Category Archives: Supernatural

Supernatural: The Mentalist (7×07)

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OK. Nach der Trennung letzte Woche geschieht in The Mentalist genau das, was wir alle erwartet haben. Dean und Sam sind wieder zusammen! Angeblich nur für kurze Zeit und nur für den einen Job, aber der erfahrene Supernatural-Zuschauer weiß, wie es weiter geht. Dean gesteht Sam, dass ihn die Sache mit Amy quält: nicht wegen der Tat selbst, sondern weil er Sam die Wahrheit verschwiegen hat. Und Sam? Nun, er hat letztendlich Verständnis für Dean. Also alles vom Tisch? Am Ende der Episode landen Sams Sachen im Kofferraum des Impala-Ersatzes, also sind die beiden wieder zusammen unterwegs. Nach der ganzen Dramatik um Amy mit Schulterzucken weiter machen – ist das alles? Aber was erwarten wir denn Anderes?

Eine berechtigte Frage, denke ich. Diesbezüglich würde ich gerne eure Meinung hören! Gehört das Trennen-Zusammenführen-Spiel einfach zu Supernatural dazu, oder geschieht alles zu schnell und zu einfach? Auch wenn in meinen Augen der dramatische Aufbau der Amy-Geschichte über mehrere Episoden nach dieser Episode arg plötzlich aus dem Weg geräumt zu sein scheint, hat Supernatural immer noch die Möglichkeit, mit spannenden Fällen und dem Katz-und-Maus-Spiel mit den Leviathanen aufzutrumpfen. Dann kann man das Auge für das derzeitige Sackgassen-Drama zwischen Sam (Jared Padalecki) und Dean (Jensen Ackles) durchaus mal zudrücken… Obwohl das Gespräch zwischen den beiden am Ende doch irgendwie ein zufriedenes Lächeln auf unsere Gesichter zaubert. Oder? Sind die Brüder erwachsener geworden, was die Lösung ihrer Konflikte betrifft, und im Vergleich zu zahlreichen ähnlichen Szenen aus früheren Staffeln endlich auf dem Weg, mit den beiderseitigen Schwächen umgehen zu können?

Wir haben letzte Woche schon darüber diskutiert, wie Supernatural uns im Zuge der Leviathan-Handlung an alte Zeiten und alte Fälle erinnert. In The Mentalist setzt sich, bewusst oder unbewusst, dieser Trend fort: Wir fühlen uns zurückversetzt in die Zeiten, da man Geisterknochen auf dem Friedhof verbrannte, eine dankbare, verträumte Brünette zurückließ und dann im Impala von dannen zog, zum nächsten Job. Nur ist ja eben DER Impala wegen der Leviathan-Sache vorübergehend suspendiert, und Dean sieht sich gezwungen, ein Auto zu stehlen. In Lily Dale begegnet Dean prompt Sam, der ebenfalls die Morde an zwei Hellsehern untersucht. Natürlich ist der Fall der Woche um die zwei Geistergeschwister kein spektakulärer, aber ich muss sagen, dass es die Hellseher-Morde wirklich in sich hatten! Und Dean bekam eine Nachricht von Ellen aus dem Jenseits übermittelt: If you don’t tell someone how bad it really is, she’ll kick your ass from beyond. Vielleicht braucht Dean in dieser Staffel genau das: den Tritt aus dem Jenseits…

Supernatural: Slash Fiction (7×06)

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In Slash Fiction hat man tatsächlich das Gefühl, sich mitten in einer Meta-Meta-Erzählung über Supernaturals Biggest Hits zu befinden. Warum die Meta-Ebenen? Weil uns die Serie nicht nur mit dem Fall der Woche an vergangene Supernatural-Zeiten erinnert, sondern weil außerdem innerhalb der Erinnerung die Serie selbst von den Figuren kommentiert wird. Damit das funktioniert, braucht man zwei Deans und zwei Sams. Dean: Sons of bitches xerox’d us. So kann man es auch sagen.

Die Supernatural-Fangemeinde weiß nur zu gut, dass die humorigen Episoden immer schon zu den besten der CW-Serie gehörten. Zwar möchte ich nicht behaupten, dass Slash Fiction ins Best Of hineinrutschen würde, aber an den bisherigen Episoden dieser siebten Staffel gemessen ist diese sehr gelungen! Slash Fiction erreicht in meinen Augen, vom Ende mal abgesehen, die richtige Balance zwischen Humor, dem handlungsübergreifenden Erzählstrang und dem Job der Woche. Und der lautet: Findet Sam (Jared Padalecki) und Dean (Jensen Ackles) Winchester! Nicht nur werden beide gesucht, sondern sie suchen sich selbst. Die Meta-Spiele sind hiermit eröffnet!

Schon im Teaser spielt Supernatural mit uns Zuschauern. Sam und Dean dabei zu beobachten, wie sie in der First Bank of Jericho alle Anwesenden eiskalt über den Haufen schießen, kann zwar eingefleischte Supernatural-Fans nicht schockieren: Erstens haben manche schon etliche Spoiler konsumiert, und zweitens lässt uns unsere Serien-Erfahrung sofort an Parallelwelten oder aber Doppelgänger denken. Fernsehen schult! Sam und Dean aus der Bank sind denn auch in Wahrheit LeviSam und LeviDean. Zwei Leviathane haben die Gestalten der Brüder angenommen und schlagen denselben Weg ein, den wir damals, ganz am Anfang der Serie, die echten Winchester-Brüder gehen sahen. Sie fahren – stilecht im gleichen Impala – von einem Ort zum nächsten, Sams und Deans Route aus der ersten Staffel der Serie folgend.

Dieses Zurückversetzen in alte Zeiten thematisiert genau das fortwährende Thema der Serie: Die Winchester-Brüder werden immer wieder mit sich selbst konfrontiert, können sich selbst nicht entkommen. Im Grunde begegnen hier Sam und Dean sich selbst – aber als andere. Seit dem Vorfall mit Amy habe ich mich immer wieder gefragt, wann und wie die Autoren die Sache auflösen wollen. Das geschieht in Slash Fiction auf eine in meinen Augen zufrieden stellende Art. Aber bevor wir so weit sind, müssen wir einen Blick in Bobbys Keller werfen, wo der Leviathan (Chett heißt er, glaube ich) gefesselt sitzt und sich über Bobbys verzweifelte Versuche, ihn umzubringen, lustig macht. Nicht nur das: Auch Bobby muss schließlich sich selbst begegnen, denn Chett nimmt seine Gestalt an. Wenn ich es richtig verstehe, kann er das deswegen, weil Bobby irgendwie für Chett erreichbare DNA hinterlassen hat! Das Ergebnis ist jedenfalls durchaus amüsant; darüber hinaus zeigt es, dass die Leviathane nicht nur die Gestalt einer betreffenden Person annehmen, sondern auch ihre persönliche Geschichte, ihre Erinnerungen lesen können, also Zugang zu ihrem Gehirn haben. Supernatural meistert hier, wie ich finde, die Gratwanderung zwischen dem Einblick in die existentiellen Krisen der Protagonisten und dem Humor, ohne übertrieben zu wirken – sowohl im Gespräch von Bobby mit LeviBobby als auch in den Unterhaltungen zwischen LeviSam und LeviDean über die echten Winchester-Brüder.

Ich habe immer schon Jensen Ackles’ Talent für Slapstick bewundert. In Slash Fiction schenken ihm die Autoren eine kleine Szene, die genauso gut zum Gag Reel gehören könnte: Sie besitzt keine Bedeutung für die Handlung, aber einen um so höheren Entertainmentfaktor. Ja, die Rede ist von Deans stummem, aber leidenschaftlichem ‘Mitgehen’, als im Autoradio Air Supply läuft. Priceless! Es erinnerte mich gleich an zwei Dinge: Deans Darbietung von Eye of the Tiger – und, durch Sams Seitenblicke auf Dean, die erste Episode der neuen Beavis & Butthead-Staffel. You were moved, Beavis! You were crying!

LeviSam und LeviDean haben auch ihren Spaß, indem sie Pulp-Fiction-Inszenierungen anbieten und dafür sorgen, dass alles mitgeschnitten wird. Das FBI versucht folglich mit allen Mitteln, Sam und Dean einzufangen. Da die beiden ihre Doppelgänger ausschalten wollen, brauchen sie neue Identitäten. Die Notwendigkeit der Szene mit Bobbys Freund Frank habe ich nicht recht begriffen, aber zumindest wirkte Kevin McNally ziemlich amüsant in der Rolle des paranoiden Mannes, dessen Leben Bobby vor Jahren rettete. Wenn er später noch einmal aufgetreten wäre oder Sams und Deans neue Papiere eine Rolle in der Episode gespielt hätten, dann hätte ich die Abschweifung verstanden, aber so bleibt sie ein amüsanter Lückenfüller.

