Category Archives: Homeland

Homeland: The Smile (2×01)

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Mit einem Lächeln auf ihren Lippen konnten die Homeland-Macher der zweiten Season ihrer gefeierten und mit mehreren Emmy ausgezeichneten Serie entgegensehen. Denn die Anerkennung und die Preise sind mehr als verdient. Warum? Genau wegen dieses Lächelns, wegen Homelands Kunst gleichzeitig von dem Lächeln als Lebensfreude und dem Lächeln als Grimasse zu erzählen.

Dabei wird alles von einer solchen Intensität und Spannung begleitet, dass man sich als Zuschauer beinahe wünscht, Carrie auf Beiruts Straßen zu folgen, auf den Straßen, die ich schon vor 25 Jahren als Kind im Fernsehen zerbombt sah und die auch heute mehr oder weniger dasselbe Bild liefern, das einer Grimasse des Lebens. Damit meine ich nicht das Anderssein, das Fremde, sondern das Leben voller Leid. Dieses Bild kann man auf Carries Situation übertragen, auf den Zustand in dem sich ihr Leben befindet.

Sie glaubt einen Fehler gemacht zu haben. Die einzige Stütze für ihr Anderssein (vor allem im Denken), nämlich am Ende Recht zu behalten, wurde ihr genommen. Ausgerechnet von einem Mann, der auch “anders” geworden ist, aber keiner es sieht. Außer Carrie, der keiner vertraut. Mit einem vom Schmerz bzw. Unbehagen verzerrten Gesicht verließen wir Carrie im Finale der ersten Staffel und mit der Frage, ob auf diesem Gesicht je wieder ein Lächeln möglich wäre? The Smile beantwortet sie! Und Claire Danes schafft es zum wiederholten Mal Carries Zerrissenheit in diesem kleinen Moment am Ende, in diesem kleinen Lächeln, das zwischen Freude und Verzweiflung schwankt, zu demonstrieren.

Warum Verzweiflung? Weil Carrie weiß, dass dieses Leben als Agentin das Richtige für sie ist und gleichzeitig dasjenige, das sie zerstört. Als Carrie aus ihrem “neuen, gesunden” Leben geholt wird, um der CIA mit einer Informantin zu helfen, realisieren wir, dass Carrie tief in sich drin nie weg war. Und Brody? er ist auf dem besten Weg, um Vize-Präsident zu werden. Aber die Erinnerung an ein anderes Leben, an eine Mission holt ihn schnell ein, als eine Journalistin auftaucht, die auch für Abu Nazir arbeitet. Brody erhält seinen ersten Auftrag und der wird mit tödlichen Folgen sein.

Im Moment sieht es bei Brody so aus, als würde er alles hinausschieben, hinauszögern wollen, vergessen und für einen Augenblick einfach Brody sein. Für ihn ist auch das Leben, in dem er steckt eine Grimasse, eine Maskerade, ein Spiel, um andere fern von den Geheimnissen zu halten, die man mit sich trägt. Wir haben auf der einen Seite Jessica, die die lächelnde Seite des Lebens endlich erfährt und auf der anderen Dana, die unter der Last des Geheimnisses ihres Vaters zu zerbrechen droht.

Dana spricht die Wahrheit, dass ihr Vater ein Muslim ist, öffentlich aus und ist selbst entsetzt, aber sie hat versucht seinen Glauben, ihn zu verteidigen. Die Frage bleibt aber: Ist er das? Wer ist Brody? Weiß er es selbst? Das Erschreckende, was Homeland uns zeigt, ist, dass eine Wahrheit so schockierend sein kann, dass keiner daran glaubt. Somit kann Danas Aussage – mit Hilfe der schnellen Reaktion eines Mitschülers – als ein Spaß durchgehen. Die Wahrheit kann immer maskiert werden.

Brody bestätigt sich aber gegenüber Jessica und dieser große Augenblick funktioniert gut, denn Jessica ist zwar geschockt, aber vor allem, weil er ein Geheimnis behielt, weil er sie nicht “reingelassen” hat, in den eigenen Kopf. Und hier verbirgt sich Homelands anspruchsvolles und bisher bravourös gemeistertes Unterfangen die Erzählung zu bewegen – von einer über die Grenze zwischen dem Öffentlichen und Privaten zu einer über das Eindringen in den Kopf des Einzelnen. Man kann sich nie sicher sein, ganz egal wie nah man einem Menschen steht, was in seinem Kopf wirklich vorgeht. daher weiß man nie, ob das Lächeln als Zeichen der Freude erscheint oder als eine Grimasse…

 

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Homeland: Marine One (1×12)

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Coming Home. Damit begann Homeland, und damit endet die erste Staffel der Showtime-Serie. Nach acht Jahren Haft kehrte Brody nach Hause zurück, und im Finale Marine One kommt er tatsächlich an. Denn in meinen Augen ereignet sich Brodys Heimkunft erst nach dem Telefonat mit Dana, das Brody von einem zweiten Versuch, die Bombe hochzujagen, abbringen kann. Ganz abgesehen von seinen Erklärungen für Abu Nazir, warum er den Vizepräsidenten verschonte, hat sich Brody für sein Zuhause, für die eigene Familie entschieden.

Marine One endet nicht wirklich mit einem Cliffhanger, sondern mit einem Anfang: mit Homelands eigenem. Brody kehrt nach Hause zurück, und Tom Walker ist tot – so fing Homeland an. Und so endet die erste Staffel. Tom Walker wird von Brody getötet, und Brody findet den wirklichen Anschluss an seine Familie. Nach wie vor aber steht Carrie im Zentrum all dieser Verschiebungen, die am härtesten sie selbst getroffen haben. Es ist, als würde in dem Labyrinth aus dem Vorspann der Serie jedes Mal, wenn Carrie an sein Ende kommt, der Ausgang zugemauert, so dass sie weiter herumirren muss…

Das Problem besteht darin, dass Carrie immer schon die Tür gefunden haben wird – und auf metaphorischer Ebene verursacht genau diese Tatsache die Kurzschlüsse in ihrem Kopf. Carrie denkt und handelt zwar von einer gefühlsbetonten, emotionalen Ebene aus, aber diese ermöglicht ihr überhaupt erst jene Schlussfolgerungen, die sich, wie Sauls Nachforschungen in dieser Episode zeigen, als richtig erweisen. Denn auch Abu Nazir operiert, genauso wie Brody, auf dieser Ebene. Und das Gewicht von Nazirs Plan scheint vom Anfang an auf Brodys Schultern gelastet zu haben.

Er ist Marine One, Walker Marine Two. Walker sollte mit gezielten Schüssen die nötige Panik beim Vizepräsidenten-Auftritt hervorrufen, so dass Brody mit der Weste die Detektoren passieren könnte. Im Bunker sollte dann Brody die Bombe zum Detonieren bringen, aber es klappt nicht.

Die zunächst nicht funktionierende Bombenweste fungiert zugleich als Metapher für die Homeland-Staffel selbst, wobei es weniger ums Versagen geht – letztendlich repariert Brody die Weste -, sondern um das Versprechen, das man sich und anderen macht und das uns die Homeland-Autoren gemacht haben. „I’m coming home, Dana. I promise“, sagt Brody (Damian Lewis).

Wenn man nun behauptete, dass durch das Problem mit der Bombe Zeit geschunden und Brody künstlich am Leben erhalten statt der letzte Schritt gewagt würde, hätte man aus einer bemüht objektiven Perspektive zwar Recht, täte Homeland aber dennoch Unrecht. Homeland besaß nie eine direkte Handlung von A nach B, sondern erzählte ein Labyrinth, dessen Gänge jene Kartographie menschlicher Gefühle und Emotionen nachzeichnen, über die wir in den letzten Reviews sprachen. Eigentlich beweist ja die Serie, dass Brody bereit ist, den letzten Schritt zu machen.

Und interessant ist nun genau die Frage, ob es sich hier nur um eine Verzögerung handelt, wie Brody Abu Nazir klar macht, oder ob Brody Gefühle mit Plänen maskiert – und umgekehrt. Um solche Fragen kreiste Homeland von Anfang an – und nicht so sehr darum, wer Terrorist ist und wer nicht. Terrorist ist nur ein Wort, mit dem weniger gesagt und mehr verdeckt wird. Aus diesem Grund fand ich Brodys Ansprache in die Kamera, selbst gefilmt, am Anfang der Episode sehr passend. Während ich letzte Woche sagte, dass The Vest Claire Danes gehörte, muss ich nun betonen, dass Marine One Damian Lewis gehört.

