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Schöne Bilder: Ästhetik in heutigen TV-Serien – Teil IV (Fringe, Boardwalk Empire)

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„Boardwalk Empire“ sorgte im Fernsehjahr 2010/2011 für großes Aufsehen – allerdings vor allem wegen der Geldsumme, die HBO in Piloten und Werbekampagne zu investieren bereit war. Außerdem schien das Projekt mit Namen wie Martin Scorsese und Steve Buscemi hinter der Produktion förmlich zum Erfolg verdammt.Und doch: Nicht nur die Quoten oder die dicht erzählte Geschichte um die amerikanische Prohibitionszeit sollten von sich reden machen, sondern auch die Bilder der Serie. Damit sind nicht nur die CGI-Effekte und die Sets gemeint, sondern auch die cinematographische Arbeit. Man könnte sagen, dass die Kamera in „Boardwalk Empire“ uns Zuschauern die Figuren und ihre emotionalen Zustände gleichsam erarbeitet.

Das beste Beispiel hierfür bildet natürlich die Hauptfigur der Erzählung, Nucky Thompson, verkörpert von Steve Buscemi. Immer, wenn ich Steve Buscemi sehe, muss ich an die kongenialen Bilder von „Fargo“ (Joel und Ethan Coen) denken, die genauso malerisch daherkamen wie diejenigen der HBO-Serie. Die Kamera nähert sich im extremen Close-Up den wässrigen Augen Buscemis; im nächsten Moment fährt sie zurück und gibt den Blick auf das ganze Gesicht frei, wo jeder Funken einer Regung sichtbar wird: Zweifel, Reue, aber auch Genuss. Atlantic Citys Promenade ist nicht nur mit Liebe zum Detail inszeniert, sondern Nuckys Figur scheint mit ihr zu verschmelzen. Er gehört dazu – und ist gleichzeitig überrascht, gar verbittert über diese Tatsache.

Manche Szenen fallen besonders auf – sie erzählen mehr über die Figur als alle Dialoge zusammen. Etwa diejenige, in welcher Nucky vor dem Schaufenster mit dem Inkubator steht (“See Babies That Weigh Less Than Three Pounds!” lautet die Aufforderung auf dem Werbeschild). Die Kamera filmt Nucky dann von innen, vom Laden aus, so dass er in der linken Bildhälfte am Fenster- und Bildrahmen steht. Danach geht er zum Geländer und bleibt dort stehen, mit Blick aufs Meer. Aus einem Low Angle heraus (sehr typisch für den Piloten und für Scorseses Arbeiten) nähert sich die Kamera seinem Gesicht, dann filmt sie ihn von hinten. Die Farbe seiner Augen ist jetzt die Farbe des Meeres, die vor unserem und seinem Blick liegt.

Wieder steht er links im Bild, als einzige Vertikale. Die restliche Bildstruktur erzeugen die Horizontalen des Meeres, des Geländers und der Bank, die sich rechts im Bild befindet. Die Zeit wird eingefroren. Das Bild könnte auch von René Magritte stammen… In dieser Aufnahme werden die Emotionen aufgefangen und wie auf einer zeitgenössischen Postkarte präsentiert, so dass man beim Zuschauen einen salzigen Geschmack im Mund bekommt.

Später in der „Boardwalk Empire“-Erzählung sehen wir eine ähnlich Aufnahme: „What does the future hold for you?“ Diese Überschrift steht am Schaufenster einer Wahrsagerin auf der Promenade. Nucky nähert sich und wirft einen Blick hinein. Die Kamera filmt ihn auf dieselbe Art wie beim Baby-Schaufenster: „What does the future hold for you?“Für die Serie selbst beantworteten die HBO-Chefs diese Frage sehr schnell, indem sie nach der Ausstrahlung des Piloten sofort eine zweite Staffel in Auftrag gaben. Stuart Dryburgh stand beim Piloten hinter der Kamera, Martin Scorsese übernahm die Regie. Die restlichen elf Episoden gingen auf das Konto Kramer Morgenthaus und Jonathan Freemans. Ungefähr zwei Drittel der Aufnahmen stammen aus Locations in New York, hauptsächlich aus Brooklyn.Um die zeitgenössische Stimmung und die Kleidung wiedergeben zu können, investierte man viel Zeit in Recherche.