Dafür kehren in Slash Fiction gleich zwei bekannte Figuren zurück, nämlich Crowley und Sheriff Jody Mills. Und beide tauchen in freundlicher Mission auf – obwohl: bei Crowley weiß man ja nie, was er wirklich vorhat. Zwischen Jody und Bobby besteht definitiv die Chemie für eine kleine Nebenhandlung – und deswegen: bitte, liebe Autoren, nicht auch diese weibliche Figur umbringen, wie alle anderen! Jodys Dankeschön-Besuch bei Bobby treibt zudem die Haupterzählung voran, denn Jody stößt Bobby durch Zufall auf das, was die Leviathane für längere Zeit unschädlich machen kann: ein ganz normales Putzmittel namens Borax. Jody hat sich den Kuss von Bobby durchaus verdient!

Die Enthüllung geschieht genau im richtigen Moment, denn LeviSam und LeviDean haben gerade die echten Brüder in ihre Gewalt gebracht. Wie für Monster typisch, versuchen sie zuerst die Psyche der Brüder zu erledigen, bevor sie sie töten: You know I had a brother with this many issues once. You know what I did? Hm? I ate him. Dann erfährt Sam von LeviDean die Wahrheit über Amy. Und wir begegnen zum ersten Mal dem Leviathan-Boss Dick Roman (James Patrick Stuart), der eine sehr deutliche Unterhaltung mit Crowley führt und dessen Freundschaftsangebot vehement ablehnt. Man hat nach dem Treffen das Gefühl, das dies nicht der letzte Austausch zwischen den beiden sein wird… Es ist immer gut, wenn Crowley in die Ereignisse eingreift: das Böse der Neuzeit gegen das Ur-Böse? Und dazwischen die Winchester-Brüder. Oder nicht?

Da Slash Fiction eine Episode über Supernatural selbst ist, bleiben wir nicht verschont vom Wiederholungsmuster vergangener Staffeln. Sam erfährt, dass Dean ihn belügt, und geht davon. In der nächsten Episode sind sie vermutlich wieder zusammen. Spontan dachte ich: Das Spielchen mit den Doppelgängern und Dean und Sam als America’s Most Wanted hätte durchaus länger als eine Episode dauern dürfen, damit man sich nicht so schnell auf den herkömmlichen Status Quo zurückgeworfen sieht… und diesen Episoden-Abschluss hätten sich die Autoren sparen können. Andererseits: Man kann nicht alles haben – und diese Rückkehr zum Immergleichen ergibt sich gerade aus jener Unmöglichkeit, sich selbst zu entkommen, die ich am Anfang des Reviews erwähnte. Aber vielleicht… um dem neuen Gegner standzuhalten.

Supernatural: Shut Up, Dr. Phil (7×05)

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Lieber Sam, lieber Dean,
eure Beziehungsprobleme und Sachen-verschweigen-Spielchen sind ja erst schlappe sechs Staffeln alt. Also könnt ihr immer noch dazu lernen – zum Beispiel von einer bereits 800 Jahre währenden Beziehung zweier Hexen… oder von einer anderen übernatürlichen Serie…

Nein – nicht ernst gemeint, nur um der Referenz Willen sage ich das. Ich will keinen Krieg der Buffy-Supernatural-Rosen in den Kommentaren. Shut Up, Dr. Tinchev!
Shut up, Dr. Phil bringt die beiden Serien allerdings tatsächlich zusammen – ja, es gibt sogar eine Buffy-Reunion zu feiern! Charisma Carpenter und James Masters (zuletzt bei Hawaii Five-0) schlüpfen in die Rollen eines Hexen-Ehepaars, dessen Beziehungsprobleme zu mehreren Todesfällen führen. Eigentlich ist das Ganze nichts Weltbewegendes, aber wenn man nicht offen und ehrlich miteinander spricht und keine Entschuldigung über die Lippen bringt, dann kann ein Kleinkrieg ausbrechen.

Obwohl die Episode den Leviathan-Plot nicht wirklich voran bringt, ist der Fall der Woche sehr amüsant – und die Episode als Ganzes hat ihre Momente. Dean (Jensen Ackles) bekommt die seinen, die ihn in Schuldgefühlen und Selbstmitleid zu ersticken drohen; doch man schafft es, die Grenze zum Überdruss nicht zu passieren. Rechtzeitig gibt es Ablenkung: und die lohnt sich, angefangen mit dem Summen eines „beehive hair dryers“ und endend mit demjenigen eines echten, wenn auch gehexten Bienenschwarms. Dazwischen verpackt, wie ein Herz in einem Muffin, ist die Liebesgeschichte zweier Hexen: Maggie (Charisma Carpenter) und Don Stark (James Masters).

Die beiden haben sich getrennt, als Maggie von einem Seitensprung ihres Mannes erfuhr. Wie Dean und Sam (Jared Padalecki) sehr schnell feststellen, rächt sich Maggie nun an jedem, der in Prosperity, Indiana auch nur annähernd mit der Affäre ihres Mannes zu tun hatte. Das führt zu überaus blutigen Bildern, vor allem im Falle der Nagelpistole… Die Szenen zwischen Masters und Carpenter sind so unterhaltend, wie sie sein sollen, vor allem für jemanden wie mich, der Buffy-geschädigt ist. If they can work things out, why can’t we?
In Episoden dieser Art jedoch wirkt der typische Austausch zwischen den Brüdern, bei dem sie sich gegenseitig vergeblich befragen, wie es dem anderen geht usw., irgendwie deplatziert. Solche Dialoge werden dazwischen geschoben, weil sie einfach zur Serie gehören, fügen sich aber nicht recht in den Ton der Episode ein. Viel amüsanter sind die Versuche von Lance Armstrong und Dr. Phil, auf der Schnellstraße des Hexen-Gefühlsaustausches mitzuhalten. Dr. Phil ertränkt die eigenen Gedanken im Alkohol, während Lance ihnen wegzujoggen versucht. („BIKING, Dean.“) Aber wisst ihr was: Sie sind beide ok, wie immer!

Nicht ok finden Don und Maggie zunächst den abschließenden Versuch der Winchester-Brüder, eine spontane Beziehungstherapie an ihnen durchzuexerzieren. Und doch: Wenn ein Mann seiner Ehefrau schon den Beischlaf mit Columbus und die Frau ihrem Ehemann das bunte Treiben zu Renaissance-Zeiten verzeihen konnte, dann findet man immer wieder zueinander. Happy End?
Eigentlich schon – wenn sich nur nicht wieder die Frage nach der Winchester-Hunter-Moral stellen würde. Sie lassen das Hexenpaar laufen, nachdem es so viele Menschen brutal erledigt hat? Tötet man nur die Monster, die nicht so viel Widerstand leisten – oder will man Deans Mord an Amy noch schwerer ins Gewicht fallen lassen? Amys Tötung stellt sich so als bewusst gegen Sam gerichtete Handlung Deans dar, als Racheakt – aber wofür? Oder zwang sich Dean damit unbewusst selbst in den Abgrund der Schuldgefühle? Denn wie er am Ende zu Sam sagt, macht ihn eben dies aus – sich an allem schuldig zu fühlen…

Dass der gewohnte brüderliche Austausch der Winchesters am Ende der Episode überhaupt zustande kommt, haben sie Don zu verdanken. Denn sie werden von ihrem Leviathan-Verfolger angegriffen, und erst Don, der in ihr Zimmer kommt und Maggies Münzen unter ihren Matratzen einsammelt, kann ihn außer Gefecht setzen. Nun können Dean und Sam eines mit Sicherheit annehmen: Die Jagd auf sie ist offiziell eröffnet! Sie werden mehr brauchen als Lance Armstrongs Fahrrad und einen Flachmann, um zu entkommen…

Supernatural: Defending Your Life (7×04)

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Wenn Christine und Cujo zusammen agieren, dann kann in einer Supernatural-Episode nichts mehr schief gehen. Oder doch? Genau das ist die Frage: Was ist schief gegangen und was nicht in einem menschlichen Leben? Wer kann das beurteilen? Trägt man die Schuld an etwas, nur weil man sich schuldig fühlt? Der ägyptische Gott Osiris hat eine kleine Ortschaft erwählt, um einen Gerichtssaal zu errichten. Er sucht Menschen auf und konfrontiert sie mit ihren Schuldgefühlen bezüglich dessen, was sie in der Vergangenheit getan haben. Falls die Schuld in ihren Herzen alles andere überwiegt, verurteilt er sie zum Tode und lässt sie von der Inkarnation ihrer Sünden töten.