Großartig bringt er die allmähliche Steigerung angesichts des sich nähernden Todes über die Bühne – die zunehmende Intensität, angefangen bei der Umarmung seines Sohnes bis zu hin zu dem verschwitzten und kaum zu Atem kommenden Mann im Bunker. Es ist derselbe Mann, in den sich Carrie verliebt hat, realisiert Saul (Mandy Patinkin) in einem frühen Gespräch mit ihr in dieser Episode.

Aber dennoch folgt Saul der Fährte, auf die Carrie ihn gesetzt hat. Wie Virgil es ausdrückt: „You are crazy, but I trust you.“ Innerhalb der sieben Tage, über die sich Marine One erstreckt, findet Saul heraus, dass David und der Vizepräsident damals den Befehl zu dem Angriff gaben, der Issa das Leben kostete. Aber er kann wenig tun, wie David ihm klar macht. So kommen wir zurück zu Brodys Ansprache auf dem Video. Er spricht über seinen Eid, Amerika vor internen und externen Angriffen, vor heimischen und ausländischen Terroristen zu schützen. Nur: wenn man die einen bekämpft, kreiert man automatisch andere.

Das sind die Regeln des Spiels. Ein Teufelskreis, der von reinster menschlicher Natur vorangetrieben wird – von Selbstsucht und Profitgier, maskiert mit Idealen. Aber die Linie des Polygraphen, die diesen Kreis zeichnet, zeigt immer wieder Abweichungen, Störungen: solche wie Carrie, die sich am Ende zu einem gefährlichen medizinischen Eingriff entschließt, um ihre Krankheit in den Griff zu bekommen. Nur die Gedanken, die sie unter Narkose heimsuchen, kann sie nicht loswerden: die Bilder von Brody und seinem Alptraum, als sie zusammen waren. Der Alptraum namens Issa.

Ob der Eingriff Carries Gedächtnis beeinträchtigen wird, bleibt abzuwarten. Eins ist sicher: Der emotionale Alptraum im unmöglich erscheinenden positiven Sinne des Wortes – der Alptraum namens Homeland – ist nicht vorbei. Die Showtime-Serie bleibt zusammen mit Game of Thrones der beste Neustart des letzten Jahres (2011) und darf ihre labyrinthische Reise fortsetzen.

Homeland: The Vest (1×11)

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Nachdem ich diese Episode gesehen hatte, fühlte ich mich eine Weile so, als befände sich das Papier- und Bildchaos aus Carries Wohnung in meinem eigenen Kopf. Eigentlich eine erschreckende Feststellung – aber der Zustand dauert nur so lange an, bis man im Chaos das Muster gesehen, the thin green line gefunden hat. Wie ging noch einmal das Lied? “Grün, grün, grün sind alle meine… Feinde, grün, grün, grün ist alles, was ich hab”. The Vest gehört eindeutig Claire Danes. Der durch Walker verursachte Bombenanschlag hat nicht nur physische Konsequenzen für Carrie, sondern lässt auch im metaphorischen Sinne ihren Kopf explodieren.

The Vest ergießt sich ab der Minute, da Saul (Mandy Patinkin) das Krankenhaus betritt und Carrie abholen will, als ein Carrie-Schwall über uns und alle Beteiligten, so dass wir im Dauerregen stehen. Bis am Horizont ein Regenbogen auftaucht. In dessen Unvollständigkeit liegt der Schlüssel zum Geheimnis chaotischer Bilder. „Incomplete“: dieses Wort benutzt Carrie mehrmals in der Episode. Fühlte sich außer mir noch jemand an Rubicons Will Travers erinnert? Jedes Bild ist unvollständig, auch wenn es komplett ist. Jedes Bild hat einen blinden Fleck, eine Stelle, an der wir nichts sehen können, denn sie ist für unseren eigenen Blick reserviert. Wir sind nie außerhalb, sondern drin im Bild, Teil davon. Unser Blick ist der blinde Fleck, der absoluter Objektivität den Weg abschneidet.

Unser Kontext, unsere eigenen Gefühle und Emotionen bilden den Boden, auf dem Gedanken und Einschätzungen wachsen – wie Pflanzen, die ein grünes Labyrinth erzeugen, etwa das aus Homelands Vorspann. Warum hat niemand das “Loch” in Abu Nazirs Timeline gesehen? Weil jede/r einen objektiven Blick haben will – und der macht blind für das Muster, nach dem man sucht. Denn es ist ein emotionales, nicht nur ein rationales – und wird deshalb per definitionem einfach über-sehen. Man geht von der Selbstverständlichkeit eines Musters aus, von einem rationalen, logischen, objektiv nachzuzeichnenden Verlauf als Grundlage. Natürlich gehört die gelbe Farbe zu jedem Regenbogen dazu.

Im gewissen Sinne wären wir eben deshalb blind für ihr Fehlen: Dinge, die nicht da sind, sehen wir trotzdem, weil sie da sein müssen. Unser Gehirn vervollständigt visuelle Eindrücke von selbst, ohne dass wir es merken: es retuschiert, gleicht aus, macht ‘ganz’. Homelands Brillanz besteht im Kartographieren der Gefühle und Emotionen, von denen wir letzte Woche bereits gesprochen haben. Nur dann, wenn man die erstellte Karte über die Ereignisse legt und einen Schritt zurück macht, sieht man ihre Unvollständigkeit. Und genau die ist das Muster, der Schlüssel, der aus dem Labyrinth hinausführt. Carrie und Saul gelingt es, ihn gemeinsam zu finden: Sie erstellen in dieser Episode eine Kartographie von Abu Nazirs Gefühlen und finden den blinden Fleck, die gelbe Farbe als die Farbe des Verlustes, der persönlichen Tragödie.

Abu Nazirs, Carries, Sauls, Brodys… Es sind persönliche Tragödien, die Homelands Regenbogen unvollständig und damit komplett machen. Als Saul Carrie abholen will, scheint sie komplett aus den Fugen zu geraten. Sie ist besessen von grünen Stiften und von dem Gedanken, dass Walker eigentlich gar nicht in Abu Nazirs Handlungsmuster passt. Es muss mehr sein! Zunächst schockiert Carries Verwirrung Saul, er kann dem Wortschwall nicht folgen, nicht differenzieren, nicht in Carries Rhythmus denken. Die Kamera nähert sich seinem Gesicht; mit dieser Bewegung steigt sowohl in Saul als auch in uns Zuschauern Besorgnis auf, der Orientierungslosigkeit zugrunde liegt. Man kann den Verschiebungen in Carries Gedanken – angetrieben von ihrer Krankheit, die sie vor Saul nicht länger verstecken kann – nicht mehr folgen. Aber sie sind da: Man muss nur zuhören.

Wenn Carrie spricht, benutzt sie oft sehr schnell drei Wörter hintereinander, um eine Sache zu beschreiben, als ob sie nach dem richtigen Wort suchen würde. Die kleinen Differenzen in der Bedeutung synonym gebrauchter Ausdrücke rufen nicht nur jenes Gefühl der Unruhe und Hektik hervor, sondern können als metaphorische Beschreibung der kompletten Homeland-Handlung herhalten, die ständig Verschiebungen erfährt. Mögen diese Verschiebungen auch noch so minimal sein: Sie erzeugen immer neue Bilder, vor denen wir stehen. Brody kandidiert für den Kongress-Sitz, aber während eines Familienausflugs erfährt diese Erzählung die nächste Verschiebung. Als die Familie das Wochenende zusammen verbringen will und nach Gettysburg fährt, stellt sich noch einmal alles auf den Kopf… und auch wieder nicht.

Visuell sehr schön verbunden werden Carrie und Brody, indem man von Carries wirren Gedankengängen auf Brody (Damian Lewis) schneidet, der gerade das Familienauto fährt. Doch wir sehen ihn von Danas Kamera aus, die am Lenkrad befestigt ist. So dreht sich die ganze Zeit sein Gesicht, wenn er lenkt: oben wird unten und umgekehrt, immer wieder. Als Brody den Mann vom Anfang der Episode besucht, der eine Bombe (als Weste) herstellt, und die Weste anzieht, wird uns klar, dass Brodys Rolle in Abu Nazirs Plan eine andere ist: eine tatsächlich viel persönlichere. Es sieht danach aus, als solle er im direkten Kontakt den Vizepräsidenten und sich selbst in die Luft jagen, während Walker den Präsidenten erschießen soll.

