Category Archives: Breaking Bad

Breaking Bad: Kafkaesque (3×09)

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Was haben Walt und Gus gemeinsam? Sie gehören zu den Menschen, die sofort erkennen würden, was sich hinter jenem Gemälde verbirgt, welches Natascha Krupskaya mit einem jungen Mann im Bett zeigt und den Titel “Lenin in Warschau” trägt (ein alter Witz). Während die meisten Museumsbesucher fragen, wo denn nun Lenin sei – genau wie man sich fragt, was Breaking Bad mit Lenin zu tun hat -, wissen Walt und Gus, dass er… in Warschau ist (und infolgedessen eben nicht auf dem Bild). Mit einem kleinen Unterschied: Gus würde lächelnd seinem Wunsch Ausdruck verleihen, dass hoffentlich das Wetter in Warschau gut ist. Und Walter (Bryan Cranston) würde sagen: Der junge Mann hilft bestimmt Frau Krupskaya, das Bett zu beziehen…

In Kafkaesque treffen die beiden Schachspieler Gus und Walt aufeinander, aber entscheiden sich letztendlich für einen Kompromiss, der Walt 15 anstatt 12 Millionen pro Jahr bringen soll. Ende offen! Pro Jahr? Was ist mit den drei Monaten? Von Anfang an hat Gus geplant, die Kontrolle über das Südwest-Drogengeschäft zu übernehmen – und dieser Plan involviert Walt. Als der sich Gus’ Strategie klar macht, bleibt ihm nichts als Anerkennung: „I would have done the same“. Gleichzeitig wirft ihn diese Erkenntnis komplett aus der Bahn – mit anderen Worten, aus der Spur: Um ein Haar lässt Walt das Auto unkontrolliert in den Gegenverkehr rauschen. An dieser Stelle merkt man deutlich, dass der Rausch der guten alten Breaking Bad-Tage, als das Kochen von Meth Walt zum Leben erweckte, vergangen ist: an seine Stelle sind Ernüchterung, Unsicherheit und Angst getreten. Walt weiß nicht mehr, in welcher Welt er lebt – und wohl auch nicht mehr, wer er ist bzw. sein soll.

Interessanterweise stellt er Jesse (Aaron Paul) diese Frage: „What world do you live in?“ Nachdem sich Jesse erst einmal darüber aufgeregt hat, dass eine der Meth-Kisten etwas zuviel enthält und Walt diese kleine Menge, die Geld bedeutet, einfach so “verschenkt”, macht er Walt klar, wie viel Gus in den drei Monaten eigentlich verdient: 96 Millionen. Aber das Bild von beiden, Jesse und Walt, von der Welt, in der sie leben, ist „messed up“. Jesse will kein Mitarbeiter sein, sondern ein Krimineller. Er will nicht die Geborgenheit des Geschäfts, sondern das Risiko, denn aus einer rein menschlichen Perspektive gibt es für ihn keine Geborgenheit mehr: Jane ist tot und sein Ersatzvater Heisenberg, der Verantwortliche für Jesses Misere, hat ihn derselben willentlich überlassen. Beim Treffen der 12-step-Gruppe erzählt Jesse diese seine Geschichte – wenn auch auf “kafkaeske” Art und Weise.

Er erzählt von einer Holzkiste, an der er im Werkunterricht der High School arbeitete – so lange, bis sie perfekt war: das war sie ihm wert. Und dann tauschte er sie für… Gras ein. Damit teilt uns Jesse mit, dass er die Tatsache akzeptiert, den Lauf seines Lebens den Drogen angepasst zu haben und diesem Fluß bis zum Ende folgen zu wollen. So, wie der blaue Meth-Fluss aus dem Vorspann einen visuellen Übergang zwischen der grandiosen Los Pollos-Werbung und dem Fluss der Meth-Produktion und -Distribution markiert: „One taste and you will know!“ Da Jesse herausgefunden hat, wie er Meth unbehelligt entwenden kann, möchte er diesen blauen Fluss nun grausamerweise in die Rehab-Gruppe leiten – mit der Hilfe von Badger und Skinny Pete. Drogen an Menschen zu verkaufen, die auf Entzug sind: „That’s messed up“, um es mit Jesses eigenen Worten zu sagen. That’s Kafkaesque, die Episode der erzählten Geschichten.

Hobby-Schriftstellerin Skyler (Anna Gunn) hat auch eine in petto, in der Walter… ein Gambler ist: ein ziemlicher erfolgreicher. So erfolgreich, dass er Hanks (Dean Norris) Behandlung bezahlt. Sky bringt Walt dazu, indem sie ihn mit der Hoffnung auf Versöhnung erpresst. Sie erfindet seine neue, fiktionale Gambler-Existenz übrigens für Marie, die ihr in ihrer hysterischen Ratlosigkeit die Geschichte abkauft, während Walter genauso gespannt zuhört wie Marie selbst. Zeit, Verantwortung zu übernehmen, Walt – oder, mit Badgers Worten: „Darth Vader had responsibilities. He was responsible for the Death Star.“

Breaking Bad: I See You (3×08)

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Zwischen den Geräuschen von Beatmungsmaschinen und der Luft, die einen gelben Schutzanzug ausfüllt, höre ich immer wieder dasselbe Kinderlied: „Der Hund kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei, da nahm der Koch die Kelle und schlug den Hund zu Brei. Da kamen alle Hunde und gruben ihm ein Grab und stellten drauf `nen Grabstein, auf dem geschrieben stand: Der Hund kam in die Küche…“ I See You macht uns eins klar: Nicht Walter White (Bryan Cranston) ist hier der Koch, sondern Gus.

Die Küche, die er innerhalb der Wäscherei für Heisenberg einrichtet, ist ein Spiegelbild der Außenwelt, Stück für Stück von Gus zusammengesetzt. Einzigartig, wie es Breaking Bad gelingt, still und leise eine Figur aufzubauen, bis es plötzlich vor unseren Augen “Boom!” macht. Genau wie bei einem harmlosen chemischen Übungsversuch, der seine Harmlosigkeit in den falschen (oder richtigen) Händen jeden Moment verlieren kann. Erinnern wir uns, dass Tio (der in vielen Dingen Recht behält) seine Kollegen damals vor dem „chicken man“ am Telefon warnte. Der Titel dieser Episode kommt direkt aus Gus’ Mund, genauso wie „I’m told the assassin who survived was gravely injured. It’s doubtful he’ll live. Now thank me and shake my hand.“ Das sagt er zu Walt im Krankenhaus, umgeben von DEA-Agenten, als Walt panisch feststellt, dass Gus über alles und jeden Bescheid weiß.

Diese ist nur eine von mehreren exzellenten Szenen in dieser Breaking Bad-Episode, die sich auf die Netzhaut brennen und der Balance in unseren Köpfen einen Schub verpassen. Über Breaking Bad nachzudenken, fühlt sich an wie Walts Versuch, den wackelnden Tisch im Wartezimmer auszutarieren. Jede Woche versuchen wir es – und in der nächsten Woche wackelt er schon wieder. Jedenfalls: diese Szene, in der Walt, Marie (Betsy Brandt), Sky (Anna Gunn) und Walt Jr. darauf warten, dass Hank (Dean Norris) aus dem OP kommt, bildet nicht nur eine Metapher über Balance, sondern über Walts breaking bad an sich. Eigentlich verbildlicht sie eine Frage: Wenn etwas an und in sich schief ist – bringt es dann überhaupt etwas, es auszugleichen

Denn bei dem Versuch reißt man andere Dinge – in diesem Fall: die Forbes-Ausgabe – auseinander. Jeder Eingriff, der die Balance wiederherstellt, definiert sie als Schein, als Trug. Es ist die zweite Episode in Folge, in der Walt im Krankenhaus sitzt und damit konfrontiert wird, was er an Leid verursacht hat. Diesmal allerdings weiß Marie nicht, wie Recht sie hat, wenn sie die Walt-Jesse-Verbindung für Hanks Zustand verantwortlich macht.

Leonel wiederum, der überlebende Cousin, der mit amputierten Beinen im selben Krankenhaus liegt, weiß ganz genau, wer für seinen Zustand verantwortlich ist.

Die Szene, in der er Walt sieht und dann vom Bett springt (und fällt) in dem Versuch, ihn zu erwischen – er kriecht in Walts Richtung und hinterlässt dabei eine blutige Spur -, spiegelt nicht nur die ersten Minuten der Staffel wider, sondern schreibt ein Santa-Muerte-Lied, das so geht: „Da kamen alle Hunde und gruben ihm ein Grab und stellten drauf `nen Grabstein, auf dem geschrieben stand: Der Hund kam in die Küche…“ Anschließend erhält Gus einen Anruf von Juan, der ihm Ähnliches verspricht – bevor ihn Gus’ Leute in seinem Haus in Mexico niederschießen. Wie beschreibt Walt Gus’ Vorgehen, als er Gale die angeblichen Differenzen zu erklären versucht?

