Category Archives: Game of Thrones

Game of Thrones: Fire and Blood (1×10)

Standard

Unser Blick fällt in den ersten Sekunden des Game of Thrones-Staffelfinales auf die Klinge eines Schwertes, das den Bildschirm diagonal in zwei Hälften teilt. Die Kamera fährt weiter die Klinge entlang nach unten Richtung Spitze, und das Schwert wird blutig. Im extremen Close-Up tropft das Blut von der Spitze. So beginnt Fire and Blood: mit der Erinnerung an den großen Verlust der letzten Episode, an den Tod Ned Starks (Sean Bean).

Eigentlich könnte die Episode Blood and Fire heißen, denn sie beginnt mit Blut und endet mit Feuer. Wir verbringen die meiste Zeit (gefühlt) mit Dany (Emilia Clarke), die in den letzten Episoden den Aufstieg zur Macht und deren jähen Verlust erfahren musste. Nicht nur das: Sie verliert auch ihren Mann und ihr Baby, bevor sie im Finale dieser ersten Game of Thrones-Staffel aus der Asche der Verluste wieder aufsteigt – aber nicht wie ein Phönix, sondern wie ein Drache.

In ihrer ersten Szene in der Serie stieg Dany ins Wasser und beugte sich dem Befehl ihres Bruders, aber das Wasser konnte den Drachen in ihr nicht auslöschen. In meinen Augen hat ihre Figur in der ersten Staffel die größte Entwicklung durchgemacht. Emilia Clarke, eine Neubesetzung nach dem Anfang der Dreharbeiten, meistert Danys Weg sehr überzeugend. So steigt Dany am Ende der Staffel in ein Bad aus Feuer – nicht nur um zu überleben, sondern um sich endgültig von jeglicher Abhängigkeit rein zu waschen. Am Anfang der Staffel stand Dany nackt da, ausgeliefert einer Welt, in der die Männer die Entscheidungen für sie trafen.

Am Ende dieser ersten Staffel ist sie wieder nackt im Bild zu sehen, aber nicht allein – und niemandem mehr ausgeliefert. Es scheint so, als würde Westeros bald Dany und ihren Drachen ausgeliefert sein… Ja, Drachen! Ich hätte nicht erwartet, dass Game of Thrones die Drachen so früh ins Spiel bringt – und um so zufriedener machten mich die letzten Minuten. Ich weiß, es klingt nach Fanboy, aber das kommt dabei heraus, wenn die Serie so rundum gelungen alles zusammenführt, Versprechen einlöst und einen Ausblick auf kommende Ereignisse bietet. (Außerdem hat die technische Crew die Baby-Drachen richtig niedlich hinbekommen…)

In der Game of Thrones-Welt ist alles miteinander verbunden. Ganz egal, welche Entfernung zwischen den Handlungsorten liegt oder wie unwichtig persönliche Entscheidungen mancher Figuren auf den ersten Blick für den Gesamtverlauf erscheinen: Keine Tat bleibt verborgen; jede verbreitet sich über alle Lande mit dem raschen Schlag der Rabenflügel. Letztendlich stehen alle Figuren durch jedes Ereignis und durch jede Entscheidung in Verbindung miteinander, und das Schwingen eines Schwertes kann zum Aufeinandertreffen mehrerer solcher führen. Spontane Handlungen werden in dieser Welt bestraft.

Von Brans Fall über Catelyns Entscheidung, Tyrion gefangen zu nehmen, bis hin zu Joffreys Befehl, Ned zu köpfen: All dies löst zwar Kettenreaktionen aus, aber schlussendlich ist niemand ganz unbeteiligt an dem Schicksal, das ihm / ihr selbst oder Anderen widerfährt. Catelyns Entscheidung brachte Ned in Schwierigkeiten, aber seine eigenen noblen Entscheidungen kosteten ihn den Kopf. Jaimes und Cerseis Inzest (den sie jetzt auch mit Lancel fortsetzt) führte schließlich zum Krieg.

Und es ist nicht mehr ein Krieg zwischen zwei Familien, sondern ein Bürgerkrieg, in dem es um den Eisernen Thron geht.

Nach der Nachricht über Neds Tod nämlich wird Robb von seinen Leuten zum King of the North erklärt; er und Catelyn schwören einander, jeden Lannister zu töten, den es auf der Welt gibt, nachdem sie Sansa und Arya in Sicherheit gebracht haben. Übrigens scheint mir die Szene, in der Catelyn den verzweifelten Robb findet, der mit seinem Schwert auf einen Baum einschlägt, direkt mit der Szene zwischen Catelyn (Michelle Fairley) und Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) zu korrespondieren, als der die Götter hinterfragt (die Bäume, zu welchen die Menschen aus dem Norden sprechen). Wenn es nach Catelyn ginge, so wäre Jaime von keinen Göttern zu helfen. Aber sie braucht ihn: als Tauschmittel gegen Sansa und Arya.Währenddessen erkennt Tywin, in welche Schwierigkeiten ihn Joffreys Entscheidung manövriert hat, und schickt kurzerhand Tyrion als Hand of the King nach King’s Landing. In der kleinen Szene zwischen den beiden macht Tyrions Reaktion sichtbar, durch welches Wechselbad der Gefühle einzelne Familienmitglieder geschickt werden. Wenn man sich die erneut grandiose verbale Auseinandersetzung zwischen Littlefinger und Varys anschaut, kommt Vorfreude auf: auf den Zeitpunkt nämlich, da Tyrion in diese Schlachten einsteigen wird.

Während Arya Richtung The Wall geht – als „boy“ Arry mit kurzen Haaren, Yorens Anweisungen und all den „Boy“-Andeutungen aus den ersten Episoden gemäß -, steigt ihr Bruder Jon in eine andere Schlacht ein, die viel wichtiger ist als der Kampf um den Thron und Jons Begehren, sich Robb anzuschließen und Rache für seinen Vater zu üben. „When dead men, and worse, come hunting for us in the night, do you think it matters who sits on the Iron Throne?“ fragt Commander Mormont. Das eisige Gefühl, das aus der mit Weiß überzogenen Welt jenseits der Mauer emporsteigt, droht Westeros in naher Zukunft in tödliche Starre zu versetzen. Auf Westeros kommen Eis und Feuer.

Die zwei Handlungsstränge um Jon und Dany repräsentieren die beiden Gefahren für Westeros. Damit endet auch die Episode: mit einer Einstellung, in der Jon und die anderen Night-Watch-Ranger durch den Tunnel reiten und Dany in der Asche sitzt. Zum ersten Mal werden beide Handlungsorte in ähnlichen Farbpaletten präsentiert: ausgeblichen und mit Grau überzogen. Die zwei Farben, die aus diesen Handlungssträngen mit gnadenloser Sättigung Richtung Westeros funkeln werden, sind das Blau der White Walkers und das Rot der Drachenaugen.

Daenerys, Arya, Sansa und Catelyn: all diese Frauenfiguren erleiden große Verluste und erwachen zu größerer Stärke. Man sieht buchstäblich den Augenblick nahen, in dem Sansa (Sophie Turner) auf Rachegedanken kommt, und wenn es ihr Leben kosten sollte. So ergeht es auch Dany. Sie steigt in das Feuer, in welchem Drogo (von ihrer Hand aus dem Koma erlöst) und die Magierin verbrennen. Dany sieht sich mit dem Ergebnis einer schnellen Entscheidung konfrontiert: Sie rettete die Sklavin – und gab ihr damit die Möglichkeit, sich an Daenerys’ neuem Volk und seinem Anführer zu rächen für die Qualen und die vielen Toten, die sie hinterließen. „Death pays for life“, lauten ihre Worte.Dany überwindet den Schmerz ihres grausamen Verlustes und steigt aus dem Feuer zu neuer Macht empor: „I am Daenerys Stormborn of the House Targaryen, of the blood of old Valyria. I am the dragon’s daughter and I swear to you that those who would harm you will die screaming.“ Die Drachen auf ihrem Schoß und auf ihrer Schulter stoßen Schreie aus, wie kleine Babys – doch zugleich sind es Schreie, bei welchen das Blut gefriert…

Advertisements

Game of Thrones: Baelor (1×09)

Standard

Komplette Dunkelheit. Sie wird nur von leisen Atemzügen unterbrochen. Man ahnt sie zunächst nur und muss sich anstrengen, um sie wahrzunehmen – nicht sicher, ob sie aufgehört haben oder nicht. Hat die Episode schon angefangen? In Baelor fallen Anfang und Ende an dem Punkt der Erkenntnis zusammen, dass Game of Thrones genauso gnadenlos mit seinen Zuschauern umspringt wie das Leben mit den Figuren in der fiktionalen Welt, über die die HBO-Serie erzählt.

Baelor führt Game of Thrones hinauf zu tragischer Erhabenheit. Die Episode ist ein Atemzug, ein Augenblick, in dem man vor einer unmöglichen Wahl steht. Es gibt keinerlei Garantie bezüglich der Konsequenzen dieser Wahl. Wird sie sich als richtig oder als falsch erweisen? Und welchen Preis gilt es zu zahlen? Die Unmöglichkeit einer solchen Wahl steckt genau in diesem Preis: darin, sich jede Entscheidung, ganz egal ob richtig oder falsch, für den Rest des Lebens auf die Schultern laden zu müssen, sich selbst möglicherweise nie verzeihen zu können.

