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Rubicon: You Never Can Win (1×13)

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Bevor ich mich dem Inhalt dieser Episode widme, möchte ich eine Sache klar stellen: Für mich war die zwölfte Episode Wayward Sons das tatsächliche Finale der ersten Rubicon-Staffel. You Never Can Win erscheint mir dagegen als Übergangsepisode, die mehr oder weniger schon zu einer zweiten Staffel gehört und, statt etwas abzuschließen, die Figuren auf dem Schachbrett für eine weitere Staffel neu positioniert. Aus diesem Grund würde es mich nicht wundern, wenn manche Zuschauer vom Finale enttäuscht sind.

Aber andererseits – was hätte man sonst von Rubicon erwarten können? Innerhalb ihres eigenen Kontexts verfährt die Serie nur zu logisch: Sie hält sich an ihre eigene Mythologie, sowohl was die Handlung als auch was die Figuren betrifft.

Sicher: es gibt Dinge in You Never Can Win, die ich persönlich als nicht recht zufrieden stellend empfinde. Mein größtes Problem: Andy.

Irgendwie nicht Rubicons Stil, derartig vorhersehbar zu handeln – oder? Aber eigentlich war es von Anfang an klar, dass Andy mit dem Hauptplot in Verbindung stehen muss. Trotzdem fällt es mir irgendwie schwer, sie als durch Tom Rhumor angeworbene Beschützerin für Katherine (Miranda Richardson) zu akzeptieren…

Als Katherine den Film “Meet Me in St. Louis” zu schauen anfängt, bricht er plötzlich ab. Es beginnt eine Videobotschaft von ihrem verstorbenen Ehemann, der sich für sein Tun entschuldigt, alles zugibt und Truxton (Michael Cristofer) die größte Schuld in die Schuhe schiebt. Zu unserer Überraschung ist noch jemand bei Tom: David Hadas, der dann seine eigene Botschaft an Will (James Badge Dale) übermittelt. In diesem Moment schaltet Katherine jedoch aus und verabredet ein Treffen mit Will am Bethesda-Brunnen im Central Park, um ihm die DVD zu zeigen.

In seiner Botschaft hat Tom Katherine eine Adresse genannt, die sie im Notfall aufsuchen soll. Dorthin geht sie für die Zeit bis zum Treffen – und wird von… Andy erwartet. „He was supposed to keep us separate“, murmelt Andy. „This is wrong.“

Dennoch machen sich beide Frauen auf den Weg – doch im Park wartet nicht nur Will auf Katherine, sondern auch Ray, Truxtons Mann für die dreckigen Jobs. Im Vorbeigehen injiziert er Katherine offenbar eine tödliche Dosis, denn kurze Zeit später bricht sie tot in Wills Armen zusammen, bevor sie ihm die DVD geben kann.

Andy steht abseits und unternimmt nichts; nach Katherines Tod verlässt sie sofort den Park, ohne mit Will Kontakt aufzunehmen. Was es mit Andy wirklich auf sich hat, wird uns erst die zweite Staffel verraten – oder wir werden es nie erfahren…

Kale Ingram (Arliss Howard) gelingt es zum wiederholten Mal, Will zusätzlich aus dem Gleichgewicht zu bringen – und zugleich Boden für die zweite Staffel zu bereiten. Er sagt zu Will: „Intelligence is largely a failure business. You need to make a strategic retreat. You can lose the battle without losing the war. It’s the backlash they’re interested in.“

Dann erfahren wir, was Truxton eigentlich plant und was die API-Versammlung am Anfang der Episode bedeutet: Spangler verkündet den Mitarbeitern, dass das API versagt habe und jetzt möglichst schnell den Verantwortlichen hinter der Attacke ausfindig machen müsse. Und wohin führen alle Analysen, die Wills Team seit der ersten Episode durchführt? Zum Iran. Genau das bezweckt Truxton: Seine Analytiker sollen grünes Licht geben für einen Gegenschlag seitens Amerika – und sein Unternehmen Atlas McDowell gewaltig von einem Krieg profitieren.

Also ist Truxton wieder einen Schachzug voran. Doch inzwischen jagt seine geniale Strategie selbst seinen vier alten Freunden Angst ein; sie wollen, dass Truxton die Operation stoppt. Reaktion: „No, I won’t. I can’t. That would be the wrong thing to do.“

Truxtons Treffen mit einem seiner alten Freunde ist visuell grandios umgesetzt und zeigt uns, warum Rubicon ein Genuss fürs Auge ist: Die beiden Männer sitzen in einem im warmes Licht getauchten Bürogebäude. Die Farben sind beige, braun, gelb und orange. Man vermeidet zu große Kontraste und kreiert stattdessen einen visuellen Fluss. Die beiden sitzen auf einer Bank, der einzigen Horizontalen im Bild. Die Treppen an den Seiten und die Säulen bieten nur Diagonalen und Vertikalen an, genauso wie im Vorspann der Serie. Dieses Bild unterstreicht Truxtons Einstellung, die er in der vorigen Episode äußerte: „Don’t mistake fluidity for chaos.“ Solche Linien sorgen gewöhnlich für visuelle Unruhe und Chaos – hier jedoch strahlen sie spannungsvolle Harmonie aus. Wie man über das Gesamtbild denkt und ob man es als Ganzes erblicken kann, ist eine Frage der Perspektive, des Blickwinkels. Will kann es nicht: Er möchte alles auf einen Endpunkt hinführen, wie den Punkt am Ende einer Linie im Vorspannbild. Aber die Linien verselbständigen sich, schreiben sich fließend weiter fort. Das ist es, was Will verrückt macht: Er sieht kein Motiv, kein Endziel.

Das aber entspricht durchaus den Tatsachen: Truxton nämlich braucht kein Motiv, er hat kein Endziel. Er spielt das Spiel deswegen, weil er es einfach sehr gut kann – es scheint für ihn zum Selbstzweck geworden zu sein. Vor versammelter API-Mannschaft spricht er über deren „failure to stay ahead of the narrative“. Truxton ist kein Leser wie Will. Er liest keine Spuren, er hinterlässt welche: er schreibt. Denken wir an den Vorwurf seines Freundes: „You don’t listen to other people, Truxton. You never have.“

Truxton spricht, als Erster. Was Andere dann dazu sagen, interessiert ihn nicht: er ist schon weiter. Nur so kann Truxton „ahead of the narrative“ bleiben: wenn er selbst erzählt. Das Spiel kann nicht gestoppt werden, obwohl Will stichhaltige Beweise hat und die letzten Verbindungen herstellen kann.

Im Zuge der Iran-Ermittlungen vollführt Truxton Spangler einen weiteren Schachzug und befördert Grant zum Teamleader: den Mann, der ihm grünes Licht gegen Iran geben wird.Tanya erträgt das Ganze nicht mehr und kündigt ihren Job. Will wiederum beginnt, Truxtons Verhalten gleichsam spiegelnd, Miles in die Verschwörung einzubeziehen, um sich Unterstützung zu holen.

All diese Ereignisse sind meiner Meinung nach Vorbereitungen für die zweite Staffel. Und wo ist Ed Bancroft abgeblieben? Würde auch er in einer zweiten Staffel wieder auftauchen? Wird Truxton wieder auftauchen? Wir sehen seine vier Freunde abstimmen – vermutlich über sein Schicksal, denn etwas später bekommt er einen Strauß weißer Lilien (Trauerblumen) und einen kleinen Umschlag mit… dem Kleeblatt. Am Ende treffen sich Truxton und Will auf dem Dach; Will konfrontiert Truxton mit der Wahrheit. Im Grunde gibt Spangler alles zu, aber eine Frage beantwortet er nicht: Warum? Was ist sein Motiv? Wir haben es oben schon angesprochen: Das ist der Punkt, den Will nicht erreicht, wo er nicht ankommt. Das ist der Punkt, der Wills Sicht auf das Bild stört, so dass er es nicht als Ganzes fassen kann. Truxton gibt keine Antwort – kann es nicht, denn sie würde lauten: Wähl dir ein Motiv, das in dein Bild passt!

Das Spiel hat sich verselbstständigt. Man spielt weiter, weil man es kann. Reich deinen Bericht über meine Machenschaften gern ein, sagt Truxton zu Will, es wird sich niemand darum scheren! Er geht – und hinterlässt auf der Brüstung das Kleeblatt.

Ein starkes Bild zum Abschluss, das alles, was Rubicon ist, in sich einzusaugen scheint. Truxtons Schicksal? Ich glaube nicht, dass er Selbstmord begeht. Aus einem einfachen und logischen Grund: Er hat ja nicht versagt! Er sieht keinen Grund dafür, von der Bühne zu gehen: „That would be the wrong thing to do.“

Leider ging Rubicon nach dieser ersten Staffel von der Bühne…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Rubicon: Wayward Sons (1×12)

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Rubicons Kameramann Michael Slovis sagt, die AMC-Produktion sei eine Serie für Menschen, die gern Bücher lesen. Um es mit Truxton Spangler (Michael Cristofer) in Wayward Sons zu sagen: „Indeed!“ Rubicon kombiniert das Feeling des Bücherlesens mit dem Betrachten von Gemälden.