„I’m classical and you’re more jazz.“

 

Breaking Bad: One Minute (3×07)

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Wenn an einem einsamen Ort in der mexikanischen Wüste eine Hütte stünde und in der Hütte ein Altar und auf dem Altar eine DVD mit der nächsten Breaking Bad-Episode: ich würde den ganzen Weg dorthin kriechen, um sie zu haben bzw. um einen Blumenstrauß daneben zu legen und eine Kerze anzuzünden für die weltweit beste TV-Serie der Gegenwart!

Im Breaking Bad-Review von Sunset sprach ich von der Axtabhängigkeit der Cousins. Sie sind außerdem familienabhängig. Diese Abhängigkeiten werden ihnen – für mich überraschenderweise – zum Verhängnis. Genial von den Autoren, den beiden ausgerechnet in dieser Episode Namen zu geben und im Teaser Flashbacks von ihrer Kindheit in der Familie Salamanca zu zeigen.

Wir sehen Don Salamanca (Tio), der den beiden eine Lektion über Familie erteilt: „La familia es todo!“ In dieser Minute ist sie da – und in der nächsten kann sie weg sein: Eine Minute trennt das Leben vom Tod! Eine Minute ist viel Zeit und kann viel verändern! Das ist die Lektion, die uns Breaking Bad mit One Minute lehrt: mit einer Episode, die ich als genau eine Minute lang empfunden habe. Sie war so intensiv und explosiv, dass sie bei mir für eine Art Stillstand sorgte, so als betrachtete man ein ABQ-Gemälde mit allen Ereignissen im eingefrorenen Zustand – zeitlos.

Der Zuschauer fühlt sich wie Hank (Dean Norris) in seinem Auto, in dieser einen Minute am Ende der Episode. Damit meine ich nicht die Panik, sondern das Gefühl der Ohnmacht. Nur handelt es sich bei uns um die schmerzvolle Ohnmacht des Genusses beim Betrachten des besagten Bildes, auf dem Folgendes zu sehen ist: Ein trauriger Smiley mit der Überschrift „The Worst Pain Ever“.

Auf diesen Smiley an der Universal Pain Assessment Chart-Tafel blickt Jesse (Aaron Paul), als er im Krankenhaus liegt, nachdem ihn Hank brutal zusammengeschlagen hat. „This should not have happened“, sagt Walt (Bryan Cranston), als er Jesse besucht. Walt kann und will nicht verstehen, warum alle um ihn herum – seiner Meinung nach – verrückt spielen, warum nicht alles nach Plan läuft, warum sich die Situation, die man unter Kontrolle zu haben glaubt, von einer Minute auf die andere verändert. „This is chemistry! Degrees matter!“ schreit er im Labor Gale an. Aber gleicht die Chemie dem wahren Leben, Walt?

Bei einer von gleich zwei grandiosen Darbietungen Aaron Pauls in dieser Episode bekommt Walt endlich zu hören, wie toxisch die Berührung mit ihm ist, wie viel Leid er verursacht hat. „You said I was no good … you said my cook was shit“, schreit am Ende Jesse. Um so unfassbarer Walts Antwort: „Your meth is good — as good as mine.“ Sie enthält zwar eine Art Anerkennung – aber gleichzeitig bestätigt sie all das, was Jesse Walt vorwirft: „You don’t give shit about anyone (me)“!

Walts Bemühungen um seine Familie gleichen tatsächlich denen eines Mafiapaten wie Don Salamanca. Er versucht, eine Familie zu haben und sich um sie zu kümmern – aber gnadenlos, stets mit den eigenen Zielen im Blick. Er hilft Hank indirekt, indem er Jesse davon abbringt, ihn zu verklagen – und stellt Jesse dafür wieder als Assistent ein! Aber lauert nicht dabei in seinem Hinterkopf der Gedanke, dass Gale vielleicht zu perfekt ist und irgendwann Heisenbergs Position usurpieren könnte, was es zu verhindern gilt?

Ein anonymer Anruf verhindert Hanks Tod. Hank wird, da er für seine Taten gerade stehen möchte, aus seinem Job entlassen und kann endlich seinen Emotionen und der Wahrheit freien Lauf lassen. Nachdem er bereits im Fahrstuhl tränenüberströmt in Maries Armen zusammenbricht, erzählt er ihr später alles über seine Panikattacken: „I’m just not the man I thought I was.“ „I think everything’s going to be all right“, sagt er dann zu Marie am Telefon mit einem Blumenstrauß in der Hand.

In der nächsten Minute stehen Marco und Leonel hinter seinem Auto. Ein Blutbad wird auf dem Parkplatz angerichtet, von dem die Cousins nicht verschont bleiben. Nicht allein die Axtabhängigkeit besiegelt ihr Schicksal, sondern auch ein kleines Detail, ein MacGuffin vom Anfang dieser brillant orchestrierten Episode! Und nun ist Marco, der damals in Don Salamancas Garten den Kopf von Leonels Puppe abriss, derjenige, dessen Kopf weggeblasen wird. Genauso wie unserer (im übertragenen Sinne) beim Betrachten dieser Episode.

 

Breaking Bad: Sunset (3×06)

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„Name one thing that is not negotiable“, sagt Walt (Bryan Cranston) zu dem Immobilienmakler, der ihm die Musterwohnung samt einem unglaublichen ABQ-Gemälde vermieten soll. Die Antwort ist: Ja, Walt! Es lässt sich nicht über die Tatsache verhandeln, dass Breaking Bad einfach ein Kunstwerk ist! Sunset ist Fernsehen zum Genießen – über die Grenzen von Moral und Poesie.

Nehmen wir das allererste Bild: Im Close Up sehen wir ein Schildchen an einem Autorückspiegel hängen, beschriftet mit „Homeland Security“. Durch die Bewegung des Autos verdreht sich das Schildchen und wir können die Rückseite betrachten. Dort ist ein Bild von vier Indianern mit Gewehren zu sehen und die Überschrift „Fighting Terrorism Since 1492“.

Zuerst dachte ich: was für ein gnadenloser Witz. Aber dann schneidet man auf den Fahrer des Polizeiautos: Der Polizist ist ein Einheimischer, ein Indianer. Hier kommt der Witz zur vollen Entfaltung und beweist, worin Breaking Bads Genialität liegt. Nicht nur in der herausragenden visuellen Erzählweise, sondern in der Ambivalenz, mit der erzählt wird. Sind die Indianer die Terroristen oder die Terroristenbekämpfer? Ist der Polizist stolzer amerikanischer Ureinwohner oder sarkastischer Staatsdiener? Nur dieser kleine Ausschnitt ist mehrere Seiten Überlegungen Wert.

Breaking Bad beschreibt Situationen und Figuren, aber was für eine Art der Beschreibung ist das? Nein, es ist keine realistische – kein einfaches Festhalten von Ereignissen, sondern eine „description without place“, wie es Wallace Stevens nennt. Sie ist typisch für Kunst und kreiert als Hintergrund des Beschriebenen einen eigenständigen einmaligen Raum. Die Ereignisse, die dort stattfinden, schöpfen ihre Wirkung auf uns nicht aus einer tatsächlichen Realität, der sie entspringen, sondern sie sind dekontextualisiert, sind ihre eigene Realität innerhalb unserer Wahrnehmung, sind die halluzinatorischen Sonnenuntergangsbilder von Breaking Bads ABQ.

Wenn Breaking Bads Orange immer „orangener“ wird, ist es Zeit für … Santa Muerte, aus dem Schatten der Gnadenlosigkeit aufzutauchen und, vor sich Heisenbergs Skizze tragend, hinter sich die Opfer einer glänzenden Axt zurückzulassen. Dass die Cousins axtabhängig sind, war uns allen schon klar, aber dass sie so weit kommen, ein Wort von sich zu geben, erfordert definitiv besondere Umstände.

Ein solcher Umstand ist die stundenlange Präsenz der beiden in Gus’ Restaurant, die Gus’ Frage provoziert, was sie wollen – die mit einem „You know!“ quittiert wird. „Sunset“ lautet Gus’ Versprechen. Breaking Bad hat nie viele Worte gebraucht, um viel zu erzählen und die Spannung bei den Zuschauern ins Unerträgliche zu treiben. Obwohl – ich finde, dass es sich nicht wirklich um Spannung im herkömmlichen Sinne handelt. Es ist eine Spannung, die in Paralyse mündet. Man starrt paralysiert die ABQ-Wüstenlandschaft an und fühlt sich wie das Paar Schuhe, welches im Teaser einer früheren Episode an dem Rohr baumelte.