Soll Jon Snow seinem Bruder und Winterfell zu Hilfe eilen im Krieg gegen die Lannisters und dabei vermutlich sein Leben verlieren – oder soll er bei The Wall bleiben, bei seiner neuen Familie, mit der er gegen einen viel schlimmeren Gegner antreten, vielleicht gar das Ende Westeros’ abwenden muss? Soll Dany sich selbst und ihr Kind retten oder an der Seite ihres sterbenden Mannes bleiben? Viel schlimmer: Soll er gerettet werden oder ihr Ungeborenes?

Was machen solche Entscheidungen aus dem betroffenen Menschen? Einen Verräter? Einen Helden? Was nutzt es aber, ein Held zu sein, wenn man tot ist? Was nutzt es den zweitausend toten Soldaten von Robb, wenn man Heldenlieder auf sie singt? Das Tragische einer Entscheidung besteht darin, dass zwischen zwei Verantwortungen zu wählen ist, zwei an sich “guten”, positiven Werten bzw. Handlungsmöglichkeiten: Es ist nicht die eine gut, die andere schlecht; das wäre eine leichte Entscheidung. Entscheidungen mit tragischer Schwere lassen den Betroffenen, der sich entscheiden muss, an der jeweils anderen Möglichkeit zum Verräter werden, zum Schuldigen – ob er will oder nicht: Die Schuld ist unausweichlich. Um solche tragischen Konflikte kreisen schon die Heldentragödien der griechischen Antike.

Ned Stark atmet ein und aus. Dazwischen befindet sich der Rest der Episode, der sich auf Jon Snow, Dany, Tyrion und den Krieg zwischen den beiden Familien Stark und Lannister konzentriert. Nach King’s Landing kommen wir nur für diejenigen Atemzüge, die uns den Abschied von einer zentralen Figur der Serie bringen. Aber bevor wir uns dem Anfang und dem Ende der Episode widmen, müssen etliche Szenen aus dem Dazwischen hervorgehoben werden.

Game of Thrones versteht sich meisterhaft darauf, Enthüllungen klein zu halten, sie unauffällig der Erzählung beizumischen. Es erweist sich, dass Dany doch nicht die letzte der Targaryens ist: Der Maester of the Citadel ist niemand anders als Aemon Targaryen, der damals den Eisernen Thron hätte beanspruchen können, sich aber für The Night Watch entschied. War diese Entscheidung richtig? Was wäre passiert, wenn The Mad King nie auf dem Thron gesessen hätte? Das Leben mehrerer Leute hätte eine komplett andere Wendung genommen. Eine bessere? Das eben weiß man nicht.

Aemon, den die Nachricht vom Krieg erreicht hat, erklärt Jon Snow, dass er vor einer ähnlichen Wahl steht, die ihm niemals die Gewissheit bringen wird, richtig gehandelt zu haben. Gehen oder bleiben? Jorah Mormont ging nach Übersee, fort von seinem Vater Commander Jeor Mormont. Das Schwert mit dem Wolfskopf am Griff sollte ursprünglich Jorah gehören; nun aber erhält es Jon – als eine Ehrengabe von Jeor, dem er das Leben rettete.

Jorah allerdings kann mit jedem Schwert umgehen; das stellt er gegen einen der rebellischen Dothraki-Krieger unter Beweis, indem er Dany verteidigt. Danys Befehlsgewalt schwindet genauso dahin wie das Leben Khal Drogos. Bisher lauerte die Magie am Rand der Game of Thrones-Welt, aber wie wir in dieser Episode sehen, existiert sie und greift nun ins Geschehen ein: Die Sklavin, die Dany in The Pointy End rettete, kann Drogo nur mit Hilfe eines Zaubers helfen. Dieser aber erfordert Blut: das Blut von Khal Drogos Pferd.

Als bei Dany durch den Schlag des Dothraki-Kriegers verfrühte Geburtswehen einsetzen, braucht auch sie die Hilfe der Magierin. Jorah trägt Dany in das Zelt, das während des Zaubers nicht betreten werden sollte und aus welchem entsetzliche Geräusche zu hören sind. Sie werden immer lauter, als sich Jorah dem Eingang nähert – und dann verdunkelt sich der Bildschirm. Anstatt unter Jorahs Schutz wegzureiten und Drogo sterben zu lassen, blieb Dany (und Jorah mit ihr). War dies die richtige Entscheidung, oder führt sie nur auf einem längeren Weg zum selben Ergebnis?

Auch Robb muss einen hohen Preis entrichten für seinen ersten Sieg gegen die Lannisters. Er opfert zweitausend Soldaten, um Tywin abzulenken, während er mit dem Rest seiner Armee Jaimes Truppen zerschlägt und ihn gefangen nimmt. Aber das ist nicht alles. Catelyn muss Walder Frey, einem weiteren “verrückten” Herrscher, Hochzeiten zwischen ihren und seinen Kindern versprechen, um für Robbs Armee Zugang zum anderen Flussufer zu erwirken. „Well, one of those girls appears to have all of the right parts in working order“, beruhigt Catelyn Robb im trockenen Winterfell-Humor.

Auch Tyrion Lannister war, wie wir erfahren, verheiratet – und von ganzem Herzen verliebt. Tyrion und Bronn sind tatsächlich ein ungleiches Paar, das ein Spin-Off verdient hat und jede Minute Screentime in Gold verwandelt. In dieser Episode stößt eine Frau dazu, das “leichte” Mädchen Shae, das aber längst nicht so leicht ist, wie man / Tyrion denkt. Nicht nur funktioniert die Chemie zwischen ihr und Tyrion sowie Bronn von der ersten Minute an, sondern es umgibt sie ein geheimnisvoller Schleier, der gelüftet werden möchte.

Interessanterweise wird hier jedoch zuerst Tyrions Schleier zur Seite gezogen; sein Wahrheitsspiel geht anders aus als geplant: Er kann Shae nicht “lesen”, so dass wir stattdessen einen Blick auf Tyrions eigene sensible Seele werfen und erfahren, wie seine Familie ihm eine immer noch blutende Wunde verpasst hat. Daher also Tyrions Wahl, im Leben keine Wahl zu treffen, keinen großen Schritt zu machen? „Stay low“, sagt Bronn vor der Schlacht zu ihm. Abgesehen von der Ironie dieses Ratschlags beschreibt er Tyrions Wahl exakt. Aber für wie lange? Denn jede Wahl kann früher oder später den letzten Atemzug bedeuten – auch die Entscheidung, der Wahl auszuweichen.

Ned Stark (Sean Bean) bleibt nun keine Wahl mehr. Zwar ist Ned nicht die Hauptfigur der Erzählung, aber die Zuschauer sind ihm seit den ersten Minuten verbunden gewesen: durch seinen Blick auf das Leben in Westeros. Sean Bean stand außerdem im Zentrum jeder HBO-Promotion und am Anfang der Serie auch mit seiner Serien-Familie im Zentrum der Erzählung; sein Tod ist ein trauriges, aber kein plötzliches Ereignis. Wie kaum eine andere Serie der letzten Jahre verschiebt Game of Thrones geschickt den Blickwinkel und verschreibt sich niemals nur einem Erzählzentrum.

Die Figuren atmen ein und aus, aber es besteht Ungewissheit darüber, wann für eine jede der letzte Atemzug kommt: das Ende, der komplette Stillstand. In der Szene mit Varys am Anfang der Episode (wieder einmal eine großartige Leistung von Conleth Hill!) wird Ned zum letzten Mal vor eine Wahl gestellt. Eigentlich aber hat er sie schon vor langer Zeit getroffen und steht jetzt vor den Konsequenzen: „But I grew up with soldiers. I learned how to die a long time ago.“ Wie die aufflackernde Flamme, die uns über die Angst vor einem Stillstand hinweg zu einem Close-Up von Ned Starks Gesicht führt, bringt Game of Thrones Hoffnung, die sich jedoch als trügerisch erweist.

Als in The Great Sept of Baelor über Ned gerichtet wird, sieht er seine Tochter Arya (Maisie Williams) in der Menge und entscheidet sich, seine Ehre und seine Würde wegzuwerfen und Joffrey zum König zu erklären, damit er seiner Familie zuliebe am Leben bleiben kann. Doch auch Joffrey hat längst eine eigene Wahl getroffen, zum Entsetzen sogar seiner eigenen Mutter: Er lässt Ned köpfen – seine Selbstverleugnung war vollkommen nutzlos für Ned, hat aber Joffrey größtmögliche Befriedigung verschafft. Dank Yoren wird Arya der Anblick erspart. Uns teilweise auch – aber die Exekution schmerzt auf auditiver Ebene. Sie ist ein Echo der ersten Sekunden. Wir sehen die Menge aus Neds Perspektive, aber plötzlich ist nur noch sein Atem zu hören. Ein und aus. Letzte Atemzüge.

