinny Pete: „Zombies are dead. What difference does it make what their job was when they were living?“ Während dessen stoppt die Kamera immer wieder bei Jesses Gesicht, als ob sie uns sagen wolle, er sei ein Zombie: ein Toter, der immer noch herumläuft und seinen Job macht (wie wir später sehen). Welchen Unterschied macht seine Nicht-Existenz? (Und: Welche bessere Werbung könnte es für AMCs The Walking Dead geben, auch wenn sie hier vielleicht nicht intendiert war?)

Während der Drei-Tage-Party, die Jesse organisiert – inklusive ungeschnittener Pizza, eine Erinnerung an Caballo Sin Nombre -, kommt Andrea vorbei und spricht ihn auf das Geld an, das er ihr heimlich hinterlassen hat. Er sagt ihr, sie solle damit ihre Freiheit kaufen, wegziehen. Doch sich selbst kann Jesse auch mit Geld nur vorübergehende Ablenkung erkaufen: Am Ende, als alle gehen (Badger: „I think I’ve, like, got this cat, I think I’m supposed to feed it.)“, bricht er in Tränen aufgelöst zusammen.

„Have you recently lost a loved one in an aviation disaster? Have you suffered injury, shock to the senses, or property damage due to debris or, God forbid, falling body parts?“ Saul ist in dieser Episode zwar nicht “live”, aber in einer Fernsehwerbung zu sehen, die sich Mike anschaut, allein an der Bar sitzend. Derselben Bar, wo wir ihn am Anfang der Episode Kaffee trinken sahen und einen kleinen blutigen Fleck an seinem Ärmel entdeckten. Eine Erinnerung, über die er nicht reden will.

Er wirkt in dieser Situation enttäuscht und geschockt, sowohl von Gus als auch von Walter. Aber Walter insistiert: „I feel like I need to explain myself… everything I did, I did out of loyalty to my partner and then later, of course, purely out of self-defense“, sagt er, nachdem er sich zu Mike gesetzt hat. „You won – you got the job. Do yourself a favor and learn to take yes for an answer“, rät ihm Mike. Doch Walter kann nicht aufhören: „You and I, we’re in the same boat – if it happened to Victor, it could happen to you… Get me in a room with him – and I’ll do the rest.“

Dieses Mal ist ein Schlag in Walters Gesicht die Antwort, dem ein paar Tritte in die Magengegend folgen, bevor Mike wortlos die Bar verlässt. Von dieser Seite kann Walter keine Unterstützung erwarten – hier bekommt er seinen Showdown sicher nicht. If you are not willing to pull the trigger on this, sagt Skyler zu Walter am Telefon.

Beide Frauen, Marie und Skyler (Anna Gunn), unterstützen ihre Männer in ihren so unterschiedlichen Situationen. Denn sowohl Walter als auch Hank sind „broken“. Und… abhängig von Steinen. Walter ist nur wegen der blauen Meth-Kristalle noch am Leben, während das Einzige, was Hanks Interesse erweckt und ihn beschäftigt, die Mineralien sind, die er in Massen übers Internet bestellt. Vielleicht steigen deswegen ständig die Rechnungen, die Marie Skyler gibt? Geld, das mit Steinen gewonnen wurde, wird für Steine wieder ausgegeben…

Vielleicht ist aber Hanks Stein-Hobby einfach ein Zufall, ein anderes Spielchen von Vince Gilligan & Co.; denn in vielen Interviews betonte der Showrunner, dass das Team zwar gewisse Dinge und Details in die Erzählung einbinde, es aber letztendlich den Zuschauern überlasse, sich eigene Meinungen zu bilden und Schlussfolgerungen zu ziehen. Das gehört zu den großen Stärken der Serie: Sie lässt Raum für Spekulationen, Interpretationen oder aber einfach den Genuss der geballten Spannung, die auch eine Episode akkumuliert, in der buchstäblich nichts passiert.Skyler versucht Bogdan für seine Autowaschanlage ein Angebot zu unterbreiten: nämlich in Höhe von 879 000 Dollar. Das erinnert uns an Walters damalige Berechnungen, wie viel Geld die Familie nach seinem Tod brauchen würde: 737 000 Dollar. Aber Bogdan ist immer noch gekränkt von Walters damaligem Benehmen und will nicht verkaufen. Kein Car Wash – keine Geldwäsche! Und Breaking Bad hält seinen ungewaschenen Windschutzscheiben und anderen spiegelnden Oberflächen die Treue. Im Teaser dieser Episode stehen wir mit Walter vor einem schmutzigen Spiegel im Motelzimmer; später, als Andrea Jesse besucht, winkt Brock Jesse durch das schmutzige Autofenster zu. Schmutzig bleibt schmutzig, ganz egal, wie man es nennt – oder gar wegzuwaschen versucht…

Breaking Bad: Box Cutter (4×01)

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Breaking Bad ist nach einer längeren Pause wieder da. Diese Pause hat die Serie zwar um den Emmy-Wettbewerb gebracht, aber wenn man sich die Eröffnungsepisode der neuen Staffel anschaut, dann darf das Emmy-Rennen Breaking Bad herzlich egal sein. Warum? Weil die AMC-Serie gegenwärtig über jeder Konkurrenz steht. Man kann es, der Episode angemessen, nur so ausdrücken: Breaking Bad macht wieder einmal einen sauberen Schnitt, wie mit einem Cutter – und lässt die Konkurrenz fallen.