Die Rubicon-Produzenten wollten den Zuschauern zu „suspenseful and literary experience for the audience“ verhelfen. In meinen Augen ist es ihnen gelungen. Rubicon braucht weder glamouröse Locations in mehreren Ländern noch High-Tech-Genies und High-Tech-Ausstattung, um die Welt in letzter Sekunde zu retten. Mutig übermittelt Rubicon eine andere Botschaft: Diese Welt ist nicht zu retten.

Dabei beschwört die Serie jedoch weder apokalyptische Szenarien herauf, noch arbeitet sie sich an Schwarz-Weiß-Oppositionen wie Gut und Böse ab. Sie seziert den Kern dieser Welt auf der Suche nach ihrem Antrieb: unter dem Mikroskop, mit Ruhe fürs Detail, mit all der Zeit, die das eben braucht.

Mit einem Stift, einem Blatt Papier und dem menschlichen Gehirn sucht Rubicon nach Verbindungen und Antworten. Und siehe da: In Zeiten cineastischer Spektakelwettkämpfe wirkt eine Aufnahme von Miles, der mit einem Zettel in der Hand durch die Zimmer rennt, spannender als ein Feuergefecht!

Den Spuren folgen, lautet die Parole. Aber wo führen sie hin? Zu einem Mann wie Truxton Spangler, der in seinem Büro sitzt und lächelt, nachdem er der Welt einen Schub verpasst hat, um noch mehr Macht zu bekommen? Die “Guten” verlieren in Rubicon. Sie kommen zu spät: weil das Spiel für sie zu komplex ist. Weil sie nicht die nötige Erfahrung mitbringen. Weil sie zu wenige sind. Weil ihre Beteiligung an diesem Spiel es erst recht in Bewegung gesetzt hat und sie es nicht ungeschehen machen können. Weil ihnen klar umrissene, “böse” Gegenspieler fehlen.

Will & Co. werden immer schon zu spät gekommen sein. Rubicon erzählt vom Spurenlesen – und von einem Verdacht, den die französische Philosophie spätestens seit Jacques Derrida in unser heutiges Denken eingebracht hat: Die Spuren verweisen… auf weitere Spuren. Und die wieder auf Spuren. Ihr Ursprung, die Wahrheit, entzieht sich – und bleibt entzogen. Wer in dieses Verweisspiel eingreift, wird selbst Teil des Spiels, hat es niemals ganz unter Kontrolle.

Warum also müssen Will und sein Team zu spät kommen? Weil sie noch immer daran glauben, dass Grenzen existieren, die niemals jemand überschreitet: egal, wieviel Profit und Macht das brächte. Sie gehen davon aus, dass manche den Rubicon überqueren – Kateb, die Bösen, Caesar – manche aber keinesfalls: das eigene Unternehmen, Kale, Spangler. Wills Irrtum liegt der ganzen Geschichte voraus: er liegt in seiner Haltung zur Welt, seinen ethischen Überzeugungen.

In dieser Episode wird endlich die Geschichte der historischen Rubicon-Überschreitung erzählt: von Kale (Arliss Howard) für Katherine (Miranda Richardson). Kale ist einer der großen Erzähler Rubicons (sein Gegenpol: Truxton Spangler): In einer der ersten Episoden sagte er über sich selbst, er denke innerhalb eines idealistischen, am Guten orientierten Rahmens. Nun: das gilt mindestens ebenso für Will. Er ist unglaublich klug, passt aber seine Fähigkeiten in jenen Rahmen ein. Er muss lernen, in Maßstäben zu denken, die der Situation nach Caesars Rubicon-Überquerung angepasst sind, während er immer glaubte, noch davor zu stehen: die Überschreitung ist nicht zu verhindern, sie ist – immer schon – geschehen.

Die Überquerung des Flusses von A nach B ist das Eine. Das Andere: das Fließen selbst. Rubicon erzählt uns durchaus von zwei Sorten Menschen: von solchen, die das Beste für ihr Land und ihre Mitmenschen wollen, und solchen, die das Beste für sich selbst wollen. Aber: diese Abgrenzung ist selbst ein Fluss, fließend, instabil und unverlässlich. „Do not mistake fluidity for chaos“, sagt Truxton am Anfang der Episode zu seinen Partnern. Das bedeutet: es muss nicht unbedingt apokalyptisches Chaos entstehen, wenn beide Seiten ineinander überfließen – nur im Denken derer, die in Schwarz-Weiß-Kategorien denken.

Caesars Überqueren des Rubicon bedeutete das Ende des römischen Imperiums in seinem bisherigen Zustand. Auch das Imperium United States zerbröckelt in Rubicon – weil die Menschen, die das Unheil verhindern könnten, nicht über ihre Denk-Rahmen hinaus gelangen. Wenn man es dann bemerkt, ist es zu spät – genau wie bei Caesar. „It’s started“, sagt Truxton.

Wills Position innerhalb des Spiels machte ihn blind dafür, dass seine Züge schon mitberechnet sind. Erinnern wir uns an den Teaser mit Ed und Will, die im Park Schach spielen: Will missversteht Eds Spiel-Metaphorik. Es geht nicht darum, die Spielregeln zu kennen, sondern daran zu denken, dass vielleicht gerade die eigenen Züge dem Gegner zum Sieg verhelfen können: Das Spiel umfasst, umrahmt beide Seiten. Es wird nicht von einer gesteuert.

Konsequenterweise sieht sich auch Truxton selbst mit Bewegungen konfrontiert, die er nicht erwartet hätte: etwa Kales Parteinahme für Will. Geradezu schizophren steht er zwischen dem sachlichen, klaren Wissen um seine Position auf dem Schachbrett – und dem unkontrollierbaren Fließen der Emotionen.

Immer wieder: Kale, David, Will – was bedeuten sie Truxton wirklich? Lässt sich diese Frage überhaupt noch beantworten? Gibt es eine Balance zwischen Objektivität und der Bereitschaft, sich innerlich noch anrühren zu lassen? Truxtons zitternde Hände am Fenster: zeigen sie uns echtes Empfinden für Kale, Will und David? Oder nur einen Augenblick der Angst davor, dass der Plan fehlschlagen könnte?

Wie uns Wayward Sons zur Vollendung dieses Plans führt, ist jedenfalls grandios. Sein ausführendes Organ, Kateb, haben wir bis jetzt nie zu Gesicht bekommen – bis auf die ersten Minuten dieser Episode. Aber beschrieben wird Kateb nicht so sehr durch seine visuelle Präsentation, sondern durch die Parallelerzählung, in der ihm die Befragungen seiner Freunde und Verwandten in New Jersey ein Gesicht geben. Schmerzvoll die Erinnerungen an Joe Purcell / Kateb seitens dieser Menschen – und ebenso schmerzvoll der Gedanke, dass er aus ihrem Leben verschwunden ist, um Böses anzurichten. „Carry on, my wayward son!“ So spielt Katebs Musik.

Schmerzvolle Kontraste: von Beginn an haben sie Rubicons bildliche Sprache geprägt. Obwohl Kateb in Texas gezeigt wird und Will und Grant nach New Jersey fahren – offene Landschaften, große, offene Befragungsräume – bleibt das Thema der Begrenzung und Einrahmung immer präsent. Will, Katherine und Kateb befinden sich in kleinen Räumen, getaucht in bräunliche Färbung: gefangen. Die Außenwelt kann man nur durch einen bestimmten Rahmen sehen – etwa, aus der Perspektive des rauchenden Truxton, durch einen Fensterspalt. Bestes Bild der Episode: Grant befragt Katebs Highschool-Freundin Virginia; gegen die weißen Wände der Cafeteria sind die beiden als Silhouetten zu sehen: allein auf der Suche nach Wahrheit in einer Welt, die sich nicht einrahmen lässt.

Und Will? Immer kommt er pünktlich, zu jedem kleinen Termin – aber zu großen, wichtigen Ereignissen gelingt ihm das niemals. Nicht, als seine Familie starb, und nicht, als Kateb die Grenze in die USA überquert. Zu spät fand Will heraus, was es mit David und den Kreuzworträtseln auf sich hatte: David starb. Zu spät findet er heraus, was Kateb vorhat: nämlich in dem Augenblick, da es gerade geschehen ist! Die Öl-Geschichte – die Verschwörer wollen ihre Positionen im ölreichen Nigeria stabilisieren – erscheint da beinah nebensächlich…

Der Blutfleck in Wills Wohnung, den er am Anfang der Episode wegwischt, kann nicht weggewischt werden. Es ist kein Zufall, dass wir Will die ganze Episode lang mit einem Blutfleck am Kopf sehen. Der Fleck ist er selbst: sein eigenes Versagen – nicht das des Cleaners, der den Fleck nicht beseitigt hat: mit Will überlebt auch sein Makel. Will hat, im übertragenen Sinne, tatsächlich Blut an den Händen – weil er zu spät gekommen ist, wieder einmal.