Eine Verbindung, die nur wir sehen, weil wir außerhalb des Bildes stehen! Alle Beteiligten wissen nur einzelne Details. Menschen sind einzelne Puzzleteile; persönliche Konflikte und Entscheidungen lassen sie zusammenkommen, um ihre Puzzleteile zu einem kompletten Bild zusammenzusetzen. Brody nimmt gleichsam Abschied von seinen Kindern, ohne dass sie es merken, indem er anhand der Erzählung über The Battle of Little Round Top erklärt, dass man für das kämpfen muss, woran man glaubt. Damals griff ein einfacher Lehrer aus Maine zu einer unkonventionellen Strategie, um Erfolg zu haben.

Genauso unkonventionell spielt Homeland mit unterschiedlichen Strategien. Sogar Saul, der im Wechsel mit Carries Schwester als Carries Babysitter agiert, lässt sich auf Carries unkonventionellen Gedankenfluss ein, auf den Farbenfluss ihrer Notizen – um festzustellen, dass im Zentrum der Ereignisse eine leere Stelle klafft: die Stelle einer persönlichen Tragödie. Als Carrie versucht, aus Brody herauszubekommen, was damals geschah, tauchen David und zwei Agenten bei ihr zu Hause auf, um ihr mitzuteilen, dass sie keinen Job mehr hat: Brody hat alles über die illegale Überwachung erzählt. Auch die mit den farblich markierten Dokumenten bepflasterte Wand wird wieder geräumt. Was bleibt, ist eine leere Stelle, die alle vereint – und gleichzeitig eine Kluft in jeder und jedem hinterlässt…

Homeland: Representative Brody (1×10)

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Wie es die Linien in Rubicons Vorspann am besten verbildlichen, erstellt Homeland eine Kartographie von Handlungen und emotionalen Zuständen. Aber Homelands Karte ist eine ohne Ränder, eine, deren Grenzen verschwommen sind, dunkel, unerreichbar für den Blick. Genauso sind in Representative Brody oft Bilder mit nur einem beleuchteten Zentrum zu sehen, deren Grenzen im Dunkel verschwimmen: Saul (Mandy Patinkin) in seinem Office, Carrie (Claire Danes) im Krankenhausbett etc. – als wäre unser Blick eine Taschenlampe, die immer nur Ausschnitte des Bildes beleuchten kann.

Will Homeland einen Tunnelblick kreieren oder simulieren? Die Showtime-Serie liefert jedenfalls eine exzellente Kritik des Tunnelblicks ab, indem sie seine Unausweichlichkeit demonstriert, vorangetrieben davon, was uns als Menschen ausmacht. Menschen streben nach Über-Blick – nur um wie die Motten vom Licht im Bildzentrum angezogen zu werden und sich die Flügel zu verbrennen. Menschlich daran ist, nicht aufzugeben, ganz egal, wie sehr es weh tut, denn vielleicht ist dieses Licht im Zentrum ja doch das wahre – auch wenn eine schmerzhafte Erfahrung mit dieser Erkenntnis einhergehen muss.

Carrie verbrennt sich ihre Finger immer wieder, aber sie macht weiter. Sauls Lektion für Carrie bezüglich Verhörsituationen lautet: „You’re trying to find what makes them human – not what makes them terrorists.“ Homelands kartographische Bewegungen können kaum besser beschrieben werden. Mit den Pinselstrichen von Miles Davis’ My Funny Valentine zeichnet die Serie wie ein Polygraph nicht nur die nächsten Handlungsschritte nach, sondern auch und vor allem die damit verbundenen Gemütszustände. Wie alles ineinander fließt, demonstriert metaphorisch das Ineinanderfließen von Sound / Worten und Bildern, die zu unterschiedlichen Szenen gehören und als Ganzes inszeniert werden.

Am Anfang der Episode sehen und hören wir Carrie bei Jazz in voller Lautstärke Auto fahren, während Sauls Stimme Details über das Leben des Saudi-Diplomaten Ramsey Faragallah mitteilt. Aber Saul befindet sich im CIA-Gebäude und nicht bei Carrie, wie nach einem Schnitt zu sehen ist. Nach seinen Ausführungen kehren wir zurück zu Carrie, und Sauls letzte Worte ertrinken in Miles Davis. Genauso wie Saul in Einsamkeit zu ertrinken droht.

Wir sehen ihn in dieser Episode sehr oft mit einer Wasserflasche in der Hand und hören das F-Wort mehrmals aus seinem Mund. Man kann sogar behaupten, dass Sauls Herangehensweise an seine Arbeit seit Miras Abreise aggressiver geworden ist, verbissener – und ebenso seine Art, Verdächtige zu behandeln: als ob die an seiner privaten Misere schuld wären. Aber es ist ja sein Job, der ihm Mira wegnahm. Wegnehmen und geben: Zwischen diesen beiden Worten springt die Polygraph-Nadel dieser Episode hin und her, zwischen Carries und Brodys (Damian Lewis) Manipulationskunst.

Carrie kann Ramsey überzeugen zu kooperieren, und Brody gelingt dasselbe mit Jessica (Morena Baccarin) und Mike. Beide folgen Sauls Ratschlag und suchen nach dem wunden Punkt. Carrie entdeckt ihn, als sie Ramsey damit droht, ihm die Zukunft seiner geliebten Tochter wegzunehmen – und Brody, indem er sich selbst als besseren Ehemann und besseren Vater für die Zukunft verspricht, damit Jessica einwilligt, ihn für den Kongress kandidieren zu lassen. Ausgerechnet der Vize-Präsident unterstützt die Kandidatur und kommt höchstpersönlich vorbei, um mit Brody in seinem Haus zu sprechen.

Im Grunde ist Homelands Plan durchaus gelungen – wie auch immer Abu Nazirs Plan aussehen mag: Die Serie benutzt Walker als Bedrohung auf kurze Distanz, während Brody die Bedrohung auf lange Sicht bleibt. So kann man die Sache mit Walker vielleicht im Finale lösen und sich dann in der zweiten Staffel mit Brodys Kongresskandidatur beschäftigen. Aber man weiß bei Homeland ja nie… Vielleicht habe ich selbst den Tunnelblick? Vielleicht ist ein Tunnelblick per se nicht falsch?

Carries Fixierung auf Brody vom Anfang an hat sich letztendlich ja auch als richtig erwiesen. Aber sie hat für Carrie persönlich nicht zum richtigen Ausgang gefunden. Als er anruft und sie um ein Treffen bittet, denkt sie sofort an ein Date. Das bleibt nicht unbemerkt von Virgil (ja, endlich wieder Virgil!), der Carrie gerade in ihrer Wohnung bei der Vorbereitung auf Ramseys Verhör hilft. Die beiden Punkte, zwischen welchen sich die Episode bewegt, treffen aufeinander: Carrie und Brody. Wegnehmen und geben.

Die Positionen sind aber vertauscht, nur in diesem einen Augenblick des Treffens: Carrie, reizend zurechtgemacht, erwartet Brody mit Miles Davis und Wein. Sie ist bereit zu geben, aber er nimmt ihr diese Möglichkeit weg. Er will keine Intimität, sondern nur ihre Versicherung, niemandem von dem gemeinsamen Wochenende zu erzählen – obwohl Jessica, wie wir hören, ihre Schlussfolgerungen gezogen hat. Ich habe dieses Review mit einem Vergleich zu Rubicon begonnen, und mit einem solchen will ich es auch beenden. Henry Bromell gilt als Autor von Representative Brody; es überrascht uns daher nicht, dass diese Episode ihren Höhepunkt am Brunnen im Farragut Park findet.