Manche der Details in der Serie wurden minutiös aus Fotografien jener Ära übernommen, etwa das Baby-Incubator-Sideshow oder das Chop-Suey-Restaurant. Laut Dryburgh versuchte man, die Tönung der Bilder gedämpft zu halten und die Farben teilweise zu entsättigen – bis auf ein paar grelle Farbflecke wie zum Beispiel Blumen. Die wichtigste Frage, vor der die Produzenten standen, betraf die Ausrichtung der Promenade. Letztendlich entschied man sich für die Südrichtung, damit möglichst viel Sonneneinstrahlung und damit natürliches Licht zur Verfügung stünde – denn die Serie wird sowohl im Sommer als auch im Winter gefilmt. Der Pilot wurde in 30 Tagen abgedreht, während der Crew für die restlichen Episoden jeweils zwölf Tage zur Verfügung standen.Nach der Sichtung der ersten Staffel und den Aussagen der Produzenten kann man getrost behaupten, dass die Kameraleute von „Boardwalk Empire“ sehr gern mit Low- und High-Angle-Aufnahmen operieren und diese häufig ins Extreme führen. Unser Blick befindet sich mit der Kamera entweder ganz unten oder ganz oben.

Ähnlich verlaufen auch die Erzählung und das emotionale Innenleben der Figuren. Die beste Beschreibung, die einem spontan einfällt: wie eine Sinuskurve! Im strikt geometrischen Sinne: Das Leben der Figuren in „Boardwalk Empire“ verläuft in Sinuskurven – mal sind sie oben, mal unten, und dazwischen ereignen sich nur freier Fall und atemberaubender Aufstieg. Solcher Kurven bedienen sich aber auch die Figuren in ihren Monologen selbst: seien es Al Capone und Margaret in „Family Limitation“, Chalky in „Anastasia“ oder Jimmy in „Nights in Ballygran“. Die Monologe bilden Ausschnitte einer Sinuskurve; sie sind kleine Parabeln.Sehr gut wird uns dies mit den ersten Bildern von „Family Limitation“ veranschaulicht. Die Szene besitzt inhaltlich keine besondere Bedeutung, aber visuell durchaus: Wir befinden uns auf der Promenade.

Die Kamera (und unser Blick mit ihr) steigt empor und eröffnet den Blick auf das muntere Treiben dort unten. Es ist fast eine Top-Angle-Aufnahme (extreme Aufsicht), die uns Überblick verschafft. Dann fährt die Kamera plötzlich nach unten, ganz tief, bis zum Boden, und zeigt aus der extremen Untersicht einen Mann mit einem Geldumschlag. Er wird dann in einer Slow-Motion-Verfolgung in eine Falle gelockt, bekommt einen Schlag auf den Kopf und fällt zu Boden. In diesem Moment sind wir durch die Kamera wieder an seinen Blick gekoppelt. Wir befinden uns auf dem Boden und blicken Richtung Himmel, dorthin, wo wir uns am Anfang der Szene befanden. Damit sind wir innerhalb kürzester Zeit am Scheitel- und Tiefpunkt der Sinuskurve gewesen.

Nucky versucht stets, am höchstmöglichen Punkt zu verweilen, aber damit beeinflusst er das Leben Anderer – und manchmal ihren freien Fall. In „Broadway Limited“ spricht Jimmys Mutter mit Nucky und fragt ihn, warum er sich nicht an sein Versprechen halte, ihren Sohn von Problemen fern zu halten. Nucky antwortet, er sei doch kein Gott. Diese Szene korrespondiert direkt mit dem Ende der Episode. Broadway Limited zeigt uns, dass Nucky – ob Gott oder nicht – dem Leben eines jeden Menschen, mit dem er in Berührung kommt, seinen Stempel aufdrückt: Er markiert, signiert, hinterlässt Spuren – solche wie die schmutzigen Abdrücke auf dem Teppichboden der Hotellobby, auf die Nucky in der letzten Szene blickt.Dieses Bild nun hält die komplette bisherige Erzählung fest – wie auf einem Foto. Nucky geht ins Trockene, da es draußen regnet, aber auf dem Weg in die eigene “Komfortzone” hinterlässt er matschige Abdrücke. Als er im Fahrstuhl steht, blickt er auf diese Abdrücke (und wir blicken mit ihm). Dann zeigt uns die Kamera sein nachdenkliches Gesicht, eingerahmt von einem Rhombus des Fahrstuhlgitters. Die Fahrstuhltür schließt sich: von rechts nach links, wie ein Kameraschwenk Richtung Abspann. Diese dritte Episode scheint alle Handlungsstränge miteinander zu verbinden – wie eine Fotostrecke von Bildern, die auf einem Negativfilm nacheinander an unseren Augen vorbeiziehen.

Visuell wird das mit Hilfe “simulierter” Kameraschwenks dargestellt: Wenn sich die Erzählung von einem Handlungsort zum anderen bewegt, schwenkt die Kamera von links nach rechts; im Bild erscheint ein vertikaler schwarzer Balken, der den Schnitt versteckt, so dass man als Zuschauer den Eindruck eines fließenden Übergangs bekommt – wie zwischen zwei eingerahmten Fotos. Diese fotografische Simulation korrespondiert direkt mit Jimmys Leben, das sich ebenfalls als Simulation erweist: Von diesem Leben existieren keine Fotos. Im Fotoalbum sind nur Bilder seiner glücklich aussehenden Frau und seines Kindes zu sehen. Jimmy muss in dieser Episode feststellen, dass es in Atlantic City keinen Platz für ihn gibt: Nucky schickt auch ihn weg.