Am Ende bricht er zusammen: ein leises Irrewerden an der Wucht des Spiels.

In meinen Augen wäre Wayward Sons ein gutes Finale der ersten Staffel gewesen – ich habe wirklich keine Ahnung, wohin uns das tatsächliche Finale noch führen wird.

Meet me in St. Louis?

Rubicon: A Good Day’s Work (1×11)

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Sollte AMC noch ein Argument fehlen, um Rubicon zu verlängern, dann liefert es A Good Day’s Work. Diese Episode zeigt, wie sich der langsame, aber stetige Aufbau der Geschichte in atemberaubender vierzigminütiger Action entladen kann. Nein: Rubicon bietet auch mit der elften Episode keine Verfolgungsjagden und keine Schießereien oder Terrorangriffe. Im neuen TV-Jargon (danke, NBC): keine Events. Lediglich zwei Männer, die in einer Wohnung still gegen einander kämpfen – bis zum Tod.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Waffe, die David Will (James Badge Dale) hinterließ – und die wir ihn so oft ein- und auspacken sahen – zum Einsatz kommt. Donald Bloom ist tot. Gleichzeitig entlädt sich mit Wills Schuss die Spannung der Serie auf einen Schlag. A Good Day’s Work ist Rubicons Geschenk für die treuen Zuschauer.

AMC bewarb Rubicon als Action-Thriller, der einem keine Luft zum Atmen lasse. Viele Zuschauer missverstanden diese Botschaft. Rubicon nimmt uns zwar tatsächlich den Atem – aber indem es langsam und stetig die Spannungsschlinge um um unsere Hälse enger schnürt. Ebendiesen Schritt muss Truxton in dieser Episode vornehmen: denn Will ist zu weit gegangen. Zwar nutzen Truxton und seine Mitverschwörer die API-Analysen für eigene Zwecke; sie haben jedoch nicht damit gerechnet, dass jemand (Will) nicht nur Spuren analysiert, sondern ihnen auch folgt.

An dieser Stelle muss ich einfach erwähnen, wie grandios Michael Cristofer Truxton Spangler spielt. In jeder, auch der kleinsten Szene manipuliert er unsere Empfindungen bezüglich seiner Figur mit Intensität und Ruhe zugleich: es ist uns kaum möglich, Truxton zu mögen oder zu hassen. Die Truxton-Will-Szene in Wills Büro scheint mir eine der besten der gesamten Staffel bislang – sowieso hat Rubicon seine besten Momente, wenn zwei Figuren dasitzen und miteinander sprechen.

„Sit with me“, sagt also Truxton einladend zu Will. Dann erzählt er ihm in einem melancholisch-traurigen Monolog – mit Blick auf Davids Besen -, wie sehr er David vermisse und welche Stütze David für die API gewesen sei. Cristofer leistet Grandioses: in seinen Sätzen und seiner Mimik sprechen sich gleichzeitig Drohung, Zuneigung und Schuldgefühle aus – und vielleicht sogar eine Warnung für Will: „You remind me of him.“ Will antwortet: „That’s the nicest thing anyone’s ever said to me.“

Nur für uns Zuschauer ist die komplette Gefühlspalette ersichtlich, die Spangler hier ausbreitet. Denn in der Szene kurz davor haben wir ihn den Befehl für Wills Terminierung geben sehen. Parallel dazu stellt A Good Day’s Work folgende Frage: Wen will Kateb terminieren? Durch Grants Geistesblitz, dass Kateb vor 2004 nicht Kateb war, also einen Identitätswechsel vollzogen hat, wird klar, dass sich hinter dem berüchtigten Terroristen ein weißer Amerikaner versteckt, der überdies soeben in Amerika eingetroffen ist. Welchen Plan verfolgt er – und inwieweit sind Truxton & Co. involviert? Ich schätze, die letzten zwei Episoden dieser Staffel werden es uns zeigen.

Wieder vermag Rubicon überzeugend Paranoia und Angst zu entfachen, ohne dass die Spielfiguren auf dem Schachbrett überhaupt in Sicht kämen. Die Szenen, in welchen nur über Personen gesprochen wird, wirken spannungsvoller als jede Verfolgungsjagd. Deren Höhepunkt bildet die Szene, die ich am Anfang angesprochen habe: Donald Bloom wartet – in Wills dunkler Wohnung. Er sitzt im Badezimmer. Warum ausgerechnet dort?

Weil Rubicons Kunst im Detail liegt: Später, nachdem Will Bloom erschossen hat und Kale (Arliss Howard) eintrifft, um alles zu beseitigen, lässt er Will im Bad warten, bis alles fertig ist. Wo Bloom auf Will wartete, wartet jetzt Will auf sein Verschwinden. Die Episode endet mit einem einzigen Tropfen frischen Blutes, das Will am Türrahmen entdeckt. Ein Detail.

Spanglers Frage an Grant, als der in seinem Office sitzt und von Spangler als Wills potentieller Nachfolger inszeniert wird, können wir als ironische Frage der Serie an ihre Zuschauer interpretieren: „Am I boring you?“

„No. Great work“, wäre meine Antwort – mit einer Zitatmischung aus Grant und Truxton.

Rubicon: In Whom We Trust (1×10)

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Orientierung, Kartographie, Geographie. Das sind die Schlüssel zu Rubicon. Damit ist nicht nur das Überqueren des Rubicon gemeint, über das ich letzte Woche gesprochen habe, sondern die Art und Weise, wie die AMC-Produktion ihre Routen fortschreibt. Schon im Vorspann zeichnen die gelben Linien den Weg, be-zeichnen die Verbindungen, ver-zeichnen die Welt, – um sich dann in die gelben Wände von API zu verwandeln.

Rubicon zeichnet eine Karte der Bemühungen, eine solche zu erstellen. Die Serie malt – Andy ist doch nicht durch Zufall Malerin! – melancholische Routen des heutigen Menschen, verzweifelte Orientierungsversuche in einer Welt, die in ihrem Zusammenwachsen unübersichtlicher denn je geworden ist. Rubicon spiegelt das Streben des Einzelnen wider, eigene Kartographie zu betreiben.

Gleichzeitig kartographiert sie unsere Zuschauer-Blicke. Kartographie bedeutet das Erstellen von thematischen und topographischen Karten der Erdoberfläche. Unser Blick, bewusst und unbewusst, erstellt mit jeder weiteren Episode eine Karte der Rubicon-Oberfläche. Damit ist nicht nur die Verschwörungstheorie (thematisch) gemeint, sondern auch die Strecken, die die Figuren zurücklegen (topographisch): sei es physisch oder emotional. In dieser Episode überkreuzen sich die Wege von Will (James Badge Dale) und Katherine (Miranda Richardson) an einem Punkt auf der Karte von New York. Warum sage ich das? Weil die AMC-Serie größtenteils auf die übliche New York-Kartographie verzichtet, die nahezu jede Serie betreibt, die vorgibt, dort zu spielen.

Die meisten Establishing Shots in Rubicon erfassen nicht die typischen Standorte und Räume von New York, sondern sie bieten einen Blick auf die erlebten Räume: diejenigen, in denen sich die Figuren bewegen. Damit ist nicht gesagt, dass die Serie verbergen will, wo sie spielt, sondern dass sie einen anderen Blick zu spiegeln versucht: einen, der die Orientierung zu verlieren droht.

Will kontaktiert Katherine in dieser Episode. Es kommt zu einem Treffen der beiden auf einer Bank in der Nähe der Brooklyn Bridge. Aber auch hier ist die Brücke zwar zu sehen, aber aus einem absolut untypischen Winkel gefilmt: ganz anders als in sonstigen audiovisuellen Erzählungen. Man hat das Gefühl, dass die Serie die topographisch ‚korrekte’ New York-Karte mit ihrer eigenen überschreibt, wobei sich unser Blick an den Schnittstellen der Vertikalen und Horizontalen orientiert.

Katherine und Will finden diese Schnittstellen – aber sie übersehen, dass es auch noch Diagonalen im Bild geben kann. Donald Bloom ist die Diagonale in dieser Episode, die das Bild durchkreuzt und Katherine zwei Botschaften übermittelt: Wenn sie weiterhin Kontakt mit Will pflegt, wird er terminiert. Und umgekehrt.

„By terminated, they mean killed. Do you understand this message?“„Yes.“„Because sometimes they can be unclear, but that one was pretty straightforward.“

Trotz dieser Drohung werden wir – bis auf die Folterszenen – nicht direkt mit Spionage-Blutbädern konfrontiert, sondern der Horror begegnet uns auf subtile Art. Die ganze Action geschieht Off-Screen – und trotzdem akkumulieren die Rubicon-Bilder enorme Spannung. Wofür ich dankbar bin, sind die fehlenden Uhrzeit- und Location-Überschriften, die Flashbacks, die Währenddessen in-Einschübe, die glänzenden Computerbildschirme, die Bedrohungen ausrechnen etc. Gelegentlich gerät eine alte MS-DOS-Oberfläche ins Bild – und sonst: Notizen, Blätter, Bücher, Schrift, Fotos – und der Blick darauf.