Während Jesse (Aaron Paul) sich den guten alten Schuh der Meth-Produktion und -distribution zusammen mit Badger und Skinny wieder anziehen will, scheint für Walt ein neues Kapitel begonnen zu haben. In diesem Kapitel akzeptiert er, wer er ist: „I am the man that I am, and this just is what it is“, sagt er zu Walter Jr. „Call me crazy, but I’m actually feeling really good about the future.“ Und welcher Mann bist du, Walt?

Trickreich, wie die Serie ist, lässt man Walter zwar sein Dasein akzeptieren, aber immer noch nicht Jesses Punkt erreichen: Ich bin der Böse und ich akzeptiere es. Walt bewertet das eigene Dasein zu keinem Zeitpunkt, sondern verbringt die Episode im „Sunset“ der blau schimmernden Kühlschränke voller Meth, das er zusammen mit seinem neuen Assistenten Gale (David Costabile – Damages, The Wire, Flight of the Conchords) produziert hat.

Gale ist der zu perfekte Assistent, der die Chemie verehrt, Hochschulzeugnisse aufzuweisen hat, und den perfekten Kaffee kocht. Die Musik-Szenen mit ihm und Walt, als sie Meth kochen, zwischendurch Schach spielen und sich zum Abschluss – nach getaner Arbeit – ein Glas Wein und Walt Whitmans „When I Heard the Learn’d Astronomer“ gönnen, sind große audiovisuelle Klasse. Apropos audiovisuelle Klasse und Walt Whitman: Als Hank mit Marie telefoniert, berichtet er ihr, dass es mit dem Fall Jesse nicht weiter gehe. Sie meint, sie hätte eine Idee, wer ihm weiter helfen könnte. Auf die Frage „Who?“ erfolgt ein Schnitt auf ein Buch mit dem Cover „Walt Whitman: Leaves of Grass“ – gelesen von Walt. Sein Handy klingelt und Hank ist dran. Man kann nicht anders, als solche kleine audiovisuelle Feinheiten genießen!

Das Geniale an Sunset ist, Walts Anwesenheit auf zwei Hälften zu verteilen. Wie schon beschrieben, verbringt er die erste im neuen Labor – und die zweite im alten! Im RV, zusammen mit seinem alten Assistenten Jesse! Denn Hank folgt Jesse bis zum RV, den Walt auf den Schrottplatz bringen und verschrotten lassen will, eben damit Hank ihn nie findet. Die eigenen Spuren aus der Partnerschaft mit Jesse lassen sich aber nicht so schnell verwischen. Als Jesse Walt im RV zur Rede stellt, taucht Hank auf … und Jesse und Walt sind gezwungen sich in dem Wohnwagen einzuschließen.

Was folgt, ist Breaking Bad-Old School: Jesse und Walt zusammen im RV. „This is my own private domicile and I will not be harassed…Bitch!“, ruft Jesse in etwas abgewandelter Form die Worte, die Walt ihm zuflüstert, um Hank davon abzuhalten, den RV zu stürmen! Und sie schaffen ihn tatsächlich weg – aber um welchen Preis!

Noch nie war Hank so nah dran, seinen Schwager als Heisenberg zu entlarven. Und noch nie seit El Paso war Hank dem Tode so nah.

Santa Muerte – El Paso holt ihn wieder ein, denn die letzte Szene präsentiert uns Gus und die Cousins, die beim herrlichen ABQ-Sonnenuntergang Hanks Schicksal besiegeln. Hank als Zwischenmahlzeit, um die Mordlust der Brüder zu stillen… Die Lust nach weiteren Breaking Bad-Episoden ist definitiv nicht zu stillen!

Breaking Bad: Mas (3×05)

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„You think I have some overweening pride that clouds my judgment?“ Diese Frage stellt Walter (Bryan Cranston) Gustavo Fring, als er die Sache mit der Hälfte von Jesses Geld aufklären möchte. Und wie viele Fragen, die in Breaking Bad gestellt werden, trägt auch diese ihre Antwort bereits in sich. Das heißt nicht, dass Breaking Bad vorhersehbar wäre. Natürlich gingen wir davon aus, dass Walt früher oder später wieder kochen würde, aber die Genialität der Serie liegt darin, die schlechten Entscheidungen der Figuren nachvollziehbar zu gestalten – bzw. ihnen einfach keine andere Wahl zu lassen.

Obwohl: es bliebe immer die Wahl, sich selbst zu belügen: „No. I simply respect the chemistry. Chemistry must be respected“, führt weiter Walt fort. Das an sich ist keine Lüge: er respektiert tatsächlich die Chemie; aber sein Stolz speist sich unter anderem genau aus diesem Respekt, den Gus geschickt an die Oberfläche befördert und die Oberhand gewinnen lässt. Gus bietet Walt das perfekte Labor, die perfekten Arbeitsbedingungen, unter welchen Walt der Chemie Respekt zollen kann… und die zugleich ihm als Chemiker Respekt zollen.

Als weiteres As zieht Gus das Argument aus dem Ärmel, dass Walt schließlich als Mann und Vater Verantwortung trägt. Was er damit erreicht, ist nicht so sehr, Walt eine Entschuldigung zu liefern, sondern er lässt die Tatsache, dass Sky Walt mit Ted betrügt, für den Moment nichtig erscheinen. Damit hilft er ihm, darüber hinweg zu kommen, zu seiner Identität als unabhängiger Heisenberg zurück zu finden, der die Zügel wieder in der Hand hat, entscheiden kann und respektiert wird.

Für Walt ist das letzte Wort in dieser wie eine Verkettung von Gesprächen aufgebauten Episode Mas. Jesse hingegen bootet er mit einem „No Mas“ aus dem Geschäft aus und schiebt ihn so zurück zu einem Ausgangspunkt: der Tatsache, dass Jesse nicht wirklich ein „bad guy“ ist, obwohl er das glauben möchte. Die Problematik für Jesse (Aaron Paul) besteht darin, sein „Mehr“ zu finden – während Sky (Anna Gunn) mit Überraschung und vielleicht sogar Entsetzen feststellen muss, dass das „Mehr“, das sie von der Beziehung mit Ted bekommt, die Fußbodenheizung im Bad ist. Zu einem solchen „Mehr“ käme man freilich auch mit einer großen Tasche voller Meth-Geld, die in Walts Zimmer im gemeinsamen Zuhause liegt.

Habe ich „gemeinsames“ Zuhause gesagt? Muss an der brillanten, wortlosen Art und Weise liegen, uns Skys Konflikt und Entscheidung vor Augen zu führen. Zweimal in dieser Episode wird von ihren nackten Füßen auf Teds erwärmtem Fußboden auf ihre Hände geschnitten, die zu Hause den Tisch decken. Während sie das erste Mal zögert, den Teller für Walt hinzustellen, tut sie es das zweite Mal ganz automatisch – nachdem sie in der Badeinstellung ein Tuch unter die Füße gelegt hatte, um so der angenehmen Wärme zu widerstehen. Awesome! Umso beindruckender die Szene, in der Sky – in Gedanken dabei, das Beste aus dem Zusammenleben zu machen – Walts Zimmer betritt und es leer vorfindet: bis auf die unterschriebenen Scheidungspapiere!

Walt hat es wieder geschafft, die ganze Welt zu verdrehen, die jedoch unausweichlich mit aller Wucht auf ihn niederprasseln wird. Das metaphorische Versprechen, das Breaking Bad macht, sehen wir in der Szene, als Jesse in seiner Wut Walts Windschutzscheibe zerschmettert und damit deren Sprung nach dem Flugzugunglück wieder-holt. Schlechte Entscheidungen haben schlechte Konsequenzen. Ein „Nicht Mehr“ kann das gewünschte „Mehr“ verschwinden lassen.

So sieht etwa Hank sein „Mehr“ schwinden – dadurch, dass er nicht nach El Paso geht, sondern sein Partner. Aus diesem Grund ist es kein wirklicher Sieg, wenn er endlich die Verbindung zwischen dem Wohnwagen und Jesse herstellt. Im Teaser sehen wir in einer Rückblende, wie genau Jesse mit Combos Hilfe zu dem Wagen kam. Was nicht nur Hanks späteren Fund erklärt, sondern uns an die „schönen“ Zeiten der Zusammenarbeit von Jesse und Walt erinnert… und uns so dessen bewusst werden, wie viel dunkler Breaking Bad seitdem geworden ist!