Dean, dessen Gedanken eindeutig noch um seine Entscheidung von letzter Woche kreisen, versucht alles abzutun, indem er behauptet, dass die Opfer ihre Strafe verdient haben. Aber bedeutet das nicht, dass auch er selbst bestraft werden müsste, obwohl er Amys Tod und die Lügen gegenüber Sam zu bereuen scheint? Ist nicht das Schuldbewusstsein der einzige rettende Strohhalm, wenn man etwas Schlimmes getan hat – der einzige Weg zur Besserung, zur Veränderung? Denn Osiris’ Opfer  bereuen ihre Sünden zutiefst und haben viel getan, um für ihr Tun zu bezahlen; sie haben sich verändert. Verdienen sie trotzdem den Tod?

Selten hat mich eine Supernatural-Episode so zwiegespalten zurückgelassen, und so wurde dieses Review an manchen Stellen mehrfach umgeschrieben.  Wenn auch nach den ersten zwei starken Episoden vom Verlauf der Staffel her etwas unpassend platziert, scheint mir nun The Girl Next Door – nur zusammen mit Defending Your Life als Doppelepisode! – zum Großteil gelungen. Können Menschen sich ändern, wenn sie den Willen dazu haben? Wollte Dean mit dem Mord an Amy beweisen, dass er nicht daran glaubt? Er richtet über andere nach einer schwarz-weiß Moral, ohne ihre Verteidigung anzuhören -nach dem Motto: Erledigen, weiter machen und die Schuld auf sich laden!

Nach einer Trinkrunde mit der blonden Bardame (Gastauftritt von Emillie Ullerup) findet sich Dean auf einmal in Osiris’ (Faran Tahir) Gerichtssaal vor. Ihm werden nicht nur schmerzliche Erfahrungen vor Augen geführt, sondern die Schwere der Schuld, die er mit sich trägt. Trotz Sams durchaus kompetenten Versuchen, Dean als Verteidiger aus der Sache herauszupauken, ist Dean eher bereit zu sterben, als Sam die Wahrheit über Amy erfahren zu lassen. Es scheint so, als würde sich Supernatural den Konflikt aufsparen wollen: Statt Amy wird Jo als Deans schwerste Sünde in den Zeugenstand gerufen und dann von Osiris gezwungen, Dean zu töten.

Obwohl es großartig ist, Jo wiederzusehen, und ihre zutiefst emotionalen Szenen mit Dean überzeugen, verfehlt die Serie an diesem Punkt einen dramatischen Knalleffekt; sie weiß die emotionale Spannung aus unerwiderter Liebe und Schicksalsergebenheit (Jo) versus Schuldbewusstsein und Resignation (Dean) nicht recht zu nutzen. Dean trägt nicht wirklich die Schuld an Jos Tod: Es war ihr eigener Wille, das Leben eines Hunters zu leben. Worin genau seine Schuld besteht – in dem zutiefst komplizierten Verhältnis zu seinem Bruder nämlich -, diese Frage wird zwar angedeutet, zusammen mit Amy letztlich doch ausgeblendet. Vielleicht hätte man in diesem Sinne aus Jos Figur als Deans Nemesis mehr herausholen können. Am Ende kann Sam Osiris stoppen, und Dean überlebt. Aber wie sieht es aus, das Leben, das ihm bleibt?

Man muss Defending Your Life zugute halten, dass Supernatural mit dieser Episode den Versuch unternimmt, sich etwas differenzierter mit dem Thema Schuld auseinanderzusetzen – und über weite Strecken gelingt das. Sam wird deswegen nicht vorgeladen, weil er nicht nur immer wieder versucht, seine Schuld zu begleichen, sondern weil dadurch – wie er Dean in der letzten Szene erklärt – das Gewicht seiner Schuld nicht mehr auf seinen Schultern lastet. Er handelt aktiv, während Dean seine Schuld nach außen hin verleugnet – was zur Folge hat, dass diese Schuld ihn Schicht für Schicht ausfüllt, bis er nur noch aus ihr zu bestehen scheint. Schuld definiert ihn als Menschen. Diese Tatsache deutlich vor Augen zu führen: darin liegt die Leistung dieser Episode. Es war sehr gut, die so unterschiedlich belasteten Seelen der Brüder noch einmal Revue passieren zu lassen, und die Szenen waren von allen Beteiligten sehr gut gespielt.
Aber die Frage ist: Wie geht es weiter?

Supernatural: The Girl Next Door (7×03)

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Wenn Lars Ulrich dreimal klingelt: so könnte diese Episode heißen. Nur dass Lars Ulrich nicht klingeln, sondern an die Tür hämmern würde – bis endlich… Lemmy Kilmister aufmacht! Diese Referenzen auf die Heavy-Metall-Götter Metallica und Motörhead gehören zu den gelungenen Aspekten der neuen Supernatural-Episode und haben Fans der beiden Bands (wie mir) definitiv ein Schmunzeln aufs Gesicht gezaubert. Denn die Supernatural-Autoren wussten beide Referenzen geschickt zu platzieren: Die Kreditkarte, die Sam benutzt, wurde auf den Namen Lemmy Kilmister ausgestellt, und Dean ist auf Sams Handy als Lars Ulrich gespeichert. Aber die Leviathane scheinen sich mit Heavy Metall auszukennen: Nicht nur hat Edgar das Heavy Metall in Form des Autos überlebt, das Dean auf seinen Kopf fallen ließ, sondern über Sams Kreditkarte bekommen die Leviathane einen Hinweis darauf, wo sich die Brüder befinden. Fragt mich nicht, wie. Vermutlich weil sie wissen, dass Lemmy Kilmister seine Lieblingsbar in Los Angeles nur dann verlässt, wenn er ins Studio geht, und sich nicht in der tiefsten Provinz herumtreibt…

Spaß bei Seite: Der Anfang der Episode ist Heavy Metal – doch später geht sie in eine schwache Variante von Girls Interrupted über bzw. verwandelt sich in eine Telenovela. Nach zwei starken Auftakt-Episoden läuft The Girl Next Door nicht wirklich rund und lässt für meinen Supernatural-Geschmack zu wünschen übrig nach dem schon erwähnten temporeichen Anfang, als Dean im Krankenhaus mit Gipsbein aufwacht und plötzlich Bobby vor ihm steht. Bobby lebt also noch und beeilt sich, die Brüder aus dem tödlichen Krankenhaus herauszuholen, bevor die Leviathane realisieren, wen sie da serviert bekommen haben. Man muss Jensen Ackles ein Lob für seine Leistung in dieser Episode aussprechen – vor und hinter der Kamera. Die ersten Minuten sehen wir größtenteils mit Deans Augen, der vollgepumpt mit Morphium zu fliehen versucht und es in letzter Sekunde auch schafft. Aber ihn erwartet beinah Schlimmeres als Leviathane: nämlich in einemHäuschen in der Einöde tatenlos auf der Couch vor dem Fernseher zu sitzen, damit sein Bein heilt. Obwohl Telenovelas seinem Gesichtsausdruck nach ergreifend zu sein scheinen…

Nun, Supernatural hat auch eine Telenovela-Story zu erzählen: von früher, als Jung-Sam in der Bibliothek ein Mädchen namens Amy traf. Damit wendet sich die Episode ziemlich abrupt von der Leviathan-Story ab und verwandelt sich in einen Fall der Woche, der seine Kraft mehr aus Sams Erinnerungen bezieht als aus den gegenwärtigen Ereignissen. Wir bekommen eine Menge Flashbacks zu sehen, in welchen Colin Ford als Jung-Sam zu brillieren weiß. Die Erinnerungen stellen sich ein, als Sam in der Tageszeitung einen Bericht über einen Serienmörder liest. Er erinnert sich an eine Kreatur (ein Kitsune, wenn ich mich nicht täusche), die er damals zunächst als die schüchterne Amy kennen lernte. Wie gesagt: Die Flashbacks sind gut ausgeführt – und noch schöner ist die Tatsache, dass die erwachsene Amy, die Sam ausfindig macht, von Fireflys Jewel Staite gespielt wird.