Während in Rubicon Katherine Rhumors (Miranda Richardson) Tod beim Treffen an dem Brunnen und, damit verbunden, Aufbau und Entladung der Spannung nicht besonders gut funktionierten, gelingt das Meeting zwischen Ramsey und Walker als eine in die Länge gezogene Agonie der Unausweichlichkeit: Spannung kombiniert mit ansteigender Hektik. Die Bombe geht hoch, tötet fünf Menschen – darunter Ramsey – und schickt Carrie ins Krankenhaus. Aus My Funny Valentine wird My Bloody Valentine, und jede Verbindung zu Walker, aber auch zu Brody (aus Carries Sicht) verpufft in dünne Luft – so wie der Rauch nach der Explosion, den wir mit Carries Augen in den Himmel steigen sehen, während sie am Boden liegt…

Homeland: Crossfire (1×09)

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Mit den letzten zwei Episoden gerieten wir Zuschauer ins Kreuzfeuer der Vermutungen, Verdächtigungen und Enthüllungen, so dass der eigene Blick und Verstand nirgendwo Ruhe finden konnte. Homelands Autoren nahmen uns mit dem plötzlichen, geradezu abrupten Tempo-Anstieg die Möglichkeit, auf Distanz zu gehen und die Ereignisse, Absichten und Handlungen der Figuren von dort aus zu beurteilen.

Durch die Geschwindigkeit, mit der sich alles abspielte, und die Verschiebungen einiger Figuren-Positionen innerhalb der Erzählung bekam man das Gefühl, der eigene Blick sei ein Spielzeug in den Händen der Autoren. Aber Homelands Ziel besteht nach wie vor nicht darin, Sensationslust zu befriedigen oder allererst zu wecken, sondern diese so genannten Verschiebungen zu erklären. Zwar erzeugt man Spannung durch die Ungewissheit und die unerwarteten Wendungen, aber diese Spannung ist eher ein Nebenprodukt. Warum Verschiebungen stattfinden, warum sie überhaupt möglich sind und wie leicht man Verschiebungen als Differenzen missversteht, als Aussage über einen Menschen als solchen – das sind die Hauptpunkte, die unter der Oberfläche einer Jagd nach Terroristen abgehandelt werden.

Es geht um Gemütszustände: Wie empfindet man, für wen, warum? Und wie wenig braucht es, um diese Empfindung von außen zu steuern? Wie zerbrechlich ist eine Gefühlslage? Vor allem Letzteres thematisiert Crossfire sehr deutlich – und damit auch die Zerbrechlichkeit menschlicher Bindungen und Beziehungen. „People are their own worst enemy“, sagt Saul (Mandy Patinkin); und anstatt wie ein Klischee zu klingen, trifft diese Aussage den neuralgischen Punkt und steht in direkter Verbindung zu einem anderen wichtigen Satz in dieser Episode, zu einer Frage nämlich, die Abu Nazir via Video-Konferenz Brody stellt: „Are we enemies now?“

Die neue Homeland-Episode konzentriert sich hauptsächlich auf Brody (Damian Lewis) und darauf, was unter der Oberfläche seiner Geschichte liegt – etwas, das ihn womöglich noch stärker geprägt hat als das physische Trauma der Gefangenschaft. Während Carrie (Claire Danes) gegen die Windmühlen des Apparats kämpft, innerhalb dessen sie selbst funktioniert, und den Imam zu überreden versucht, Informationen über Walker preiszugeben, wird Brody auf dem Supermarkt-Parkplatz überfallen und entführt. Der Rest der Episode schaukelt wie eine Wiege zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen unterschiedlichen Gefühlslagen hin und her – und die Hand an der Wiege gehört Abu Nazir.

Auf manche mögen die Rückblenden als billiger dramaturgischer Trick gewirkt haben, als eine allzu einfache Erklärung dafür, warum sich Brody gegen das eigene Land gewendet zu haben scheint… aber hat er das wirklich? Oder ist er noch immer frei in seinen Entscheidungen? Wie frei sind wir in unseren, wenn wir immer wieder an Dinge erinnert werden, die uns zu der Person gemacht haben, die wir sind? Sind solche Erinnerungen Manipulation oder Melancholie?

Erklärt die Erzählung über Abu Nazirs Sohn Isa Brodys Veränderung – eine Erzählung über ein Kind, dem Brody Englisch beibringen sollte, mit dem er sich anfreundete und das bei einem Treffer US-amerikanischer Bomben auf seine Schule getötet wurde? Vielleicht – teilweise. Nur: Hat sich Brody überhaupt verändert? Ist er jetzt auf der anderen Seite? Gibt es überhaupt eine andere Seite? Während Brody fünf Jahre lang eingesperrt und gefoltert wurde, starb er. Nicht Walker starb, sondern Brody. Um neu geboren zu werden!

Abu Nazir gab ihm ein neues Leben, Licht, Ruhe, die Freundschaft eines Kindes, das damals ungefähr ebenso alt war wie Brodys eigener Sohn. Man kann an dieser Stelle weiter spekulieren, ob Abu Nazir von der Attacke wusste und mit Absicht das eigene Kind sterben ließ, um Brody endgültig unter Kontrolle zu haben; aber für den Moment kommt es darauf nicht an. Viel wichtiger ist, was die Möglichkeit, solche Fragen überhaupt zu stellen, zeigt: Wir sind eigentlich schon längst nicht mehr im Stande, nach Recht und Unrecht zu fragen. Vielleicht haben alle Recht, denn im Grunde tut jede/r das Richtige – das, woran frau / man glaubt? Natürlich werden Interessen vertreten, aber es sind immer auch die eigenen; weniger materielle als emotionale.

Obwohl in Crossfire Schüsse fallen, ist die Erzählung mehr das Echo eines Schusses, der schon gefallen ist. Homeland hält sich an Sauls Worte, an die Erzählung über die Zerbrechlichkeit des Seins. Außerdem lässt uns die Showtime-Serie keinen Überblick gewinnen: Genauso wie die Kamera die Gesichter der Protagonisten liebt und sie gern in Close-Ups zeigt, bekommen wir alles – metaphorisch ausgedrückt – im Close-Up erzählt. Wir sind zu nah dran und kommen nicht weg! Die Kamera bewegt sich nicht vom Erzählten fort, zeigt uns keinen Establishing Shot vom Ganzen. Wir bekommen statt dessen Bildausschnitte zu sehen.

Ist Walker Abu Nazirs As im Ärmel, falls Brody doch zum “alten” Brody zurückkehren sollte? Es scheint so, als hätte Abu Nazir das Einschleusen von Brody in den Regierungsapparat geplant. Aber mit wessen Hilfe? Elizabeth Gaines? All unserem Wissen aus den letzten zwei Episoden zum Trotz sind wir unwissend. Schwer machen es uns die Verschiebungen in den Gefühlslagen der Protagonisten, die Homeland sensibel zeichnet. Als ob man die Saiten eines Instruments berührte, aber sich nicht sicher sein kann, welche Melodie erklingt – denn das hängt von der Berührung ab… Je nachdem, wie die Figuren auf einer rein persönlichen Ebene berührt wurden oder berührt werden, handeln sie.

Sie stehen im Kreuzfeuer der eigenen Empfindungen. Wer ist Freund, wer Feind? Carries und Brodys Wege werden sich bald wieder kreuzen, denn sie erfährt von Walkers Kontaktperson, dem Saudi-Diplomaten; und obwohl Nazirs Leute Brody ohne direkte Anweisungen gehen lassen, scheinen er und Walker auf unterschiedliche Art und Weise – unabhängig voneinander? – dasselbe Ziel zu haben. Carrie hatte wieder Unrecht: Zwei Soldaten haben die Seite gewechselt. Oder liegt ihr Irrtum eine Ebene höher? Gibt es denn noch Seiten?

Homeland: Achilles Heel (1×08)

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Mit Achilles Heel kommt zum ersten Mal bei Homeland das Gefühl auf, was die Achilles-Ferse der Showtime-Serie werden könnte. Das ist keine wirkliche Kritik, sondern einfach eine Mutmaßung, für die es keine Beweise gibt und die kaum mehr als eine Woche lang wird standhalten können. Nach dem Finale von Achilles Heel fragte ich mich: Lassen die Wendungen und Enthüllungen der Serie, die jetzt im Vergleich zum langsamen Aufbau vorher sehr rasch aufeinander folgen, uns Zuschauer inzwischen auf negative Art empfinden, dass wir ständig an der Nase herumgeführt werden?