Nicht vielen Serien gelingt ein Spagat zwischen Unerträglichkeit für die und Abhängigkeit der Zuschauer, der in pures Vergnügen einmündet. Breaking Bad wird zu seinem eigenen Thema: die Serie ist wie eine Droge. Durch die Dunkelheit, in der sie ihre Figuren tappen lässt, zerstört sie uns beim Zuschauen von innen und versetzt uns zugleich in einen ekstatischen Zustand. Ein Mehr-Genießen! Mas!!!

Breaking Bad: Green Light (3×04)

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Vielleicht ist es Einbildung, aber in dem derzeit besten Drama im Fernsehen, scheint jedes Detail (aber wirklich jedes) mit dem anderen in Verbindung zu stehen, wenn auch nicht auf dem ersten Blick und wenn des Öfteren auf einem höchst metaphorischen Niveau. Zum Beispiel, das Tempo, mit dem die Handlung vorankommt, ist alles andere als schnell. Sie ist sogar schleppend, langsam wie eine … Schildkröte.

Erinnern wir uns: „Tortuga“! Und die Serie referiert aus ihren vielen Untersichtperspektiven (Kamera filmt oft aus der so genannten Froschperspektive, aber bei Breaking Bad werden wir es ab jetzt Schildkrötenperspektive nennen) nicht nur auf die El Paso-Handlung und auf Hank (Dean Norris) hin, sondern auf sich selbst als Erzählung. Die Schildkröte ist schneller als der Hase, weil Breaking Bad gerade in der Langsamkeit die erzählerische Wucht entwickelt. Die Serie ist wie ein Buch, in dem man immer wieder zurückblättern kann und sich die Bestätigung holen, dass sogar jedes Bild (wenn auch so unwichtig) seine Bedeutung hat und nicht vergessen bleibt, sondern wie aus dem Nichts, sich uns zu einem bestimmten Zeitpunkt erschließt.

Fangen wir bei dem allerersten Bild in Green Light an: Aus der Untersicht wird die Wand einer Tankstelle gefilmt und rechts im Bild sind ein Paar Schuhe zu sehen, die an einem verrosteten Rohr hängen. Dann aus einer anderen Perspektive wird die komplette Wand gezeigt, sodass man einen Blick auf den Geldautomaten (ATM), der dort steht, bekommt. Zufällig? Nicht bei Breaking Bad! Hier haben jeder Gegenstand und jede Figur ihre Rolle. Apropos, Figur: Die Serie hat es gefühlvoll geschafft, Mike als Sauls Helfer, aber als Gus’ treuen Mitarbeiter einzuführen, der in dieser Episode mehrere Auftritte hat.

Es scheint so als würde er beruhigend auf Menschen wirken – „I like it“ (über seinen Job) – und sogar Saul wirkt in Mikes Anwesenheit für ein paar Minuten relativ still. Die Ruhe, die Mike ausstrahlt, wirkt beunruhigend, Guerrero Style (Human Target), genauso wie die Aufnahmen, die er Saul aus dem Haus der Walters bringt. Ich fand die Entscheidung der Autoren, uns zusammen mit Saul und Mike, Walts Reaktion auf Skylers “I.F.T” nur hören anstatt sehen zu lassen, absolut gelungen. Denn dadurch wirkt die tragische Hässlichkeit dieser Szene noch stärker, ohne dabei die Figuren eine Art bloßstellen zu müssen.

Dafür wird Hank bzw. seine Angst nach El Passo zurück zu gehen, in dieser Episode bloß gestellt, denn er legt sich weiterhin, genauso wie Walt, selbst die Steine in den Weg. Bei Hank sind die gleichen Selbsttäuschungsmechanismen am Werk. Er ergreift kurz vor Abflug nach El Paso, die Möglichkeit doch noch zu bleiben, indem er sich am einzigen Rettungsring, der ihm übrig geblieben ist, festhält: Heisenberg! Durch das Meth, das Jesse als Bezahlung der Tochter des Tankwarts andreht, ist der Heisenberg-Stoff wieder auf ABQs Straßen aufgetaucht. Und ob Walter es zugeben will oder nicht, ist „Heisenberg“ auch sein Rettungsring.

Oder bleibt ihm etwas Anderes übrig? Vielleicht ein Fikus, mit dem er Ted Beneckes Fenster zerschmettern kann? Walts mehrfache Ausraster in dieser Episode sind genauso tragisch, wie auch lustig. Er bekommt nicht mehr die Füße auf den Boden, genauso wie die Schuhe an dem Rohr! „I’m talking with Ted“, erklärt er der entsetzten Skyler (Anna Gunn), als er mühsam versucht die Pflanze hochzuhieven, um Beneckes Fenster zu zerschmettern. Anstatt ihn sich mit Ted prügeln zu lassen, beobachten wir Walts gescheiterten Versuch überhaupt an Ted zu gelangen, der wiederum sich in seinem Büro versteckt: Awesome!

Genauso wie die holprige Auseinandersetzung zwischen Walt und Saul, die durch Mike von ihrer Peinlichkeit erlöst werden. Aber damit ist Walks Amoklauf in dieser Episode nicht beendet. In einer den Atem anhaltenden (mehrere Sequenzen ohne Ton) Welt, gestört nur von den gelegentlichen unwichtigen Geräuschen wie dem Sausen des ABQ-Windes, ist der Chemielehrer Walter White außer sich. Er versucht als Walter White, Grenzen zu überschreiten, aber wird in die eigenen Schranken zurückgewiesen, wie in der Szene mit der Schulleiterin, die er versucht zu küssen und als Folge gefeuert wird.

Sehr geschickt werden die Figuren in Entscheidungen gedrängt, die schlecht sind und noch schlechtere Auswirkungen haben werden. Und so kommen wir zu der wichtigsten Szene in dieser Episode, dem Treffen zwischen Walt und Jesse (Aaron Paul). Langsam, aber sicher bringt die Serie die zwei Hälften des Koch-Duos wieder zusammen: „You’re good at a lot of things, son“, sagt Walt, als er versucht Jesse vom Kochen abzubringen. Aber dass Jesse es schon getan hat, sein eigenes Rezept benutzt – an dieser Stelle übernimmt Heisenberg die Oberhand und wir sehen ihn auf dieselbe Art und Weise sich fühlen und reagieren, wie bei der Geschichte mit Gretchen und Elliott, deren Erfolg auf Walts Arbeit basiert.

Heisenberg ist das Einzige, was Walt übrig geblieben ist. Dasselbe gilt für Jesse. Aaron Pauls Darstellung muss in dieser Episode hervorgehoben werden, denn seine Szene mit dem Mädchen an der Tankstelle ist ein Beispiel dafür, wie weit er und zu welchen Abgründen er die Figur tragen kann. Jesses stechend blaue Augen, die in dieser Szene hervorgehoben werden, sind leer, verträumt, aber gefühllos.

Und Skyler hat das Gefühl, dass mit jeder Episode immer mehr Menschen sie hassen. Ihr Gesichtsausdruck im Kopierraum sagt alles. Ist Ted Benecke der Ausweg? Der fließende Übergang aus dem Kopierraum und den Geräuschen des Kopierers zu den Sexgeräuschen aus Beneckes Schlafzimmer – den Sexualakt können wir nur als eine vage Spiegelung in den eingerahmten Fotos von Teds Kindern sehen – ist wieder einmal glänzende audiovisuelle Leistung des Breaking Bad-Teams. Genauso wie das letzte Bild, in dem alles wieder zu einem feinen Erzählpaket verschnürrt wird. Heisenberg hat grünes Licht!

Übrigens: Hat jemand das Teddy-Auge gesehen? Und wo sind die Cousins? Vermutlich kriechen sie auf dem Asphalt vor Walts Haus mit einem Stück Kreide in der Hand!

Breaking Bad: I.F.T. (3×03)

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Ich finde, dass Breaking Bads Teaser als perfekte Minisodes funktionieren können. In können wir ein Flashback genießen, der eigentlich einen gewaltsamen Tod zeigt, aber im Grunde eine wunderschöne metaphorische Inszenierung darstellt. Um in Breaking Bad als Drogenlord zu agieren, muss man begnadeter Rhetoriker und Mann mit Sinn für Dreiaktdramaturgie sein. In dem Teaser bekommen wir so viele wichtige Informationen, wie in manchen Serien innerhalb einer halben Staffel. Und trotzdem ist man sich als Zuschauer am Ende nicht wirklich sicher, wer Kontrolle über die Ereignisse hat und wer nicht.