Kurz vor dieser finalen Szene sahen wir Arya auf King’s Landings Straßen einem Vogel den Hals umdrehen: Sie ist hungrig und braucht Nahrung, um zu überleben. Neds Flügel sind schon gebrochen, der Kampf ums Überleben verloren. Ein letzter Blick Richtung Menge: Arya ist nicht mehr zu sehen neben Baelors Statue. Yoren aber hat sie aufgehalten, bevor sie mit Needle die Szenerie stürmen kann. „Not today!“Als Neds Kopf fällt, schaut Arya nach oben in den Himmel. Nun hören wir ihre Atemzüge. Sie beobachtet eine Schar auffliegender Vögel. Man muss hoch und geschickt fliegen können, um in dieser Welt nicht den Kopf zu verlieren.

Game of Thrones: The Pointy End (1×08)

Standard

Am Ende dieser Episode befinden wir uns im Thronsaal von King’s Landing. Die Kamera filmt das Geschehen von Joffreys Position aus, vom Eisernen Thron. Sie ist hinter seinem Rücken, hinter dem Thron, denn Joffreys Rücken ist nicht groß genug, um ihn auszufüllen. Er sitzt zwar da, verfügt aber nicht über die Macht, die mit dem Thron einhergeht. Viele Kandidaten hätten breitere, geeignetere Rücken. Die Kamera gleitet langsam hinter den eisernen Spitzen des Throns nach unten in die Dunkelheit, die dann den Bildschirm ausfüllt, bevor die Credits laufen.

Hell und Dunkel. In der Game-of-Thrones-Welt sind Oppositionspaare nicht das, was sie sein sollten, und lassen sich nicht in Gut und Böse übersetzen. Der weiße Winter bringt Dunkelheit mit sich, aus der Geschöpfe hervorkommen, die besser im Dunkel des Todes bleiben sollten. Doch sie kommen ans Tageslicht und finden nur im glühenden Feuer Endgültigkeit: die Zombies mit den blauen Augen, die aus den von ihnen getöteten Menschen die White Walkers machen. Das Erwachen eines Alptraums wird in dieser Episode mit einem weiteren Kameraschwenk symbolisiert, als Sam zu den anderen Männern der Night Watch folgende Worte spricht: „I hope the wall’s high enough.“ Kurz davor hat Jon Snow in den Räumen des Commanders einen Zombie getötet.

Nach Sams Worten schwenkt die Kamera an der Wand entlang in die Höhe. Immer höher und höher, bis das Bild mit glühendem Licht überflutet wird, welches die schneeweiße Oberfläche zurückstrahlt. Genauso wie die Eskimos Hunderte Wörter für Schnee und Eis kennen, um die nur für sie erkennbaren Unterschiede zu bezeichnen, spielt Game of Thrones mit unterschiedlichen Schattierungen der Entscheidungen seiner Figuren. Nichts ist endgültig richtig oder falsch, denn es gibt keine Messlatte, über die man springen könnte. Nur das Überleben zählt. Und dieses ist bei keinem gesichert.

Über die Klinge kann jeden Moment jeder springen: Nichts ist hoch oder niedrig genug, hell oder dunkel genug, um den Menschen vor sich selbst, vor den eigenen Entscheidungen zu schützen. Game of Thrones verurteilt nicht, sondern präsentiert die Entscheidungen seiner Figuren und lässt den Zuschauer richten – und verwickelt auch ihn damit in ein Spiel, das er nicht gewinnen kann. Die Zuschauer sitzen einfach nur da und zittern um die von ihnen geliebten Figuren.

The Pointy End ist die Spitze des Eisbergs in jedem Sinne. Sie ist die Höhe, die in der Sonne die eigene Schönheit preist und alle blendet – so dass sie blind werden für die tödliche Schärfe ihrer Spitze. George R.R. Martin selbst hat die Episode geschrieben, in meinen Augen die bisher beste der Serie. Martin lässt hier, im Vergleich zu den vorherigen Episoden, eher die tödlichen Schwertspitzen sprechen als die Zungen. Die Ausnahmen bilden natürlich die Schwertkampf-Untauglichen: Bran, das Kind, das mit der Wilden spricht, Sam, der Feigling, der ein wichtiges Ergebnis seiner Buchlektüren mitzuteilen hat und dafür Anerkennung findet, und natürlich Tyrion, der „half man“, der das Schwert schon immer durch seine flinke, verführerische, schlagfertige Zunge ersetzt hat.

The Pointy End präsentiert die Konsequenzen der “Zungenarbeit”, der vielen Dialoge und Monologe bisher. Das aber bedeutet noch immer keine klaren Entscheidungen, keine Endgültigkeit (es gibt immer eine Zombie-Möglichkeit!), „no clear cut“. Jede Wunde ist schmutzig, sie schmerzt und hinterlässt böses Blut. Zwei Familien, die Starks und die Lannisters, brechen in den Krieg gegeneinander auf und ziehen alles, was im Weg steht, mit hinein in den Dreck. Ganz klar führt Martin uns Zuschauern vor Augen, dass ein solcher Krieg keinen Glamour mit sich bringt, sondern nur Tod – und dass jede/r nur versuchen kann, dem Tod zu sagen: „not today“.

Aber The Pointy End erzählt nicht nur von der tödlichen Spitze, sondern auch von der Hand, die den Griff des Schwertes hält. Joffrey, Dany, Robb, Lysa, Varys und Shagga befinden sich in der Machtposition, Gnade zeigen und anderen helfen zu können, aber wie richtig können ihre Entscheidungen sein – und wie falsch? Was wird überwiegen – die Schwere des Griffs oder die Leichtigkeit der Spitze?

Eine Menge geschieht in dieser Episode, und sie versetzt uns an jeden Handlungsort, was vor dem Hintergrund der letzten Episoden untypisch erscheint. So entsteht nicht nur ein Eindruck der Mannigfaltigkeit dieser Welt, sondern sie steigt als ein geschlossenes Ganzes empor, in dem sich die Ereignisse überschlagen. Die Szenen wechseln wie die sich drehenden Ringe aus dem Vorspann. Nichtsdestotrotz schafft es die Serie, sich Zeit für ihre Figuren zu nehmen und sie sich entfalten zu lassen – auch wenn es innerhalb einer kurzen Szene geschieht. Nehmen wir nur die zwei kurzen Auftritte von Ned Stark in dem königlichen Verließ: Die Gebrochenheit seiner Figur spielt Sean Bean genauso exzellent und unaufdringlich, wie das Produktionsteam die Szene selbst inszeniert, in spärliches Licht getaucht, das die Schatten des Unausweichlichen auf Neds Gesicht tanzen lässt.

Getanzt wird in dieser Episode in zwei Szenen, mit unterschiedlichem Ausgang für die Tänzer. In einer Episode, die mit blutigen, tödlich glänzenden Klingen arbeitet, verzichten Syrio Forel und Khal Drogo in ihren Auseinandersetzungen interessanterweise darauf. Forel kämpft mit seinem Holzschwert und Drogo mit bloßen Händen. Dany wird als erste mit den Konsequenzen ihrer Entscheidung konfrontiert, als Drogos Leute ein Dorf plündern, Sklaven nehmen und sich darauf vorbereiten, die Frauen zu vergewaltigen. Drogo braucht finanzielle Mittel für die Fahrt nach Westeros – und das bringt Kollateralschäden mit sich. Dany aber setzt sich furchtlos für die Frauen ein, was einem von Drogos Männern missfällt.

Noch immer nimmt Drogo „the moon of my life“ in Schutz, sichtlich beeindruckt von ihrer „fierceness“ und abfällig gegenüber der Beschwerde: „Go stick your cock into something else!“ Magos Aufbäumen gegen das Königspaar endet mit einer durchgeschnittenen Kehle und einer mit Drogos bloßer Hand herausgerissenen Zunge. Das Bild von Drogos Hand mit der Zunge, so sehr es Manche verstören mag, trifft eine symbolische Aussage: Wer nicht die passenden Worte auf der Zunge hat, verliert diese. Gleichzeitig demonstriert es die Änderungen innerhalb der sozialen Ordnung der Dothrakis und die wachsende Beziehung zwischen Dany und Drogo.

Einer anderen Beziehung wird in dieser Episode ein trauriges Ende gesetzt. Wir sehen, wie Syrio mit Arya übt und sie belehrt: „Watching is not seeing, dead girl.“ Ab dem Moment, als Lannisters Leute hereinstürmen, ist Arya ein “dead girl walking”. Sie sieht zunächst, wie Syrio, tänzerisch und nur mit einem Holzschwert bewaffnet, die Angriffe meistert (grandiose Choreographie wieder einmal), nur um dann sein Schwert bis zum Heft abgeschnitten zu bekommen. Ohne Klinge ist die Hand, die den Griff hält, machtlos. Sehr schön übernimmt man diesen Moment als den letzten, in dem wir Syrio sehen.

Man zeigt seinen Tod nicht – er huscht nur wie ein Schatten an der Wand entlang, zu der die fliehende Arya schaut. Arya kann „Not today“ sagen, aber sie beendet auf ihrer Flucht ein anderes Leben, um selbst zu überleben: Als sie zwischen den toten Stark-Leuten ihr Needle sucht, wird sie von dem Stalljungen belästigt und bohrt ihm Needles Spitze in den Bauch. Diese Spitze beendet Aryas Kindheit und lässt uns vermuten, dass Needle im Zuge ihres Überlebenskampfes weitere Opfer fordern wird: Auch Aryas Krieg hat begonnen.