Dieser Blick erstellt die Verbindungen: Die Kateb/George/Yuri-Story kommt zu einem Höhepunkt, als die Informationen über den Mord an den letzten beiden eintreffen. Will & Co. stellen die Verbindung her zwischen New York und den Bombenattentaten, hinter welchen Kateb steht: Jede Kateb-Bombe, die irgendwo auf der Welt hochgeht, tut das immer genau um 4:20 p.m. New York City-Zeit.

Führt das zu Truxton & Co.? Wird man etwas so Undefinierbares wie diese Verschwörung letztendlich doch definieren können? Eine Karte davon erstellen? Man braucht mehr Information, sagt Miles. Das heißt: Sitzen und warten, bis mehr Informationen auftauchen.

Das werden wir auch tun: Sitzen und darauf warten, dass noch mehr Rubicon-Episoden kommen, um die Karte zu vervollständigen.

Rubicon: No Honesty in Men (1×09)

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Die erste Staffel ist zwar nicht zu Ende, aber ich gebe es zu: Ich hab mit Rubicon wieder von vorne angefangen, Episode für Episode. Dabei startet gerade die neue TV-Season und es bleibt einem kaum Zeit, die Augen zu schließen. Aber der Gedanke an Rubicon hält meine Augen weit offen. Beim wiederholten Zuschauen habe ich etwas entdeckt. Obwohl – das stimmt auch nicht ganz: ich habe viel entdeckt. Und nein, ich hab nicht Rubicon entziffert oder eine von den Produzenten implizierte Bedeutung eindeutig festlegen können.

Aber das Wesentliche weiß ich: Rubicon ist Kunst in Serie. Die AMC-Produktion ist tatsächlich mit solcher Liebe fürs Detail gemacht, mit solcher erzählerischer und audiovisueller Virtuosität, dass sie nahezu jeden Gedankengang möglich macht und jede Verbindung plausibel erscheinen lässt. „Connect the Dots.“ Die Wiederholung ist der Schlüssel. Was meine ich damit? Erst beim zweiten Zuschauen versteht man, was damit gemeint ist, wenn man die Aufforderung Verbindungen herzustellen als Zuschauer annimmt und die Gedanken durch die Welt- und Kulturgeschichte springen oder aber ruhig spazierengehen lässt.

Zeit soll man sich bei Rubicon lassen, nicht weil die Serie zu langsam vorankommt, sondern weil sie zu viele Informationen liefert, wenn man bereit ist, sich auf diesen Fluss einzulassen, ihn zu überqueren. Aber dann gibt es keinen Weg zurück. Genau so wie Cäsar es 49 v. Chr. gemacht hat. Er hat den Fluss Rubicon überquert und mit „Die Würfel sind gefallen“ angekündigt, dass es kein Zurück mehr gibt und die Ereignisse ihren Lauf genommen haben. Auch „No Honesty in Men, Rubicon“ zeigt uns, dass die Ereignisse ihren Lauf genommen haben, und das wird auch den Beteiligten klar.

Dabei geht es nicht nur um die Verschwörung, sondern auch um die persönlichen Geschichten der Figuren. Aus diesem Grund ist die neue Episode auch eine über Beziehungen: Grant hat Eheprobleme, da seine Frau aus ihrem Job entlassen wurde und die Familie in finanzieller Not steckt. Grant kann ihr aber trotzdem nicht erklären, was er tut und warum er mit seinen Fähigkeiten nicht einen anderen Job sucht.

Er ist abhängig, wie alle anderen auch, abhängig von dem, was er tut und was er weiß. Rubicon zeigt uns die Figuren in ihrer Unmöglichkeit aufzuhören. Sie sind verfangen in Verweisketten, wo jede Spur zur nächsten führt und sich alles ständig verschiebt. Sie folgen diesen Verschiebungen und diesen Spuren, um nur noch mehr Spuren zu entdecken. Dabei hinterlässt man selbst Spuren, die von anderen aufgenommen werden. Die Orientierung geht nach und nach verloren.

Und mit der Orientierung geht auch das Vertrauen verloren. Wir sehen Will (James Badge Dale), wie er gar keinem mehr vertrauen kann. Nicht den Menschen, die in seiner Spurensuche involviert sind. Dafür vertraut er einer Unbekannten, seiner Nachbarin. Mitten in der Nacht verlässt er seine Wohnung und geht mit einer Flache Wein und einer Tomate zu ihr rüber. Die Erklärung: „You looked pretty.“ Ob sie Hunger hat, fragt er sie. Kennenlernen nach Wills Art. Will sucht nach einem Zufluchtsort, er rennt weg. Aber mit einem Blick über die Schulter, mit dem Blick in die eigene Wohnung. Denn wie wir wissen und gesehen haben, bietet die Wohnung seiner Nachbarin die perfekte Aussicht in diese Richtung.

Will kann doch nicht von seinen Nachforschungen weg. Die Ereignisse haben ihren Lauf genommen. Welche Rolle darin Andy (Annie Parisse), die Malerin, Nachbarin und jetzt romantische Zuflucht für Will, wohl spielen wird? Das Zusammenspiel zwischen Parisse und Dale demonstriert exzellent die An- und Entspannung der Figuren, ihre Unsicherheit und ihr Begehren. Ist Andy nur fasziniert von Wills Art und von dem, was um ihn herum geschieht, oder steckt mehr dahinter?

Beide beobachten, in derselben Nacht, nachdem sie miteinander schlafen, wie Donald Bloom Wills Wohnung durchsucht und weitere Wanzen platziert. In „Three Days of the Condor“, dem Spionage-Thriller aus dem Jahre 1975, fängt die Figur verkörpert von Robert Redford auch eine Romanze mit einer attraktiven Unbekannten (Faye Dunaway) an. Als Will Andy zu erklären versucht, was er tut, fragt sie ihn: „Like Robert Redford?“ Die Verweisketten gehen aus Rubicon hinaus und führen immer wieder hinein. Es gibt keine Zufälle.

Genau so kein Zufall ist Spanglers Auftauchen am frühen Morgen vor Kales Wohnung. Trotz Wills Verbindung mit Andy muss ich sagen, dass diese Episode Kale und Truxton gehört. Truxton bringt Kale (Arliss Howard) seinen Lieblingstee, „ginseng tea“, und fragt ihn, ob alles in Ordnung ist und man sich über Will Sorgen machen muss. Schon die Art wie Michael Cristofer (Spangler) das Wort „ginseng“ herausstottert, ist grandios. Truxton breitet weiterhin seinen bedrohlichen Schatten auf humorvoll-liebevolle Art aus.

In einer weiteren Szene mit Kale sorgt er für einmalige One-Liner, von „persistence brings vengeance“ (als Kale hartnäckig klopft) über „We take care of our own“ und „You remain the man I met in Syria. The man with blood on his hands. The second thing I admire about you is you don’t ask questions.“ zu „My cereal will get soggy“. Hier verbindet er mit einer imponierenden Leichtigkeit Autorität, Humor und Bedrohung. Er hat alles im Griff. Aber Kale scheint in dieser Episode zu wanken, etwas an Boden zu verlieren. Vielleicht deswegen seine Bemühung, Will bei seiner Untersuchung zu puschen.

Er gibt ihm weitere Hinweise über Tom Rhumer und die Kreuzworträtsel. Eins wissen wir jetzt: Kale und Truxton stecken nicht unter derselben Decke. In der Zwischenzeit findet Katherine (Miranda Richardson) heraus, dass einer der Jungs auf dem Foto Truxton Spangler heißt. Mitten in der Nacht geht sie zu API. Alle kommen sich näher in dieser Episode.
„There’s no trust, no faith, no honesty in men; all perjured, all forsworn, all naught, all dissemblers“, zitiert Truxton (vor Kale) Romeo und Julia und gibt so der Episode ihren Namen. Der Verweiskette folgend kommen wir zu einem anderen Namen in dieser Episode: Da Tanya auf Entzug ist, vertritt sie ausgerechnet Julia, die Übersetzerin. Für Miles die Chance, den Flirt fortzuführen. Welche Chance hat Will der Sache auf den Grund zu kommen? Hat sie überhaupt einen Grund?

Rubicon: Caught in the Suck (1×08)

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„I want to know what it all means“, beharrt Rubicons Will Travers (James Badge Dale). „It means you’re getting closer“, antwortet Kale Ingram (Arliss Howard).

Das könnte auch eine Unterhaltung zwischen den Rubicon-Zuschauern und der Serie selbst sein. Wir wollen Antworten: dafür müssen wir weiter “graben”, immer tiefer… und plötzlich sind wir viel zu tief drin, um wieder herauskommen zu können.