Leider bekommt sie wenig zu tun, und ebenso wenig Neues trägt der Handlungsstrang zur Supernatural-Erzählung bei; vielmehr macht er einen halbherzigen Schritt zurück zu den “Sam is a Freak”-Geschichten früherer Staffeln, anstatt bei Sam Interrupted zu bleiben. Wie so viele Frauen vor ihr, lässt Supernatural Amy nicht am Leben: Ohne Sams Wissen stirbt sie von Deans Hand. Aber warum tötet Dean nicht auch gleich ihren Sohn, wenn es doch darum geht, in Zukunft Menschenleben vor dem Hunger der Kitsune zu schützen? Es sieht so aus, als würde man sich den Jungen als kleines As im Ärmel aufsparen und außerdem einen zusätzlichen emotionalen Bruch zwischen den Brüdern erzwingen wollen – wobei ich mir nicht sicher bin, ob der wirklich nötig ist. Bleibt abzuwarten, wie sich das Ganze entwickelt – aber um zu Motörhead zurück zu kommen: The Ace of Spades, so wie die ersten beiden Episoden, war diese hier nicht…

Supernatural: Hello Cruel World (7×02)

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Willkommen in der grausamen Welt der Winchester-Brüder – der sie umgebenden und derjenigen in ihrem Inneren. Beide Welten scheinen nicht nur fließende Grenzen zu haben, sondern ihre Wassermassen nehmen rasant an Geschwindigkeit zu: sowohl im übertragenen als auch im buchstäblichen Sinne! In den ersten Minuten der neuen Episode sehen wir das schiefe Grinsen des Castiel-Leviathan-Konglomerates zur schmerzvollen Grimasse werden, denn die Hülle aus Engel und Mann droht zu explodieren, zu platzen – wie bei einer Überflutung, wenn das Wasser unaufhaltsam steigt, über die Grenzen hinausfließt und die Dämme brechen lässt.

Und die Überflutung kommt zustande – auf die schlimmste Art und Weise, sehr zum Leidwesen von Bobby, Dean (Jensen Ackles) und Sam (Jared Padalecki). Die Leviathane, die ja ursprünglich Seemonster waren, verlassen ihre Hülle im nächsten Wasserreservoir und breiten sich über die Trinkwasserleitungen aus. So geraten sie zum Beispiel in ein kleines Mädchen und einen erwachsenen Mann (gespielt von Benito Martinez, The Shield, Breaking Bad). Nur: Was wollen sie eigentlich? Die Supernatural-Welt überfluten?

Etliche Mauern, die Realitäten gegen einander abzuschirmen pflegten, sind im Laufe der Supernatural-Erzählung bereits durchbrochen worden, so wie Flutwellen einen Damm brechen, um alles dahinter Liegende unter sich zu begraben. In Hello Cruel World beginnen die Leviathane,  die Supernatural-Welt zu überfluten – und gleichzeitig brechen die Dämme in Sams Kopf und Seele. Genauso wie man nicht mehr wissen kann, ob im Gegenüber eine tödliche Bestie steckt, weiß Sam nicht mehr, was sich in seinem Kopf abspielt und was wirklich geschieht. Auch wir Zuschauer wissen oftmals nicht, ob wir unseren Augen und Ohren trauen können, denn die Supernatural-Produzenten gehen dazu über, Sams Blickwinkel auditiv oder visuell nicht mehr zu kennzeichnen. Fast durchgehend sieht und hört Sam Luzifer: als einen ständigen Begleiter im Alltag. Mark Pellegrino in Luzifers Rolle gelingt die Balance zwischen bedrohlichem Wahnsinn und Situationskomik perfekt in diesen Szenen, wo er in Anwesenheit Anderer mit Sam kommuniziert oder nur im Hintergrund Zeitung liest.

Wie lange kann Sam diesen Zustand noch ertragen – und wie könnte er ihn beenden? Indem er seine eigene Existenz beendet, wenn das Traumatische nicht weggehen will? Ihn zum Selbstmord zu bewegen, scheint Luzifers Plan zu sein. Aber: Ist es wirklich Luzifer, den Sam und wir sehen, oder ist es Sam selbst, der zu sich spricht – ein Teil von ihm, der ihn in den Abgrund treibt nach allem, was ihm widerfahren ist?Manches kann man nie wieder heil machen. Eigentlich ist es unwichtig, ob Luzifer tatsächlich Kontakt mit ihm aufnimmt und „da“ ist: Wesentlich sind die Effekte dieser Nicht-Existenz. Die Psychoanalyse Jacques Lacans spricht genau von einer solchen Unterscheidung zwischen der Ordnung der Wahrheit und dem Realen, bei dem es gleichgültig ist, ob es „wirklich existiert“ oder nicht; wichtig sind allein seine Folgen für die Subjekte.

Eben dies ist das Paradoxe am Lacanschen Realen: Obwohl es nicht existiert (im Sinne ‘wirklichen’ Existierens, Stattfindens in der Wirklichkeit), hat es doch eine Reihe von Eigenschaften – es bewirkt eine bestimmte strukturelle Kausalität, es kann in der Wirklichkeit des Subjekts eine Reihe von Effekten bewirken. Das Reale, das unter der Oberfläche liegt, kann zum Beispiel ein Trauma sein, das durch die Realitätskonstruktion verschleiert wird – so lange diese funktioniert. Auch die Leviathane benutzen in dieser Episode menschliche Hüllen, um sich in die Realität zu integrieren, damit ihr „wahres“ Sein verschleiert wird. Genauso wie die menschliche Haut den Anblick des rohen Fleisches verdeckt, uns vergessen macht, was darunter liegt. Dennoch existiert es: wie Sams Trauma, wie die Leviathane.

Immer wieder erzählt Supernatural von Türen, Übergängen, Grenzen, Mauern, vom Wegsperren der Grausamkeit, die sich dahinter verbirgt. Das Reale bricht stets an der Grenze ein, die das Innen vom Außen trennt. Man denke an René Magrittes Gemälde „Fenster“ (1963): Durch ein halb geöffnetes Fenster sehen wir hinter den Fensterscheiben des geschlossenen Flügels die Realität, einen blauen Himmel mit einigen verstreuten, weißen Wolken; hinter dem engen Spalt des geöffneten Flügels hingegen, der einen direkten Zugang zur Realität hinter dem Fenster erlaubt, ist nichts zu sehen als eine undefinierbare, schwarze Masse. Die Aufgabe der Winchester-Brüder bestand immer schon darin, diese schwarze Masse dort zu halten, wo sie ist – wenn sie von einem selbst Besitz ergreift, dann fällt diese Aufgabe schwerer und schwerer, und Supernatural wird dunkler und dunkler.

Diese Dunkelheit bringt allerdings jene Intensität mit sich, die die letzte Staffel oft vermissen ließ. Ben Edlunds Hello Cruel World hält die perfekte Balance zwischen Leviathan-Action und dialoglastigen Szenen, welche hauptsächlich Sams Zustand betreffen. Außerdem bietet die Episode ein Wiedersehen mit einer Frauenfigur: Sheriff Jodie, die nach einer Operation im Sioux Falls Krankenhaus liegt. In diesem Krankenhaus machen sich die Leviathane breit und haben vor, dort erst einmal eine Art Fress-Station einzurichten, um unbemerkt ihren Hunger stillen zu können. Von Edgar, der rechten Hand des noch nicht in Erscheinung getretenen Leviathan-Bosses – gespielt wird Edgar von Benito Martinez, der in Breaking Bad derzeit die rechte Hand eines Drogenbosses verkörpert! -, erfahren wir, dass die Leviathane nicht einfach nur fressen wollen, sondern einen Plan verfolgen.

Übrigens: Jodie überlebt die Episode, was untypisch ist für Frauenfiguren in Supernatural. Meistens müssen sie schnell das Zeitliche segnen. Ob Bobby das diesmal auch musste? Nachdem Dean Sam aus der nächsten schrecklichen Falle seiner Luzifer-Visionen herausgeholt hat, fahren die Brüder zurück zu Bobbys Haus, das… in Schutt und Asche liegt. Leviathane lieben das Wasser, bedienen sich aber auch des Feuers, falls die Umstände dies erfordern. Während von Bobby jede Spur fehlt, werden Sam und Dean nach einem Kampf mit Edgar mit Kopfverletzung bzw. gebrochenem Bein im Krankenwagen weggebracht. Ausgerechnet ins Sioux Falls geht die Fahrt – und zu Sams Entsetzen sind die beiden nicht allein im Krankenwagen. Kann es noch schlimmer werden?