Wer wird den kommenden Krieg gewinnen – und wer wird ihm zum Opfer fallen? Catelyn Stark sagt ihrem Sohn Robb, der sich aus der Not zum Anführer der Kräfte des Nordens erheben muss, dass sie sich nicht erlauben können zu verlieren. Seine Entscheidung, mit dem Schwert zu antworten auf den Ruf des Königshauses, Joffrey als König anzuerkennen, kann verheerende Konsequenzen haben, genauso wie der Entschluss, den Lannister-Spion mit Informationen zurück zu Tywin laufen zu lassen. Aber vielleicht hat er ein As im Ärmel – so wie Tyrion Lannister, der das „not today“ mittlerweile verinnerlicht hat (wie gesagt: er trägt es auf der Zunge, nicht auf der Klinge).

Vor dem letzten Tanz kann sich Tyrion bewahren, als Bronn und er von Wildlingen im Wald überfallen werden. Der Anführer fordert Bronns Tod – und: „Take the half man. He can dance for the children.“ Tyrions Vorstellung von dem Tag, an dem er dem Tod “today” sagen kann, lautet folgendermaßen: „In my own bed, at the age of 80, with a bellyful of wine and a girl’s mouth around my cock.“ Tyrion will überleben, um jeden Preis, und schließt einen Pakt mit der Horde. So kann er mit den neuen Verbündeten zu seinem Vater zurückkehren. Bronns Vorstellung vor Tywin ist übrigens zum Totlachen: „This is Bronn, son of…“ – „…you wouldn’t know him.“

Tywin informiert seinen Sohn über die letzten Ereignisse, bevor sie (Tyrion gezwungenermaßen) in den Krieg gegen Winterfell ziehen. Ist aber die Entscheidung des Krieges wichtiger als das gleißende Weiß des Winters, der Westeros bald mit Dunkelheit überziehen und alle Zungen einfrieren lassen wird? Nun, in Game of Thrones ist „watching not seeing“…

Game of Thrones: You Win or You Die (1×07)

Standard

Der King ist tot, es lebe der King! Aber welcher? Joffrey? Einer von Roberts Brüdern? Vielleicht sogar Ned? Game of Thrones erreicht mit dieser Episode den Punkt, an dem sich die seit langer Zeit geplanten Züge auszahlen. Wer agiert, gewinnt – und wer nur reagiert, verliert. Um es viel passender mit Cerseis (Lena Headey) Worten auszudrücken, die der Episode ihren Titel geben: „When you play the game of thrones, you win or die.“ Es gibt kein Dazwischen, keine Lösung, die für alle gut wäre.

Geschickt baut Game of Thrones jede Episode nach der Titelmelodie und dem Vorspann auf. Damit ist nicht nur der Inhalt gemeint, sondern auch die Gefühlsebene. Die HBO-Serie spielt auf den unterschiedlichen Saiten der Zuschauergemüter wie die Celli im Vorspann. So wie die Handlungsorte wechseln, wechselt auch der Fokus auf bestimmte Figuren und damit die Atmosphäre der gesamten Episode: Figuren wie Arya oder auch Tyrion, die zwar Nebenhandlungsstränge bilden, aber mittlerweile feste Plätze in den Herzen der Zuschauer erobert haben, tragen gewisse Stimmungen mit sich. Ihr Fehlen wirkt sich nicht auf die Qualität der Episode aus, auf ihre Atmosphäre jedoch allemal. Wir sprechen hier von kleinen, kaum spürbaren Veränderungen und Verschiebungen; mit ihrer Hilfe aber entwickelt Game of Thrones seine erzählerische Wucht.

You Win or You Die steckt voller Bedrohung, voller dunkler Wolken, die sich zu einem Schneegewitter zusammenbrauen. Auch die siebte Episode setzt auf mehrere Monologe, welche einerseits Figurengeschichten präsentieren, andererseits die Handlung vorantreiben. Während wir einen Blick hinter die Kulissen in Littlefingers Kopf werfen dürfen (und in derselben Szene auf eine Menge nackter Haut), hören wir in einer anderen Szene Khal Drogos offene Kriegserklärung an Westeros. Beide wissen, wer sie sind und was sie wollen. „And only by admitting what we are can we get what we want“, sagt Littlefinger.

You Win or You Die baut sich im Grunde um den Kontrast zwischen denjenigen Figuren herum auf, die wissen, wer sie sind – Cersei, Littlefinger, Khal Drogo, Tywin Lannister – und denjenigen, die sich nur vormachen, es zu wissen: Ned, Jon Snow, Jamie Lannister und Theon Greyjoy. Cersei will Joffrey auf dem Thron sehen, ihr Vater will ewigen Ruhm für das Lannister-Haus, Drogo will Westeros und Littlefinger seine große Liebe. Wenn man sich die Motivation der Figuren genau anschaut, dann heißt der tatsächliche Antrieb Rache – Tywin möglicherweise ausgenommen, über den wir noch nicht so viel wissen.

Den Patriarchen des Hauses Lannister (gespielt von Charles Dance) sehen wir zwar zum ersten Mal, aber dafür in einer eindrucksvollen Begegnung mit teilweise symbolischem Charakter. Tywins Monolog an Jamie Lannister geschieht zwar unter vier Augen, aber Vater und Sohn schauen sich dabei nicht in die Augen, denn Tywin ist damit beschäftigt, einen Hirsch auszunehmen und zu häuten. So spricht er die meiste Zeit mit dem Rücken zu Jamie und dreht sich nur an den richtigen Stellen innerhalb des eigenen Monologs um. Das Glänzen in seinen Augen verdankt sich der Überzeugung, genau die Reaktion auf Jamies Gesicht zu erblicken, die hervorzurufen er bezweckt hat. Ausnehmen und häuten, die eigene Hände blutig und schmutzig machen – das muss man, wenn es um die Familie geht.

Tywin schickt Jamie mit der Hälfte seiner Armee aus, Tyrion zu befreien – im Grunde im offenen Krieg gegen Winterfell. Währenddessen ringt Robert mit dem Tod – in Folge eines Jagdunfalls mit einem Wildschwein, in betrunkenem Zustand. War es wirklich nur die Trunkenheit? Mit oder ohne direkten Einfluss der Lannisters geht Robert an ihnen zugrunde – und noch viel mehr an der eigenen Unfähigkeit zu regieren. Kann ein guter und ehrenhafter Soldat ein guter König sein? Game of Thrones gibt uns eine eindeutige Antwort: Nein. Nicht, wenn so viele unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Geschichten und unterschiedliche Ziele auf dem Spiel stehen und das Spiel keine festen Regeln hat. Was nutzt es, sich an Regeln zu halten, wenn sie ständig verändert werden?

Roberts Vermächtnis auf einem Blatt Papier nutzt genauso wenig wie der gesetzestreue Richtspruch über Tyrion in der letzten Episode. Ned (Sean Bean) versucht eine Lösung zu finden, aber er realisiert noch immer nicht, dass er nicht die einzige Hand ist, die die Schachfiguren bewegen kann, sondern nur eine unter mehreren. Sean Bean brilliert weiterhin in seiner Rolle, genauso wie Lena Headey als Cersei: Eine der besten Szenen in der Episode findet zwischen Ned und Cersei statt, als er sie mit der Wahrheit über Joffrey konfrontiert. Wieder einmal können wir Cerseis Enttäuschung und Erniedrigung durch Robert nachvollziehen, von der sie Ned in ihrem Monolog erzählt.

Hinsichtlich der emotionalen Reaktion auf die Enthüllung, über die gesprochen wird, sind die Positionen der beiden freilich vertauscht: Cersei bleibt ungerührt von Neds Anschuldigungen, und Ned ist sichtlich betroffen von ihrer Standfestigkeit und Melancholie – aber vor allem von dem ihn beschleichenden Gedanken, dass Cersei ihre Spielzüge längst geplant hat, was sich am Ende der Episode bewahrheitet.

Und Robert? Für den Stil der Serie sehr passend, bekommt der König von Westeros einen unspektakulären Abschied. Er stirbt offscreen; die Nachricht von seinem Tod verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Während manche davor weglaufen, wie Roberts Bruder, entscheidet sich Ned, die Bändigung dieses Feuers in Angriff zu nehmen. Aber schon die Aufnahmen von Ned, als er im Thronsaal vor dem von Cersei kurzerhand zum König ernannten Joffrey steht, vermitteln die Unmöglichkeit seiner Mission: Die Bilder lassen Ned klein und wie in einer Falle gefangen aussehen. Es ist natürlich Littlefinger, der mit einem Dolch hinter seinem Rücken steht und nun den immer wieder vom ihm selbst angekündigten Verrat an Ned vollzieht.

Jorah Mormont verzichtet seinerseits auf einen Verrat und rettet Dany (Emilia Clarke) das Leben. Wortlos bringt uns die hervorragende Inszenierung auf dem Dothraki-Markt nahe, wie Jorah sich umentscheidet und Danys Seite wählt. Nach dem Versuch des Weinhändlers, Dany zu vergiften, gerät Khal Drogo außer sich und schreit in einer entflammten Rede heraus, was Westeros erwartet. Genauso wie in der letzten Episode, als Dany das rohe Fleisch aß, suchen und finden die Blicke des Dothraki-Königspaars einander. Die Chemie zwischen Emilia Clarke und Jason Momoa wächst und wächst.