Box Cutter spielt zwischen oben und unten, zwischen Bildern aus extremer Übersicht und solchen aus extremer Untersicht. Es gibt kaum ein Dazwischen – bis auf das Fallen in orange-roter Farbe. Box Cutters Teaser ist wie das Auspacken eines Weihnachtsgeschenks: Willkommen bei Breaking Bad, Staffel vier! Genau so sehen wir in Rückblenden Gale das neue Laborequipment auspacken – mit Hilfe eines giftgrünen Cutters, der im Laufe der Episode mehrmals in Nahaufnahme zu sehen sein wird.

Diesen Cutter benutze nicht nur ich als Metapher für Breaking Bads Erhabenheit im Drama-Bereich, sondern die Serie selbst setzt ihn als Metapher für Abgeschlossenheit ein. Es gibt keinen Weg zurück. Der nämlich ist abgeschnitten, und die Beteiligten finden sich dort wieder, wo sie nach einem sauberen Schnitt nur sein können: Unten! „We are all on the same page“, sagt Jesse am Ende der Episode zu Walter.

Als Walter im Finale der dritten Staffel Jesse losschickte, um Gale (David Costabile) umzubringen, geschah dieser endgültige Schnitt: als nämlich Jesse (Aaron Paul) dann tatsächlich abdrückte. Walter (Bryan Cranston) hatte erkannt, dass der Fall nicht mehr zu stoppen sein würde, also kümmerte er sich nur um eins: das Überleben des Falls. Michael Slovis wiederum, Kameramann der AMC-Serie (Adam Bernstein führte Regie in Box Cutter), kümmert sich darum, dass die Erzählung von Vince Gilligan & Co. stets zu einem visuellen Fluss wird.

Breaking Bad “baut” seine Erzählung nicht um Unterhaltungen zwischen Figuren herum oder zumindest mit ihrer Hilfe; man benutzt nicht die Figuren, um uns explizit oder implizit die Story zu erzählen oder uns zu sagen, was sie fühlen. Breaking Bad zeigt es uns. Die Serie erlaubt uns niemals, einen Schritt zurückzutreten oder gar den Blick abzuwenden von dem Schmerz, den die Figuren empfinden, wie hier zum Beispiel Jesse: Seinen unbeschreiblichen Schmerz lässt uns die Serie fühlen, indem sie ihn zeigt und verbale Beschreibungsversuche gar nicht erst unternimmt.

Box Cutter dürfte für seine 47 Minuten Nettozeit ziemlich wenige Dialog- bzw. Monologseiten im Drehbuch gehabt haben. Aber man kennt die AMC-Serie seit jeher so, dass sie gern in Bildern erzählt. Die Stille wird nur von durchdringenden Geräuschen durchbrochen: die Chemikalien im Labor, fließendes Blut, das Atmen von Sauls Wachmann – Geräusche, die zwar von Leben zeugen, aber zugleich das Gefühl einer fließenden Grenze vermitteln, deren Überschreiten den Tod bedeutet. Es sind die Details, die wichtig sind, genauso wie die einzelnen Schritte des Kochprozesses. Die Perfektion dieses “kleinen” Erzählens ist es, was jeder Breaking Bad-Episode ihre 99-prozentige Reinheit beschert: das blaue Leuchten eines perfekten Produkts.

Gale kann nur 96 Prozent Reinheit versprechen, wie er Gus in den Rückblenden erklärt. Letztendlich rettet er damit Walter, indem er Gus dazu bewegt, doch noch mit Walter ins Geschäft zu kommen. Innerhalb kürzester Zeit, allein mit dem Teaser nämlich, schafft es Breaking Bad, nicht nur Abschied von einer Figur zu nehmen, sondern an ihre Charakterzüge und Vorlieben zu erinnern, sie noch sympathischer zu machen und den von Walter befohlenen und von Jesse ausgeführten Mord noch grausamer erscheinen zu lassen.

Die Kamera gewährt uns dabei – auch dies typisch für die Serie – immer wieder eine Dosis Zeit, um zu raten, um in Unsicherheit zu schweben. Man zeigt nicht gleich das Ergebnis von Jesses Tat bzw. ob er sie überhaupt verübt hat, sondern durchwandert in mehreren Close-Up-Aufnahmen von Gegenständen Gales Wohnung, während eine Stimme aus dem Off mit der Polizei spricht und schließlich ein wütender Victor die Wohnung betritt. Erst dann sehen wir aus extremer Übersicht den toten Gale auf dem Fußboden.

Danach bringt Victor Jesse (im roten T-Shirt) zu Walter und Mike ins Labor. Die Bilder dort sind sehr schattenlastig, nur der Hintergrund schimmert in Hellblau, und der rote Fußboden sticht einem buchstäblich ins Auge. Die rote Farbe erscheint beinah klebrig, so dass man sich davor scheut, diesen Fußboden zu betreten. Gleichzeitig ist Rot die traditionelle Farbe der Theatervorhänge. Hier werden sie zur Seite gezogen, damit ein klaustrophobisches Kammerspiel uns den Atem rauben kann.

Währenddessen veranstaltet Skyler (Anna Gunn) selbst ein Theaterspiel, um in die Wohnung des vermissten Walter zu gelangen. Nicht nur simuliert sie vor dem Schlüsseldienst Atemnot, sondern setzt sogar das Baby als Druckmittel ein.