Die zwei „Boardwalk Empire“-Kameramänner bewegten sich nur selten weg von dem im Piloten angegebenen Ton, aber entschieden sich im Laufe der Erzählung, die Tönung der Bilder allgemein dunkler zu gestalten. Diese “Verdunkelung” spiegelt die immer größeren Probleme wider, die Nucky heimsuchen. Sehr typisch für die HBO-Serie sind zudem die “kleinen Dramen”, die sich über zwei oder sogar nur eine Episode erstrecken und laut Freeman und Morgenthau einen ganz eigenen Look bekommen: „We were encouraged to treat each episode as its own mini-feature and, to a certain extent, give each one a unique look“, sagte Morgenthau.

Beispielsweise verwendete Freeman exzessiv so genanntes Side Light in den Harrow-Episoden. Harrow trägt eine Maske, um seine im Krieg verunstaltete Gesichtshälfte zu verbergen; mit Hilfe des Lichteinfalls – so dass eine Gesichtshälfte im Schatten bleibt – unterstrich man die grundlegende Thematik des Maskentragens in der gesamten Serie: Viele Figuren verstecken sich hinter Masken. Im Vergleich zu seinem Kollegen bevorzugt Morgenthau Toplight, das nicht nur die Augen der beleuchteten Figuren wie zwei Nadelstiche ihr Gegenüber durchbohren lässt (man denke an Arvin Sloanes Beleuchtung in „Alias“), sondern auch – wie oft bei Nucky – das Auftreten der Figur machtvoll und imposant macht.

Bei Tagesaufnahmen war man sich jedoch einig darüber, sparsam mit künstlicher Beleuchtung umzugehen, da im Jahre 1920 Elektrizität einen Luxus darstellte. Die Promenade freilich musste trotzdem erstrahlen, denn sie war das Herzstück von Atlantic City: Hier geizte man nicht mit Beleuchtung, Luxus hin oder her.

Fringe

„Fringe“ gehört zu den Serien, die eine extreme Entwicklung durchgemacht haben. Man vergleiche zum Beispiel die erste mit der dritten Staffel des FOX-Projekts. Auch im visuellen Bereich tritt das zu Tage. Michael Bonvillain („Alias“) filmte den „Fringe“-Piloten, während nach und nach unterschiedliche Kameramänner zu der „Fringe“-Ästhetik beitrugen, die wir in der bisher letzten dritten Staffel genießen durften – unter anderem Michael Slovis, der in den letzten Jahren durch den Emmy für „CSI: Crime Scene Investigation“ und seine Arbeit bei „Rubicon“ und „Breaking Bad“ Berühmtheit erlangte. Derzeit sind David Moxness, Greg Middleton und Tom Yatsko die drei “Haupt-Kameramänner” der Serie.

Während man in den ersten beiden Staffeln kaum von einem spezifischen „Fringe“-Look sprechen konnte, hat der visuelle Fluss der Serie laut Kameramann Yatsko mit der dritten Staffel in sein ganz eigenes Bett gefunden: seien es die Farbenspiele innerhalb einzelner Episoden, sei es das häufige Platzieren kleiner, aber wichtiger Details im Vordergrund des Bildes usw. Mit der Kreation visueller Spiele stellt „Fringe“ im Grunde folgende Frage: Empfinden wir Menschen Dinge und Vorgänge bzw. Ereignisse nur dann als schön, wenn sie einen Sinn ergeben oder ihre Schönheit logisch erklärt werden kann? Wo aber bliebe dann das äußerst subjektive, unlogische Schönheitsempfinden?

Die Logik der Serie ist eng verbunden mit ihrem Genuss als visuelles Produkt, mit dem Empfinden der Schönheit brillanter visueller Inszenierungen – und auch dem Genuss der Interaktion zwischen den Figuren, der kleinen und feinen Meta-Spielchen seitens der Autoren, der Vorlagen für die Zuschauer, sich selbst Gedanken zu machen oder sich gar darin zu verlieren: nur weil der Prozess, gedankliche Knoten zu binden, Spaß macht. Matters of the Mind or Matters of the Heart? Das ist eine der wichtigsten Fragen, mit denen „Fringe“ spielt – und zwischen deren zwei Antworten die Serie unauffällig eine Brücke baut.Brücken sind unangefochten DIE visuelle Metapher für „Fringe“s Erzählkonzept und Thematik: der Technologie entstammende Verbindungen zwischen Dingen bzw. Orten, die ursprünglich nicht direkt miteinander verbunden waren. Brücken erlauben uns, Grenzen zu überschreiten, Verbindungen herzustellen – zwischen Menschen, aber auch zwischen einer Welt und ihrem Spiegelbild. „Fringe“ handelt als romantisches Sci-Fi-Märchen vom Überbrücken von Gefühlen und Zeit. Um zu sich selbst zu gelangen, zu einem Spiegelbild oder zu sich selbst als einem Anderen?