Breaking Bad leistet Großartiges im Bereich der Destabilisierung von Figuren und der Etablierung von anderen. Und man lässt sie gleich wieder auf dem Seil tanzen und zeigt uns dabei ihr Unvermögen, Seiltänzer zu sein. I.F.T. ist eine Episode über den Versuch aller Beteiligte, die Kontrolle zu gewinnen. Schafft es Walt wieder die Kontrolle über seine Familiensituation zu bekommen? Oder Sky? Hat Gus genug „Kontrolle“ über das Kartell, um es davon abzubringen, Walter sofort zu erledigen? Hat der Kartellboss Juan aka „El Jefe“, den wir in dem Teaser kennen lernen, die Kontrolle über die beiden als „Cousins“ bekannten Killer?

Die beiden erweisen sich übrigens tatsächlich als Tucos Cousins. Und über Tucos Opa Tio erfahren wir, dass er der Ex-Drogenlord Don Salamanca ist. Man stelle sich vor, wie er zu seinen aktiven Zeiten war, wenn man diese Wut aus dem Rollstuhl emporsteigen sieht! Kann Hank (Dean Norris) die Kontrolle über seine Panikattacken bekommen? Oder Saul über Jesse, damit Jesse Walt dazu bringt wieder Drogen zu kochen? Was ist mit Jesse? Strebt er überhaupt nach irgendeiner Art Kontrolle? Ich würde sagen, nein. Aaron Paul schafft es in Jesses Verlust von jeglichem Halt im Leben brillant darzustellen.

Wie Jesse ständig Janes Mailbox anruft um ihre Stimme zu hören, ist herzzerreißend. Brillant finde ich die Art wie die Autoren mit dieser Episode einen Kreis geschlossen haben, um wieder von vorne anzufangen, diesmal mit einer neuen Prämisse: Alle wollen, dass Walt stirbt, vielleicht mit Ausnahme von Walter Jr. Die Serie gleicht einem Wagen, der langsam eine ferne Stadt erreicht, um festzustellen, dass auf ihn der ganze Weg wartet, den er schon hinter sich hat.

Der Weg für Walt ist, über Walter Jrs Liebe ein Bündnis gegen Skyler zu schaffen und im Haus zu bleiben. Für Hank, der von seinem Chef über eine erneute Versetzung (als große Wertschätzung von Hanks Diensten) nach El Passo erfährt und prompt Panikattacken bekommt, ist der Weg die Kontrolle zu gewinnen, indem er zwei unwichtige, aber physisch gesehen sehr große, Drogendealer zusammenschlägt. Sogar Gus scheint die Kontrolle zum ersten Mal nicht wirklich in seinen Händen zu haben. Wir erinnern uns, dass Walters Worten ihm gegenüber „No Mas“ lauteten und jetzt fordert ihn das Kartell auf, seine Geschäfte mit Heisenberg (Gus: „I don’t know him by that name.“) schnell zu Ende zu bringen, damit Don Salamanca zufrieden gestellt werden kann, indem Rache für Tuco genommen wird.

Man mag es sich nicht vorstellen, nicht nur was die Cousins mit der alten Frau getan haben, um das behindertengerechte Auto für Tio zu bekommen, sondern was sie mit Heisenberg tun werden. Denn Breaking Bad ist keine Serie, die ewig laufen kann, und schon gar keine, die ein Happy End haben kann. Ist das Treffen zwischen Gus (Gemüse aus der Plastikpackung), den Cousins, Tio und Juan nicht eindrucksvoll inszeniert – man muss nur auf die Kameraperspektiven achten! Aber vor allem in dieser Episode muss man auf Anna Gunns Performance achten und Walts Worten mit dem letzten Satz (der Sky gehört) der Episode, der gleichzeitig ihr den Titel gegeben hat.

Nachdem kurz vor Schluss Walt Sky die ganze Geschichte erzählt – ich hab alles für meine Familie getan -, kann man Skys Antwort, ihr Versuch wieder die Kontrolle zu gewinnen als eine Paraphrase und Kombination aus ihren und Walts Worten beschreiben:
„I did it for my family.
I fucked Ted.“

Breaking Bad: Caballo Sin Nombre (3×02)

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In unseren TV-Zeiten, da zahlreiche Serien ein Riesenensemble an Figuren brauchen, um komplexe und spannende Erzählungen zu kreieren, demonstriert Breaking Bad zum wiederholten Mal, warum derselbe Hauptdarsteller zwei Emmys in Folge bekommen kann und wie man mit wenigen Mitteln und einer Handvoll Figuren unter der brennenden Sonne New Mexicos grandioses Drama entfalten kann.

„Brennen“ ist in dieser Episode so etwas wie ein Codewort. Walters (Bryan Cranston) Augen brennen, angefangen mit dem Spray des Polizisten, dessen Befehlen er sich am Anfang der Episode widersetzt, und endend mit dem Shampoo am Schluss der Episode. Die Chemikalien suchen Walt heim, ob er sich nun weigert zu kochen oder nicht: nach wie vor ist Walt Breaking Bad! Man könnte die Episode auch The World according / responding to Walter White nennen, denn genau das passiert hier.

Walt kann sich nicht damit abfinden, dass die Welt auf seine Handlungen reagiert: in den meisten Fällen führen „böse“ Handlungen zu einem „bösen“ Echo. Was den Chemielehrer so sehr erschüttert, ist, dass die Welt seine Handlungen registriert hat und als „böse“ einstuft: Sein Tun war weniger schlimm, so lange niemand es so nannte. Die Produzenten von Breaking Bad fanden wieder einmal eine geniale visuelle Umsetzung für Walters Frust in der Szene, in der er die riesige Pizza aufs Garagendach schmeißt: „I can’t be the bad guy.“

Aber von allen Seiten richten sich Zeigefinger auf Walt – in Caballo Sin Nombre („Horse with No Name“ das Lied, das Walt am Anfang singt) vor allem der von Tio. Wir erinnern uns an Tucos geliebten Onkel im Rollstuhl, der, als wir ihn zum letzten Mal sahen, den Ausdruck „auf etwas scheißen“ gegenüber der US-Polizei in die Tat umsetzte: expressiv eben. Die zwei wortlosen, im Breaking Bad-Drehbuch als Cousins bezeichneten Mexikaner besuchen Tio im Altersheim und können nun auch noch mit Hilfe eines Ouija-Spiels folgende zwei Worte aus ihm herauspressen: Walter White. Tio, the angriest uncle in the world: sein Hass auf Heisenberg ist so vernichtend, dass sogar die Cousins beeindruckt sind. Szenen, in denen kein Wort gesagt wird, sind Breaking Bads Spezialität und Meisterleistung.

Übrigens: wenn die beiden Figuren (the Cousins) auch übertrieben und sogar surreal gezeichnet sind, so werden sie doch teuflisch gut präsentiert. Zuerst glichen sie in dem letzten Bild von No Mas zwei Dämonen, dem Feuer (des brennenden Trucks) entsprungen; jetzt tauchen sie in glänzenden neuen Anzügen bei Tio auf, um sich auf diabolisch-wortlose Art und Weise den Namen von Heisenberg zu holen. Es dauert nicht lange, bis sie in Walts und Skys Schlafzimmer mit einer neuen glänzenden Axt warten. Während Walt duscht und die beiden vor der Tür sitzen, betrachtet der eine das Teddy-Auge, das plötzlich in Walts Koffer auftaucht. Während der Teddy in der letzten Episode eine Art McGuffin spielte, ist dieses Auge eine Erinnerung – nicht nur daran, dass Walts Handlungen von der Welt „gesehen“, registriert werden, sondern auch an die Wahrheit, die Walt verkennt und nicht akzeptieren will.

Er und Jesse (dank Walt) verkörpern zugleich das Verdrängte ihrer Mitmenschen, ihrer Umwelt: man will sie ausblenden, aber sie kommen immer wieder zurück – nach Hause. In dieser Episode kehrt auch Jesse nach Hause zurück, indem er mit Sauls (Bob Odenkirk) Hilfe das Haus seiner Tante von seinen eigenen Eltern zum halben Preis erpresst. Jesse (Aaron Paul) ist zu dem geworden, was Walt aus ihm gemacht hat – und macht wiederum andere dafür verantwortlich, etwa seine Eltern, die ihn damals aus dem Haus warfen, so dass er in Janes (Krysten Ritter) Nachbarwohnung zog. Sehr schön sind in dieser Episode die beiden „Coming Home“-Momente inszeniert: Jesse hat die Schlüssel und marschiert unter den entsetzten Blicken seiner Eltern durch die Eingangstür rein, wohingegen Walt durch ein Loch kriecht.