Mittlerweile habe ich eine Obsession für die AMC-Produktion entwickelt, die man auch als Sucht bezeichnen könnte. Ich fühle mich genauso wie Tanya (Lauren Hodges), als sie im B-Plot dieser Episode ohne Alkohol und andere, noch weniger erlaubte Substanzen etwas zappelig wurde. In Rubicons Abwesenheit werde ich auch zappelig und muss mir sogar Episoden zum zweiten Mal anschauen. Um der Serie näher zu kommen. Vielleicht sogar zu nah?

Rubicon ist, wie wir schon besprochen haben, ein cinematographischer Genuss. Geschickt setzt die neue AMC-Serie das Spiel zwischen Isolation und gefährlicher Nähe audiovisuell um – perfektes Beispiel: Caught in the Suck. Bestimmte Kameraeinstellungen orchestrieren und unterteilen die Episode: es gibt Szenen, die fast nur aus Close-Ups (die Eröffnungssequenz, Wills Zuhause) oder aus Long Shots bestehen (B-Plot oder API-Aufnahmen).
Rubicon wird in erste Linie “on location” gefilmt. Egal, ob es um das API-Gebäude geht oder um Außenaufnahmen: mit Ausnahme von Katherine-Szenen – sie wird isoliert – werden Figuren grundsätzlich innerhalb eines Kontexts, ihrer Umgebung gefilmt. Sogar bei API-Aufnahmen sehen wir Lichter durch die Fenster, die Autos auf der Schnellstraße etc. Die Isolation der Figuren ereignet sich in ihren Köpfen: durch das Wissen, das sie besitzen. Sie sind der Welt, die sie umgibt, zu nah gekommen, wissen zu viel über ihre reale Beschaffenheit – und das macht sie zu Gefangenen.

Durch die Architektur des Gebäudes mit seinen rechteckigen Mustern (Beleuchtung, Wände, Fenster, Türrahmen) wird das Gefühl der Isolation, der unüberwindlichen Distanz unterstrichen. Wir können zwar hören, worum es in einem Gespräch geht, aber unmittelbare Nähe bleibt uns oft versagt. Entweder werden Figuren durch Fenster hindurch gefilmt oder aus der Distanz; zwischen ihnen und uns befinden sich andere, an der Szene nicht beteiligte Figuren oder Gegenstände, die die klare Sicht behindern. Man will näher kommen, aber es geht nicht. Wenn es dann doch einmal klappt, dann ist man plötzlich so nah, dass die Nähe erschreckend wirkt und nicht Vertrautheit, sondern Paranoia und Panik verursacht.

Es mag übertrieben klingen: aber mir ist es egal, ob Rubicon mit einer ganz großen Enthüllung, Auflösung oder wie auch immer aufwarten wird. Die AMC-Serie kann man auch ohne Ton sehen und bewundern. Für die wunderbare Choreographie der Bilder muss man sich übrigens bei Breaking Bads „Michael Slovis“ & Co. bedanken! Caught in the Suck enthält großartige Szenen mit Ed Bancroft, wie die schon erwähnte aus dem Teaser. Er und Will spielen Schach:

in extremen Close-Ups, so extremen, dass die Schärfe der Bilder nur mit Müh und Not gewährleistet bleibt. Die Kamera wechselt von den Schachfiguren auf Eds auf die Steinplatte tippende Finger. Während der Unterhaltung bekommen wir auch von den Gesichtern extreme Close-Ups im Profil. Aber beide sind nicht isoliert, sondern mittendrin im Leben, in einem Park. Wir hören die Originalaufnahmen der Geräuschkulisse ohne jeglichen Musikzusatz. Die Kamera bietet für einen Moment einen kurzen Long Shot (Establishing Shot), so dass wir die beiden aus der Entfernung sitzen sehen – und die ganze Welt um sie herum.

Ed belehrt Will übers Schachspielen im Allgemeinen und das Finden von Mustern im Besonderen. Will möchte Ed gern aus der ganzen Sache heraushalten, aber es geht nicht. Was die beiden verbindet, ist der Drang nach Wissen – und ein Bonbon: Dessen Papierhülle ist das bewegende Element in dieser Episode. Rubicon setzt geschickt kleine MacGuffins ein, die die Figuren in Bedrängnis bringen und zu Entscheidungen zwingen. Da Maggie nach wie vor Wills Zimmer durchsucht und das Bonbonpapierchen in seiner Tasche findet, nehmen die Ereignisse ihren Lauf. Sie berichtet Kale, dass es bei Will nichts Neues gibt – bis auf eine leere Packung: Kale registriert sofort, dass Will sich mit Ed getroffen haben muss, denn Kale weiß über Eds Süßigkeiten-Vorlieben Bescheid.

Ich muss es hier betonen: Diese Episode gehört definitiv Arliss Howard als Kale Ingram. Er behauptet, er sei Wills „guardian angel“, aber seine Motive bleiben unklar. Howard liefert eine fantastische Leistung – gleichzeitig charmant und gnadenlos pragmatisch.

Er besitzt Information, aber unvollständige; die Löcher versucht er mit Wills Hilfe zu füllen. Kales entspannter Umgang und entspannte Haltung harmonieren in den Szenen perfekt mit Wills Aufgedrehtheit und Paranoia. Beide wollen dasselbe, aber ihre Methoden sind komplett unterschiedlich. Während die Untersuchung für Will eine persönliche Komponente enthält – Davids Tod –, scheint es für Kale um Patriotismus und Lebensphilosophie zu gehen. Die ganz große Frage ist, ob er Truxtons rechte Hand ist – oder nur seine rechte Hand bei API?

Eigentlich wissen wir – und Will selbst -herzlich wenig über Kale. Er scheint für jede Seite in diesem Spiel Wert zu besitzen – aber warum? Das Ganze ist ein Schachspiel, dem weder wir noch Will gewachsen sind. Aus diesem Grund erzwingt Kale Eds Teilnahme an Wills Nachforschungen, damit Will weiterkommt. Das Treffen zwischen Ed und Kale im Park, genau dort, wo er am Anfang mit Will spielte, besitzt gleichzeitig Wärme und Grausamkeit.

Durch den Zettel mit Stichworten (Atlas MacDowell, Edward Roy, Donald Bloom, API), den Kale Ed übergibt, kehrt Ed an einen Ort zurück, der lebensgefährlich werden könnte. Es ist, als würde man einem Alkoholiker auf Entzug seinen Lieblingsdrink servieren: Restlos, komplett hat sich Ed in seinem Kopf und seinem Wissen verfangen oder gar verloren. Er stellt die Verbindungen zwischen den Stichwörtern her, was Will wiederum zu weiteren Erkenntnissen und einem Besuch bei Atlas MacDowell verhilft.

Apropos Atlas: Großartig gelingt es Rubicon, die ganze Verschwörung streckenweise als prosaisch, beinahe banal erscheinen zu lassen. Aus dieser Banalität schöpft sie Spannung: denn im Grunde ist das Böse oft banal. Rubicon setzt nicht auf Männer im Schatten, die wir erst im Finale zu sehen bekommen, oder auf das Matryoshka-Bösewichter-Prinzip, wie im Genre üblich. Nein: Rubicon zeigt alle fünf Männer, die hinter der Verschwörung zu sein scheinen, wie sie beim Mittagessen ihre Operationen besprechen. Truxton und James Wheeler sind auch dabei.

Es scheint so, als würden sie Ereignisse lenken, um Macht über die Welt zu erlangen und Profit zu machen. Gleichzeitig achten sie aber auf einen geringstmöglichen Schaden. Auf einer bestimmten Ebene glauben sie – so scheint es – dass sie das Richtige tun und vielleicht, wie man so schön sagt, wenn sich der Staub legt, werden sie sogar als Helden gefeiert. James versichert seinen Freunden, dass Katherines Nachforschungen keine Gefahr für das Ganze sind. Aber vielleicht wird er der nächste, der das Kleeblatt bekommt?

Später in der Episode schickt er Katherine anonym das Foto mit den sieben Jungs und einer Zeichnung auf der Rückseite: Es ist das Kleeblatt. Lenkt er jetzt Katherines Untersuchung wie Kale Wills?

Der B-Plot in dieser Episode ist eigentlich eine Weiterführung der Ereignisse aus The Outsider. Es scheint so, als hätte die CIA Bedenken, ob das Ziel bei dem Luftangriff wirklich eliminiert wurde. Aus diesem Grund werden Miles (Dallas Roberts) und Tanya zu einer unbekannten Location geflogen, um die CIA zu beraten, aber eigentlich nur um zu sehen, wie „Enhanced Interrogation“ bei Gefangenen funktioniert. Tanyas Gesichtsausdruck im Close-Up während der Folterszene gehört zu den ganz starken Momenten der Episode.

Theoretische Schlussfolgerungen basierend auf abstrakten Zahlen und Daten haben physische und moralische Konsequenzen. Dadurch wird die eigene Fehlerhaftigkeit zum Thema und die Probleme, die man hat, aber nicht zugibt, an die Oberfläche gespült. Das ist, was Rubicon ständig macht: Dinge an die Oberfläche spülen, die gleichzeitig Rettungsring und nach unten ziehendes Gewicht für die Beteiligten sind.