Stellt sich der Verdacht ein, die Serie manövriere sich in eine Sackgasse? Nun, dem entgegen steht erstens: Nach dem bisher Gezeigten setze ich völliges Vertrauen in den Langzeitplan der Homeland-Autoren. Und zweitens: Wenn man versucht – wie ich es gerne tue -, die Handlung nicht nur als Handlung zu verfolgen, sondern auch die kreierte Atmosphäre, den “Klang” der Serie zu beschreiben, dann kommt dieser dramaturgische Aufbau nicht von ungefähr. Wir wissen, dass Jazz Carries (Claire Danes) große Liebe ist und dass sowohl der Vor- als auch der Nachspann einer jeden Episode aus Jazz-Versatzstücken bestehen. Auf den ersten Blick.

Auf den zweiten zeigt sich, dass diese improvisiert wirkenden Versatzstücke Muster aufweisen; sie bestehen, wenn meine Lektüre mich nicht falsch informiert hat, aus zahlreichen Stücken mit höchst unterschiedlichem formalem Aufbau. Sehr häufig erscheint nun das Muster der allgemeinen Liedform AABA (“song form” – auf deutsch: Reprisenbarform); diese besteht in der Regel aus 32 Viervierteltakten, die in vier achttaktige Abschnitte unterteilt sind. Wenn man das auf Homeland überträgt, befinden wir uns gerade im Abschnitt B. Die Enthüllungen in der sechsten und siebten Episode der Serie kommen ziemlich überraschend, da man als regelmäßiger TV-Zuschauer an ein anderes Muster gewöhnt ist: nämlich solche Handlungsbewegungen in der vorletzten und letzten Episode einer Staffel anzutreffen (wohlgemerkt: bei Kabelsendern!).

Homeland zieht die Bewegungen gleichsam vor: Anscheinend hat die Serie “größere” Pläne. Natürlich bleiben diese Gedankengänge bislang Spekulation, aber in meinen Augen lohnt sich der Versuch zu beschreiben, wie die Autoren uns Zuschauer durch die Erzählung manövrieren. Wie ein amerikanischer Kollege betonte, macht es Spaß, bei Homeland in die Irre geführt zu werden. Ich frage mich allerdings, wie man bei Homeland “in die Irre führen” definieren kann. Hat uns die Serie denn wirklich in die Irre geführt?

Achilles Heel ist in ihren ersten ca. dreißig Minuten und den letzten zehn eine ruhige, stille Episode, die Carrie als eine Art Schnittpunkt zwischen Saul / Mira und Brody / Jessica einsetzt, um den neuen / alten Stand der Dinge zu dokumentieren. Im dritten, mittleren Episodenteil – meiner rein subjektiven Aufteilung nach – wird der Allgemeinrhythmus “gebrochen”, und das Tempo steigert sich ins Zehnfache. Es geht um die Jagd nach Walker, nach dem Mann, der als Obdachloser posiert, um sich von einem uns bisher Unbekannten einen Schlüssel für einen Lagerraum zu holen.

Man zweifelt im Grunde keine Sekunde lang daran, was in diesem Raum auf Walker wartet – ein Scharfschützengewehr. Aber was Homeland mehr interessiert, ist die persönliche Frage danach, was Walker generell erwartet. An der Oberfläche arbeitet Homeland mit der Prämisse, dass alles, was wir zu wissen glaubten, falsch war – aber wenn man aufmerksamer “zuhört”, erkennt man ein schematisches Motiv dahinter. Dieses Motiv verdreht im Grunde die Prämisse und erzählt uns, dass alles, was wir zu wissen glaubten, stimmt – nur wissen wir es nicht!

Carries Stimme aus dem Vorspann und aus dem Piloten sagt zu Saul, dass sie es sich nicht leisten könne, wieder etwas zu übersehen. Trotzdem übersieht sie wieder etwas. Aber was? Die Möglichkeit, dass Brody kein Doppelagent sein könnte? Nein – sie übersieht eher sich selbst. Carrie trifft Entscheidungen, bereut sie später und kann doch nicht anders, als weiterzumachen.

Genauso wie Saul: Ständig plagt ihn Reue, seine Versprechen Mira gegenüber nicht halten zu können, aber er trifft seine Wahlen bewusst. Es macht ihn traurig, aber immer wieder wird er dem Job den Vorzug geben. So sind Carrie, wie sie selbst feststellt, und Saul allein: jede/r auf ihre / seine eigene Art und Weise, aber dennoch allein. Als Carrie zu Saul (Mandy Patinkin) geht und ihm die Wahrheit über Brody erzählt, wandelt sich in seinen Augen die Wut in Verständnis, in beinahe väterliche Besorgnis um Carrie.

Und auch Walkers Frau Helen wandelt sich, überraschend und im negativen Sinne: von der Frau, die von Jessica beschuldigt wurde, den Glauben an Tom aufgegeben zu haben, zu der Frau, die ewige Liebe zu Tom schwört. Im letzten Moment wird Walker also gewarnt, bevor die Falle von Saul und Carrie zuschnappen kann. Ich weiß nicht, ob man diese Warnung als vorhersehbar einstufen kann oder nicht, aber auf dem Hintergrund der Erzählung an sich erschien sie mir erzwungen. Glaubhaft? Nicht wirklich. Homeland benutzte Helen einfach als Mittel zum Zweck, um die Situation um Walker zum Eskalieren zu bringen und gleichzeitig eine mögliche Lösung hinauszuschieben.

Trotzdem funktioniert die Episode sehr gut, indem sie sowohl Walker als auch Brody (Damian Lewis) gleichsam positioniert: im Rampenlicht, aber jeweils auf der anderen Seite. Elizabeth Gaines lädt nicht nur Familie Brody zu einer Party ein, sondern hegt größere Pläne für Brody, während der nur den Plan zu haben scheint, wieder mit seiner Familie zusammen zu sein. In einer sehr schönen Szene schaut die ganze Familie Brody zusammen „Ice Age“ – und für einen Moment ist Brody wirklich auf der “richtigen” Seite. Bis zur letzten Szene der Episode, als er im Haus des Mannes wartet, der Walker den Schlüssel gab. Brody stranguliert ihn fast zu Tode und übermittelt eine Nachricht an Abu Nazir: „It is over.“

Homeland: The Weekend (1×07)

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Wenn man einen Teebeutel ins heiße Wasser tauchen und die nächsten zwei Minuten filmen und in Slow Motion abspielen würde, dann sähe man das Aroma langsam Besitz vom Wasser ergreifen, seine Klarheit sich in eine undurchsichtige Wolke Genuss verwandeln, – mehr und mehr, bis die Mischung vollkommen ist und der Tee somit fertig. Was hat aber Tee mit einer Erzählung über Terrorgefahr zu tun? Welchen Einfluss übt eine Tasse Tee auf Verschwörungstheorien aus?

In Homelands neuer Episode The Weekend wird Tee Carrie zum Verhängnis. Nicht weil sie sich daran die Zunge verbrennt, sondern weil sich ihre Zunge für einen Moment, auf einer Genuss-Wolke schwebend, löst und in Brodys Gemüt verbrannte Erde hinterlässt. Am Ende der letzten Episode nahm Brody sie in seinem Auto mit; Carrie bestätigt ihm, dass er den Test bestanden habe – und da er am Wochenende familienfrei nehmen will, machen sie zusammen einen kleinen Ausflug.

Der führt von Billardspielen und Trinken über eine Neonazi-Schlägerei und Trinken zur Waldhütte von Carries Eltern. Dort, im Halbdunkel des Waldes, wird nicht nur der Sex, sondern auch die seelische Bindung zwischen den beiden immer inniger. Zum ersten Mal hören wir von Carrie, was ihr in Bagdad passiert ist; umgekehrt kann sie dem von Alpträumen gequälten Brody Trost spenden.

Anfangs hat sie noch etwas von der CIA-Agentin, die Brody verdächtigt, aber mit jeder Sekunde scheint diese stärker durchmischt zu werden von einer Frau namens Carrie, die etwas genießt. Ihr Tee-Ausrutscher demonstriert diese Vermischung. An diesem Punkt hat man das Gefühl, jemand habe plötzlich das Licht angeknipst und uns Zuschauer dabei ertappt, eine Liebesgeschichte zu genießen und darüber vergessen zu haben, worum es hier geht.