Die Produzenten wollten nach eigenen Aussagen die zwei Welten in „Fringe“ immer näher zusammenführen, auch auf visueller Ebene. Während im blauen Universum der visuelle Erzählfluss standardgemäß abläuft und ausbalancierte Bilder präsentiert, die den Eindruck des horizontalen Fließens vermitteln, erscheint das rote Universum von Unruhe gekennzeichnet. Oft sind dort die Bilder “gekippt”, drohen die Balance zu verlieren – so wie die Welt, die sie zeigen, bereits aus der Balance geraten ist.Die Kamera wechselt zwischen Unter- und Aufsichten; sie verändert ihre Position auf der Vertikalen, um uns dann plötzlich mit extremen Close-Ups von den Gesichtern der beteiligten Figuren zu konfrontieren oder mit Details, die die Erzählung aufnehmen und ihr eine besondere Färbung verleihen.Färbung ist hier das Stichwort: Rot und Blau. Erinnern wir uns an Fauxlivias Blutabnahme in der Episode … – die Fläschchen haben rote und blaue Deckel, und an der Wand hängt ein “fließendes” Bild (vertikale Bewegung).

Das “Drüben” wurde zunächst nicht nur durch die dominierende rote Farbe und rötliche Oberflächen markiert, sondern auch anhand von Kameraeinstellungen (viele Low Angle-Aufnahmen), die unseren Blick – der auch an Olivias gekoppelt ist – vom Gesehenen distanzieren. Nach Olivias (Anna Torv) Flucht suggerieren auch die zahlreichen Long Shots diese Distanz, in denen die Umgebung präsentiert wird. Die Distanz schwindet schließlich im selben Maße, wie Olivia nach und nach von Alt-Olivias Erinnerungen überwältigt wird: Nun dominieren Medium Shots und “weiche Close-Ups”. Die erhöhen nicht nur unsere Empathie mit der Figur, sondern demonstrieren ihren Fall: immer tiefer in ein anderes Leben hinein.Mehr und mehr muss man als Zuschauer auf jedes Detail im Bild achten, denn ob im Fokus oder nicht: die Kunst steckt bei „Fringe“ im Detail.

Bei Olivias zwei kurzen Reisen nach Welt-1 in „Amber 31422“ bemerkt man eine Veränderung im Bild: Die Luftballons bei Olivias erstem Eintreffen waren blau, gelb und rot, während sich die Farben beim zweiten Mal zu Blau, Lila und Gelb verschoben haben.Mit Hilfe dieser Veränderung wurde uns demonstriert, dass Olivias Reise von der roten zurück in die blaue Welt begonnen hat und sie sich auf der Schwelle befindet: „Fringe“ bewegt sich von einer Nummer zur nächsten.Der Titel der nächsten Episode lautet denn auch „6955 kHz“; er wird schon in „Amber 31422“ vorweggenommen, ganz am Anfang, als die Kamera sich Richtung Quarantäne-Zone Franklin Station bewegt. Folgende Zahlen stehen auf den drei grünen Kreisen und dem roten Kreis unter dem Haltestellen-Namen: 6955.

Das Fringe-Team findet heraus, dass jemand die Zahlenübertragungen mit Hilfe eines unbekannten Geräts manipuliert hat, um die Zuhörer vom Code abzubringen. Nicht Walter, sondern Astrid gelingt es, den Code zu knacken – eine Referenz auf Astrid-2! Als sie, um Walter zu beruhigen, eine Schallplatte auflegt, sehen wir kurz im Bild, dass es sich um Bachs “Kunst der Fuge” handelt. Lateinisch “fugere” bedeutet “fliehen”. In der Musik wird als Fuge ein polyphon komponiertes Musikstück bezeichnet, dessen Stimmen einander “fliehen”, sich gegenseitig einen Kontrapunkt setzen, worin es Bach zur Meisterschaft brachte. In der Psychologie bezeichnet „state of fugue“ temporäre Amnesie und dissoziatives Verhalten: Eine betroffene Person geht einfach weg, entflieht ihrem alten Selbst und nimmt für eine gewisse Zeit eine neue Identität an (einen Kontrapunkt zu ihrem alten Selbst).