Es bleibt spannend zu erfahren, was die Leviathane planen – und vielleicht auch, wie Gott zu diesem Plan steht. Oder gibt es ihn gar nicht? So wie Luzifer? Andererseits: Ist der vielleicht doch da? Hoffentlich behält die neue Staffel die Intensität dieser Episode!

Supernatural: Meet the New Boss (7×01)

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Das Supernatural-Universum verharrte einen ganzen Sommer lang im Stillstand, doch nun bot sich unseren Augen erneut die Szene: Castiel verlangt von seinen ehemaligen Freunden, niederzuknien und dem selbst ernannten neuen Gottvater ihre Liebe zu schwören. Genau an diesem Höhepunkt setzt die Handlung wieder ein. Bobby kniet als erster; die Winchester-Brüder sind im Begriff, es ihm nachzutun, als der neue Gott einsieht, dass erzwungene Liebesbekenntnisse nichts nützen…

Dass eine Genre-Serie wie Supernatural schon den siebten Staffelauftakt feiert, ist definitiv ein Liebesbekenntnis seitens der Zuschauer. Ob dieses erzwungen ist, ob Supernatural seit der fünften Staffel „künstlich beatmet“ wird? Hier scheiden sich die Geister. Viele Fans und Kritiker bangten um Supernatural, als die Serie trotz Ausstieg des Schöpfers Eric Kripke nach der fünften Staffel doch fortgesetzt wurde. Und die sechste Staffel glich tatsächlich einem Weg voller Staus. Doch man lavierte sich hindurch, um mit Castiels Fall am Ende Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Ob die CW-Serie das Tempo und die dadurch entstandene Spannung in der siebten Staffel weiterführen kann? Meet the New Boss lässt es uns definitiv hoffen.

Mit zwei Szenen möchte ich die Besprechung der Episode anfangen, denn ich sehe sie als metaphorische Beschreibung sowohl des Serienverlaufs insgesamt als auch der Ereignisse innerhalb der Episode selbst. In diesen beiden Szenen vollführt die Kamera Drehbewegungen: einmal im Kreis um Castiel herum, als er die rebellischen Engel im Himmel in den Tod schickt, und einmal auf der vertikalen Achse, als Dean am Impala arbeitet. Beide Szenen bieten einfach einen Augenschmaus, sind schön anzusehen; aber darüber hinaus bieten die Drehachsen Angelpunkte für den gesamten Verlauf.

Interessanterweise liegen die Szenen dicht beieinander, genauso wie Castiel und Dean einander nahe standen. Jetzt aber hat sich alles gewendet, gedreht. Oben und unten sind nicht mehr dort, wo sie zu sein pflegten. Eigentlich nichts Neues bei Supernatural – und damit berühren wir einen kritischen Punkt der Serie: Ja, sie spielt immer wieder ähnliche Szenarien durch, in welchen die Winchester-Brüder einer überwältigenden Bedrohung gegenüber stehen und große Opfer bringen müssen, um diese abzuwenden; die Spannung im persönlichen Bereich speist sich dabei aus dem Nicht-Ausgesprochenen zwischen Sam (Jared Padalecki) und Dean (Jensen Ackles). So auch hier: Sam leidet an schrecklichen Halluzinationen von seinem Aufenthalt in der Hölle, versichert Dean und Bobby jedoch, dass alles in Ordnung sei. Doch wenn es heißt, Gott stecke im Detail, dann heißt es in Supernatural: Der Genuss, den man als Zuschauer an der Serie empfindet, verbirgt sich in den Details der Ausführung – im Variieren des vertrauten Strickmusters und im Zusammenspiel der Darsteller.

In dieser Hinsicht ist Meet the New Boss ist eine gute Episode, vor allem dank Misha Collins und seinen drei Verwandlungen. Die Heilige Dreifaltigkeit? Kann man ironischerweise so sagen! Er ist sowohl der einfühlsame, gutmütige Castiel, der zornige und strafende Gott und das Biest, das fern jedem Menschlichen seinen Ziel und Zweck im Wahn der Vernichtung findet. Alles wirkt wie ein Rad, das sich dreht und dreht und keine Glücksspalte findet.

In den letzten zwei Staffeln wurde demonstriert, dass Gottes Verzicht auf seine Schöpfung seinen Grund hatte. Castiel muss nun am eigenen Leibe erfahren, was es heißt, in einem philosophischen Teufelskreis gefangen zu sein – vor allem als jemand, der im Umgang mit Grauzonen nicht geübt ist. Was ereignet sich, wenn man die Macht besitzt, Anderen den eigenen Maßstab von Gut und Böse aufzuzwingen? Ein Blutbad, lautet die Antwort! Deren veranstaltet Castiel einige, wie im Himmel, so auf Erden. Sein erstes Ziel: die falschen Propheten. Übrigens, da wir bei Propheten sind: Wo ist eigentlich Chuck abgeblieben, der „wahre“ Prophet? War er, wie oft von den Fans spekuliert, doch mehr als ‚nur’ ein Prophet?

The God in the trenchcoat: Castiels Regenmantel ist sein Markenzeichen, aber dann auch das Einzige, was den in ihm tobenden Kampf verdeckt. Denn Castiel ist nicht allein. Die Stimmen in ihm werden immer lauter, und wie im Film Alien versucht etwas aus seinem Inneren auszubrechen. Dieses Etwas ist einer der Leviathane, jener Seeungeheuer aus der christlich-jüdischen Mythologie, welche Gott erschuf und später selbst vernichtete. In Supernaturals Mythologie schuf Gott das Purgatorium, um diese Ungeheuer zu verbannen.
Das alles erfahren die Winchester-Brüder, als sie sich zu einem verzweifelten Schritt entschließen, um dem neuen Gott Einhalt zu gebieten. Mit Crowleys Hilfe rufen sie Death herbei und legen ihm die Kette an, die ihn ihre Wünsche zu erfüllen zwingt. Zum Trost besorgt ihm Dean Fast Food… Zuerst aber wird Crowley in seinem Wohnwagenversteck von Castiel selbst aufgesucht und muss einen neuen Deal eingehen, der ihn wieder zum König der Hölle macht – aber unter Auflagen. Crowley (Mark Sheppard) wird derzeit wie ein Ping-Pong-Ball hin und her geschleudert. Ich schätze, lange wird er das nicht mit sich machen lassen!

Auch Death lässt nicht alles mit sich machen. Die Szene zwischen Death und Cas-Gott ist die beste der gesamten Episode. Die eindrucksvolle verbale Auseinandersetzung lässt Bobby, Dean und Sam im Hintergrund immer kleiner werden. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zuzuschauen. Death spricht darüber, dass er Gott kenne und Castiel nicht Gott sei. Der neue Boss erkennt das nach und nach selbst: Eine dritte Partei ergreift zunehmend Besitz von ihm. Aber ist das nicht der Wahnsinn, der mit der Macht einher geht? Die Welt verdreht sich vor Cas’ Augen. Aber ist es die Welt oder er selbst, was sich dreht?

Dieselbe Frage gilt auch Sams Zustand und seinen Halluzinationen. In ihnen erscheint schließlich Luzifer (Mark Pellegrino) selbst und erklärt ihm, dass er den Käfig nie verlassen habe und die scheinbare Befreiung Teil der Teufelsfolter sei… Welche Realität ist realer? An welcher Stelle wird das Rad stoppen, das in Gang gesetzt wurde und sich unaufhörlich dreht?
Bei Castiel heißt die Station: Leviathan. Die Episode endet mit einem zutiefst beunruhigenden, schiefen Grinsen auf seinem Gesicht, einer Grimasse des Realen, dem entstellten Bild, das unter der Oberfläche lauert! Willkommen zurück, Supernatural: zwischen Genie und Wahnsinn…

Supernatural: Let it Bleed / The Man who Knew Too Much (6×21/6×22)

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Supernaturals sechste Staffel glich einer langen und holprigen Reise, auf die man sich manchmal mühevoll einlassen musste, aber die Mühe hat sich letztendlich in meinen Augen gelohnt. Vor allem in den letzten zwei bis drei Episoden gewann die Erzählung wieder an altbekannter Supernatural-Wucht und vollführte eine interessante und zum Nachdenken inspirierende Wendung, die wenn nicht allen, so doch den meisten Handlungssträngen Sinn verlieh und die Zuschauer mit einem mächtigen Cliffhanger sitzen ließ. Dies alles ist nur mit einem langen Review zu bewältigen.