Rubicon: The Truth Will Out (1×07)

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Falls ich mich nicht komplett versehen habe, verzeichnet Rubicon im Moment bessere Ratings als Mad Men und Breaking Bad am entsprechenden Punkt ihrer ersten Staffeln. Eine Tatsache, die den Verantwortlichen bei AMC bestimmt nicht entgehen wird. Ja, ich schreibe diese Zeilen mit Hoffnung – aber auch mit einer gewissen Angst, dass Rubicon vielleicht nicht verlängert wird und wir mit einem Kleeblatt in der Hand, an einer verlassenen Haltestelle auf einen Zug wartend, der nicht kommt, zurückgelassen werden.

Rubicons Zug ist zum Glück noch längst nicht abgefahren, sondern nimmt mit dem Fortschreiten der Staffel immer mehr Fahrt auf. Dabei bleibt sich die Serie treu: sie erhöht nicht das Tempo der Handlung, sondern das Tempo erhöht sich in unseren Zuschauerköpfen. Rubicon gleicht einem beidseitig beschrifteten Stückchen Papier, das zerknüllt auf der Straße liegt und bei jedem Windstoß ein anderes Wort vor unseren Augen entblößt. Die Aufgabe? Die einzelnen Wörter zu einem Sinn ergebenden Text zusammenzutragen.

Dieser Vergleich soll nicht den Eindruck erwecken, Rubicon sei vom Winde verweht. Nein: die Serie bewegt sich mit einer Zielgenauigkeit, die selbst Scharfschützen wie Leroy Jetro Gibbs (NCIS) schätzen würden.

In The Truth Will Out befiehlt das FBI einen Lockdown im American Policy Institute und sucht nach einem Maulwurf. Aus diesem Grund müssen sich die Mitarbeiter einem Lügendetektortest unterziehen, was so manches Problem mit sich bringt.

Bevor wir uns den “Enthüllungen” widmen, möchte ich den wieder einmal wortlosen Teaser hervorheben, in dem wir Zuschauer unseren Mitdenk-Test absolvieren. Rubicons Kameraarbeit ist von der ersten bis zur letzten Sekunde hervorragend, aber es ist immer wieder bewundernswert, wie viel Zeit sich die AMC-Produktion dafür nimmt, den Denkprozess einer Figur zu beschreiben: mit Hilfe einer langsamen Kamerafahrt oder wechselnden Perspektiven zwischen dem Blick auf die Figur und dem Blick der Figur auf etwas.

Damit wird zugleich der Denkprozess seitens der Zuschauer gefordert: Woran mag Will (James Badge Dale) in diesen ersten Sekunden wohl denken, als ihn die Kamera geradezu federleicht im Close-Up umkreist? Sein Blick fällt auf die Gegenstände in seiner Wohnung, die zum Verstecken der Wanzen dienten. Mitten in der Nacht geht Will in sein Büro – mit einem bestimmten Verdacht: In der Eule auf seinem Schreibtisch steckt auch eine Wanze.

Und genau hier fängt die Episode an: Die Wanze in der Eule! The Truth Will Out bewegt sich von diesem Punkt A zu einem Punkt B, an dem die Wanze während der FBI-Untersuchung plötzlich verschwunden ist, und dann zu … Punkt A zurück – am Ende befindet sich die Wanze wieder an ihrem alten Platz. Die Episode bekommt dadurch eine abgeschlossene Struktur, die das Gefühl, das in Will emporsteigt, widerspiegelt: Es gibt kein Entkommen, man wird zum Gefangenen des eigenen Blicks.

Die Wanze wird an dieser Stelle zu einem blinden Fleck im Sichtfeld, der die klare Sicht trübt und dem Blick des Beobachters nicht erlaubt, an seiner Stelle etwas zu sehen, weil er von der Stelle selbst schon seinerseits angeblickt wird. Daher ist Wills Frage berechtigt: „Who do we work for?“ Trotz aller Nachforschungen und Anstrengungen kann Will keine klare Sicht erlangen, da er sich selbst aus dem Gesamtbild nicht herausnehmen kann: sein Blick ist dem Bild eingeschrieben: An der Stelle “Wer ist hinter mir her?” kann er nichts sehen, denn er wird von dort aus schon angeblickt.

Den Beweis dafür findet er in Spanglers Office, während dieser den Lügendetektortest absolviert: Spangler (Michael Cristofer) steht mit Atlas McDowell in Verbindung und lässt Will beschatten, genauso wie er es zuvor mit David und Ed Bacroft gemacht hat. Kale Ingram (Arliss Howard) erwischt Will in Truxtons Büro – wieder einmal erleben wir einen dieser spannungsgeladenen, intensiven Momente, grandios von beiden Schauspielern inszeniert. Zum wiederholten Mal macht Kale Will klar, wie er auf andere wirkt, wie unbeholfen er das Spiel spielt.

James Badge Dale wiederum spielt perfekt Wills Fall in den Abgrund der Machtlosigkeit und der Entrüstung über die Welt, in der die Machtvollen die Machtlosen zermalmen, ohne es auch nur zu registrieren. Die tägliche Arbeit, die man absolviert und die in diesem Fall Will und seine Kollegen verrichten, ist im Grunde nichts anderes als eine Beschäftigungsstrategie, die ihre kaum zu verbergende Panik vor dieser Welt kaschiert. Spanglers Widmung an die Chefs der Abteilungen klingt wie eine Offenbarung: „I know you all barely know each other, and we like to keep it that way, but…“ Die Mitarbeiter haben nichts miteinander gemeinsam – bis auf ihre brillanten Fähigkeiten, Daten auszuwerten und Verbindungen herzustellen.

Rubicon zeigt auf, dass besondere Klugheit aus einem Menschen eine neurotische, unglückliche und schwer zugängliche Person machen kann, die zu viel trinkt (Tanya, Lauren Hodges), die Ehefrau betrügt bzw. zu betrügen beabsichtigt (Grant, Christopher Evan Welch) oder durch die Trennung von seiner Frau (Miles, Dallas Roberts) so durcheinander kommt, dass geheime Informationen im Taxi liegen bleiben. In den Köpfen dieser Menschen scheinen die Senkrechten aus dem weißen Treppenhaus des Gebäudes mit den vorbei huschenden Horizontalen der Autobahn zu kollidieren, die man hinter Wills und Miles’ Rücken durchs Fenster sieht.

Neurotisches Resultat: die langsamste Geheimdienstuntersuchung der TV-Geschichte, die nicht durch zwei Minuten Recherche oder den genialen Zug eines Computergenies entschieden wird. Wills Team macht in dieser Episode zwar einen kleinen Fortschritt im Fall George, aber von einer Lösung sind wir noch weit entfernt.

Immer wieder bringt Rubicon Seiten des beschrifteten Stückchens Papier in unser Blickfeld: Will, David, Katherine, Kale, den Fall George, vielleicht sogar die hübsche malende Nachbarin, die Will am Ende durch das Fenster beobachtet… Aber wir können nicht den ganzen Text lesen. Seine Lesbarkeit entzieht sich – in den Schatten, den die Kleeblätter werfen!

Rubicon: Look to the Ant (1×06)

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Kann es sein, dass Rubicon nur vortäuscht, langsam zu erzählen und spärliche Informationen über die Figuren preiszugeben? Look to the Ant ist eine sehr ereignisreiche Episode, allerdings merkt man das, wie für die neue AMC-Serie üblich, erst nach und nach. Die Folge Connect the Dots brachte Ereignisse in Verbindung miteinander, die aktuelle Episode verknüpft nun die Figuren. Dieser Prozess wurde schon mit dem zufälligen Treffen von Will und Katherine in Gang gesetzt.

Nein, die beiden lernen sich auch hier nicht kennen, machen aber verstörende Entdeckungen, die sie zum selben Ziel führen: Atlas McDowell. Es handelt sich um eine Organisation aus der Sicherheitsbranche. Alle Wege scheinen dorthin zu führen. Aber bremsen wir das Tempo mal und fangen von vorne an: In der Eröffnungsszene bricht Kale Ingram in Wills Wohnung ein und sieht die Zettel mit Wills Nachforschungen auf dem Fußboden. Dann kommt der Vorspann und dadurch wird uns Zeit gegeben, abzuwägen, was Kale wohl mit diesem Wissen über Will anstellen wird.