Davor aber entfernt sie Walters Auto vom Grundstück, um möglichen unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen. Man sieht, wie sehr Skyler auf krimineller Ebene mitzudenken bereit ist und im Grunde fast unbemerkt einen nächsten Schritt tut – hinein in eine von ihrem Ehemann kreierte, moralisch verkommene Welt. Sie tut das aus praktischen Gründen, aber dasselbe konnte man damals auch von Walter sagen… In Walters Schublade findet Skyler das Teddy-Auge (mit grüner Iris, so grün wie der Cutter), das wir seit dem Anfang der dritten Staffel nicht mehr gesehen haben. Dieser Fund wirkt wie eine noch engere Verbindung zwischen den beiden, wie ein Blick auf Skyler, der sie zum Teil des Ganzen zu machen droht.In einer kleinen Szene sehen wir einen von Paranoia besessenen Saul (Bob Odenkirk), während Marie (Betsy Brandt) nach wie vor um Hanks (Dean Norris) Lebensgeister kämpft. Aber sich nach oben zu ziehen ist schwer, wie man bei Hank sieht, als er seinen Körper hochstemmt, um die Bettpfanne darunter zu bekommen. Wäre es nicht leichter, einfach unten zu bleiben? Mittendrin in der metaphorisch-buchstäblichen Sch…?

Im Labor warten alle auf Gus (Giancarlo Esposito). Auf Walters Bitte hin, mit dem Kochen anfangen zu dürfen, beginnt Victor damit, um zu beweisen, wie gut er mittlerweile den ganzen Prozess verinnerlicht hat – und Walter wird um so klarer, wie nah er und Jesse am Tod entlang geschrammt sind. Er begreift, dass Half Measures oder auch Full Measures diesmal nicht geholfen hätten, sondern nur „Extreme Measures“, wie er im nächsten Moment Gus gegenüber behauptet, der gerade eingetroffen ist (im roten Hemd). Und wieder einmal schiebt Walter die Schuld von sich: Gus sei für Gales Tod verantwortlich. Wie reagiert Gus auf Walts Monolog? Gar nicht. Er sagt minutenlang kein einziges Wort; die Kamera und unser Blick mit ihr folgen ihm in mehreren Close-Ups bei seinen ruhigen Handlungen.Er zieht einen rot-orangen Schutzanzug an, nimmt den grünen Cutter in die Hand und schneidet dann, ohne jegliche Gefühlsregung, vor Jesses, Walters und Mikes (Jonathan Banks) Augen Victor die Kehle durch. Die Leiche lässt er den Zuschauern vor die Füße fallen; das Blut spritzt überall hin, der Fußboden bekommt eine dunklere Schattierung. Gus’ Handeln gleicht dem der Serie insgesamt: Schonungs- und wortlos wirft man uns und Walter das Ergebnis so mancher chemischer Verbindungen vor die Füße, die man in die Wege geleitet hat und die “Entscheidungen” heißen. Alles hat Konsequenzen – und es kann einfach nicht für alle gut enden, wie es sich Walter lange Zeit eingeredet hat.„Well, get back to work“, lauten die einzigen Worte, die Gus für Walter und Jesse übrig hat, nachdem er sich umgezogen hat. Ihre erste Aufgabe: Victors Leiche zu entfernen, mit Hilfe eines weißen Behälters und Säure. Immerhin haben sie Erfahrung damit.Danach sehen wir die beiden frühstücken, bekleidet mit den gleichen Kenny-Rogers-T-Shirts. Der Größen-Aufkleber („Large“) haftet immer noch auf Walters Brust.

Kurz darauf sehen wir Walter nach Hause gehen und mit Skyler reden. Er trägt blutrote Sneakers und weiße Jeans, die ihm eindeutig eine Nummer zu groß sind. Auch für Walt war die Welt, in die er sich begab und die er selbst mitgestaltete, eine Nummer zu groß. Aber man kann hineinwachsen… bis zu dem Zeitpunkt, wo es schließlich “passt”, wo aus den 96 Prozent plötzlich 99 Prozent geworden sind. Breaking Bad ist zurück: zu 100 Prozent – und damit eine Nummer zu groß für die TV-Landschaft.

Breaking Bad: Full Measure (3×13)

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Ohne große Mysterien zu flechten, hat uns die derzeit beste TV-Serie gezeigt, wie man Zuschauer in die Irre führen und überraschen kann. Dass wir uns an den Teddy und seine Präsenz in der zweiten Staffel erinnern, wissen die Autoren und lassen uns rätseln, was das Wiederholungsmotiv in der dritten Staffel sein könnte. Ich persönlich ließ mich von dem Teddy-Auge in den ersten Episoden in die Irre führen und habe übersehen, dass das Objekt der Wiederholung zwar eng mit dem Teddy verbunden, aber kein Teil von ihm ist. Ich spreche von… Walts (Bryan Cranston) Windschutzscheibe, die sich einfach weigert, heil zu bleiben. Sie ist das Motiv, das uns daran erinnert, dass die Entscheidungen, die Walt getroffen hat, irreparabel sind.

Daraus ergibt sich ein zweites Motiv: Die glänzende Axt, die im direkten und übertragenen Sinne über Walts Kopf hängt. Die metaphorische Axt hat Walt letztendlich nicht übersehen. Gus hingegen – abonniert auf die Rolle desjenigen, der Walt den Rat gibt, nie denselben Fehler zweimal zu machen – folgt seinem eigenen Ratschlag selbst nicht: er rechnet nicht damit, dass Walt das Aufblitzen der Axt unter der Morgensonne von Albuquerque bemerkt. Während sich Gus in Sunset mit den Cousins Showdown-artig beim Sonnenuntergang traf, trifft er am Anfang von in Sunrise auf Walt. Entschuldigung! Auf Heisenberg!