Macht lautet das Codewort in diesem zweiteiligen Finale. Zu der allergrößten Macht will Castiel gelangen, der Lieblingsengel der Supernatural-Zuschauerschaft – und ausgerechnet seine Ersatzfamilie Sam, Dean und Bobby versucht ihn daran zu hindern. Obwohl es vermutlich viele Fans traurig macht, Cas nun in Relation zu den anderen Hauptfiguren als  „böse“ zu sehen, gefällt mir die Entwicklung sehr gut, die die Autoren Cas als Figur durchmachen ließen: Von einem einfachen, nichts hinterfragenden Engel-Soldaten, der meistens unbewusst für humorvolle Einlagen sorgte, stieg Misha Collins als Castiel zu einer mächtigen, aber gleichzeitig bekümmerten Figur empor, die plötzlich ihr eigenes Schicksal in den Händen hält… und am Ende auch das aller anderen. Misha Collins gebührt großes Lob dafür, uns jeden einzelnen Schritt auf diesem Weg und die damit verbundenen Gefühlsregungen mitfühlen zu lassen – so, als führte er die Zuschauer an der Hand bei dieser halsbrecherischen Balance auf dem dünnen Seil zwischen Gut und Böse.

Die Dialog-Szenen zwischen Cas und jeder anderen einzelnen Figur in diesen letzten Episoden sind mehr wert als ein Krieg der Welten mit Special Effects. Supernatural hat schon immer aus der Budget-Not eine Tugend gemacht und auf epische Bilder verzichtet; stattdessen inszenierte die Serie die „epische“ Zerrissenheit ihrer Figuren, das epische Spiel zwischen Liebe, Verrat und Vertrauen. In “Let it Bleed” fließt das Blut, aber und vor allem im metaphorischen Sinne. Es ist die Episode der blutenden Herzen – von Dean und Castiel.

Crowley und Castiel suchen nach wie vor die Tür zum Purgatorium. Der Schlüssel zum Erfolg führt zurück in das Jahr 1937, als ein Schriftsteller namens H.P. Lovecraft starb. Inwieweit sich die Supernatural-Autoren an historische Fakten halten oder sich alles zurechtgedichtet haben, ist eine Sache, aber die Lovecraft-Story bietet möglicherweise den einzigen funktionierenden Ausweg aus der Klemme, in die man sich mit der Purgatorium-Story manövriert hatte. Der Cthulhu-Mythos, über den Lovecraft schrieb, ist viel tiefer und erschreckender, als man sich nach dem Zuschauen des Finales vorstellen mag – doch das Ding, das durch Lovecraft & Co. in unsere Welt kam, ist interessanterweise nicht wirklich böse. Es schlief sogar mit Bobby Singer! Ja, es ist Ell, die Dean in Like a Virgin das Schwert gab… und ja, es ist ein bisschen weit hergeholt, aber es treibt die Handlung voran.

Wie Ell in Let it Bleed zu Bobby sagt, gefällt es ihr auf der Erde, aber jetzt schwebt sie in Gefahr: Crowley und Cas suchen nach ihr, um die Pforte zum anderen Ort wieder öffnen zu können. Um Dean außer Gefecht zu setzen, lässt Crowley Lisa und Ben entführen. Wenn es um Macht geht, ist Verrat gefordert – auf jeder Seite. Ausgerechnet von Balthazar holt sich der verzweifelte Dean Hilfe, der anscheinend erst jetzt, durch Dean, den kompletten Plan seines Freundes Castiel durchschaut und ihn nicht nur als zu gefährlich einstuft, sondern auch Castiels Geheimnistuerei nicht mag: I’m officially on your team, you bastards!

Dean kann Ben und Lisa befreien, aber Lisa wird schwer verletzt. In meinen Augen findet Supernatural am Ende von Let it Bleed die beste Lösung für den Ben-Lisa-Handlungsstrang: Die stärkste Szene der Episode findet im Krankenhaus statt, wo Castiel wieder einen Schritt auf Dean zu versucht, indem er Lisa „heilt“ und sie Dean vergessen lässt – nur um zu erfahren, dass Dean Castiels ‚Verrat’ nicht vergessen kann. Castiels Gesicht im Close-Up, als er das erkennt, kann man tatsächlich mit den Worten „sein Herz blutet“ beschreiben. Genau dasselbe aber geschieht mit Dean.  Er entscheidet sich sowohl gegen seinen „Wahlbruder“ als auch gegen seine „Wahlfamilie“, weil ihm einfach… keine andere Wahl mehr bleibt. Er lässt es zu, dass Castiel ihn und alles mit ihm Verbundene aus Bens und Lisas Gedächtnis ausradiert.

Auf leisen Sohlen tritt Dean aus dem Leben der beiden hinaus und schließt die Tür. Cas hilft Dean, diese Tür zu schließen – um gleichzeitig zwei andere zu öffnen: die in Sams Kopf und die zum Purgatorium. The Man Who Knew Too Much, der zweite Teil des Finales, spielt sich über weite Strecken in Sams Kopf ab: in seinem Unbewussten, in dessen Abgründen Sam sich wieder findet. Castiel nämlich hat die von Death errichtete Wand in Sams Kopf entfernt, damit ihm Dean nicht länger im Weg stehen kann.
„Das älteste und stärkste Gefühl der Menschheit ist die Furcht, und die älteste und stärkste Furcht ist die Furcht vor dem Unbekannten“, schreibt der berühmte englische Schriftsteller H.P. Lovecraft, dessen Erzählungen etlichen audiovisuellen Produktionen als Quelle gedient haben. Horror and Suspense: diese beiden Elemente bildeten den Schlüssel zu ihrem Gelingen. Ausgerechnet den Horror-Meister und den Suspense-Meister haben sich die Supernatural-Autoren ausgesucht, um die sechste Staffel der CW-Serie zu beenden. Während im ersten Teil des zweiteiligen Finales Lovecraft in die Handlung einbezogen wird, steht Hitchcocks berühmter Film The Man Who Knew Too Much Pate für den Titel des zweiten.

Supernaturals Finale scheint mir einmal wieder jene sehr typische Mischung darzustellen, die die Serie auszeichnet und für die sie sich etlicher Mythologien, Erzähltraditionen und Religionen bedient. Supernatural ist eine Erzählung über „Es“, das Übernatürliche, das Unbekannte. Man könnte sich selbstverständlich fragen, warum Supernatural plötzlich an Lovecraft anknüpft. Wahrscheinlich haben die Autoren den direkten Weg gewählt und, abgesehen von den kulturellen Referenzen, einfach die folgende Gleichung zu Grunde gelegt: Lovecraft = Horror. Nun: das Faszinierende an guten TV-Serien ist, dass man unterhalten wird und gleichzeitig selbst entscheiden kann, ob man sich etwas dazudichtet oder nicht.

Es geht nicht immer um einen von den Autoren implizierten tieferen Sinn, den es aufzudecken gilt, sondern auch darum, Anregungen zu bieten. Natürlich berührte Supernatural immer nur oberflächlich das ultimative, kaum in Worte zu übersetzende blanke Horrorgefühl beim Eintritt dieses Unbekannten in das menschliche Leben oder gar der Erkenntnis über seine Existenz. Das zu verbalisieren, gelingt höchstens schriftstellerisch – etwa bei Lovecraft.

Im Grunde liegt der Lovecraft’sche Horror außerhalb unserer Möglichkeiten. Aber die CW-Serie schafft es Staffel für Staffel, das Grauen von Außen, das Unbekannte, das Unheimliche in den Bereich des Freudschen Un-Heimlichen zu verschieben. In seinem Aufsatz über das Unheimliche beschreibt Freud die Furcht, die Wurzel der Horrorgeschichten, als die Wiederkehr von etwas Bekanntem, das verdrängt wurde. Demnach gilt diese Furcht einem traumatischen längst Bekannten, das solche Horrorgefühle erzeugt, dass es lieber verborgen bleiben sollte.