Fringe lässt keine Möglichkeit aus, um auf diese subtile Art und Weise auf die Probleme der Figuren hinzuweisen, aber gleichzeitig auch den handlungsübergreifenden Erzählstrang voranzutreiben. Hinter dem Code also verbergen sich Locations überall auf der Welt, wo offenbar, wie das Fringe-Team herausfindet, Teile von Walternates Maschine versteckt sind.„Fringe“s Produzenten hingegen versuchten nicht zu verstecken, dass in der dritten Staffel die weiße Farbe in Kombination mit Rot und Blau auftaucht. In mehreren Episoden sieht man im Hintergrund außerdem schwarz-weiße Fotos von Brücken an Wänden hängen. Kein Blau, kein Rot, sondern Schwarz und Weiß. Schwarz oder Weiß? Ein Bild der Überquerung: von einer Welt in die nächste? Auf der Suche nach Wahrheit – oder auf der Suche nach Hoffnung? Gibt die Wahrheit Hoffnung?Nicht nur ist Weiß im herkömmlichen Sinne die Farbe des Friedens, sondern sie umfasst alle Farben, sie ist der Punkt, wo alle Farben zusammenlaufen – in einer weißen Tulpe: „Who are you really, and what were you before?

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Boardwalk Empire: To The Lost (2×12)

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„Do you know something I don’t?“ fragt Nucky (Steve Buscemi) Manny, als er ihn in seinem Versteck besucht. Mannys Antwort: „The question answers itself.“ Ja, Boardwalk Empire beendet eine grandiose zweite Staffel mit einem Kracher. Wozu Cliffhanger einbauen, wenn man sie gleich auflösen kann – und das mit einer Wucht, die einem fast Tränen in die Augen treibt? Oder war es doch der Regen? An dem Gesicht des sterbenden Jimmy (Michael Pitt) ist das nicht zu entscheiden. Die Regentropfen sehen wie Tränen aus. Haben wir damit gerechnet, dass Jimmy geopfert wird? Nein, nicht wirklich. Andererseits MUSSTE Jimmy sterben – oder? Es gibt nicht viele Serien, die Hauptdarsteller schon in der zweiten Staffel opfern.

Eigentlich muss man den Boardwalk Empire-Autoren zu dem Mut gratulieren, ihrer Erzählung treu zu bleiben – ganz abgesehen von den Gerüchten, die Michael Ausiello verbreitet. Der Satz, den man aus vielen Mafia-Inszenierungen kennt – über den Mann, der schon tot ist, das aber noch nicht weiß -, wird hier in den tragischen Satz umgewandelt: Er ist schon tot und weiß es auch! Denn zu Jimmys letzten Worten gehört die Aussage: „I died in the trench, years back. I thought you knew that.“ Nuckys Antwort: „You don’t know me, James. You never did. I am not seeking forgiveness.“ Boardwalk Empire erzählte in diesen zwei Staffeln die Geschichte zweier Männer, die einander sehr gut zu kennen glaubten.

In Wirklichkeit jedoch traute keiner dem anderen zu, so weit zu gehen, wie die beiden gegangen sind. Jimmy versucht zwar im Laufe der Episode, wieder zu Nucky zurückzurudern, aber nach den finalen Minuten – und nachdem wir mitbekommen haben, dass er unbewaffnet zum Treffen mit Nucky und Manny erschien – kann man alles als Abschiednehmen deuten: als eine Art Reinigungsritual, bevor man geht. Letztendlich ist dieser Abgang das Beste, was Jimmy passieren konnte.

Und gleichzeitig verpassen die Ereignisse im Finale der ganzen Erzählung eine neue Richtung, die lange genug um Jimmy und Nucky zentriert war. Boardwalk Empire hat einen großen Cast, dem wir noch gerecht werden müssen. Trotzdem können wir nicht verleugnen, dass Jimmy uns fehlen wird. Die Kamera hegte, und das stellt man im Finale erneut unter Beweis, eine besondere Vorliebe für Michael Pitt: für die einsamen Sequenzen, während derer nur durchs Fenster schaut oder im Halbdunkel eine Zigarette raucht. Das wird fehlen. Aber ein Fehlen erhebt die Erzählung über das Gewöhnliche.

Außerdem bildet die Leere hier das zentrale Thema: Jimmy versuchte, die Leere in sich mit der Machtübernahme in Atlantic City zu füllen – aber dieser Schritt kostete ihn mehr, als er ihm einbrachte, und machte die Leere umso spürbarer, vor allem nach Angelas Tod. Der andere Höhepunkt der Episode wird als Montage aus mehreren Szenenausschnitten erzählt: Esther Randolphs Vorbereitungen fürs Gericht und die parallel ablaufenden Ereignisse, die ihren Fall gegen Nucky zunichte machen. Nicht nur feierte Nucky einen Sieg gegen das Rechtssystem, sondern schloss Frieden an allen Kriminalfronten.