Genauso wie Danys Erkenntnis, dass sie etwas will, wovon sie am Anfang der Geschichte gar nicht gedacht hätte, es zu wollen. Sichtbar wird diese Erkenntnis in den extremen Close-Ups von ihrem Gesicht am Ende dieser Szene und in der nächsten, als sie den Attentäter an einem Seil nackt hinter ihrem Pferd herschleift: Dany erkennt die Möglichkeit, den eisernen Thron zu bekommen – und will ihn jetzt auch. Ob auch echte Drachen ihr helfen werden? Oder legt das Gespräch zwischen ihr und Jorah eine “falsche”, symbolische Spur?

Symbolisch für die Gefahr, über die nachzudenken im Moment keine der Figuren Zeit hat, steht die Szene von The Wall, als Jon Snow und Sam als Night-Watch-Mitglieder eingeschworen werden und den alten Göttern vor einem Baum mit Blut weinenden Augen ihren Eid schwören. Jon wird nicht zum Ranger erwählt und ist wütend – aber vielleicht kann er mit einem Freund wie Sam an seiner Seite die Vorzüge seiner Position als Steward des Commanders klug nutzen. Klüger als sein Vater Ned. Jon wollte immer Ranger sein – aber ist dies tatsächlich das, was er will? „I always wanted to be a ranger.“ „Well, I always wanted to be a wizard!“ sagt Sam.

Ghost schleppt in seinem Maul eine abgetrennte Hand herbei, wie einen ironischen Kommentar: Gib Acht, was du wirklich willst! Wenn man sich darüber nicht im Klaren ist, dann ist man dem Tode geweiht. So wie Ned, The King’s Hand, der sein Schicksal schon längst nicht mehr in den eigenen Händen hält…

Game of Thrones: A Golden Crown (1×06)

Standard

A Golden Crown: Der Titel birgt die zwei wichtigsten Enthüllungen der sechsten Episode von Game of Thrones. Während wir letzte Woche die meiste Zeit in King’s Landing verbrachten, führt der Weg nun tief in das Land der Dothraki hinein, wo der Weißglut vergangener Zeiten eine Königin mit weißblondem Haar entsteigt. Gute Erzählungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie kleine Details zu streuen wissen, die später aufgenommen und zu wichtigen Handlungssträngen weitergesponnen werden. Sie werden zu einem Zopf geflochten, wie dem von Khal Drogo.

Der Dothraki-König und Danys Ehemann trat bisher wenig in Erscheinung, aber in A Golden Crown setzt er dem Handlungsstrang um die Targaryen-Geschwister tatsächlich die Krone auf: sowohl im buchstäblichen als auch im metaphorischen Sinne. Erinnern wir uns an die verstörende Szene aus dem Piloten, als wir Zeugen von Danys Erniedrigung durch Viserys wurden. Als sie danach ein Bad nahm und ihre ersten Schritte ins Wasser tat, hörte man die Stimme der Dienerin aus dem Off rufen, dass das Wasser noch zu heiß sei. Dany aber tauchte ungerührt in die Hitze ein. Was damals dem Zuschauer ohne Kenntnis der Bücher, der Figur oder ihrer Vorgeschichte als ein Akt psychischen Leidens erschien, als Verzweiflung, die in eine Art Selbstbestrafung mündete, wird in dieser sechsten Episode aufgeklärt.

Wir sehen, wie Dany eines der Dracheneier in die Glut des Feuers legt und danach mit bloßen Händen herausholt, während ihre Dienerin panisch versucht, sie vor einer Verbrennung zu retten, und sich dabei selbst die Hände verbrennt. Und Danys? Sie tragen keine Spur vom Feuer. Denn Drachen verbrennen nicht: Sie sind das Feuer. Ich finde es sehr gelungen, wie Game of Thrones die (bisher wenigen) magischen Elemente immer an der passenden Stelle einfügt, ohne dass die Figuren mit Übermacht versehen würden oder Ähnliches. Was mit Dany in den letzten Episoden geschah, war eine Art von Erkenntnis – Erkenntnis ihrer Situation, ihrer Macht als Frau, ihrer Unabhängigkeit von Viserys und nicht an letzter Stelle der Möglichkeiten, die ihr als Dothraki-Königin offen stehen.

In dieser Episode beobachten wir den letzten Schritt der Selbsterkenntnis: Ein Drache kann nicht verbrennen. Ein Drache lebt vom Feuer, vom inneren Feuer, das man in Danys Augen sieht, als sie in einer rituellen Zeremonie ein rohes Pferdeherz essen muss und das vor dem Blick ihres Ehemannes auch schafft, ohne sich zu übergeben. Danys Handlung ist gleichzeitig ein Akt des Respekts gegenüber ihrem Mann und ihrem neuen Volk. Eindrucksvoll sind die Bilder inszeniert, in denen Dany mit besagter Glut in den Augen und blutverschmiertem Mund ihren Ehemann ansieht und verkündet, dass ihr Sohn Rhaego heißen wird.

Dieser Augenblick ist auch derjenige der Erkenntnis für Viserys, dass er nie König sein wird. In seiner Verzweiflung bedroht er später Dany mit einem auf ihren Bauch gerichteten Schwert, nachdem es ihm nicht gelungen ist, heimlich die Dracheneier zu entwenden und zu fliehen. So fordert er von Khal Drogo, sein Versprechen einzuhalten und ihm mit seiner Armee die goldene Krone zu beschaffen. Und die bekommt er von Khal Drogo: in Form von geschmolzenem Gold, das der auf seinen Kopf gießt, woraufhin Viserys vor Danys (Emilia Clarke) Augen stirbt. Danys Reaktion besteht aus zwei Sätzen: Er war kein Drache. Feuer verletzt einen Drachen nicht.

Für eine TV-Produktion ist es im Grunde nicht “normal”, einen der Antagonisten so kurz und schmerzlos zu entfernen, aber Game of Thrones ist ja keine normale Erzählung – und mit diesem ungewöhnlichen Schritt verschafft die HBO-Produktion nicht nur den Zuschauern kurzzeitige Befriedigung, sondern vermeidet es außerdem, Viserys (Harry Lloyd) Hadern im Schatten seiner aus der Asche aufsteigenden Schwester in die Länge zu ziehen. Dunkle Haare und helle Haare, schwarz und weiß – so ein klarer Unterschied und doch so viele Schattierungen darin und dazwischen. Was passiert, wenn Hell und Dunkel die Plätze tauschen? Fällt dann ein Königreich? Entsteht ein neues? Je nach Haarfarbe, könnte man sagen.

Der sich von der Wunde erholende Ned (Sean Bean) wird kurzerhand von Robert wieder in die Position der King’s Hand erhoben und muss in Roberts Abwesenheit regieren: Robert selbst will jede Konfrontation zwischen Starks und Lannisters aus dem Weg gehen und begibt sich auf die Jagd. Genauso kurzerhand führt Ned seine erste Amtshandlung aus und schickt hundert Soldaten aus, um Ser Gregor the Mountain und seine plündernde Gefolgschaft umzubringen. Außerdem fordert er, dass Tywin Lannister, der Patriarch der Familie, in King’s Landing erscheint und für die Taten seiner Familie zur Verantwortung gezogen wird.

Seine zwei Töchter will Ned nach dieser fast offenen Kriegserklärung zurück nach Winterfell schicken. Großartig, dass Game of Thrones in einer so dicht gestrickten Episode Zeit für eine Schwertunterrichts-Szene mit Arya und Syrio findet. Nicht nur wegen meiner Vorliebe für Aryas Figur ist die Szene gut, sondern wir lernen wieder ein Stückchen mehr über die Welt der sieben Königreiche.

Es gibt anscheinend neue und alte Götter, und die um ihren Vater besorgte Arya betet zu allen. Doch Syrio ermuntert sie mit folgenden Worten: „There is only one god, and his name is Death. And there is only one thing we say to Death: Not today.“ Ihr Schwerttraining ist der einzige Grund, warum Arya in King’s Landing bleiben will – also ausnahmsweise einmal mit Sansa einig ist.Sansas Grund, nicht gehen zu wollen, liegt allerdings bei Prinz Joffrey bzw. seinem Versprechen, sie zur Königin zu machen: seiner Königin. Aber ist Joffrey wirklich der rechtmäßige Thronfolger?

Neds große Entdeckung haben wir schon erahnt: Alle Männer von Roberts Familienstamm der Baratheon sind schwarzhaarig – wie also kann Joffreys goldene (Haar-)Krone königlichen Ursprungs sein? Ob Ned diese Erkenntnis zu seinen Gunsten wird einsetzen können, bleibt fraglich. Ihm stehen der eigene Sinn für Gerechtigkeit, Ehre und Würde immer im Weg – und ebenso seine Geradlinigkeit. Sehr geschickt und beinahe unauffällig nimmt man thematisch das Geschehen in King’s Landing auf und versetzt uns zur Eyrie, wo Tyrion um sein Leben verhandelt: Die Kluft zwischen ehrlicher Geradlinigkeit und dem zielorientierten Pragmatismus klafft wie das Loch in der Mitte des Eyrie-Palastes.