Das Unbekannte, das Lovecraft, wie wir in der ersten Episode des Zweiteilers erfahren, hereinließ, erwies sich als ein „Gutes“. Die Gefahr kam nicht von außen, sondern geht vom Heimeligen aus, von dem nur zu Vertrauten, das man unter der Oberfläche versteckt, verdrängt hat. Die Furcht vor dem Unheimlichen ist in Supernatural die Furcht vor dem Messer im Rücken. Im Grunde ist das „Es“, von dem Supernatural erzählt, der menschliche Makel, unsere Fehler und Traumata, um die herum wir eine Wand errichten und die uns trotzdem immer wieder heimsuchen. Warum? Weil sie Teil von uns sind – genauso wie Sam Winchester aus mehreren Sams besteht, denen er allen gegenübertreten muss. Nicht nur ist Sams Reise in das eigene Unbewusste sehr gut inszeniert, sondern auch die Jared Padaleckis Leistung kann überzeugen.

Seine Führerin während der Reise ist eine Unbekannte (in der Rolle: Erica Cerra, Eureka), die wir zum ersten Mal sehen und auf die ein Sam ohne jegliche Erinnerungen in einer Bar trifft. Sam kennt sie nicht, aber ein Teil von ihm – der seelenlose Sam, der ihn verfolgt und auszulöschen versucht – kennt sie sehr wohl. Er hatte damals, auf Monsterjagd in der „Realität“, ihren Tod in Kauf genommen. Was, so fragt Supernatural, muss / darf man alles in Kauf nehmen, um Macht zu erlangen – und wie wird man dadurch verändert? Die Serie behält das richtige Maß und die Balance zwischen den Bildern aus Sams Kopf und dem gegenwärtigen Geschehen – abgesehen von der doch am Ende zu kleinen Rolle Sams im Showdown -, so dass alles sich an einem Höhepunkt wieder findet, an dem Castiel Crowley hintergeht und anschließend Crowleys neues Bündnis mit Raphael zerschlägt.

Ell, wie so typisch für weibliche Figuren in Supernatural, überlebt das Ganze nicht, genauso wenig wie Balthazar, dem Castiel wegen seines Verrats ein Messer in den Rücken rammt. Castiel selbst bekommt das Engel tötende Messer von Sam in seinen Rücken gestoßen; es vermag aber nichts mehr auszurichten: Supernaturals Suche nach Gott hat ihr Ende gefunden. Cas: „I am not an angel any more. I am your new God, a better one!“ Die Macht glänzt in seinen Augen und macht ihn gleichzeitig blind für die ihm Nahestehenden. „You cannot imagine how it feels… they’re all inside me…“ Er steht an diesem Punkt über allen, über den Freunden und über der Familie. So fordert er Dean, Sam und Bobby auf, sich vor ihm zu verneigen, niederzuknien, ihm ihre Liebe zu schwören – oder sie würden ausgelöscht. Dean darf ihm seine Liebe nicht länger verweigern, er muss sie ihm gewährleisten – aber ist eine solche Liebe der Pflicht wirklich dieselbe wie die Liebe, die Dean seinem Wahlbruder freiwillig gab?

Supernatural: The Man Who Would Be King (6×20)

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Who’s the king, who’s the king, who… So lautet der Refrain von Dog Eat Dogs gleichnamigem Song, und so lautet die Frage, der Supernatural in den letzten Seasons nachgeht. Der Kampf zwischen Gut und Böse aber verwandelte sich mit zunehmender Dauer in eine Grauzone – und für die Kontrahenten zu einer Frage der Kompromisse, die sie bereit sind zu einzugehen.
The Man Who Would Be King erzählt vom Kampf mit den und gegen die Konsequenzen dieser Kompromisse. Freund und Feind, Vertrauen und Verrat: dazwischen spannt sich nur ein dünnes Seil, und das eigentliche Thema der Episode liegt in den Schwierigkeiten, auf ihm zu balancieren. Ausgerechnet ein gefallener Engel versucht den Seiltanz zu vollbringen und berichtet uns in dieser Episode von dessen unmöglichem Gelingen.

Mit The Man Who Would Be King beweist die CW-Serie, dass sie immer noch angenehme Überraschungen parat hält – abseits ihrer zwischenzeitlichen Schwankungen und Schwächen, die übrigens die meisten Serien in einem solchen „Alter“ befallen. Mit Überraschungen meine ich nicht nur besondere Enthüllungen oder unerwartete Wendungen wie in der letzten Episode, sondern die Art, wie das schon Erzählte vertieft wird und dadurch emotionale Wucht bekommt. Dass Castiel (Misha Collins) und Crowley (Mark Sheppard) zusammen arbeiten und die Herrschaft im Himmel und Hölle anstreben, wussten wir ja schon – und dass Cas seine Freunde belügen muss, ebenfalls. Aber nun wird in die Tiefe gefragt: Musste er das wirklich? Hatte er wirklich keine andere Wahl? Oder stand ihm nicht doch sein Stolz im Wege, geknüpft an ein neues, verführerisches Machtempfinden? Ist Castiel durch Deans Lektionen über Freiheit und freie Wahl in eine moralisch prekäre Lage geraten?

The Man Who Would Be King eröffnet mit einem an sich und der Situation verzweifelnden Castiel: mit dem Mann, der König werden wollte, aber einen himmelhohen Preis dafür entrichten muss. Man kann den Supernatural-Autoren gratulieren: Sehr gelungen, diese Ben Edlund-Episode so zu konstruieren – nachdem letzte Woche Mommy Dearest die Fans in Angst und Schrecken darüber versetzt hatte, dass Cas „ein Böser“ geworden sein könnte. Nun also sitzt Castiel auf einer Bank, umgeben von dem schmelzenden Schnee der eigenen Erinnerungen und des eigenen Bewusstseins für Entscheidungen, die er traf.

Niemand sonst ist im Bild zu sehen. Die Kamera zeigt Cas im Close-Up, wir hören sein Voice Over, und vor unseren Augen entfaltet er Bilder aus seinen Erinnerungen an eine ewige Existenz im Laufe der menschlichen Geschichte. Dann aber spricht er direkt in die Kamera, zu uns Zuschauern: Let me tell you my story. Let me tell you everything.
Endlich darf Misha Collins aus dem Vollen seiner schauspielerischen Fähigkeiten schöpfen. Diese Episode gehört eindeutig ihm, ihm und Mark Sheppard als King of Hell Crowley, seinem alter ego. Castiels Geschichte ist eine Tragödie, wie er selbst sagt. Er verhält sich loyal zu Gott (auch in dessen Abwesenheit), hat unter den Sterblichen Freunde gefunden, kämpft für das Gute – und findet sich plötzlich auf der falschen Seite wieder. Cas’ Geschichte enthält aber mehr als eine Flucht in Selbstmitleid: Sie reflektiert die Tücken der Freiheit und das Zweifeln an den eigenen Entscheidungen. Als Cas nach seiner Auferstehung ins Paradies zurückkehrte, versuchte er Rachel und den anderen Engeln vergeblich zu erklären, dass sie frei seien zu tun, was sie wollen. Inzwischen weiß er: Freedom is a length of rope. God wants you to hang yourself with it. Explaining freedom to angels is like teaching poetry to fish.

Freiheit will gelernt sein. Cas’ anfängliche Begeisterung vom The Winchester Way, sein Stolz und sein Glaube daran, Gottes Liebling zu sein, auserwählt, um alles zu verändern, führen ihn auf einen trügerischen Pfad. Als Raphael das Kommando übernahm und die Apokalypse wieder starten wollte, rebellierte Castiel, aber es fehlte ihm an Macht. An diesem Punkt kann man übrigens, wie ich finde, einen Vergleich zwischen Castiel und Sam (Jared Padalecki) ziehen; Deans Anmerkung später in der Episode, dass Cas wie ein Bruder für ihn sei, unterstützt eine solche Parallele. Auch Sam wollte schon einmal das Richtige tun, aber mit den falschen Mitteln, so dass er seine Freunde und seinen Bruder belügen musste. Dasselbe geschieht Cas, und von der anderen Seite widerfährt es Dean zum zweiten Mal: nun durch seinen großen Wahl-Bruder.