Währenddessen zeigt Skyler (Anna Gunn) Ted Beneke (Christopher Cousins), wie er die Löcher in seinen Finanzbüchern stopfen kann. Skylers Isolation, vor allem aufgrund Walter Jr.’s Vorwürfen und Ablehnung, treibt sie auf den dunklen Pfad, den sie ihrem Noch-Ehemann so sehr übel nimmt. Einzige Rechtfertigung: sowohl emotional als auch finanziell bleibt ihr keine andere Wahl. (Und wie war das noch mal mit Walts Rechtfertigung? Wer übersieht hier was?)

Die Episode stellt folgende Frage: Wie lange kann Walt die Wahrheit übersehen? Die beiden stillen Mexikaner werden im letzten Moment irgendwie zurückgepfiffen, aber keine Frage: sie werden wiederkommen. Zwar haben sie bisher kein einziges Wort gesagt, aber sie sind die ultimative Verkörperung dessen, was Walt selbst verdrängt – und das zurückkommt und Walt heimsucht. Die neuen Breaking Bad-Episoden demonstrieren eindrucksvoll die Logik des Freudschen Phantasmas (Freud erläutert das anhand der drei Phasen von „Ein Kind wird geschlagen“). Übertragen auf Breakling Bad, würde die endgültige Phase in diesem Verdrängungsprozess lauten: Meth wird gekocht.

Aber sie hat zwei vorangehende Phasen. Die erste: Jemand kocht Meth! Die zweite (wahre) Phase: Ich koche Meth. Die dritte Phase, die endgültige Form des Phantasmas, neutralisiert das Subjekt (wer kocht?) zu dem unpersönlichen: Es wird Meth gekocht. Für Walt ist das (wahre) „Ich koche Meth“ traumatisch. Aus diesem Grund erfolgen die stetigen Bemühungen um Rationalität, aber das Verdrängte lässt sich nicht zudecken. Walt versucht seine Schuld und seinen Frust in dieser Episode wegzusingen, aber der besungene Heisenberg steht ihm im Weg.

Breaking Bad: No Mas (3×01)

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Ich kann die erste Episode der dritten Breaking Bad-Staffel folgendermaßen beschreiben und dann auch aufhören: Wunderschön! Allerdings es macht viel zu viel Spaß auch die kleinsten Details in den perfekt orchestrierten Bildern zu benennen und besprechen. No Mas heißt diese Episode. Nicht mehr! Nicht mehr Meth produzieren? Nicht mehr von Walt, seitens seiner Familie, hören wollen? Nicht mehr Heisenberg, seitens des mexikanischen Kartels, ertragen können? Nicht mehr vor dem, was man geworden ist, weglaufen können? Im Gegenteil: Bitte mehr davon!

Die von Vince Gilligan geschriebene und Bryan Cranston inszenierte Episode spielt nicht nur anhand des Titels wieder mal ein Wechselbad-der-Gefühle-Spielchen mit den Zuschauern, bei dem man „Nicht mehr“ sagen kann, aber es nicht will oder nicht meint, wenn man es sagt. Genauso wie Walter zum Meth-Kochen „nicht mehr“ sagt, aber ob er das wirklich meint?

Wie immer fasst man diese Problematik mit audiovisueller Brillanz in einem der allerersten Bilder der Episode zusammen: Walter fängt an, das ganze Geld neben seinem Pool im Grill zu verbrennen. Kurz davor erleben wir die komplette Berichterstattung über die 737-Tragödie aus den Augen Walts, denn in dem jetzt verlassenen Sessel, den wir durch die Kameraeinstellung eingenommen hatten, saß vorher Walt. Aber er kann das Geld doch nicht verbrennen lassen. Er löscht das Feuer mit seinem Bademantel, wirft alles in den Pool und springt selbst rein. Die Geräusche bzw. die Austauschgeräusche zwischen Geld und türkisem Wasser erinnern an die Geräusche aus Walts Chemo.

Breaking Bad ist eine Serie, die nicht nur großen Wert auf die Zusammensetzung der perfekten Geräuschkulisse für jede Szene legt, sondern auch auf die farbliche Inszenierung. Am Anfang der Episode haben wir das türkise Wasser von Walts Pool und das glühende und gleichzeitig schäbige Gelb der mexikansichen Wüste. Und in dieser Wüste ereignet sich Seltsames, bei dem zwei schweigende glatzköpfige Männer eine übergeordnete Rolle zu spielen scheinen. Bewundernswert im Vergleich zu anderen Produktionen, wie man die beiden Figuren die komplette Episode kein Wort sagen lässt, wir von niemandem eine Erklärung über sie bekommen und trotzdem wissen: Santa Muerte und das Drogenkartell.

Ja, wir begegnen den Figuren während sie zusammen mit anderen Menschen zu einer heiligen Stätte kriechen. Ja, kriechen ist hier buchstäblich gemeint. Es ist eine Art Pilgerreise, die mit dem Kult Santa Muerte zu tun hat. Die beiden steigen aus ihrem Mercedes, legen sich in ihren schicken Anzügen auf den Boden und kriechen wie die anderen mexikanischen Bauer. In der Heiligen Stätte, wo ein Skelett beschmückt mit Kerzen und Blumen den Heiligen Tod symbolisiert, hinterlegen sie ein Blatt mit dem skizzenartig gezeichneten Gesicht von Heisenberg. Ist damit Heinsenbergs Schicksal besiegelt? Ist das ein Versprechen? Ein Geschenk im Sinne nicht nur des Rituals, sondern des mexikanischen Drogenkartells?

In der Zwischenzeit betrauert die ABQ-Bevölkerung den (Heiligen) Tod von 176 Menschen bei dem 737-Unfall. Und nur einer kann es rechtfertigen: Walter White! Später in der Episode sagt er zu Jesse: „I blame the government!“ Vor der versammelten Schule redet er davon, dass man auch Gutes in der Sache sehen kann („Look on the bright side.“) – es hätten ja mehr Menschen sterben können, wie bei den anderen 53 Flugzeugunfällen! „737 over ABQ“ ist damit nur auf Platz 54. Also nicht so schlimm: „People move on. They just move on. And we will move on. We will get past this. Because that is what human beings do. We survive. We survive and we overcome.“

No Mas ist eine Episode über Walts Verarbeitung des Unfalls, der Schuld, die sich im Auge des rosa Teddys spiegelt, das Walt im Poolfilter findet und mitnimmt. Danach rollt ihm das Auge unters Bett, als es an der Tür seiner neuen Wohnung, in die er mit der Hilfe vom ratlosen Hank umgezogen ist, klingelt. Skyler (Anna Gunn) bringt ihm nicht nur die Scheidungspapiere, sondern auch die Schlussfolgerung über sein Verhalten und sein Tun: „You are a drug dealer.“ Walt: „Methamphetamin. But I am not a dealer. I manifacture.“ Man sieht an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie doch gehofft hat, mit ihrer Vermutung falsch zu liegen.

Stattdessen gibt es Walt zu und ihr bleibt nichts übrig als ihn mit diesem Geheimnis zu erpressen, damit er die Papiere unterschreibt. An dieser Stelle sieht man, warum Bryan Cranston ganze zwei Emmys bekommen hat: Seine Darstellung des verzweifelten Walts, der im Grunde genommen gar nicht versteht oder verstehen will, warum seine Frau ihn verlässt, ist grandios. Genauso grandios, wie jedes Bild in Breaking Bad. Ich liebe die kurzen Bildausschnitte, die auf den ersten Blick unbedeutend und zusammenhangslos erscheinen, aber für die Erzählung und vor allem die Stimmung sehr wichtig sind und immer wieder dazwischen geschaltet werden, wie das von dem Stückchen Polizeiabsperrband (gefilmt aus der Untersicht), das vom Wind den Bordstein entlang geweht wird.

Vom Winde verweht scheint Walter Jr. (RJ Mitte), dem keiner irgendwas erzählt, und der nicht nachvollziehen kann, warum diese Familienwelt, die mit Walts Genesungsprozess so heil zu werden verprach, jetzt auseinanderbricht und er von dem Vater, dem er anfing, Respekt entgegenzubringen, getrennt wird. Jesse wiederum „got it“. Er wird während seines Entzugs von der Vorstellung getrennt, die Welt und sich als heil zu betrachten, er akzeptiert sich selbst als „bad guy“. Und das ist es, was Walter nicht kann und will: „I am not a criminal“, sagt er zu Gustavo (Giancarlo Esposito), als er ihm mitzuteilen versucht, dass er aufhören will.