Neds Art, alles schwarz und weiß zu sehen und Unrecht mit direkten Handlungen bekämpfen zu wollen, bringt ihm ein Problem nach dem anderen ein, während pragmatisches Situationshandeln Anderen Vorteile verschafft. Ehre führt in der Welt von Game of Thrones dazu, dass man fliegt… aber nach unten, ins Verderben. Die Ehre lastet auf den Schultern wie eine schwere Ritterrüstung, die einen nicht beschützt, sondern mit ihrem Gewicht ins Verderben hinabzieht. So verliert auch einer der besten Ritter von Lysa Arryn den Kampf gegen den leichtfüßigen Bronn. Die beiden kämpfen um Tyrions (Peter Dinklage) Freiheit: Tyrion war schlau genug, die Gesetzeslücke zu finden, durch die er hindurch passt – hinaus in die Freiheit.

Wir sehen, wie Catelyn hilflos dasitzt angesichts des Ergebnisses ihres raschen Entschlusses. Lysa Arryn wirft Bronn vor: „You don’t fight with honour!“ Und er antwortet gefasst, auf den toten Ritter weisend: „No. He did.“ In Game of Thrones ist das Dunkel nicht wirklich dunkel und das Hell nicht wirklich hell. Wer die Schatten an den Wänden im Auge behalten kann, wie die in Brans Traum, wird die Oberhand behalten in diesem Spiel, in dem nicht alles Gold ist, was glänzt – und umgekehrt.

Game of Thrones: The Wolf and The Lion (1×05)

Standard

Kurz nachdem Ned Stark (Sean Bean) in der Pilot-Episode den Deserteur köpfte, fanden er und sein Gefolge einen toten Hirsch und auch einen toten Direwolf. Beide ziemlich nah beieinander. Abgesehen von dem Zweck der Szene, die Direwolfs in das Leben der Stark-Kinder einzuführen, besitzt sie in meinen Augen eine symbolische Bedeutung, die erst in dieser fünften Episode ihre Kraft entfaltet. Wenn ich mich nicht täusche, ist der Hirsch das Wappentier von King Roberts Haus; die Wölfe symbolisieren die Starks. Bevor Ned im Piloten Besuch von Robert bekommt und dieser ihn mehr oder weniger in die Position des King’s Hand zwingt, wird hier im Grunde schon vorweggenommen, dass ihre Freundschaft wohl kein glückliches Ende nehmen wird.

Wenn der Wolf und der Hirsch tot daliegen: wer wird sich als Sieger über alle Königreiche erheben? Ein Löwe? Oder wird der von den Pferden der Dothraki überrannt werden? Robert verfault zwar in seinem Thronsaal und lebt von Wein und vom Kummer der Erinnerungen, aber nichtsdestotrotz sieht er, wie die Königreiche von Intrigen und Verrat zerrissen werden: Sollten die Thronerben mit einer Armee die See überqueren, könnte niemand ihnen standhalten. Nur sein Unvermögen als König und die leisen, aber beharrlichen Stimmen seiner Ratgeber bewegen Robert zu der Entscheidung, die neue Dothraki-Königin und ihr Ungeborenes ermorden zu lassen. Kann man aber damit den möglichen Übergriff stoppen – oder wird man ihn mit diesem Mord erst recht in Gang bringen?

Der großartige Game of Thrones-Vorspann befindet sich nach wie vor in Bewegung. Während wir in den ersten Episoden immer tiefer in das Dothraki-Territorium geführt wurden, erfolgt jetzt ein Besuch der Eyrie, der unüberwindbaren Burg, in der Catelyns Schwester herrscht, Jon Arryns Witwe. In The Wolf and the Lion konzentriert sich die Erzählung fast ausschließlich auf King’s Landing. The Wall und Dannys Reise bleiben dieses Mal offscreen.

Was nicht offscreen bleibt, sind nackte Haut und Blut. Natürlich hat sich HBO nie davor gescheut, nackte Haut und Gewalt zu zeigen und damit Grenzen zu überschreiten. Da das eigene subjektive Empfinden unterschiedlich ist, kann man schwer verallgemeinern und Szenen generell als geschmackslos und pure Effekthascherei bezeichnen. Was Game of Thrones betrifft und die Welt, die die Serie schildert, scheinen mir persönlich solche Szenen unvermeidlich, um gesellschaftliche Verhältnisse zu beschreiben oder aber Figuren zu charakterisieren.

Ironischerweise liefert gerade die fünfte Episode eine Menge davon. Während Theons Besuch bei der Prostituierten mehr danach aussieht, Gerechtigkeit walten zu lassen – also nicht nur weibliche, sondern auch männliche Geschlechtsteile zu zeigen -, dienen die restlichen als Mittel zum Zweck: etwa die Beziehung zwischen Renly und Loras, die, soweit ich weiß, in den Büchern nur knapp erwähnt wird. Renly wird in der betreffenden Szene von seinem Liebhaber in der Erwägung bestärkt, den Thron für sich zu beanspruchen. Loras, der “Blumenritter”, gewinnt in der Eröffnungsszene das Turnierduell gegen Gregor Clegane, The Hounds Bruder.

In seiner Wut köpft Gregor… das eigene Pferd und geht auf Loras los, nur um von seinem “kleineren” Bruder gestoppt zu werden. Die komplette Szene ist zwar nichts für Zartbesaitete, aber bringt unheimliche Wucht mit sich – vor allem ihr Ende, als Robert den Kampf unterbricht, The Hound sofort in die Knie geht und im selben Moment Gregors Schwert Zentimeter an seinem Kopf vorbei zischt: grandiose Schnitt- und Bewegungschoreographie.

Wie wir schon so oft besprochen haben, liegt jedoch eine der großen Stärken von Game of Thrones auch in der Dialogchoreographie. Aus diesem Grund ist die in meinen Augen beste Szene der Episode die Unterhaltung zwischen Robert (Mark Addy) und Cersei (Lena Headey), die es in den Büchern so nicht gibt. Ihr geht eine Auseinandersetzung zwischen Ned und Robert voraus, in der Ned sich weigert, nach Roberts Willen und dem des Rates Dannys Mord zu befehlen. Im Anschluss gibt Ned seine Position als The Hand auf. Aus seinem Mund kommen Aryas (Maisie Williams) Worte aus der letzten Episode, zwar nicht wortwörtlich, aber sinngemäß: „This is not me.“

Inmitten all der Intrigen, gefährlichen Liebschaften, Verrat und Mord – wissen die Beteiligten noch, was und wer sie sind? Cersei, die vor Robert interessanterweise eher für Neds Position plädiert, sagt als Einleitungssatz: „I’m sorry your marriage to Ned Stark didn’t work out.“ Etwas später reden sie darüber, was das Königreich zusammenhält. „What’s holding the fractious kingdom together?“ „Our marriage.“ Beide brechen gleichzeitig in Lachen aus. Trotzdem ist die Szene zutiefst traurig, und beide Schauspieler porträtieren auf grandiose Art und Weise zwei Menschen, die schon lange Zeit gefangen sind in einem Bündnis und einander doch so distanziert gegenüber stehen, dass sie sogar des Kampfes gegen einander überdrüssig zu sein scheinen.

Beide klingen müde und verbittert. Lena Headey als Cersei sorgt nach wie vor dafür – so wie in der Szene mit Neds Frau -, dass man als Zuschauer gegenüber ihrer Figur, so wie bei vielen Game of Thrones-Figuren, ein Wechselbad der Gefühle empfindet. Für eine Sekunde bemitleidet man sie sogar: als nämlich Cersei Robert fragt, ob es je eine Möglichkeit für ihre Ehe gegeben hätte, zu funktionieren – und er schlicht und einfach „No“ sagt. Während Robert nur eins will, nämlich in Ruhe seinen Wein trinken, merkt er nicht, dass nicht nur in seinem Rat (tolle verbale Schlacht zwischen Littlefinger und Varys!) Krieg geführt wird, sondern auch die Lannisters und die Starks dabei sind, die Schwerter zu ziehen.

Meine Lieblingsfigur, die kleine Arya, hört in dieser Episode, beim Katzenverfolgen und versteckt in einem der Drachenschädel, ein gefährliches Gespräch mit, das vor allem uns Zuschauern mehr Einblick hinter die Kulissen gewährt. Als einziges der Kinder, die wir bisher erlebt haben, scheint Arya neben ihrem scharfen Verstand auch ein “Drachenherz” in sich zu tragen; sie ist sich dessen bewusst ist, wer sie ist: „I’m a girl“, sagt sie ärgerlich zu allen, die sie ständig mit einem Jungen verwechseln. Sie will nicht mit sich machen lassen, was andere wollen. Und sie spürt, dass ihre Familie sich in Gefahr befindet und bald die Schwerter gezogen werden.

Und das geschieht auch! Wir sehen in dieser Episode einen ersten Schwertkampf zwischen Jamie und Ned, der durch einen hinterhältigen Speerschlag in Neds Wade seitens eines Soldaten unterbrochen wird. Jamie will Tyrion wieder haben. Dieser wird von Catelyn zu ihrer Schwester nach The Eyrie geführt und nach einem Überfall auf dem Weg gezwungen, seinen „first kill“ zu machen. Ganz egal, wie viel CGI benutzt wurde: die Locations in Game of Thrones sehen bisher einfach großartig aus. Aber die Bilder von The Eyrie sind Schwindel erregend, sowohl von innen als auch von außen.