Ein atemberaubender Moment, als Walt den schwarzen Hut aufsetzt und als einziger schwarzer Fleck in der Panoramaaufnahme der stillen Gegend durch das genauso stille Feld zu dem anderen Auto geht – im Wissen, dass es Walts letzte Schritte sein können. Aber nicht Heisenbergs! Sind das die Aufnahmen, die wir in der zweiten Staffel im Narcocorrido-Musikvideo gesehen haben?

Nachdem wir die komplette dritte Staffel über im Grunde dem Chemielehrer, dem fleißigen Mitarbeiter Walt beim Kochen zugeschaut haben, nimmt nun – genauso wie in der zweiten Staffel – Heisenberg das Heft in die Hand: Wieder bleibt er Walts einzige Rettung. Der Anfang der Staffel konstruierte die Frage Walts an Heisenberg: Was hast du getan? Das Ende formuliert eine Bitte: Tu etwas für mich!

Wir müssen uns fragen: Wer war zuerst da – Heisenberg oder Walt? Sehr gelungen scheinen mir diesbezüglich die Flashback-Aufnahmen aus der Zeit, da Walt und Sky (beide noch jung und komplett anders aussehend, vor allem Walt) ihr zukünftiges Haus zum ersten Mal betreten. Die Familie muss sich entscheiden, ob das Haus gekauft wird. Sky (Anna Gunn) ist dafür, aber Walt will einen drauflegen: warum übervorsichtig und überlegt handeln – er möchte ein größeres Haus: „Nowhere to go but up.“

Später in der Episode bekommen wir die gleichen Bilder zu sehen – diesmal aber ist das Haus bewohnt. Eine Kameradrehung, die exakt der aus dem Flashback entspricht, zeigt uns Sky, die den Tisch deckt, und Walt, der das Baby füttert. Sie haben das Haus doch genommen. Heißt das, Walt hat sich damit abgefunden, als Walt nicht über seinen Schatten springen zu können? War dies die Geburtsstunde Heisenbergs?

Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft stellt die Serie nicht nur anhand visueller Ähnlichkeiten, sondern auch über einen Scherz her. Der Immobilienmakler fragt Walt, ob sie im Labor irgendetwas Cooles mit Lasern machen. Schnitt. Walt ist tatsächlich ins Laser-Business involviert – Laser Base. Wir erinnern uns an Sauls Danny-Vorschlag. Nun, wie man sieht, befindet sich in Laser Base kein Danny, sondern ein Jesse (Aaron Paul), den Walt dort vor Gus versteckt. Übrigens finde ich die Entscheidung gut, im Finale auf Skys Teilnahme an Walts Geschäften, Hanks und Marys Probleme etc. zu verzichten, um sich auf Heisenberg vs. Gus zu konzentrieren:

Gus (beim Treffen am Anfang): „Are you asking me if I ordered the murder of a child?“

Heisenberg: „I would never ask you that.“

Vince Gilligan & Co. haben Walt und Jesse bisher regelmäßig in die kompliziertesten Situationen gebracht, aber noch nie war es so eng: denn die Gefahr durch Krazy-8 oder Tuco scheint nicht annähernd so schlimm wie das Aufblitzen der Axt, das sich in Gus’ Brille spiegelt. Vor allem da wir wissen, wie tödlich Mike sein kann, nachdem wir ihn in dieser Episode etliche Kartell-Killer haben beseitigen sehen. Was uns wiederum sagt, dass Heisenberg nicht Gus’ einziges Problem bleiben wird. Angesichts dessen versucht er, sich mindestens dieses eine im Laufe des Finales vom Hals zu schaffen. Die Szene, in der Victor Walt vor seinem Haus abfängt und ihn auffordert, ins Auto zu steigen, erinnert an das Ende der Staffel-2-Premiere, als Tuco und Jesse Walt abholten.

Aber Gus hat, genauso wie damals Tuco, die Rechnung ohne Heisenberg gemacht. Der nämlich ist klüger und gefährlicher, als man denkt (oder denken möchte). Das “man” bezieht sich nicht nur auf Gus, sondern auch auf uns Zuschauer: Die Arbeit an Walts Figur zahlt sich für die Autoren in dem Moment aus, als Walt von Mike und Victor in die Enge getrieben wird und Jesse anruft – angeblich um ihn Gus zu verkaufen und so sein eigenes Leben zu retten. Ich muss zugeben: ich habe wirklich geglaubt, dass Walt Jesse verrät. Diese geschickte Konstruktion aber ermöglicht es, dass Walts Plan in Erfüllung geht. Denn wir erinnern uns an das Gespräch in Laser Base:

Jesse: „So what do we do?“

Walt: „You know what we do.“

Während Gus glaubt, einen Plan zu haben, und Gale auf Walts Abschied vorbereitet, hat Walt das längst erkannt und sich entschieden, Gale zu opfern, um sich selbst zu retten. Dabei erinnert er Jesse daran, dass er ihm das Leben rettete und fragt, ob Jesse bereit sei, jetzt seins zu retten. In dieser Hinsicht klingt Walts triumphierendes „Yes“, mit dem er Mike klar macht, mit dem Telefonat nicht nur Jesse gewarnt, sondern ihn damit zu Gale geschickt zu haben, äußerst grausam!