Genau an dieser Stelle (Min. 40:30) haben wir ein schönes Beispiel für Breakings Bads audiovisuelle Erzählkunst. Als die beiden reden, zeigt die Kamera sie vom anderen Tisch aus, so dass die beiden von der runden Stuhllehne getrennt zu sein scheinen, was ja Walts Worten entspricht. Aber gleichzeitig bildet diese runde Lehne einen geschmeidigen, fließenden Übergang zwischen den beiden, eine Art Brücke, die eher den Eindruck von Harmonie, Einigung, Verständnis als von Trennung vermittelt. Das Bild ist harmonisch und gerät zu keinem Zeitpunkt aus den “Fugen”.

So wie eins der letzten Bilder in dieser Episode, als das stille Pärchen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze einen Truck voller Menschen niedermetzelt, da ein Junge sie erkannt hat (als was?), und dann in die Luft jagt. Übrigens laut Produzenten wurde hier nicht mit CG gespielt und der LKW explodierte tatsächlich ein paar Meter hinter den Rücken der Schauspieler. Die brennenden Teile, die teilweise um die beiden herum fielen, wurden wirklich gefilmt und nicht hinzugefügt. Der Regie führende Bryan Cranston soll die beiden (gespielt von Luis und Daniel Moncada) gebeten haben, wenn möglich, nicht zu zucken, denn man würde die Szene nur einmal filmen können. Und sie haben nicht gezuckt. Da kann man nur sagen: Mein lieber Santa Muerte!

Bevor ich Euch die Bühne für Kommentare überlasse, eine Frage: Sind die beiden noch zu retten? Und damit sind nicht die Muerte-Typen gemeint, sondern Walt und Jesse. Diese Episode liefert die Antwort:

No Mas.


Breaking Bad: ABQ (2×13)

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Wenn man etwas über Erzähltechniken und Filmkunst lernen möchte, dann ist es wirklich nicht nötig, Tausende von Büchern zu lesen – einfach „Breaking Bad“ gucken! Bot die erste Staffel ein “stilles” Kammerspiel mit exzellenten Darstellern, das jeder Theaterbühne auf der Welt würdig war, so lieferte die zweite ein Emotions-, Erzähl- und Bilderfeuerwerk ab. Wenn man so will, ist die Serie einfach vollkommen. Sie zeigt uns Figuren- und Handlungsstrang-Entwicklungen, die mitzuerleben schmerzlich ist. Warum schmerzlich? Weil „Breaking Bad“ schwer zu ertragen ist. Und das ist nicht im Geringsten negativ gemeint. Die Serie entblößt die menschliche Seele und zeigt ihren “rohen Inhalt”, die „unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ (Kundera).

Schon in Verbindung mit „Supernatural“ hatte ich über das Schicksal geschrieben – und wie wir darauf Einfluss nehmen. And here it comes again … Das Schicksal hat einen denkwürdigen Auftritt in „Breaking Bad“s Finale („ABQ“). Endlich verstehen wir, was hinter all den Teasern im Laufe dieser zweiten Staffel steckt. Sie zeigten uns Bilder vom Ende: buchstäblich. Das heißt nicht, dass die komplette Serie am Ende stünde; sie ist vielmehr an einem Endpunkt angelangt. Der Höhepunkt eines Konflikts ist erreicht – und jetzt kann man das endgültige Finale, das laut Erfinder und Showrunner Vince Gilligan in Staffel vier zu erwarten ist, in Angriff nehmen.

Ja, das Schicksal macht ein deutliches Statement bezüglich Walts (Bryan Cranston) Entscheidungen. Denn wenn man sich über Erzählung als eine Verkettung von Ursache und Wirkung unterhalten will, dann bitte schön:

Walt ist in „Breaking Bad“ derjenige, der alles, aber wirklich alles, was geschah, in Gang setzt und zu diesem Ende bringt. Er macht Jesse (Aaron Paul) zu seinem Partner, was dazu führt, dass Jesse sein Haus verliert. Deswegen zieht Jesse neben Jane (Krysten Ritter) ein – und verliebt sich in sie.

Walt zwingt dann Jesse, den gemeinsamen Handel zu erweitern, was zu Combos Tod führt (verstörende Bilder, als ein Kind ihn erschießt!). Jane findet über Jesse zu den Drogen zurück, da sie ihm in seiner Trauer und seinem Entsetzen über Combos Tod nahe sein möchte – ihre Droge allerdings ist Heroin, das sie nun ihrerseits Jesse schmackhaft macht. Wieder ist es Walt, der, um Jesse zu wecken, Jane auf den Rücken rollt – und dann zusieht, wie sie an ihrem Erbrochenen erstickt.

Kurz davor hat sich Walt, ohne es zu wissen, an der Bar mit Janes Vater Donald (John de Lancie) unterhalten: über die Schwierigkeiten des Vater- und Onkelseins, wobei Walt von Jesse als seinem Neffen spricht. Offenbar nähert er sich der Rolle eines Ersatzvaters für Jesse: Dieses Gespräch bringt Walt dazu, noch einmal zu Jesse zu fahren, um mit ihm zu sprechen – Jesse, im Heroinschlaf, wacht nicht auf, und dafür lässt Walt Jane sterben, womit er das Elend seines “Sohnes” an Donalds Tochter rächt. Dass er ihm damit zugleich seine große Liebe genommen hat – Jesses Chance auf ein eigenes “Familienleben” – wird ihm erst später klar.

Die Trauer über Janes Tod führt dazu, dass Donald einen entscheidenden Fehler bei seinem Job als Fluglotse begeht: Zwei Flugzeuge stoßen über ABQ (Albuquerque) zusammen… und ein rosa Teddy fällt vom Himmel direkt in Walts Pool. Ja: genau der Teddy, den wir in etlichen Teasern halb verbrannt im Pool schwimmen sahen.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

– Übrigens war der Teddy bereits kurz in dem verlassenen Motel zu sehen, wo Walt den Deal mit Gus abwickelte (laut Gilligan war das einfach ein Scherz fürs Publikum). Genau der Teddy, der die gleiche Farbe wie Walts Pullover nach der Operation hat: Es dürfte jedem aufgefallen sein, dass Walt plötzlich seine grün-beigen Klamotten abgelegt hat und jetzt einen erdbeerrosa Pulli trägt – nebst einem Kinn- und Schnurrbart. Ein Zeichen der physischen Besserung – neben der wir im Laufe der zweiten Staffel seinen seelischen Verfall beobachtet haben: sein rücksichtsloses Beibehalten des “zweiten Lebens” als harter “meth cook” Heisenberg.

War „Breaking Bad“ in der ersten Season eine interessante Serie mit genialem Hauptdarsteller, so rückte in der zweiten die komplette Serie auf Bryan Cranstons Niveau nach – und heraus kam, wie schon gesagt, die derzeit beste Serie im Fernsehen. Ich betrauerte vor einer Weile die im Fernsehen fehlenden schonungslosen Cop-Serien wie „The Shield“ und „The Wire“ – und bekam als Antwort „Breaking Bad“.

Das ist zwar keine Cop-Serie, aber gnadenloser als jede solche. Parallelen zu „The Sopranos“ oder „Dexter“ liegen auf der Hand: „Breaking Bad“ handelt von einem Mann, der ein liebender Ehemann und Vater ist und gleichzeitig ein Krimineller, ein Monster. Die Serie erzählt von der menschlichen Fähigkeit, das Monströse zu rationalisieren: einer Eigenschaft, die zu den schlimmsten Ereignissen der menschlichen Geschichte geführt hat, wie dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust oder dem Genozid in Kambodscha. Alles nach dem Prinzip: “Sie hätten mich umgebracht, wenn ich nicht mitgemacht hätte.” In Walts Fall: “Ich hatte keine Wahl, sonst wäre ich gestorben und meine Familie verhungert.”

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Wir werden Zeugen von Walter Whites Bemühungen, rationale Erklärungen dafür zu finden, ein Monster bleiben zu können – ohne das “menschliche” Leben aufgeben zu müssen, was fast noch schlimmer ist. Denn in dieser zweiten Staffel geht es Walt gesundheitlich immer besser und seelisch immer schlechter: Sein fortschreitender Genesungsprozess entzieht ihm den Grund dafür, das zu tun, was er tut. Doch er macht trotzdem weiter und findet immer wieder neue Entschuldigungen für sich selbst: die anstehende Operation, die Gefahr eines Rückfalls…

Fakt ist: Seit er einmal von Heisenbergs Existenz “gekostet” hat, von dieser so ganz anderen männlichen Existenz, genügt ihm sein bisheriges Dasein als braver Familienvater einfach nicht mehr. Als Drogenbaron fühlt er sich lebendig, selbstbewusst, mächtig: als Mann. So kehren die „Breaking Bad“-Autoren die ursprüngliche Prämisse, die Walt sogar sympathische machte, um. Man bekommt den Eindruck, als hätte er im Zuge seiner Entwicklung zum Drogenboss deren eigentlichen Grund gefunden: Er hat alles für sich getan, um im Angesicht des Todes lebendig zu sein. Und genau das ist es, was ihn am Leben erhält: Wenn Walt die 737,000 Dollar zusammenbekommen hat, wird er einen neuen rationalen Grund finden, um noch mehr Geld machen zu “müssen”.