Das Schwindel erregende Gefühl setzt dann dank Catelyns Schwester Lysa Arryn tatsächlich ein: nur im Negativen. Jons Witwe scheint nicht bei Sinnen zu sein: Im ersten Bild mit ihr sehen wir, wie sie ihrem sechs- oder siebenjährigen Sohn die Brust gibt, bevor sie sich mit weit aufgerissenen, wilden Augen dem Gefangenen widmet; und es ist kein warmes Willkommen für einen Lannister.

Man hat das Gefühl, dass es nach den Einführungen der ersten Staffelhälfte in der zweiten Schlag auf Schlag weiter gehen wird.

Game of Thrones: Cripples, Bastards and Broken Things (1×04)

Standard

Für all diejenigen unter den Zuschauern, die die Bücher nicht kennen, muss Game of Thrones auch Vorgeschichte erzählen, um uns noch tiefer in die Schluchten seiner Beziehungswelt mitzunehmen. Die HBO-Serie bewältigt das grandios, indem sie unaufdringlich und fast unbemerkt das engmaschige Ereignis- und Beziehungsnetz flicht.

Die Episode zeichnen drei Elemente aus: Monologe, kürzere Szenen und fließende Ortswechsel. Zu keinem Zeitpunkt gewinnt man den Eindruck, die Episode sei überladen mit Informationen und Figuren. Die Serie arbeitet tatsächlich wie die Zahnräder aus dem Vorspann, die perfekt ineinander greifen und die Bewegung weiter tragen. Aber der Erzählfluss läuft entspannt. Sein Wasser fließt ruhig. Und Wasser, das auf diese Art und Weise fließt, ist bekanntlich tief.

Nachdem die ersten drei Episoden der Einführung dienten, hat man in dieser vierten den Eindruck, es habe diese Welt einfach schon immer gegeben: lebendig, mit eigener Zeit und eigenen Regeln. Darüber wird nicht erzählt, sondern sie erzählt sich selbst, von innen. Jetzt, da sich die einzelnen Erzählstränge etabliert haben, die ich im letzten Review erwähnt habe, erarbeitet die Serie mit poetischer Präzision die Details.

Warum poetisch? Nun kommen wir zu den Monologen, die unterschiedliche Figuren an unterschiedlichen Orten abliefern. Indem man den Monologen zuhört, sieht man buchstäblich ein Bild vor den Augen entstehen: ein Bild aus der Vergangenheit dieser Welt, die auf dem Weg ist, sie einzuholen. Die Rede ist von Viserys Erzählung über seine Kindheit und die Namen der toten Drachen, von Baelishs (Littlefinger) Story über The Mountain and the Hound oder Samwell Tarlys und Jon Snows (Kit Harington) Erzählungen darüber, nicht wirklich zu ihren Familien zu gehören. Darüber vergisst die Serie nicht, uns mit Hilfe eines tollen Auftritts von Alliser Thorne (Owen Teale) daran zu erinnern, wie kalt und dunkel der Winter sein kann – und dass nur die wirklich Starken überleben können.

All diese Männererzählungen handeln, abgesehen von der pur erschreckenden Funktion, von physischen und psychischen Wunden. Interessanterweise sind es die Männer, die reden, während die Frauen an Ort und Stelle handeln: jetzt, in der Gegenwart. Sehr schön schildert Game of Thrones einen Kontrast zwischen den männlichen Figuren, die an ihren Erinnerungen hängen, und den weiblichen, die für sich etwas verändern wollen in der Welt, die von eben diesen Männern dominiert wird.

Die meiste Zeit verbringt die Episode mit Jon Snow und den Ereignissen bei der Night Watch. Jon und seine neuen Kameraden bekommen ein neues Mitglied: Sam hat nie in seinem Leben gekämpft und bringt auch nicht die passende Statur für einen Kämpfer mit. Seinen Worten und seiner Familie zufolge taugt er zu nichts. Genauso wie Tyrion Sympathie für Jon Snow und seinen Halbbruder Bran empfindet, empfindet Jon welche für Sam und hilft ihm dabei, die ersten Tage zu überleben.

In King’s Landing bekommt Ned (Sean Bean) unterdessen eine Einführung in die Politik des Ausspionierens, aber begibt sich trotzdem auf die Spur der Ereignisse um den plötzlichen Tod seines Vorgängers Jon Arryn. Diese Spur führt ihn zu einem (und vermutlich nicht dem einzigen) unehelichen Kind König Roberts – noch einem „bastard“ also.

Der Titel der Episode mag auf Bran, Jon und Tyrion referieren, aber es geht ebenso um die Frauen. Ihre Positionen in der Gesellschaft werden auf Mutter oder Hure reduziert, aber manche – wie Arya oder Dany – wollen mehr als das. Dany (Emilia Clarke), die Dothraki-Königin, setzt sich in einer sehr zufrieden stellenden Szene ohne fremde Hilfe gegen den eigenen Bruder durch und erkennt langsam, dass er nie auf einem Thron sitzen wird: mit oder ohne Armee. Man kann nicht sein, was man nicht ist. Dasselbe sagt die Königin zu Ned: er sei Soldat, aber kein Leader.

Wieder einmal ist Arya diejenige, die es auf den Punkt bringt. Ich muss sagen, dass alle ihre Szenen mit Ned einfach brillant umgesetzt sind und einen tiefen emotionalen Eindruck hinterlassen. Wir sehen, wie sie auf der Treppe auf einem Bein balanciert – als Teil ihres Schwertkampftrainings. Ned sitzt dann mit ihr zusammen und beschreibt ihr ihr zukünftiges Leben: die Heirat mit einem wundervollen Lord, Kinder… Aber schon in ihrem zarten Alter weiß Arya, dass dies kein Leben für sie ist. Die Frau in der von Ned gemalten Zukunft ist nicht Arya. Sie will ihre Zukunft selbst malen: nicht mit dem Pinsel, sondern mit dem Schwert.

Ihre Mutter Catelyn (großartige Szene von Michelle Fairley) tritt in ihrer Rolle als Lady Stark nicht weniger entschieden auf. Als sie durch Zufall in einer Kneipe Tyrion und seinem Gefolge begegnet, hält auch sie – als einzige Frau in dieser Episode – einen Monolog. Sie spricht über Geschichte: mit deren Hilfe und durch die Erinnerungen schafft sie eine Verbindung zwischen den Männern, damit sie ihr helfen. Denn Catelyn nimmt Tyrion gefangen und wünscht, dass in Winterfell über ihn gerichtet wird: als Verschwörer im Mordversuch an Bran. Unauffällig gewinnt der Erzählfluss von Game of Thrones immer mehr an Tiefe…

Game of Thrones: Lord Snow (1×03)

Standard

Können Schneeflocken bedrohlich fallen? In HBOs Game of Thrones überkommt den Zuschauer von weit her ein fast vergessenes Gefühl, das durch die Entwicklung der Zivilisation verbannt bzw. ins Positive umgewandelt wurde. „Winter is coming“: Game of Thrones erinnert an Zeiten, als der Winter eine Bedrohung darstellte, anstatt freudig erwartet zu werden. Einem langen Sommer folgt ein noch längerer Winter, und die Serie versetzt uns genau an den Zeitpunkt dieses Übergangs.

Lord Snow: Der Name der Episode weist nicht nur auf Ned Starks (Sean Bean) Sohn hin, der zu The Wall aufbricht, sondern trägt den Namen des Herrschers, der unterwegs zu seinem Thron ist. Snow, Schnee, Winter – sehr gut macht die Serie Gebrauch von der kalten Bedrohung, von dieser Figur ohne Präsenz. In der dritten Game of Thrones-Episode nehmen die “kalten” Bilder zu. Die Episode inszeniert sowohl inhaltlich als auch visuell ein Wechselbad der Gefühle. Sie treibt die Handlungsstränge voran: bis zu gewissen Punkten, an welchen man plötzlich erstarrt. Vor Kälte, vor Grauen, aber auch und vor allem durch eine Erkenntnis.

Der Zeitpunkt eines Wetterumbruchs ist gekommen, aber ebenso die Zeit eines Machtumbruchs, mit dem entscheidende Machtkämpfe einhergehen. Die Handlung in Lord Snow lässt den Zuschauer neuen Figuren begegnen und bewegt sich entlang eines Dreiecks, das man folgendermaßen beschreiben kann: Wall Stories – War Stories – Children Stories. Sie gehen ineinander über, mit Tanzschritten und dem Schwung einer tödlichen Waffe.

Diesen Schwung muss man beherrschen, um bei The Black Watch zu überleben, auch wenn man dafür vielleicht auf das Tänzerische verzichten muss. Denn Jon Snow (Kit Harington) muss seine Umgangsformen rasch ändern, um zu überleben. Tyrion Lannister (Peter Dinklage) beobachtet Snows Fort-Schritte aus nächster Nähe, bevor er nach Kings Landing zurückkehrt.