Die Handlungen und die Reaktionen der Figuren in Look to the Ant sind gleichzeitig überraschend und vorhersehbar. Kale bestellt Will zum Abendessen in seine Wohnung, und dort trifft Will auf Ingrams Lebensgefährten. Ja, Wills Boss ist schwul. Diese überraschende Erkenntnis wirft ein neues Licht auf seine Beziehung zu Donald Bloom. Kale teilt Will mit, dass er über seine Nachforschungen Bescheid weiß und dass er nicht als einziger über dieses Wissen verfügt. Er bietet Will seine Unerstützung an und rät ihm, seine Spuren besser zu verwischen und keine API-Ressourcen zu nutzen. Er lenkt Wills Aufmerksamkeit auf Edward Roy, den Mann, der Will beschattet. Die Frage ist: Will er ihn damit nur von Bloom fern halten? Welches Spiel spielt Ingram? Versucht er sich durch Will auf dem neusten Stand im Fall der Kleeblatt-Verschwörung zu halten? Kann Will ihm vertrauen? Kann er überhaupt irgendjemandem vertrauen?

Nach dem Besuch bei Ingram ist auch die letzte Schranke, die Wills Paranoia in Schach hielt, gefallen. Er sucht und findet eine Wanze nach der anderen in seiner Wohnung. Obwohl Wills nicht überrascht sein sollte, in einem verwanzten Haus zu wohnen, setzt James Badge Dale das Entsetzen seiner Figur absolut großartig und überzeugend um. Außerdem muss die Choreographie der ganzen Szene erwähnt werden: Wills Wanzensuche ist aus allen möglichen, ständig wechselnden, Perspektiven gefilmt, wobei High- und Low Angle-Aufnahmen die Bilder dominieren.

Damit wird nicht nur Desorientierung geschaffen, sondern auch der wachsende Druck auf Wills Schulter demonstriert. Der Fußboden und die Decke streben zueinander und drängen Will in die Ecke, wo er sitzen bleibt. Großartige Leistung, wie auch in jeder Episode bisher, von „Seith Mann“s und „Michael Slovis“’ Team. Aber nicht nur Wills Szenen weisen distinktive audiovisuelle Muster auf. Bei Außenaufnahmen wird Katherine Rhumor (Miranda Richardson) immer wieder aus einer Distanz gefilmt, die einen Beobachterblickpunkt suggeriert. Bei Innenaufnahmen wird sie, wie in dieser Episode bei ihrem zweiten Treffen mit Carol Bradley, oft aus einem High Angel gezeigt.

Die Szenen mit Katherine haben sogar vihr eigenes Musikthema. Es erklingt meistens dann, wenn sie kurz davor ist, eine weitere Erkenntnis über das geheime Leben ihres Ehemannes zu gewinnen. Der Zeitungsausschnitt, den sie in Toms Unterlagen findet, führt sie zu einer anderen Witwe, Carol Bradley. Katherine stellt fest, dass Tom und Bradleys Mann, über dessen Tod die Zeitungsnotiz berichtet, mit Atlas McDowell zu tun hatten. Mit Entsetzen sieht sie in Bradleys Sachen dasselbe Kleeblatt, das sie vom Todestag ihres Ehemannes kennt. Was sie nicht sieht, ist das alte Foto mit den sieben Jungs. Es ist dasselbe Foto, das wir James Wheeler aus Tom Rhumors heimlichem Wohnsitz entfernen sahen.

Was Miles nicht entfernen kann, ist sein Ehering. Miles arbeitet weiterhin auch nachts an dem Fall George und überwacht die Aufnahmen von der Hochzeit von dessen Tochter. Dafür benötigt er die Hilfe von Julia, einer API-Übersetzerin aus der Nachschicht. Dieser kleine Nebenplot um Miles und Julia ist sehr ereignisarm, aber gerade deswegen so großartig. Julia ist durchaus gewillt, mit Miles zu flirten, doch es geschieht nichts zwischen den beiden. Miles betont nach wie vor, dass er verheiratet ist – wohl weniger für Julia als für sich selbst. Rubicon liefert eine weitere hervorragende Charakterstudie und zeigt uns, wie einsam und verloren die Figur in ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen ist.

Es ist so, als würde man sich in einer Sackgasse befinden, in der man nur schwer wenden kann. Dasselbe gilt für Maggie, die endlich einige sehr gute Szenen hat. Da ihre Tochter übers Wochenende bei dem Ex ist, ruft sie Will an und möchte mit ihm etwas trinken. Der ist aber noch mit den Wanzen beschäftigt und sagt ab. Grandios setzt Jessica Collins Maggies Bedürfnis nach Kontakt um, diese sexuelle Anspannung, entstanden durch ihre Einsamkeit.

In der Zwischenzeit findet Will heraus, dass Roy Ex-CIA ist und für Atlas McDowell arbeitet. Außerdem stellt er den Mann, der ihn verfolgt. Will zieht zum ersten Mal Waffe und bedroht den Unbekannten. Durch ein Handyfoto wird der Beschatter für seinen Arbeitgeber unbrauchbar. Es ist sehr schön, wie Will langsam aber stetig aktiver wird. Nach dem Vorfall eilt er völlig durcheinander zu Maggie. Die hat allerdings inzwischen Ersatz für ihn gefunden. Die wortlosen Blicke zwischen ihr und Will durch die Türspalte sind ereignisvoller als drei Seiten Dialog.

Rubicon: Connect the Dots (1×05)

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Ist es eine Überraschung, dass Rubicons Ratings fallen? Nein, ist es nicht. Das konnte man schon nach den ersten zwei Episoden vorhersagen. Nach wie vor kann ich nachvollziehen, warum etliche Zuschauer der Serie den Rücken kehren. Für mich jedoch ist es nach dieser Episode endgültig zu spät: Die Obsession, über die Rubicon erzählt, ist auch meine eigene geworden.

Dabei geht es nicht direkt um bestimmte Verschwörungstheorien, sondern um diese „an sich“. Die Serie thematisiert paranoid-obsessives Verhalten und führt uns gleichzeitig vor Augen, welchen Preis man bezahlt, wenn man jedem auf dieser Welt böse Absichten unterstellt. Die de-kodierte Botschaft der AMC-Produktion lautet: Je länger und genauer man hinschaut, desto mehr gibt es zu beobachten – und desto befremdlicher erscheint das Beobachtete.

Die Verschwörung kann überall sein und sich um alles drehen. Sie entspringt buchstäblich der Suche nach ihr, wie in der alten Geschichte, die ich schon einmal in einem Review erwähnt habe: Ein ansonsten völlig “normaler” Soldat hat den Tick, jeden Fetzen Papier, der ihm unter die Augen kommt, untersuchen zu müssen, was er mit einem „Das ist es nicht!“ begleitet. Schließlich schickt man ihn zu einem Psychiater, wo er ebenfalls alle Papierstücke bis hin zu denen im Papierkorb durchwühlt, immer sein „Das ist es nicht!“ wiederholend. Der Psychiater, überzeugt von der Dienstuntauglichkeit des Mannes, stellt ihm schließlich die Bescheinigung aus, die ihn vom Militärdienst befreit. Der Soldat wirft einen Blick auf das Papier und sagt: „Das ist es!“

Ist es nun die Obsession, die ich während meiner Rubicon-Rezeption erst entwickelt habe, die mich dazu bringt, genauer hinzuschauen – mit einem Blick, der nach Lobenswertem sucht? Die Serie betreibt ein faszinierendes Spiel auf mehreren Ebenen. Connect the Dots zeigt, wie Wills Nachforschungen die Menschen um ihn herum beeinflussen. Je genauer er hinsieht, desto mehr scheint er zu entdecken – und alle anderen zu überzeugen, dass es etwas zu entdecken gibt. Aus diesem Grund finde ich die Szenen mit Ed Bancroft (Roger Robinson) sehr gelungen.

Seine anfängliche Zurückhaltung ist zu einer Obsession geworden, die offenbar sogar Will schockiert. Nachdem Will (James Badge Dale) Donald Bloom ausfindig gemacht hat, realisiert er, wohin der Weg führen könnte – und hält Ed mit einer Lüge von weiteren Untersuchungen ab. Denn Donald Bloom (Michael Gaston) ist nicht nur Ex-CIA-Killer, der zusammen mit Wills Boss Kale Ingram (Arliss Howard) Geheimaufträge in Beirut ausgeführt hat, sondern diese Aufträge wurden mit Hilfe von… Kreuzworträtseln übermittelt.

Das führt uns zurück zu Katherines verstorbenem Mann Tom Rhumor und seinen Freunden. Rubicon beginnt, die lose hängenden Enden zu verbinden: Bei der Wohltätigkeitsveranstaltung von Truxtons Frau trifft Will auf James Wheeler und einen anderen unbekannten Mann – in Truxtons Gesellschaft. Außerdem begegnet Katherine (Miranda Richardson) endlich jemandem aus dem Hauptcast – nämlich Will.

Truxton (Michael Christofer), der uns letzte Woche als erfahrener Kämpfer in politischen Spielen und netter alter Mann gezeigt wurde, ist neben Will die treibende Kraft in dieser Episode und gleichzeitig der Knotenpunkt, wo alle Nebenplots zusammenzulaufen scheinen: Nicht nur weist er den Will beschattenden Mr. Roy an, sich jetzt auf Katherine zu konzentrieren, sondern auch Bloom scheint unter Truxtons Befehl zu handeln.