Nicht nur im Gus’ Fall holt die eigene Aussage jemanden ein, sondern auch in Jesses. Am Anfang der Staffel sagt er zu Walt: „I’m the bad guy.“ Damit liegt er, wie wir alle wissen, eigentlich falsch, aber am Ende doch richtig. Denn Mr. White vollendet den Prozess, den er bei Jesse in Gang setzte: ihn zum „bad guy“ zu machen. Er schickt ihn, Gale zu erschießen – und Jesse tut es mit Tränen in den Augen.

An dieser Stelle wird es natürlich Diskussionen geben: Die Kamera schwenkt leicht, bevor Jesse schießt, und alles wird abgeblendet. Hat er ihn also wirklich erschossen? Vincent Gilligan, der die Episode geschrieben hat und Regie führte, sagt Folgendes: „That is not intentional. I did not see it that way when I was directing. It’s not wrong for you to think he shot this guy.“

Breaking Bad: ich ziehe meinen schwarzen Hut vor dir!

Breaking Bad: Half Measures (3×12)

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Breaking Bad hat die „schlechte“ Angewohnheit, den Zuschauern verspielte Teaser dann anzubieten, wenn in den darauf folgenden vierzig Minuten etwas Ungeheuerliches passieren wird. Half Measures’ Teaser zeigt uns das Crossroads Motel und den Alltag der Prostituierten Wendy. Die Musik dazu ist The Assosiations Hit Windy aus dem Jahre 1967. Wieder einmal beweist die Breaking Bad-Crew ihr Feingefühl für Details. Als es im Song „Bending down to give me a rainbow“ heißt, sieht man Wendy wiederholt „runtertauchen“, um die Bedürfnisse ihres Kunden zu befriedigen. Nur jedes Mal in unterschiedlichen Autos mit unterschiedlichen Männern. Auf einem Schild vor dem Motel steht: „Welcome friendly service!“

Mit den sexuellen Praktiken wird auch die Verbindung zur einzigen anderen humorvollen Szene in dieser sonst sehr dunklen Episode hergestellt: Mari legt bei Hank im Krankenhaus Hand an, um ihm zu beweisen, dass er durchaus „stehen“ kann. Sie gewinnt die Wette und Hank ist gezwungen, mit nach Hause zu kommen. Walt (Bryan Cranston) kann auch nach Hause, aber nur an bestimmten Tagen und für einen bestimmten Zeitraum. Das handelt er mit Skyler (Anna Gunn) als Gegenleistung für ihren neuen „Job“ aus.

Man kann die bisherige Entwicklung der Serie als eine Kette von vorläufigen Maßnahmen sehen, die Walt immer wieder traf, um der Endgültigkeit aus dem Weg zu gehen. Denn er hatte die Endgültigkeit als Entschuldigung. Hiermit präsentierte uns Breaking Bad einen möbiusbandartigen Zustand: Im Angesichts der Endgültigkeit seiner Krebsdiagnose handelte er mit vorläufigen Schritten, um genau dieser Endgültigkeit gerecht zu werden. Heisenberg war nur vorläufig. Nur vorläufiges Mittel zum Zweck. Aus diesem Grund sieht sich Walt nicht als Kriminellen, als Mörder. Denn alles, was er tat, diente dem Endzweck, war also vorläufig. Diese Vorläufigkeit machte die „Half Measures“ vertretbar.

„No More Half Measures!“ Das ist der Leitsatz auf dem Weg zum Finale. Denn Walt ist ein Krimineller und ein Mörder. Ausgerechnet Mike (The Cleaner) verpasst Walter in einem großartigen Monolog – Breaking Bad kümmert sich darum, dass jede Figur auf ihre Kosten kommt – den entscheidenden Stoß. Das dauernde Abwägen zwischen Schritten, die man machen muss, und das Hinausschieben von Entscheidungen führen zu halben Sachen. Walt will Jesse (Aaron Paul) daran hindern, Combo zu rächen und kontaktiert Gus. In diesem Moment tut er das, was fürs Geschäft getan werden muss. Wir erleben auch Gus von einer anderen Seite. Und zwar von der Seite, die uns klar macht, wie er sein Drogenimperium regiert. Gnadenlos! Aber interessanterweise ist er hier derjenige, der „Half Measures“ trifft.

Er versucht – Walter-Style – einen Kompromiss zu machen und dieser Kompromiss führt zu einer Eskalation. Man fragt sich dabei: Handelten die Dealer aus eigenem Antrieb und ermordeten Tomas, oder war Gus’ Kompromissbereitschaft nur für Walt vorgespielt? Man bekommt den Eindruck, dass sie sogar auf Jesses Amoklauf warten. „No more apples and oranges.“ Genau wie Wendy, die alles für ihren Sohn tun würde, entscheidet sich Walt, alles für Jesse zu tun. Ihn zu retten, indem er die beiden Dealer in einer schockierenden Szene überfährt. Zum ersten Mal riskiert Walt alles. Seine Passivität zu genau demselben Zeitpunkt in der letzten Staffel, als er Jane sterben ließ, ist jetzt verschwunden. Er agiert. Und mit einem Kopfschuss beendet er das Leben des Dealers. Seine Worte zu Jesse: „Run!“ An diesem Punkt hat Walt seine Entwicklung beendet: „A criminal and a murderer!“

Breaking Bad: Abiquiu (3×11)