Auf mich persönlich wirkte Carries Unaufmerksamkeit nicht aufgesetzt; ich würde auch nicht die ausgegangenen Tabletten dafür verantwortlich machen. Es sieht eher danach aus, als fände Carrie zum ersten Mal ohne Tabletten Ruhe und Frieden – und somit lügt sie nicht, als sie im Gespräch dieses Empfinden Brodys teilt. Ruhe und Frieden strahlt auch die andere Hälfte der Episode aus, die sich um Saul und Aileen dreht. Auch diese beiden machen eine Art Ausflug: Aileen flieht nach Mexiko und wird dort abgefangen. Saul bringt David dazu, ihm Zeit zu geben, um mit ihr zu sprechen und sie sprechen zu machen.

Wieder einmal eine großartige Leistung von Mandy Patinkin – und auch von den Autoren und Produzenten der Serie! Als Zuschauer wird man so sehr in die Geschichte hineingezogen, dass sogar die langen Momente der Stille im Auto zwischen Saul und Aileen sich unheimlich spannungsgeladen anfühlen. Saul spricht genau den Mechanismus an, dem wir in Carries Fall beim Funktionieren zusehen.

Ich behaupte damit nicht, dass sie in Brody so verliebt wäre wie Aileen in Faizel; es geht um die Unmöglichkeit, zwischen sich und der “Sache” differenzieren zu können: nicht im Sinne vollständiger Überlappung, sondern im Sinne eines Schwebezustands, bei dem man / frau nicht genau weiß, warum er / sie wirklich an etwas glaubt oder glauben will.

Diese Szenen sind nicht nur Aileen gewidmet, sondern sie erzählen uns viel über Saul, über Isolation und Einsamkeit – wie auch Brody sie fühlte, bevor Abu Nazir ihn herausholte. Nachdem sich Carrie durch ihr Wissen um Brodys Lieblingstee verraten hat, folgt eine Szene, die die Serie von der ersten Minute an vorbereitet hat. Zuerst erzählt Carrie die Wahrheit über ihre Verdächtigungen. Dann packt Brody aus: dass er Moslem geworden sei, um ein wenig seelischen Frieden zu finden, dass er Walker getötet habe, um selbst zu überleben, dass er Abu Nazir geliebt habe für den Trost, den er ihm gab.

Alle Flashbacks haben sich bewahrheitet – aber wir sahen sie in einem anderen Kontext, in Carries Kontext des Verdachts, und in Brodys Kontext ergeben sie genauso viel Sinn. Wie wir schon immer sagten: Es ist der Blickwinkel, der die Interpretation entscheidet. Man erinnere sich an das Interview, das Brody gab, und an all die Winkelzüge, um ihn zu brechen. Als sich durch Aileens Kooperation herausstellt, dass nicht Brody, sondern der tot geglaubte Walker der Terrorist ist, ergeben Brodys Worte mehr Sinn.

Aus Walkers Sicht hat sein Freund Brody versucht, ihn totzuschlagen, die Marines kamen nie, um ihn zu retten, und seine Frau heiratete erneut. Als Carrie ihren “Fehler” realisiert, scheint es schon zu spät zu sein: Parallel dazu, dass sie und Brody sich in der Gesellschaft eines anderen Menschen endlich einmal wieder gut fühlten, haben sie einander emotional zerstört. Am Ende bricht alles zusammen – wegen der Erkenntnis über Walker, doch viel explosiver wirken nicht direkt die Enthüllungen als Informationen, als Bewegung des Plots nach vorne, sondern die stillen Momente, die leisen Zusammenbrüche im Innern: Carries (Claire Danes) und Brodys (Damian Lewis), der nach Hause zurückkommt, sich allein im Dunkeln aufs Sofa setzt und zu weinen anfängt.

 

Homeland: The Good Soldier (1×06)

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Wann ist ein Soldat ein guter Soldat? Wie definiert man “gut”? Ist Brody ein guter Soldat? Wenn ja, für wen? Sgt. Tom Walker war ein guter Soldat, aber er starb in Gefangenschaft durch Brodys Hand, wie die Flashbacks zum wiederholten Mal beweisen. Trotzdem wird Brody als guter Soldat gefeiert. Und das missfällt manchen. Die neue Homeland-Episode ist um zwei Hauptpunkte aufgebaut: den Lügendetektor-Test und Brodys (Damian Lewis) Privatleben. Eigentlich gleicht The Good Soldier Sauls erstem Test, den er abbricht: eine stetige Linie, die plötzlich nach oben explodiert.

In dieser Homeland-Episode verläuft, der Serie gemäß, alles in umgekehrter Reihenfolge. Es beginnt mit einer Explosion: mit Davids Ausbruch, weil Carrie (Claire Danes) für all diejenigen den Test fordert, die mit Affy Kontakt hatten. Und es endet mit einer stillen Antwort: „No.“ Die kommt natürlich aus Brodys Mund. Er verneint die Beteiligung an Affys Selbstmord und antwortet negativ auf die Frage, ob er seine Ehefrau je betrogen habe. Eine Lüge – oder zwei? Wir wissen, als er den Test macht, dass er fremdging: mit Carrie! Ja, das ist der große Schritt, den die Episode macht.

Carries Besessensein von Brody macht es unmöglich zu sagen, ob ihr Verdacht gegen ihn wirklich berechtigt ist – oder ob sie diesen Verdacht vorschiebt, um ihre persönliche Suche nach einer verwandten Seele zu verschleiern. Carrie geht den letzten Schritt, der am Anfang der Serie durch die Schnitte von ihr auf ihn, durch die Videomonitore, gleichsam vorweg genommen wurde. Als Brody nach seiner beeindruckend inszenierten Rede über Tom in der Kirche von einem anderen Kriegsveteranen beschuldigt wird, ein “guter”, aber “falscher” Soldat zu sein, bekommt auch er die Wahrheit offen zu hören: Mike schlief mit Jessica (Morena Baccarin).

Brody prügelt brutal auf Mike ein und sucht dann Rettung in der Bourbon-Flasche und in… Carrie. Sie leistet ihm Gesellschaft beim Trinken und beim Reden, und in ihrer zweiten Szene auf einem Parkplatz fallen nicht wieder Regentropfen, sondern Carrie und Brody fallen auf dem Rücksitz ihres Autos übereinander her.

Zu dem Zeitpunkt hat mich das ziemlich überrumpelt, aber später zahlte sich alles irgendwie aus. Interessant war es für mich, am Anfang der Episode zum ersten Mal – falls ich mich nicht täusche – Brodys Vornamen in familiärer Kurzform und als Anrede zu hören: Nick. Als Toms Ex-Frau diesen Namen ausspricht, bekam ich das Gefühl, mich damit weiter von dem Verdacht gegen Brody zu entfernen – bis dann die Szenen mit Carrie und der Test kamen. Homeland schafft es nach wie vor, den Zuschauerblick vor die Frage zu stellen, wie viel man hineininterpretieren und glauben darf.

Während sie die Pros und Kontras ausbalanciert, schafft es die Serie, uns aus der Balance zu werfen – jedes Mal, wenn wir glauben, sie gefunden zu haben. Denn Carrie erzählt Nick, bevor sie auf dem Rücksitz landen, dass es bei dem Test um die Rasierklinge gehen würde. Also hat er Zeit, sich vorzubereiten und dann spurlos zu lügen. Oder lügt er doch nicht? Wir können uns nur sicher sein, dass diese Frage mit einem Test nicht zu beantworten ist: Bezüglich seiner Lüge über den nicht erfolgten Ehebruch zeigt der Polygraph keine Regung.

Carrie freilich weiß es – nur: Saul kann sie es allemal nicht erzählen! Sehr interessant finde ich die Tatsache, dass diese Episode mit dem Lügendetektor-Test ausgerechnet von Rubicons Showrunner Henry Bromell stammt. Ich musste an die großartige Rubicon-Episode denken, als auch dort jeder einen Test machen musste und man dadurch andere Dinge erfuhr als diejenigen, die eigentlich Ziel und Zweck der Übung waren. Über Sauls Probleme mit solchen Tests erfahren wir auch etwas. Seine Antwort auf die Frage nach Affy scheint eine Lüge, als er plötzlich den Test abbricht.