Genauso wie zu Hause: Er heiratete Margaret. Aber dieser Frieden ist nur ein scheinbarer. Wir sehen, dass Margaret zwar als brave Ehefrau agiert, aber hinter Nuckys Rücken das Land, das ihm wegen des vom Staat genehmigten Straßenbaus Geld bringen sollte, der Kirche überträgt. Es scheint, als wäre Nuckys Geschäft mit Gott längst nicht in trockenen Tüchern…

Wie fandet ihr das Finale? Was erwartet ihr von der dritten Staffel – oder verhält es sich mit euch so wie in Rothsteins Worten: „Flip a coin. When it’s in the air, you’ll know which side you’re hoping for.“

Boardwalk Empire: Under God’s Power She Flourishes (2×11)

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Die Boardwalk Empire-Geschichte ist tatsächlich Geschichte – und damit meine ich eine “Es-war-einmal”-Geschichte auf mehreren Ebenen. Die HBO-Serie basiert nicht nur auf tatsächlichen Ereignissen, sondern sie basiert auf der eigenen Vergangenheit. Was ist damit gemeint? Die neue Episode liefert den Punkt, an dem sich ein Kreis schließt. Dieser begann mit Sophokles, ging dann zu John Webster über, um wieder bei Sophokles und seinem Ödipus zu landen. Bezogen auf die Referenzen innerhalb dieser Episode muss man sich fragen, was nächste Woche im Finale drankommt: The Revenger’s Tragedy vielleicht?

Jimmy (Michael Pitt) und Nucky (Steve Buscemi) die einander gleichsam zerstören und untergehen? Oder wird es nur Jimmy sein? Oder gar keiner, wenn Jimmy doch irgendwie den Weg zurück zu Nucky findet? Ein Hindernis ist ja aus dem Weg geräumt, nämlich der leibliche Vater, der Commodore. Aber Gillian bleibt: wie ein Schatten über Jimmys Leben, der das Licht von ihm fern hält. Die Schatten der Vergangenheit und diejenigen der eigenen Schuldgefühle sind es auch, die Margaret langsam, aber sicher in den religiösen Wahnsinn treiben. Emilys Krankheit hat sie über Bord geworfen, wo sie sich inmitten der Wellen genauso verhält wie der Mann aus Nuckys Parabel über die Rettungsboote und den Rettungsring.

Sowohl die Handlung als auch solche Parabeln betreffend, setzt sich Boardwalk Empire mit den Wurzeln der eigenen Erzählung auseinander. Die Figuren sprechen darüber wie Nucky und Margaret über Parabeln; man kreiert einen gleitenden Übergang aus Wort, Sound und Bild zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In dieser Woche bekamen wir in Showtimes Homeland am Anfang der Episode den exzellenten Einsatz eines solchen Verfahrens geboten – hier konstruiert nun Boardwalk Empire mit Hilfe solcher flüssiger Übergänge die komplette Erzählung. Und die geht so: Es war einmal ein Jimmy Darmody in Princeton, der sich für englische Literatur interessierte, ein Mädchen namens Angela schwängerte und mit seiner Mutter schlief.

Dann brach er auf in den Krieg nach Europa und kam verändert zurück. Aber war es der Krieg oder die Nacht mit Gillian, die die Veränderung herbeiführte? „There’s nothing wrong, baby. There’s nothing wrong with any of it“, sagte Gillian zu Jimmy. Boardwalk Empire will weniger provozieren als uns die Wurzeln einer Tragödie zeigen. Unser Blick wandert zwischen Vergangenheit und Gegenwart; Wort und Sound schaffen flüssige Übergänge, als ob man sich in einem Traumzustand befände, der von Angelas Abschied eingeleitet wird.

Wir sehen am Anfang Jimmy und Angela im Bett, und sie nimmt Abschied von ihm – aber es ist kein Traum, sondern eine Erinnerung. Fast immer werden die Übergänge in der Episode von den Geräuschen eines abfahrenden Zuges begleitet. Ein Abschied und eine Rückkehr. Der Abschied von Jimmys Unschuld als Mensch. Und die Rückkehr zu der Erinnerung an alte Sünden – nicht nur Jimmys, sondern auch Margarets oder aber Van Aldens. Denn Nuckys farbiger Diener erzählt ihm von Van Aldens Mord an dem Agenten Sebso.

Bevor aber Ester Randolph diesen Hinweis in eine Verhaftung umsetzen kann, flieht Van Alden. Jimmy hingegen kann angesichts Angelas Tod den Erinnerungen nicht entfliehen, egal wie viel Alkohol und Kokain er zu sich nimmt. Dann geht er auf Gillian los, aber der Commodore fällt ihm mit einer Lanze in den Rücken… und so schließt sich der ödipale Zirkel. Jimmy ersticht den Commodore. Aber Gillians Hand bleibt um seine Schultern, und somit kann der Alptraum kein Ende finden. Sein Sohn geht am Ende zu ihm und sagt, er hätte einen schlimmen Alptraum gehabt. Jimmy antwortet: „me too“. Aber Jimmys Alptraum erstreckt sich über sein ganzes Leben…

Boardwalk Empire: Georgia Peaches (2×10)

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Georgia Peaches schafft beides: einen großen Schritt nach vorne, was die Auseinandersetzung zwischen Jimmy (Michael Pitt) und Nucky (Steve Buscemi) betrifft, und die Fortsetzung der in der letzten Woche begonnenen Reflexion, die nun ihren Höhepunkt findet. Diese Reflexion betrifft die Konsequenzen, mit denen man rechnen muss, wenn man sich für eine Seite – oder gar für mehrere – entscheidet. Das Tragische an der Lektion: Nicht jeder, der bestraft wird, hat die Strafe auch verdient.