Aber warum ist Bloom eingetroffen? Ed und Wills Untersuchungen zeigen eine Verbindung zwischen seiner Anwesenheit in ölreichen Regionen im Nahen Osten und Auftragsmorden. Warum trägt Bloom immer einen Regenschirm? Man muss unausweichlich an den Fall “Georgi Markov” denken. Truxton vernichtet das so genannte „Houston white paper“, ein Dokument, das laut Ed Licht auf die Ereignisse werfen könnte.

Der Fall um Yuri Popovich und George Beck – Tanyas Auftritt in dieser Episode – ist entweder eng mit dem Hauptplot verbunden oder stellt eine Art MacGuffin dar. Kales Verbindung mit dem Ganzen bleibt noch unklar, aber er ist um Wills Sicherheit besorgt und scheint auch seinerseits heimlich nach Antworten zu suchen.

Sowohl auf der Zuschauerseite als auch innerhalb der fiktionalen Welt der Serie muss man ständig fragen: Bin ich es nur – oder ist da wirklich was? Ja, in Rubicon ist tatsächlich etwas. Zum Beispiel die immer noch herausragende audiovisuelle Umsetzung. Die Szene, in der Will Maggie über Kale ausfragt, ist faszinierend gefilmt (Min.18): Die Kamera wechselt zwischen extremen Close-Up-Aufnahmen von ihren Gesichtern und Long Shots. Erstere suggerieren Intimität, ja sexuelle Spannung, während letztere dieser Spannung etwas Bedrohliches hinzufügen. Durch das zusätzliche Einrahmen der Figuren und ihre Positionierung in der rechten Ecke des Bildes wird dem Zuschauerblick die Situation, in der sich die Figuren befinden, vor Augen geführt: buchstäblich in die Ecke gedrängt.

Aber obwohl Will Ed ausbremst, sehen wir ihn selbst am Ende auf dem Fußboden seiner Wohnung kauern: umgeben von Notizen versucht er die Verbindung herzustellen – „Connect the Dots“!

Mit dieser Episode zeigt uns Rubicon, dass es bei der Verschwörung nicht um irgendeinen Kampf um die Weltherrschaft geht, sondern eher um eine Gruppe älterer Männer, die mit Hilfe politischer Morde reich geworden sind – und reich bleiben wollen. Connect the Dots hält nach wie vor sehr gelungen die Balance zwischen der Verschwörungsstory und Wills Lernprozess.

Rubicon: The Outsider (1×04)

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Ich liebe es, wenn sich eine Serie Zeit nimmt: etwa für extreme Close-Ups von Kaffee, Kaffeebechern und Kaffee trinkenden Menschen. Als seinen Kaffee genießender Zuschauer fühle ich mich dann gut aufgehoben. Bei Rubicon fühlte ich mich seit dem Anfang der Serie irgendwie immer gut aufgehoben. Vielleicht liegt es daran, dass mir „Rubicon“ die nötige Ruhe gönnt für die Unmenge an Serien, die ich außerdem verfolge. Damit ist nicht das Guilty-Pleasure-Gefühl gemeint – mit Zurücklehnen und die-Serie-uns-unterhalten-Lassen:

Die AMC-Produktion übernimmt nicht das Denken für den Zuschauer, sondern kreiert einen audiovisuellen Raum, in dem der Zuschauer gerade wegen der sehr langsam voranschreitenden Handlung selbst voranschreiten, selbst auf Erkundung gehen muss, um Vorhandenes zu entdecken. Während die ersten drei Episoden sparsam und behutsam den Kontext der Ereignisse schildern, bewegt sich The Outsider nach innen – will sagen: ins Innenleben der Beteiligten, denn die Episode beschäftigt sich auf den ersten Blick wenig mit dem handlungsübergreifenden Erzählstrang um die globale Verschwörung.

Erst einmal geht es darum, was für Menschen in Wills Team arbeiten und wie wichtig Will (James Badge Dale) für sie ist. The Outsider erzählt parallel zwei Geschichten: Eine um Will und seinen Boss Truxton Spangler (Michael Cristofer), die nach Washington müssen, und eine zweite um Wills Team, das vor einer schweren Entscheidung steht: In Wills Abwesenheit muss man einen vermeintlichen Terroristen zum Abschuss frei geben.

Im Laufe der kompletten Episode können wir beobachten, wie die drei – Tanya (Lauren Hodges), Miles (Dallas Roberts) und Grant (Christopher Evan Welch) – unter dem Gewicht der Entscheidung fast in eine Art Agoniezustand verfallen. Auf visueller Ebene wird dieser zusätzlich hervorgehoben: Der Raum, in dem sich die drei befinden (Min. 12:07), wird fast immer aus der einen Ecke gefilmt, so dass unser Blick sich auf der Diagonalen bewegt. Die Lamellen der Jalousien wiederum bilden horizontale Linien, deren Bewegung Richtung Raumecke von der ebenso horizontalen Linie an der Wand verstärkt wird.

Man bekommt das Gefühl, als wolle die dunkle Raumecke, der Fluchtpunkt des Bildes, das komplette Bild einsaugen wollen. Die Neonröhren an der Decke bilden einen rechten Winkel zu den Lamellen und kreieren einen zusätzlichen Rahmen innerhalb des Bildes, was den Raum optisch verkleinert: seine Seiten drücken auf den „Rauminhalt“, drohen ihn zu ersticken. Grün und Schwarz sind hier die dominierenden Farben, bis auf den gelben Fleck (das Gelb der Schrift aus dem Vorspann) auf Grants Hemd, als er dem Chef die Entscheidung des Teams präsentiert.

The Outsider hat nach wie vor keine großen Enthüllungen oder Ereignisse zu präsentieren, sondern eine Reihe kleiner, feiner Charakter-Momente, die die Figuren in dieser Welt beschreiben. Rubicon leistet nach wie vor hervorragende Arbeit, was das Auffangen solcher flüchtigen Verbindungsmomente betrifft: Augenblicke des flüchtigen zwischenmenschlichen Kontakts in einer anonymen Welt, die einer Maschinerie gleicht. Es ist so, als würde man etwas Aufmerksamkeit Erregendes aus dem Zugfenster sehen: im nächsten Moment ist es schon wieder verschwunden.

Will bereitet sich am Anfang der Episode Kaffee, schaut hinüber zu der Frau in der gegenüberliegenden Wohnung, die ihn anlächelt. Katherine (Miranda Richardson in der Rolle der Witwe) bricht über der Kiste mit dem Beweismaterial, dem blutigen Mantel ihres verstorbenen Ehemannes Tom, zusammen. Aber auf Toms Mailbox hört sie eine Nachricht, die sie stutzig macht und einige Zeit später in ein chinesisches Restaurant mit Lieferservice führt. – Der Nebenplot um Katherine ist übrigens meiner Meinung nach die einzige Geschichte, die ihre Schwachstellen hat und mit fortlaufender Dauer tatsächlich einen Schritt nach vorne bräuchte, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu verdienen.

Unsere volle Aufmerksamkeit zieht Wills und Truxtons kleine Reise auf sich: mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug, in warmen Farben getaucht. Bisher hatten wir kaum den Namen des API-Chefs erfahren – und schon gar nicht irgendwelche Details über ihn. In einer Reihe grandioser Szenen mit Truxton – die etwa seine Aktentaschen-Obsession betreffen oder seine Rede über die Krawatte des Ausschussvorsitzenden – gelingt es Rubicon, Truxton ein Gesicht zu verleihen, die Zuschauer ihn mögen zu lassen.

Er hat eine Tochter und einen Sohn. Wo studiert der Sohn? Keine Namen. Perfekt wurde inszeniert, wie Will im Laufe des Aufenthalts auf Menschen trifft und Details über ihr Leben erfährt – aber nie Namen. Die Einsamkeit in dieser Branche, auf die Truxton zu sprechen kommt, braucht, ja verträgt keine Namen. Will fühlt sich zwar wie ein Outsider, aber gerade das macht ihn laut Truxton so brillant und nützlich. Wem würde man eher vertrauen, dem Analytiker ohne Namen oder der eigenen Ehefrau, wenn es um die Einschätzung der eigenen Person geht?

Nach dieser Episode wirkt Truxton nicht nur humaner, sondern wir sehen, dass hinter seiner scheinbaren Unbeholfenheit ein brillanter Spieler steckt. Seine Auffassung vom Job ist es, das letzte Wort zu haben, den anderen auszuspielen und das Spiel zu gewinnen. Natürlich stellt man sich die Frage, auf welcher Seite er selbst steht – aber: gibt es in Rubicon „Seiten“? Die Serie steht nicht mitten im Kampf „Gut gegen Böse“ in der Spionagewelt, sondern sie versucht, ÜBER diese Welt zu erzählen, so wie The Shield oder The Wire ÜBER die Welt der Kriminalität erzählten. Damit sind wir Zuschauer die eigentlichen Outsider, die die Einsamkeit und den langsamen Blick lernen müssen.