War er emotional zu aufgewühlt – oder steckt mehr dahinter? Und der Nebenplot um Faisel und Aileen wirft noch mehr Fragen auf, anstatt welche zu beantworten. Auch die CIA findet heraus, dass das Pärchen auf der Flucht nicht aus gleichberechtigten Partnern besteht und Aileen die Hauptrolle spielt. Aber wer ist hinter den beiden her? Denn zuerst erweist sich das Safe House als eine Falle, und etwas später wird Faisel niedergeschossen. Ist Aileen der Schlüssel zu dem Rätsel? Oder handelt es sich gar nicht nur um Nazirs Terror-Organisation?

Am Ende der Episode erwartet Brody Carrie auf dem Parkplatz: Get in, sagt er kurz angebunden – und nachdem sie eingestiegen ist, rast das Auto davon. Ich weiß nicht, mit welchem Satz ich diesen Text abschließen soll. Ebenso wenig wie man weiß, wann Homelands Erzähllinie wieder einen Sprung machen wird und ob er auf einer Lüge basiert oder auf einer Wahrheit. Das ist die Wahrheit.

Homeland: Blind Spot (1×05)

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Hat nicht jeder Mensch einen „blind spot“? Eine Stelle, an der er Sachen durchgehen lässt – oder aber übersieht, eigentlich nicht anders kann, als sie zu übersehen? Man sieht – und ist blind für das Gesehene. Ist es trotzdem da? Homeland handelt vom Über-sehen: über etwas hinwegsehen, nicht sehen können und zu viel sehen zugleich. In solchen Geschichten gibt es keine Balance; sie leben von ihren Störungen, von der Spannung, die sie erzeugen.

Aber man muss selbst einen „blind spot“ für solche Erzählungen haben, um sie vollständig genießen zu können. Man muss den eigenen Bedarf für eine Geschichte übersehen, die von A nach B führt; man muss aufhören, nach geraden Linien zu suchen, und statt dessen das Zickzackmuster genießen, wie man es aus Rubicons Logo kennt – oder aus der Jazzkomposition in Homelands Vorspann. Jeder Mensch bildet ein solches Zickzackmuster, das unmöglich objektiv beschrieben werden kann: Wer wäre in der Lage, aus sich selbst hinauszugehen, um diese Beschreibung zu leisten?

Wer könnte eine Aussage machen, die nicht subjektiv wäre? Jedem Blick auf die Welt ist ein blinder Fleck eingeschrieben. Die Stelle, an die wir nicht blicken können, ist unsere eigene in dieser Welt. Sie stört den objektiven Blick, verwischt ihn, macht ihn bruchstückhaft – so wie in Homeland jede Information über jede Figur Fragment bleibt.

Mit Blind Spot füllt die Showtime-Serie manche Lücke, aber das Bild ist nicht komplett. Das aber gibt an dieser Stelle auch nicht wirklich den Ausschlag. Was die Terroristen planen und ob Brody selbst ein Terrorist geworden ist, scheinen mir im Moment sekundäre Fragen zu sein. Konnte ich bei Rubicon für Stunden den Gesprächen zwischen Truxton Spangler und jedweder anderen Figur zuhören oder Wills stillem Nachdenken zusehen, so könnte ich nun stundenlang die Stimmungsbilder von Saul, Carrie oder Brody betrachten, welche Homeland mit großer Sorgfalt und einem dysfunktionalen Pinsel “malt”.

In Blind Spot kommen weitere Pinselstriche dazu. Wir bekommen mehr Einblick ins Sauls Privatleben, das dem Teppich auf seinem Bürofußboden gleicht: Alles scheint glatt und gemächlich vonstatten zu gehen, aber die umgeschlagene Ecke stört den Blick und weist darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Wir sehen Saul in dieser Episode bei dem Versuch, die Ecke aus dem Bild zu schaffen: Während er mit Carrie (Claire Danes) spricht, klappt er die Teppichecke wieder um, an ihren Platz. Später lernen wir seine Frau / Lebensgefährtin Mira (indischer Herkunft) kennen, die zwar die Wichtigkeit von Sauls Arbeit versteht, aber dieses Leben trotzdem nicht mehr ertragen kann; ihr ist klar, dass es in Sauls Leben immer eine hoch stehende Ecke geben wird, die er schleunigst wieder in die richtige Position bringen muss.

Die Szene zwischen den beiden ist großartig gespielt – und wird im nächsten Moment durch Carries Eintreten in Sauls Haus von einer noch besseren gefolgt. Die Auseinandersetzung zwischen Carrie und Saul verläuft rasend und endet damit, dass sie ihn blindwütig als „pussy“ bezeichnet. Sauls stille, fast geflüsterte Antwort „I think you should leave now“ wird von Mandy Patinkin mit solcher Wucht beladen, dass sie Carrie und uns Zuschauer erschüttert. Carrie weiß, was sie gerade tat – und konnte doch nicht anders. Beide sind in dieser Situation blind füreinander, da ihre jeweiligen Schwachpunkte (Mira, Brody) sie emotional instabil gemacht haben. Beide verlieren den Boden unter den Füßen.

Ausgelöst hat dies die zentrale Handlung dieser Episode, die sich um das Verhör des Terroristen namens Affy (ich glaube, so lautet die verwendete Abkürzung) dreht: den Mann, der jahrelang Brodys (Damian Lewis) Wächter und Hauptfolterer war. David holt Brody und Carrie als Beisitzer zum Verhör, während Saul den direkten Kontakt mit Affy übernimmt. Brody wünscht mit seinem damaligen Folterer zu sprechen, aber das wird ihm zunächst untersagt. Tatsächlich gibt Affy Informationen preis, aber erst nachdem er die Nacht über mit lauter Musik und Licht gequält wurde. Carrie versicherte Brody zuvor, dass nicht gefoltert würde, aber Affys Behandlung ist nicht unbedingt als human zu bezeichnen…

In den meisten Szenen um das Verhör herum wird nicht gesprochen. Sie verbinden aber mittels Schnitten sämtliche beteiligten Figuren: Saul, Carrie, Brody und Affy. Es wird von Affys zitterndem Gesicht auf Carrie geschnitten, die darauf wartet, dass er einbricht; dann auf Brody, der sich vor dem Spiegel rasiert. Stets hält die Kamera die Gesichter eine Weile im Close-Up, so dass man sich als Zuschauer fragt, woran die Figur gerade denkt: Was geht ihr durch den Kopf, was genau verbindet die eine mit der anderen?

Brody geht es nach seinen Worten um die Chance, das Kapitel hinter sich zu lassen, die Tür zu schließen. Das überzeugt David, und er gewährt Brody ein kurzes Treffen mit Affy, das in eine handgreifliche Auseinandersetzung einmündet. Kurze Zeit später findet man Affy tot auf: Mit Hilfe einer eingeschmuggelten Rasierklinge hat er sich die Pulsadern aufgeschnitten. Woher kam die Klinge? War es wirklich Brody?

Auf den Aufnahmen kann man es nicht sehen, denn die Auseinandersetzung findet an einem „blind spot“ statt – dem zweiten, den Brody in der Serie benutzt; zum Beten ging er immer in die Garage, wo keine Kamera positioniert war. Trotz Carries Überzeugung, für die schon wieder – immer noch – Beweise fehlen, wissen wir also schon wieder – immer noch – nicht, ob es Brody war. Wollte Brody die Tür schließen – oder dafür sorgen, dass sie weit offen bleibt? Alles deutet darauf hin. Aber wir wissen es nicht.

Die Email-Adresse, die Affy preisgab, verbindet Faisel direkt mit den Terroristen, aber Carries Leute kommen zu spät: Faisel und seine Frau sind weg. Wer hat sie gewarnt? Und was hat Carrie übersehen, während ihr Blick auf Brody fixiert war? Am Ende bricht sie buchstäblich zusammen. Schon am Anfang der Episode lernten wir Carries Vater (James Rebhorn) kennen und sahen, wie sie in das Haus ihrer Schwester ging, um heimlich Tabletten zu holen. Diesmal sucht Carrie ihre Familie auf, um sich das zu holen, wofür Familie wirklich da ist: Geborgenheit und Trost.