Können aber die “Schuldigen” auf die Stimme hören, die ihnen sagt: Siehst du, was passiert, wenn du Grenzen überschreitest, wenn du sündigst? Oder, um es mit Mannys Worten vom Ende der Episode auszudrücken, die er an Angela richtet: „Your husband did this to you.“ Van Alden, der von seiner Frau die Scheidungspapiere bekommt, und Eli, der nach Aussage seines Deputys wegen des Mordes an Hans Schröder verhaftet wird – diese zwei bekommen im Grunde wirklich das, was sie verdient haben.

Das trifft, wie gesagt, nicht auf alle Figuren zu. Die HBO-Serie stellt die Thematik, wie schon früh in dieser Staffel, in einen religiösen Kontext. Aber Gott lässt sich nicht kaufen. Diese bittere Erfahrung muss Margaret machen, die durch Emilys Krankheit buchstäblich in einen Zustand der Hilflosigkeit geworfen wird, den wir an ihr seit der ersten Staffel nicht mehr erlebt haben. Sie hat eine gesellschaftliche Stellung erlangt, um nun zu erfahren, dass Manches nicht mit Geld geregelt werden kann – und auch nicht mit Beziehungen. Margaret scheint Emilys Schicksal als eine Strafe zu empfinden, die ihr Kind für die Sünden der Mutter verbüßen muss.

Auch wenn man das andere tragische Ereignis dieser Episode betrachtet, nämlich Mannys Mord an Angela, kann nicht wirklich die Rede davon sein, dass Menschen das bekommen, was sie verdient haben. Indirekt allerdings sind sowohl Jimmy, der es noch nicht weiß, als auch Nucky betroffen. Wenn sie ihrem “verdienten” Schicksal entgehen können, dann “erwischt es” ihnen nahe Stehende. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis beide auf die eine oder andere Art bezahlen müssen. Natürlich wurde Emilys Krankheit nicht durch Nuckys Feinde verursacht, sondern – um in der Sprache der Episode zu bleiben – von Gottes Hand. Ausgerechnet jetzt, da Nuckys Plan komplett aufgeht.

Wir sehen, wie der Streik Atlantic City lahm legt und wie der irische Whiskey Jimmys verdünnten Alkohol verdrängt, so dass er auf der ganzen Lieferung sitzen bleibt. Langsam verliert er den Boden unter den Füßen; das ist mehr als ersichtlich, auch für seine Partner. Sie wollen, dass er alles ins Reine bringt, aber er weiß selbst nicht wie. Nun, der Commodore müht sich in der Szene in seinem Haus nach Kräften, seinem Sohn einen Ratschlag zu geben. Dem folgt Jimmy mehr oder weniger, aber ohne Erfolg, den Chalkys Forderungen, um den Streik abzubrechen, übersteigen Jimmys Handlungsmöglichkeiten.

Lansky und Luciano üben nach wie vor Druck auf Jimmy aus, damit er in den Heroinhandel kommt, und Manny macht sich auf den Weg nach Atlantic City. Während die jungen Gangster mit ihren Geschäften hadern, wechselt Nucky den Anwalt und verlässt sich ab sofort auf Rothsteins William Fallon, der ihm im Black-Sox-Fall zur Seite steht. Ob das Nuckys Chancen erhöht, sauber aus der ganzen Geschichte herauszukommen? Boardwalk Empire lehrt uns allemal: Auch wenn man selbst davonkommt, gilt das nicht unbedingt für andere Menschen, die einem nahe stehen..

Boardwalk Empire: Battle of the Century (2×09)

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„Every battle ends, boy. They’ll have to understand that“, lauten die Worte des Sinn-Fein-Leaders John McGarrigle, dessen Leben kurze Zeit nach dieser Aussage von seinen eigenen Leuten beendet wird. Kann ein Kampf beendet werden, wenn er die Opfer gar nicht mehr rechtfertigt, wenn der Kampf sich jenseits des ursprünglichen Anlasses verselbständigt hat? Bedarf es einer persönlichen Tragödie, um einzusehen, wie wenig Sinn ein Machtkampf letztendlich ergibt? Denn ob es nun um Ideale oder Reichtum gehen mag: Irgendwo speist sich jeder Kampfgeist aus subjektiven Gründen oder Erlebnissen.