Die Serie präsentiert uns nicht nur großartige Bilder von The Wall, sondern auch die Erkenntnis, dass derjenige, der die Grenze zieht, zugleich auch bestimmt, was das Andere und was das Eigene ist. Was ist schlimmer: dass es The White Walkers wirklich gibt – oder dass auch ohne sie die Grenze bestehen bleiben würde? Snows Onkel sagt: „Here, a man gets what he earns, when he earns it.“ The Wall bietet für manche die Chance, etwas aus sich zu machen, wenn sie nicht in eine bestimmte Position hineingeboren worden sind – anders also als die Beteiligten in Kings Landing, wohin die Handlung im Kontrast zu Snows Plot immer wieder springt.

Angekommen in Kings Landing, wird Ned Stark immer klarer, in welch unmögliche Aufgabe Robert ihn hineinmanövriert hat. Das Königreich ist nicht nur pleite und schuldet den Lannisters Unmengen an Geld, sondern jeder scheint ein eigenes Ziel zu verfolgen, was die Lage für Ned unübersichtlich gestaltet: Wer ist Freund und wer ist Feind? Ned kann keine klare Grenze ziehen; die politischen Intrigen überfordern ihn. Keinen klar definierten Gegner zu haben, den man mit dem Schwert niederstrecken kann, verunsichert Ned zunehmend.

Die Wolken werden immer dichter, vor allem nach Catelyns heimlichem Besuch: Sie bringt Gewissheit, dass die Lannisters in die Anschläge involviert sind. Unerwartete Unterstützung bekommen die Starks vom Schatzmeister Petyr “Littlefinger” (Aidan Gillen), der eine Schwäche für Catelyn zu haben scheint.

Der Rest der Handlung in Kings Landing besteht aus „War Stories“, die von König Robert (Mark Addy), aber auch Jamie Lannister (Nikolaj Coster-Waldau) erzählt werden und sich vor allem um den alten König drehen, The Mad King, dessen letzte Worte „Burn them all“ lauteten. Wir erfahren, dass dieses Schicksal Neds Vater zuteil wurde. Die Gespräche sowohl zwischen Jamie und Ned als auch zwischen Jamie und Robert zeigen auf Seiten der älteren Männer eine gewisse Verbitterung, eine Sehnsucht nach alten Zeiten. Sind sie immer noch im Stande, den Kampf zu führen oder zumindest ihre Nachkommen gut darauf vorzubereiten?

Die Kamera gleitet an den Gesichtern der Beteiligten entlang, wie sie vorher in den The Wall-Aufnahmen zwischen den Schneeflocken tanzte, um einen Blick in die Gewissheit der dunklen Bedrohung zu werfen. Von dieser Bedrohung erzählt die Nanny Bran, der schreckliche Stories mag – und sich an die Szene vor seinem Fall nicht erinnern kann (oder will?). Seine Schwester Arya (Maisie Williams) jedoch kann die Gemeinheit der Lannisters nicht vergessen und findet sich nicht mit der Rolle ab, in die sie hineingeboren wurde. Sie will keine Lady sein, sondern eine Kriegerin. Auch Dany (Emilia Clarke) ist keine Sklavin mehr, sondern eine Königin – und das bekommt ihr eigener Bruder Viserys zu spüren. Hinzu kommt die Tatsache, dass Dany schwanger ist, was ihrer Position noch mehr Macht verleiht.

Die Episode endet mit einer großartigen Szene von Arya, die sich langsam, aber sicher zu meiner Lieblings-Stark-Figur entwickelt. Arya geht in die Schwertausbildung und wird den tänzerischen Umgang mit einer tödlichen Waffe erlernen. Als Ned das Training beobachtet, erstrahlt sein Gesicht zum ersten Mal in dieser Episode, aber während sich die Kamera seinem Gesicht nähert, ändert sich der Sound: Das Klicken der Holzschwerter verwandelt sich in stählerne Kriegsgeräusche, die Neds Lächeln eintrüben.

Der Winter kommt als ein Kindermärchen, das die Zuhörer erstarren lassen könnte…

Game of Thrones: The Kingsroad (1×02)

Standard

Während Game of Thrones uns in der Pilot-Episode mit allgemeinen Informationen über die Figuren sowie vergangene und mögliche zukünftige Schachzüge auf dem Schachbrett eines Königreichs versorgte, schafft es die zweite Episode, alles zu vertiefen und die unterschiedlichen Handlungsstränge klarer herauszuarbeiten. Vor allem erzählt The Kingsroad den Zuschauern, was die Beteiligten denken, wünschen und wer bzw. wie sie sind. Aus diesem Grund enthält die Episode mehrere Szenen, die uns Dialoge zwischen jeweils zwei Figuren zeigen. Der Fokus bewegt sich dadurch ein bisschen mehr vom Allgemeinen zum Speziellen, aber behält doch die Erzählstränge fest in der Hand – so wie man die Zügel eines Pferdes festhält, damit es nicht von dannen galoppiert.

The Kingsroad zeigt ein Königreich und viele Figuren an einem Scheideweg. Mache davon haben ihren Weg gewählt, andere wurden dazu gezwungen, und wieder andere zwingen sich selbst, einen Pfad zu beschreiten, auch wenn sie Unheil am Wegesrande lauern spüren.

Während im Piloten drei Hauptplots mit Neds und Jons Entscheidungen und Daenerys’ (zur Abkürzung ab jetzt: Dany) Zwangshochzeit etabliert wurden, nimmt nun der Sturz des kleinen Bran durch Jamie Lannisters (Nikolaj Coster-Waldau) Hand und seine Konsequenzen als vierter Plot an Wichtigkeit zu. Wie wir zu sehen bekommen, ist Bran nach dem Fall nicht gestorben, aber er liegt im Koma und kann nicht erzählen, was geschehen ist. Seine Mutter Catelyn weicht ihm nicht von der Seite und weigert sich, von ihm Abschied zu nehmen, während alle Anderen um sie herum gehen.

Als Neds Sohn Jon Snow zu Bran kommt, bevor er zur Night Watch on the Wall reitet, wird man zum ersten Mal Zeuge der Ablehnung seitens Catelyn: Sie ist nicht seine Mutter, und er ist kein Stark. Aber dennoch ist er Neds Sohn, den Ned vor 17 Jahren nach dem Sieg gegen The Mad King mit nach Hause brachte – was ihm Catelyn nie verziehen hat.

Aber die verzweifelte Catelyn bekommt nicht nur von Männern Abschiedsbesuche, sondern auch von einer Frau, nämlich Königin Cersei. In meinen Augen gehört die Szene zwischen den beiden Müttern zu den drei besten dieser Episode. Lena Headey sorgt dafür, dass man ihrer Figur trotz eigentlich eindeutiger Positionierung mit gemischten Gefühlen entgegentritt. Cerseis Worte an Catelyn kommen überraschend und wiegen den Zuschauer in einer Art Sicherheit, bevor nach der Abreise der Königin der nächste Versuch erfolgt, Bran das Leben zu nehmen. Nach diesem Vorfall breitet sich in Winterfell die Gewissheit aus, dass die Lannisters dahinter stecken und dass Bran etwas gesehen haben muss, was er nicht sehen sollte.

Sehen und gesehen werden: Für Dany gilt es einen Weg zu beschreiten, der die Sicht ihres Mannes Khal Drogo auf sie selbst verändern soll. Die Situation, in die hinein sie gezwungen wurde, lässt ihre Lebensflamme beinah erlöschen – so wie die Dracheneier, die ständig im Bild zu sehen sind, keine Drachen mehr hervorbringen. Aber Dany entschließt sich, die Situation unter Kontrolle zu bekommen.

Auch Ned Stark (Sean Bean), der es Robert nicht abschlagen konnte, The Hand of the King zu werden, sieht sich in einer problematischen, gar unerträglichen Situation gefangen – zwischen Freundschaft, Ehre und der Sorge um die eigene Familie. An den anderen zwei besten Szenen, von denen ich sprach, sind Ned Stark (Sean Bean mit grandioser Leistung), Robert und Sansas Direwolf Lady beteiligt. Die erste zeigt uns Ned und Robert, die zusammen sitzen und über vergangene Zeiten und den Krieg gegen die Targaryens reden. Interessant zu erfahren, dass Jaime Lannister derjenige war, der The Mad King, Viserys und Danys Vater, tötete. Sean Bean und Mark Addy (Robert) haben schon seit der ersten Episode die so genannte Chemie entwickelt, die auch eine unbedeutende Szene zwischen den beiden sehenswert macht.

Nach dem Zwischenfall mit dem Prinzen Joffrey, Sansa, Arya (Maisie Williams), dem Schlächterjungen und Aryas Direwolf Nymeria kommen wir zu der dritten Szene, in der Ned ebenfalls eine prominente Rolle spielt. Roberts Entschluss, Sansas Direwolf Lady zur Strafe töten zu lassen, wirkt wie ein kleiner Verrat an seinem alten Freund Ned. Der Moment, als Ned eigenhändig das Todesurteil an Lady ausführt, ist nicht nur voller Trauer, sondern auch Wut über sich selbst – und vielleicht auch Reue, sich in diese Lage gebracht zu haben, wenn auch gezwungenermaßen.

Aber keine Entscheidung ist leicht, kein Weg ohne Hindernisse -und jeder Winter fordert seine Opfer. Und dieser Winter naht, egal in welchem Sinne…