Carries Zusammenbruch geht eine sehr schöne Szene voran, als sie in ihrem Haus die Fotos von der Wand abnimmt. Zwar sieht der Raum plötzlich größer aus, aber zugleich auch flacher, leerer – so wie Carries Leben aussehen würde, falls sie ihren Job nicht mehr hätte. Diese kleine Szene verdeutlicht am besten das Gefühl des Alleinseins, vor dem sie dann in die Arme ihrer Schwester und ihrer Nichten flieht. Trotzdem findet sie keine Ruhe. Carrie muss sich selbst überzeugen, richtig zu liegen: denn was würde ihr sonst übrig bleiben? Doch sie schaut auf die Ereignisse mit einem Blick, der nur noch Bestätigung sucht für etwas, was er schon gesehen hat oder zu haben glaubt – für das, was Carrie bereits glaubt. Der feste Glaube ist das, was Carrie treibt.

Und was treibt Brody? Auch Glaube? Wir sehen in dieser Episode mehrere Szenen, wo gebetet wird: Ganz am Anfang ist es Brody, später Saul und gegen Ende der Episode Brody zusammen mit seinem Sohn. Es ist nicht unbedingt die Religion als solche, die hier als treibende Kraft zu sehen ist, sondern Religion als Metapher für eine Überzeugung, die den Menschen an gewissen Stellen zusätzlich blind machen kann. Indem wir Zuschauer das Blind-Werden streckenweise beobachten, sehen wir die Gefahren, die jenes Über-sehen birgt: sei es auf Carries Seite oder auf der der Terroristen…

Homeland: Semper I (1×04)

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Jessica: „Just watching the storm.“ Brody: „Coming or going?“ Jessica. „Going, I think.“ Diese kurze Unterhaltung gegen Ende der Episode, während man im Hintergrund gelegentlich Donner hört und Blitze das Bild für Sekunden erleuchten, beschreibt sehr gut, welche Erzählatmosphäre Homeland kreiert. Als Zuschauer hat man durchaus das Gefühl, dass ein Sturm aufzieht, nur genau beschreiben kann man es nicht. Die Beweise fehlen: wer, wie und wann? Hier ein Blitz, da ein Donnergrollen… aber führt das tatsächlich zu einem Sturm?

Carrie beharrt darauf, dass mit Brody etwas nicht stimmt. Und dieser Gedanke ist gar nicht so falsch. Nur: liegt das Nicht-Stimmen dort, wo Carrie es vermutet? Dieses Gedankenspiel illustriert die CIA-Untersuchung dieser Woche: David, Carries Chef, nimmt ihre Hinweise auf den möglichen Finanztransfer mit Hilfe der Kette ernst und befiehlt eine genau Untersuchung der Personen, die involviert sein könnten. Darunter ist ein gewisser Assistent-Professor namens Raquim, der Mann, der am Ende der letzten Episode ein Haus nahe dem Flughafen kaufte. Schlussendlich wird er von der Verdächtigen-Liste gestrichen; nur wir Zuschauer wissen, dass mit ihm tatsächlich etwas nicht stimmt. Trotzdem ist das Durchstreichen mit dem roten Filzstift nicht unbedingt falsch: Es scheint, als ziehe ausgerechnet seine Frau die Fäden – in was auch immer die beiden involviert sind.

In Homeland ist alles möglich, bisher ohne dass die Wendungen unglaubwürdig erscheinen. Die Feinheit, die die Showtime-Serie so sehenswert macht, besteht in der Art, nicht zwei Seiten einer Münze anzudeuten, sondern die Vielschichtigkeit einer einzigen Seite. Nachdem sich Brody in der Garage die Hände gewaschen hat – bewusst und rituell -, beginnt er seine Waffe zu putzen. Dann hält er inne und schaut durch den Lauf. Eigentlich überprüft er dessen Sauberkeit, aber es erfolgt ein Schnitt auf das Capitol – wie durch ein Rohr oder durch Hindernisse gesehen. Im Piloten schon sahen wir dieses Gebäude durch Brodys Augen, als er beim Joggen davor stand. Jetzt verbindet man diesen Blick erneut mit ihm… aber ist die Verbindung nicht erzwungen?

Carries Blick auf Brody wiederum wird beschnitten. Saul teilt ihr mit, dass die vier Wochen um sind: Sie sieht sich gezwungen, die Überwachungskameras und Mikrofone aus Brodys Haus entfernen zu lassen. Bevor Carrie die letzte Kamera selbst entfernt, erblicken wir sie auf dem Monitor in ihrem eigenen Haus. Auch David will seine beste Analystin im Blick haben – die übrigens vor einiger Zeit mehr für ihn war als nur eine Analystin, wie wir von Carrie selbst erfahren und dann dem Gespräch zwischen den beiden in der Bar entnehmen können. Geschickt nimmt die Erzählung die nächste Nebenfigur mit an Bord: einen aufstrebenden, mit Carrie (Claire Danes) befreundeten Analytiker libanesischer Herkunft, den David (David Harewood) nun auf Carrie ansetzt.

Homeland lässt dem Zuschauer Raum zum Nachdenken: Was könnte wichtig sein, was nicht? Wer könnte wichtig sein und wer nicht? Wie viel weiß die jeweilige Figur – und was denken wir und andere Figuren, dass sie weiß?

Brody erledigt seinen Job als Repräsentant der US-Armee mit Reden und Äußerungen immer geschickter, so dass der Vize-Präsident einen Job im Weißen Haus für ihn in Betracht zu ziehen scheint. Und Brody (Damian Lewis) scheint über Mike und Jessica Bescheid zu wissen. Er sagt es zwar nicht direkt, aber die Kamera, gekoppelt an seinen Blick, erzählt uns sein Wissen.

Auch hier beobachten wir durch Hindernisse wie Fenster- und Türrahmen mit seinen Augen die Ereignisse im Haus, wo eine kleine Party stattfindet und Mike mit einer Pseudo-Freundin auftaucht. Als Mike Brody in der Garage suchen geht, fallen zwei Schüsse. Brody hat zwar nur das Reh erschossen, aber es sind eigentlich Warnschüsse, die auf Brodys instabilen Zustand hindeuten. So jedenfalls sieht es Jessica (Morena Baccarin): Sie konfrontiert ihren Mann damit und mit ihrem Wunsch, dass er sich Hilfe holen möge, da sie den gegenwärtigen Zustand nicht mehr ertrage.

Und tatsächlich geht Brody zu einem Treffen der Kriegsveteranen-Selbsthilfegruppe und trifft dort auf… Carrie. Nein, sie ist keine regelmäßige Teilnehmerin – jedenfalls: nicht dass wir wüssten! -, sondern sie ist ihm dorthin gefolgt. Nachdem ihr die Möglichkeit genommen wurde, Brody offiziell zu überwachen, setzt sie ihr Überwachungsprojekt auf herkömmliche Art und Weise fort. Großartig spielt Claire Danes Carries Brody-Obsession: Wir bekommen den Eindruck, sie würde ihm nicht nur wegen des Terrorverdachts folgen, sondern weil sie ihn… vermisst.

So treffen beide zum zweiten Mal in der vierten Episode der Serie aufeinander, als sie in das Treffen hineinplatzt, bloß um wieder Reißaus zu nehmen. Sie will, dass Brody sie erkennt und ihr folgt – und das tut er auch. Beide reden draußen vor der Kirche miteinander, bevor es anfängt zu regnen und sie mit einem Lächeln im Gesicht zu ihrem Auto geht, während Brody im strömenden Regen stehen bleibt.

Es ist eine kurze, aber interessante Unterhaltung, die nicht nur die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern unter Beweis stellt, sondern noch drängender als bisher die Frage aufwirft, was Carrie eigentlich bezweckt. Weiß sie das überhaupt selbst? Brodys Frage, warum es so hart sei, mit Leuten über den Krieg zu reden, die nicht dort waren, pariert sie mit einer Gegenfrage: „Why is it so hard to talk about anything at all with anyone who wasn’t there?“ Homeland bleibt eine Serie über die minimale Differenz, über diese winzige Verschiebung, die den Blick führen und gleichzeitig täuschen kann, die Überblick verschafft und zugleich verwehrt. Es ist der Kontext, der den Blick führt und täuscht. So nimmt Carrie in Brodys Garage den Gebetsteppich in die Hand, denkt sich aber nichts dabei. Weil es – vielleicht – nur ein Teppich ist…