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Manche würden sagen, dass Breaking Bad eine kleine Geschichte erzählt, die frei ist von Mysterien, von Fragen über Gott und die Welt. Und das stimmt – aber unter einem positiven Zeichen. Denn für mich hat Breaking Bad – und dafür denke ich mir eine neue dramaturgische Kategorie aus – das kleine Erzählen perfektioniert. Um in den Genuss dieses kleinen Erzählens zu kommen, muss man sich ein klein wenig Mühe geben; man darf keinen Satz einer Figur überhören und keinen Zigarettenstummel mit Lippenstift daran übersehen. Es ist einfach erstaunlich, wie die Serie als Ganzes arbeitet: wie sie ihre eigene Zeit kreiert und sie mit Ereignissen füllt, die uns den Gefühlszustand der Figuren oder aber ihre Entscheidungen auf unaufdringliche Art und Weise verständlich und nachvollziehbar machen.

Der Episodentitel Abiquiu referiert auf die kleine Stadt in New Mexico, in der Georgia O’Keeffe gearbeitet und gelebt hat. In einem Flashback sehen wir dort Jesse (Aaron Paul) und Jane (Krysten Ritter), die O’Keeffes Ausstellung besuchen. Übrigens: Breaking Bads Flashbacks sind nicht nur Erinnerungen, sondern präsentieren – zeitlich nicht-linear – Ereignisse, die den linearen Ablauf der Serie selbst füllen. O’Keeffe malte eine Tür immer und immer wieder, indem sie jedes Mal etwas veränderte: sei es die eigene Position (und damit ist nicht nur die physische Vorstellung gemeint), sei es die Beschaffenheit der Tür.

Laut Jesse hat sie versucht, sie „richtig“ hinzubekommen, während Jane ihm erklärt: „Sometimes you get fixated on something and you might not even get why. You open yourself up and go with the flow, wherever the universe takes you. … That door was her home and she loved it. To me, that’s about making that feeling last.“ Auch Jesse möchte ein solches Gefühl festhalten: die Erinnerung daran, wie Jane ihre Zigarette ausmachte und in den Autoaschenbecher steckte – mit Lippenstift daran: Der perfekte Moment für Jesse. Diese Szene spielt nicht nur mit unserer Aufmerksamkeit als Breaking Bad-Zuschauer – fand sie wirklich statt? –, sondern auch mit Walts „I am sorry!“ Richtung Jesse aus der letzten Episode und seiner Erklärung des perfekten Moments, in dem er hätte sterben sollen. Damit wird uns gezeigt, dass sowohl Walt als auch Jesse ihren perfekten Moment verpasst haben und ihn mit der Wiederholung des Immergleichen einzuholen versuchen. Parallel dazu sind sie auf dem besten Wege, denselben Fehler zweimal zu begehen – alles von vorne zu starten.

Der Zigarettenstummel mit dem Lippenstift ist das einzige Zeichen dafür, das Jesses Erinnerung „wahr“ ist. Aber mit dieser Erinnerung verhält es sich wie mit O’Keeffes Tür: die war ihr Zuhause in Abiquiu, das sie liebte und in liebevoller Erinnerung bewahren wollte. Die Jane in diesem Teaser ist diejenige Jane, die Jesse liebte und die er in Erinnerung behalten möchte – wenigstens das. An diesem Punkt macht es keinen Unterschied, ob diese Szene stattgefunden hat oder nicht… „Tatsächlich“ sagte Jesse damals den Besuch der Ausstellung ab, um mit Walt zu kochen – 4 Days Out: „Why couldn’t I have just gone to Santa Fe?“ Und eine Episode später sind Jesse und Jane wieder auf Drogen, was mit Janes Tod endet. Ich glaube, in Mandala fragt er sie, ob sie den Besuch nachholen wollen, und sie sagt: „Sure.“ Ist es dazu gekommen? Wie auch immer…

Wichtig jedenfalls: die Selbstreferenz, die die Serie hier ausführt. Wir erinnern uns, was im Teaser von Mandala passierte: Combo wurde von dem kleinen Kind erschossen! Ja, Breaking Bads Welt ist klein, zuverlässig und… gnadenlos gegenüber seinen Figuren, die denselben Fehler zweimal machen. Meiner Meinung nach bildet genau dieses „denselben Fehler zweimal machen“ den verbalen roten Faden der Episode, der von keinem anderen als Gus Fring (Giancarlo Esposito) geknüpft wird. Wie aber soll man diesen Fehler aufspüren – bzw. erst einmal herausfinden, ob es wirklich das zweite Mal ist?

Um das zu klären, beginnen wir mit Review-Flashbacks, die die gerade geschriebenen Zeilen erklären:

In Breaking Bad gibt es eigentlich keine noch so kleine Szene, die einen später nicht einholt. Erinnert ihr euch an Bogdans Augenbrauen? An Walts zweiten Job im Car Wash? Nun: ich musste tatsächlich die Augenbrauen hochziehen, als Sky (Anna Gunn) das Auto vor die Autowaschanlage fuhr. Sie und Walt sind an den Punkt gekommen, wo alles anfing: wo sie als Partner anfingen, gegen den Krebs und für ihre Familie zu kämpfen. Jetzt sind sie Partner in Crime. Denn Sky vervollständigt in dieser Episode ihre Entwicklung, die sie schon seit Mas durchmacht. Genauso wie wir realisieren mussten, wie Gus die Fäden zieht und was für ein Imperium er regiert, stellen wir nun fest, dass Sky auf ihre eigene Art ebenfalls längst „broken bad“ ist und inzwischen ihre eigene Entschuldigung dafür gefunden hat, indem sie das Geld für Hanks Therapie braucht: „Married couples can’t be compelled to testify against one another … so there’s that.“