Cas’ Liebe zu seinen Freunden zusammen mit seiner Hybris, wir er selbst es nennt, und seinem Stolz haben ihn… in die Hölle des Menschseins getrieben, die tatsächlich die des tragischen Helden aus der griechischen Tragödie ist: mit guten Vorsätzen die falsche Wahl zu treffen, weil es keine richtige gibt – anders formuliert: auch mit den besten Absichten der Schuld nicht ausweichen zu können. The devil you know! Castiel wollte Dean aus der Geschichte heraushalten – und sah sich stattdessen gezwungen, einen Deal mit dem neuen Teufel einzugehen.
Übrigens: Die neue Hölle ist tatsächlich schrecklich – Warteschlange, Nummer ziehen, Wiener Walzer im Hintergrund. Der Alltag als Hölle und die Hölle als Alltag. Das schwarz-weiße Porträt an der Wand mit Crowley im Hitler-Style und Dreizack-Binde am Arm – awesome. Genauso eindrucksvoll, Bobbys Gegenstück auf der Dämonenseite zu zeigen und ihn Ellsworth zu nennen – so hieß die von Jim Beaver gespielte Figur in Deadwood. Diese Episode aber hält die humorvollen Momente geschickt auf einem Minimum, so dass die Balance gewahrt bleibt.

Crowley wiederum (hört er tatsächlich Me and Mrs. Jones in seinem Folter-Autopsieraum?!) verliert definitiv die Balance, da er Castiels Zweifel sieht und sich Sorgen um sich selbst macht. Im Vergleich zu früheren Bösewichtern unterschätzt er die Winchesters kein bisschen. Cas aber tut es und findet sich plötzlich in einem Kreis aus Feuer wieder, von Bobby, Sam und Dean mit den Entscheidungen konfrontiert, die er traf – und mit der Tatsache, das Vertrauen seiner Freunde verspielt zu haben. So gibt er auch noch zu, Sams Auferstehung vollzogen zu haben, von der sein Voice Over uns Zuschauern schon vorher erzählt hat: Mit der zusätzlich gewonnenen Macht und Zuversicht holte er Sam und merkte zum ersten Mal, wie verräterisch frei getroffene Entscheidungen sein können, so dass man auf die falsche Seite der moralischen Do-not-cross-Linie gerät. Dean fleht Cas an, alles zu stoppen, aber Cas ist dazu außerstande…

Am Ende der Episode sehen wir Castiel wieder auf der Bank sitzen. Er spricht erneut in Richtung Kamera; dann zieht sich diese aus der Close-Up-Einstellung zurück und lässt somit Raum für Castiels Verzweiflung, für seine Ratlosigkeit. Cas fleht Gott an, ihm ein Zeichen zu geben, aber der Allmächtige antwortet nicht. Oder hat er ihm längst ein Zeichen gegeben, das Castiel übersehen hat? Ist die ganze Zeit über Dean das göttliche Zeichen gewesen? Denn nicht nur sieht sich Castiel als Deans guardian angel – Dean ist zugleich Castiels guiding angel der Menschlichkeit.

Wie dem auch sei: Da uns dieses kleine Cas-Kammerspiel für seine Dauer in Gottes Position versetzt, dürfen wir getrost Misha Collins und dieser Episode ein Zeichen geben, nämlich den hoch erhobenen Daumen.

Supernatural: Mommy Dearest (6×19)

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Dean und Sam retten ein junges Bruderpaar. Als die Jungs hinten im Impala sitzen und von Sam und Dean zu ihren Verwandten und damit in Sicherheit gebracht werden, wird man irgendwie nicht nur an die Winchester-Kinderzeit erinnert, sondern auch an alte Supernatural-Zeiten, als zwischen Freund und Feind eine relativ klare Linie gezogen wurde. Früher stand die Welt nicht auf der Kippe: Monster existierten neben Menschen und mussten welche töten, um ihre Existenz zu sichern, während die Hunter die Monster jagten, um das zu unterbinden. Die Parteien hatten sich miteinander arrangiert; keiner pochte auf Endgültigkeit. Aber alles hat sich verändert. Der Feind ist nicht mehr klar zu identifizieren.

Ganz egal, ob man es kommen spüren konnte oder nicht: Ich finde die Wendung, die Mommy Dearest präsentiert, sehr zufrieden stellend. Nicht nur bringt sie einen „sympathischen“ Bösewicht zurück, sondern sie macht einen sympathischen Helden zum Bösewicht. Oder ist Castiel (Misha Collins) etwa keiner? Auf diese Frage werden wir bis zum Finale eine Antwort bekommen müssen.

Alle haben  mittlerweile bemängelt, dass Eve, die böse Mutter und Feind Nr.1 in der laufenden Staffel, viel zu selten auftritt und die Geschichte nicht wirklich vorankommt, dass gar das Ganze ziellos erscheint. In Mommy Dearest machen sich Dean (Jensen Ackles), Sam (Jared Padalecki), Bobby (Jim Beaver) und Castiel, bewaffnet mit Phönix-Asche, auf den Weg nach Grants Pass, Oregon, wo sich Eve befindet. Die nötige Info bekommen sie von der Vampirin Lenore, die wir seit der zweiten Staffel nicht mehr gesehen haben und die zu den „friendly monsters“ zählt. Sie hat Eves Ruf bisher widerstanden, aber dennoch – wie für Frauenfiguren in Supernatural üblich – endet ihr Weg hier. Allerdings wird sie auf eigene Bitte von Castiel getötet.

Seit der Krieg im Himmel begonnen hat, ist Castiel sowieso schnell am Abzug. Als die Truppe in Grants Pass auf eine Menge toter Menschen und Monster stößt, will Dean zwei noch menschliche Jungs zu ihrem Onkel bringen, mitten in der Suche nach Eve. Castiel ist dagegen, kann Dean aber nicht aufhalten, da Eve seine Engelskräfte in Oregon suspendiert hat. In Castiels Augen sind aber nicht nur Unverständnis („Pardon me for highlighting their crippling and dangerous empathetic response with sarcasm.“), sondern immer wieder Scham zu lesen, wie schon in den letzten Episoden. Es ist so, als könne er durchaus Deans Tun verstehen: sein Bestreben, einer Sache oder einer Tat Sinn zu verleihen, auch den kleinsten Erfolg zu feiern. Aber Cas befindet sich in einer Situation, die ihm dieses „einfache“ Handeln nicht mehr erlaubt. Er scheint überfordert, hin- und hergerissen zwischen Entscheidungen und den damit verbundenen Gefühlen – denn auch menschliches Fühlen hat ihm Dean nahe gebracht: Letztendlich hat vor allem Deans Einfluss Castiel das Engelsleben schwer gemacht.

Nun, die Winchesters machen sich wie immer selbst das Leben schwer und laufen direkt in Eves Falle. Schwer wird es für die Brüder, Eve zu bekämpfen, da sie die ganze Stadt in Monster verwandelt hat – sogar in Hybrid-Monster, die Dean sofort als Jefferson Starships betitelt: Because they’re horrible and hard to kill. Im Diner treffen sie letztendlich auf Eve in Person und erfahren, dass sie nicht aus Gier nach dem Weltuntergang handelt, sondern aus Liebe: Sie ging durchaus konform mit der alten Supernatural-Welt, die ich am Anfang des Artikels beschrieben habe – bis Crowley (Mark Sheppard) King of Hell wurde und auch ihre ältesten Kinder zu foltern und zu töten begann.

Um Dean davon abzuhalten, sie „bitch“ zu nennen, und ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, verwandelt sich Eve in Mary Winchester (Samantha Smith). Sie will ihre Kinder vor Crowley retten, der offenbar seine Macht mit dem Besitz von immer mehr Seelen vergrößern will. Genauso wie Eves Eintreffen uns Zuschauer in die Irre führte, kann nun Dean Eve täuschen, so dass sie letztendlich getötet wird. Aber das gelungene Hybrid-Monster-Experiment ist noch da draußen: ausgerechnet der kleinere der beiden Brüder, die Sam und Dean retteten.
Aber die Monster-Seuche ist nicht ausgebrochen, denn Dämonen haben den Jungen getötet. Das bringt das Winchester-Team dazu, doch an Crowleys Überleben zu glauben – und damit an Eves Worte. Cas verschwindet, angeblich um das Ganze sofort zu überprüfen. Doch auch wenn Dean an Cas‘ Aufrichtigkeit glauben will, sehen wir Zuschauer in der letzten Szene, wie Crowley und Castiel aufeinander treffen und Crowley sich darüber beschwert, ständig hinter Cas aufräumen zu müssen.

Der King of Hell arbeitet also zusammen mit dem… King of Paradise? Die Episode endet wie sie anfing: mit „Miracles“. Während am Anfang Hot Chocolates „You Sexy Thing (I believe in Miracles)“ erklingt, schließt man mit Jefferson Starships “Miracles“. Durch welches Wunder ist Crowley noch am Leben – und welche Wunder will er zusammen mit Castiel bewirken?