Als Ergebnis fällt ein rosa Teddy vom Himmel. Man hat sich gewundert und die Zuschauer haben viel darüber gerätselt, was die schwarz-weißen Teaser mit dem halb verbrannten rosa Teddy in Walts Swimmingpool eigentlich zeigen. Als Walt den neuen Boiler installierte, dachte man: das wird eine gewaltige Explosion geben. Dann aber – und in Verbindung mit dem (übrigens genialen) Narcocorrido-Musikvideo – konnte man auch vermuten, dass das mexikanische Kartell irgendwann die Nase voll haben würde von Heisenberg.

Nachdem schließlich Jesse und Jane (schon die Namensgebung ist hier absichtlich) zu einem unzurechnungsfähigen, drogenabhängigen Pärchen mutierten, vermutete man die beiden in den Leichensäcken. Dann wiederum bekamen Walt und Skyler (Anna Gunn) ihre Tochter, und uns beschlich der grausame Gedanke, dass es sich bei dem Teddy um ein Spielzeug des Neugeborenen handeln könnte… Nichts von alledem geschah – und nach den letzten „Breaking Bad“-Sekunden blieben mit Sicherheit alle Zuschauer mit weit aufgerissenen Augen und Mündern vor den Bildschirmen sitzen.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Dieser Finalcoup war von langer Hand geplant, wie Vince Gilligan in einem Interview für New York Star Ledger erzählt. Die Zahl 737 bezeichnet nicht nur die Summe (in Tausend), die sich Walt ausrechnet, um seine Familie abzusichern (737,000 Dollar), sondern sie hat zwei weitere Funktionen. Erstens ist sie das erste Wort eines Satzes, der sich aus der Kombination der Titel aller Episoden in der zweiten Staffel, die mit einem schwarz-weißen Teaser beginnen, zusammensetzt: Sie lauten „Down“, „Over“ und das Finale „ABQ“. Zweitens ist 737 die Bezeichnung für ein Flugzeugmodell, was auf den Flugzeugcrash hinweist. Das souveräne Spiel mit symbolisch-metaphorischen Verweisketten ist es, was „Breaking Bad“ so komplex und abgerundet erscheinen lässt. Ein Beispiel: Walts Meth wird aufgrund seiner blauen Farbe “Blue Sky” genannt. Seine Frau heißt Skyler, was mit Sky abgekürzt wird. Und Sky(ler) explodiert und verlässt Walt, bevor Minuten später auch der “echte” Himmel (sky) explodiert und auf Walter “fällt” (metaphorisch gesprochen). Am Ende dieser Staffel explodiert also tatsächlich alles: Walts Familienleben und der ganze Lügenballon, den seine Entscheidungen aufgebläht haben.

Nicht nur die Farbe des Teddys liefert eine Verbindung zu Walt (in seinem rosa Pulli): das Close-Up von dem sich im Wasser drehenden Plüschtier mit seiner heilen und seiner verbrannten, augenlosen Hälfte zeigt metaphorisch Walt selbst zu Staffelende: Die ein Hälfte seines Seins heil – und die andere schwarz, verbrannt. Welche welche ist, lässt sich kaum sagen: Zwar sitzt der Familienvater Walt unversehrt und genesend am Pool, während seine Heisenberg-Existenz aufgeflogen, die Heimlichkeit zerstört scheint. Doch umgekehrt gilt: Sein Familienleben liegt in Scherben – und sein Himmel, Sky(ler), will nichts von Heisenberg wissen, dessen Name nicht einmal fällt, der also noch immer “heil” und unversehrt bleibt: Der Himmel fällt auf Walt, nicht auf Heisenberg. – Die zwei neben dem Pool liegenden Leichen sind familienfremde Kollateralschäden – die Walt/Heisenberg jedoch letztendlich verursacht hat, indem er Janes Tod als Kollateralschaden in Kauf nahm.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

In der Szene, als Walter Junior (RJ Mitte) – “Flynn” – vor den Kameras über den Erfolg seiner SaveWalterWhite.Com-Aktion erzählt und beteuert, was für ein Held sein Vater sei („He’s just decent, and he always does the right thing, and that’s how he teaches me to be.“), kann man buchstäblich hören und sehen, welchen seelischen Schmerz Walt verspürt. Einer von vielen grandiosen Bryan Cranston-Momenten in dieser Staffel. – Übrigens: die Seite http://www.savewalterwhite.com ging nach der Premiere der Episode wirklich online und spendet das gesammelte Geld an die National Cancer Coalition.Es ist aber nicht nur Bryan Cranston, der sich hier einen zweiten Emmy erspielt, sondern der komplette Cast MUSS für einen Emmy nominiert werden.

Aaron Paul (Jesse) liefert eine großartige Leistung ab: Die Entwicklung, die Jesse von einem “bösen” Jungen zu jemandem, der nur lieben und geliebt werden möchte, durchmacht; seine Hilflosigkeit in der gnadenlosen Welt des Drogenhandelns; seine Liebe zu der ebenso “kaputten” Jane – all das nimmt man seiner zutiefst rührenden Performance ab.

Wenn man so will, durchlaufen Walt und Jesse ab dem Punkt ihres Zusammentreffens eine Entwicklung in die jeweils umgekehrte Richtung: Walt von “gut” zu “böse”, Jesse vom “bad boy” zum Opfer. Hank (Dean Norris), Marie (Betsy Brant) und Skyler (Anna Gunn) sind einfach eine geniale Besetzung dieser einfachen, aber auch genial gestrickten Geschichte. Nicht zu vergessen die Auftritte von Crazy-8 und Tuco. Die Geschichte um den letzten eröffnete wiederum die Bühne für Dean Norris’ grandiose Darstellung des traumatisierten Hank.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Da wir gerade bei Hank sind, muss man an die Szene in Hanks Office denken, als er seinem Team mitteilt, dass seiner Meinung nach Heisenberg noch “da draußen ist”. Kurz davor hat er die Spendenaktion für seinen Schwager angekündigt, indem er eine Spendendose mit Walts Foto hochgehalten hat: In dieser Sekunde nahm Walts Foto genau die Stelle an der Tafel ein, wo ein leeres, WANTED überschriebenes Bild Heisenbergs Platz kennzeichnet. Nicht nur in dieser Szene leistet das „Breaking Bad“-Team hervorragende kinematographische Arbeit. Man denke nur an die hypnotischen Close-Ups im schwarz-weißen Teaser und an die Galerie-reifen Aufnahmen aus der Wüste von New Mexico. Worauf in „Breaking Bad“ auch auffällig Wert gelegt wurde, ist das Sounddesign. Was wir hören, ist wirklich der Soundtrack von Walts Leben: die Geräusche vom Poolfilter, das Mischen der Zutaten fürs Meth, das gurgelnd-spritzende Eindringen der Chemo-Medikamente in seine Venen.

Seven Thirty-Seven Down Over ABQ.

Definitiv war „ABQ“ das beste Staffelfinale dieses TV-Jahres. Ein riesiges Dankeschön an Vince Gilligan und die „Breaking Bad“-Crew für dieses Kunststück, für diesen TV-Genuss, den uns die Serie bereitet hat.

Ich erwarte ungeduldig die dritte Staffel – aber, um es mit Tuco zu formulieren: „Heisenberg says: RELAX!!!“ Es ist beruhigend zu wissen, dass die Serie auf einem Kabelsender läuft und dadurch die Autoren die Freiheit haben, uns Zuschauer in aller Ruhe an unsere Grenzen zu führen. Sie arbeiten, laut US-Presse, in einem Raum, in dem es nicht einmal eine Uhr gibt: einfach nichts anderes außer einer Tafel und einem einzigen kleinen Fenster, das zu Burbank Airport schaut, wo Flugzeuge Richtung Himmel abheben…

Was wohl an der Tafel steht? Seven Thirty-Seven Down Over ABQ, yo!! – ?

Brillante Serie:
Bad things happening as a result of bad decisions.