Zu Walts Erstaunen hat sie die Scheidungspapiere nie eingereicht! Sie sind noch verheiratet. Und Skyler wünscht, eine führende Rolle zu übernehmen, da sie Sauls Talent beim Geldwaschen nicht traut. Hier handelt Breaking Bad wieder auf Meta-Meta-Ebenen: Sky kennt sich als Buchhalterin aus – hatte sie ihren Chef und Nicht-mehr-Liebhaber Ted noch tadelnd auf allzu offensichtliche Betrügereien hingewiesen und den Eindruck vermittelt, als könne sie als Angestellte kaum damit leben („I cannot sign that.“), schlägt sie nun ihrem Noch-Ehemann vor, wie man noch besser betrügt. Man könne die Geldwäsche durchführen, erklärt sie Walt, indem man Bogdans Car Wash kaufe; das wäre eine nachvollziehbare Investition für einen Menschen wie Walt. Plötzlich befindet sich Walt zwischen zwei Geschäftspartnern. Saul: „Yoko Ono’s plan: There’s no Danny.“ Damit ist gemeint, dass man jemanden braucht, der das fiktive Geschäft führt, etwa Sauls Bekannten Danny. Skys Vorschlag für Walt und Gegenschlag für Saul: „I will bet the ‚Danny’! If I’m in this, I’m going to do it right.“

Bevor sie Walt das mitteilt, wird er zum Abendessen eingeladen. Warum erwähne ich dieses Abendessen mit Skyler und Walter Jr.? Weil die ganze Episode eigentlich um zwei Abendessen herum konstruiert ist, die auf ähnliche Art und Weise durch die Fenster gefilmt werden: Das erste in Whites Haus, das zweite, als Gus Walt zum Abendessen einlädt. Die Fenster enthalten, wie einzelne Panels, je eine Figur. Sowohl im ersten als auch im zweiten Fall geht es um Partner und Partnerschaft. Kann man sich gegenseitig vertrauen? Gus knüpft an seine Einladung den Wunsch, Walt möge ihm bei der Zubereitung des Essens helfen. Er benutzt dasselbe Wort, das man bei der Meth-Produktion benutzt: „cook“. Dabei gibt er ihm ein Messer und hält es auf elegante Art und Weise so, dass die Spitze zu Gus’ Bauch zeigt. Demonstriert er damit Walt, dass er ihm vertraut? Jedenfalls nutzt er das Abendessen, um Walt über sein „neues“ Leben zu beraten: „Never make the same mistake twice!“

Die Frage ist: was genau ist damit gemeint? Als Gus den Satz ausgesprochen hat, wird auf Jesse geschnitten. Meint Gus also Jesse? Oder meint damit Breaking Bad uns gegenüber Jesses Tun in dieser Episode? Denn um Badger und Skinny zu zeigen, dass der Verkauf in der Gruppe funktioniert, lässt er sich mit deren neuem Mitglied Andrea ein. Um dann herauszufinden, dass sie ein Kind hat. Wundervoll gespielt von Aaron Paul, wird uns wieder Jesses weiche Seite demonstriert, die wir aus der Beziehung mit Jane kennen und an die uns der Teaser erinnert hat. Und dann… erfährt Jesse, dass Andreas kleiner Bruder Tomas derjenige war, der Combo erschossen hat! Genau an dieser Straßenecke findet Jesse Tomas wieder…

Während sich die Serie eine Zeitlang mit den Konsequenzen bestimmter schlechter Entscheidungen beschäftigte, nimmt sie sich jetzt der schlechten Konsequenzen der Konsequenzen an: „Never make the same mistake twice.“

Breaking Bad: Fly (3×10)

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An erster Stelle muss man versuchen, genau das zu tun, wofür Fly steht: Die Gedanken sammeln, zusammenfassen, Fragen beantworten: „Why am I doing this?“ Die zentrale Frage, die in dieser Staffel erhoben wird, kann nicht beantwortet werden. Der Punkt, der Moment der Antwort ist verpasst und man jagt ihm nur noch nach. Fly ist ein Kammerspiel, wie wir es bei Breaking Bad jeweils einmal in jeder Staffel hatten. Nur Walt (Bryan Cranston) und Jesse (Aaron Paul) – und die Fliege… Breaking Bad spart mit dieser Episode nicht nur Produktionskosten, sondern fasst die Gemütszustände ihrer Figuren zusammen, während sie aus der Obersicht (Fliegenperspektive) gezeigt werden, wie sie sich in roten Schutzanzügen über den roten Fußboden des Labors bewegen, um ihre „Küche“ zu putzen! So viel Rot ist nicht zufällig, genau wie alles Andere bei Breaking Bad nicht dem Zufall überlassen wird!

Walts Paranoia in dieser Episode spiegelt meine eigene Paranoia mit der Serie selbst wieder: „Contamination!“ Ich weiß, dass für manche das Eintauchen in die Details, das Dekonstruieren jedes kleinen Stückchens Breaking Bads, jeder Erzählminute, vielleicht zu viel des Guten erscheint. Aber ich kann mir selbst nicht helfen. Aus diesem Grund wird das Review fertig, wenn es fertig wird. Nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt und nicht bevor ich jeden potentiellen Gedankengang entworfen hab, der Euch vielleicht auf weitere Gedanken bringt und … „There must exist certain words in a certain specific order that would explain all this.“

Ja, Walt, und ich suche gerade danach. Über Breaking Bad schreiben ist immer zu viel geschrieben. Wenn man mehr als einen Satz produziert hat, dann ist der perfekte Zeitpunkt, um aufzuhören, verpasst. „Hush, little baby, don’t say a word …“, hören wir im Teaser Skys (Anna Gunn) Stimme singen. Und die Bilder? Die sind verwischt, dann wieder scharf, die Bildteile krabbeln wie eigenständige Einheiten durchs Bild und verursachen ein Gefühl der Unruhe, einer paranoiden Klaustrophobie, wie wenn man das Bild verlassen wollen würde und nicht könnte. Eingesperrt sein, in dem eigenen Kopf. Sind es Teile eines Auges, von Glas, von Insektenfüßen, Insektenaugen? Schnitt.

Wie schon immer bei Breaking Bad ist im Teaser alles gesagt bzw. erzählt. Alles Restliche ist zu viel erzählt. Aber genau dieses Zuviel ruft das Mehr-Genießen für den Zuschauer hervor, genau wie ich mit dem Text versuche, ein Mehr-Genießen in Eure Breaking Bad-Erfahrung zu bringen, obwohl ein Satz reichen würde. Die Bilder, die wir im Teaser sehen, sind aus einer Szene aus der Mitte der Episode, nur hier aus einem extremen Close-Up gezeigt, als Walt auf dem Boden liegt und die Fliege auf seiner Brille krabbelt. Welche Fliege? Die Fliege, die als dieses Störungselement Breaking Bads metaphorische Erzählsprache in neue Dimensionen bringt. Es ist die Fliege, die plötzlich im Labor auftaucht und Walt in den Wahnsinn treibt. Sie lässt sich nicht entfernen. Sie kontaminiert sein Labor, seine Arbeit, meint er. Aber sie kontaminiert eigentlich sein ganzes Leben.

Ob man die Fliege sogar als ein Verweis auf den Tod und den Zerfall, die Walt über seine Mitmenschen gebracht hat, sieht, ist dem eigenen Blick überlassen. Die Fliege zeigt Walt mit ihrer Anwesenheit, dass seine sterile Umgebung, nicht absolut steril ist, dass er sie nicht absolut unter Kontrolle behalten kann. Genauso wie er Jesse nicht ganz unter Kontrolle hat, und dieser Meth entwendet. Diese Tatsache wird Walt bewusst und er macht sich tatsächlich Sorgen, was mit Jesse passieren könnte, falls Gus’ Leute ihn erwischen würden.

Die Fliege ist dieses Zuviel für Walt, sie ist der Punkt, von dem er schon angeblickt wird und dadurch den Halt, seine Position verliert. Mehr oder weniger nimmt Walt die Position eines Entomologen ein, der die Insekten beobachtet, aber zur Beute seines eigenen Blicks wird, wenn eines seiner Exemplare den Blick erwidert. Die Hartnäckigkeit, mit der die Fliege alle Attacken von Walt überlebt, ist eine Spiegelung der Hartnäckigkeit, mit der Walters Flug vom krebskranken Familienvater zum großen Drogengeschäft sich wie von alleine fortführt, selbst reproduziert, um immer weiter Schäden anzurichten. In einem von mehreren grandiosen Monologen in dieser Episode stellt Walt fest, dass er den Punkt verpasst hat, den perfekten Moment, um aufzuhören. Um zu sterben.

„I had to have enough to leave them; that was the whole point. You want them to actually miss you“, sagt er. Er ist an diesem Punkt vorbei gegangen. Und die Serie lässt es sich nicht nehmen, um ihre visuelle Metapher immer wieder ins Spiel zu bringen: Den Weg gehen, den Weg entlang schleichen, krabbeln und den Weg aufgeben wollen. Genau wie die aufgehägten Schuhe in einem der Teaser dieser Staffel, hängt Walts Schuh an der Deckenlampe im Labor, nach einem weiteren vergeblichen Versuch die Fliege zu erwischen. Und eine der letzten Aufnahmen zeigt uns aus der Froschperspektive Walters Schuhe neben dem Sofa, auf das Jesse ihn schlafen lägt. Die Schuhe sind im Vordergrund, während man Jesse im Hintergrund die Meth-Produktion starten sieht, nachdem er die Fliege erledigt: „No end in sight. I’m sorry!“

Die zwei Sätze von Walter gehören zwar zu unterschiedlichen Szenen, aber wenn man sie zusammenführt, hat man eigentlich Walts Wunsch zusammengefasst, nämlich Jesse um Verzeihung zu bitten. Was Jesse als ein Akt der Sympathie von dem durch Jesse selbst heimlich mit Schlaftabletten vollgepumpten Walter sieht, ist eine Bitte um Verzeihung, dass Walt in DER Nacht damals überhaupt die Wohnung verlassen hat, um zu Jesse und Jane zu gehen und noch zufällig auf Donald zu treffen. Nichts ist zufällig: „It’s all contaminated!“ In dem Moment, als Walt endlich zu Hause einzuschlafen versucht, ist die Fliege wieder da. Sie sitzt genau auf dem roten Lämpchen an der Wand, sie insistiert in ihrer im roten Licht getauchten Existenz: „Hush, little baby, don’t say a word …“