Die menschliche Natur lässt sich nicht bekämpfen, genauso wenig wie die Natur an sich. Ebendies thematisiert Boardwalk Empire meiner Meinung nach in Battle of the Century. Der Titel scheint auf den ersten Blick unpassend für diese ruhige Episode. Zwar prägt sie ein starker Kontrast; damit meine ich jedoch nicht Jimmys und Nuckys Schachzüge, sondern den Kontrast zwischen einem gegen die Krankheit kämpfenden Kind und Krieg spielenden Erwachsenen. Sowohl Nucky als auch Jimmy scheinen langsam zu realisieren, wie sich die Ereignisse verselbständigen, die sie losgetreten haben: Ihr persönlicher Zweikampf, metaphorisch gespiegelt in der Übertragung des Boxkampfes in den letzten Minuten der Episode, ist auch der Kampf vieler Anderer geworden.

Während Nucky (Steve Buscemi) nach Irland reist, um dort McGarrigle zu treffen, sieht sich Jimmy in den nächsten Auftragsmord verwickelt. Dieses Mal tritt er mit George Remus und Waxey Gordon in Kontakt, um Manny Horvitz’ Schicksal zu besiegeln. Der aber lässt sich nicht so leicht umbringen, sondern kämpft erfolgreich um sein Leben. Damit geht schon der zweite von Jimmy befohlene Auftragsmord daneben – und fällt auf ihn zurück, so dass er allmählich um sein eigenes Leben fürchten muss.

Nucky Thompson und Owen Sleater treffen mit einem Sarg in Belfast ein. Aber anstatt der Leiche von Nuckys Vater liegen darin zwanzig Tommy-Maschinengewehre… In Atlantic City befolgt unterdessen Chalky Nuckys Rat und zettelt den ersten Streik an – ausgerechnet mit Dunn Purnsleys Hilfe. Nucky bietet John McGarrigle Feuerkraft als Tausch gegen irischen Whiskey an, aber John zögert und lehnt schließlich ab. Er hat genug von den Kämpfen, die kürzlich das Leben seines eigenen Sohnes gefordert haben.Doch was einmal begonnen hat, das lässt sich nicht ohne weiteres aufhalten, denn zu viele sind involviert. In einer sehr schön gefilmten Szene wird McGarrigle beseitigt, und Nucky bekommt sein Deal: Das Blut und der Whiskey werden und sollen weiter fließen. Aber wieder erscheinen auf Nuckys Gesicht – nach einem weiteren Mord und trotz des Deals – Bedenken, eine Art Unwohlsein bezüglich dieses weiteren Schritts in einen Krieg hinein, der langsam gewaltige Ausmaße nimmt und den man nicht wirklich gewinnen kann.

Einen weiteren Schlag versetzt ihm die Nachricht von zu Hause, dass Emily an Kinderlähmung erkrankt ist und ihren eigenen Krieg führen muss. Die Szenen mit Margaret und Emily wirken viel intensiver als all das Waffenklirren an den Gangsterfronten… oder empfinde ich es so, weil ich selbst zwei kleine Töchter habe? Es gibt Zeiten, in denen sämtliche erkaufte und erkämpfte Macht ziemlich nutzlos erscheint…

Boardwalk Empire: Two Boats and a Lifeguard (2×08)

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Letzte Woche endete Boardwalk Empire mit einem Kracher: dem Attentat auf Nucky (Steve Buscemi). Zwar überlebte er, aber wir Zuschauer blieben gespannt zurück, wie er reagieren würde. gibt uns die Antwort, aber die gleicht nicht einem Sturm, sondern ruhigem Wasser, das sich zurückzieht… und erst später als eine alles vernichtende Welle zurückkommt. Die Episode eröffnet mit einem Traum: einem Traum über Väter und Söhne, der Nucky schlaflos zurücklässt. Nuckys rechte Hand wurde von der Kugel durchlöchert, und für eine gewisse Zeit kann Nucky niemandem die Hand schütteln.

Wir wissen, warum man Hände schüttelt: nicht nur als Begrüßung, sondern als Besiegelung einer Absprache, eines Vertrags. Ohne Händedruck kein Deal? Oder fällt es ohne Händedruck einfach leichter zu lügen – nicht nur Anderen gegenüber, sondern auch gegenüber sich selbst? So muss man mindestens nicht vorgeben, falsch zu spielen. Nucky beschwert sich sogar bei Margaret darüber, sich die ganze Zeit anderen gegenüber verstellen zu müssen, und hofft, dass das wenigstens bei ihr nicht nötig ist. In dieser Episode entscheidet sich Nucky – inspiriert von dem Witz, den er selbst Margaret erzählt, und von Rothsteins Worten während eines geheimen Treffens mit ihm und Torio -, seinen Schachzug gegen die Gegner so zu gestalten, dass er … gar keinen macht.

Wir sehen eine Episode über Rettungsboote, die einen vor dem Ertrinken retten. Nicht alle Boote bzw. Schiffe erreichen ihr Ziel. Man muss aufpassen, in welches Boot man einsteigt: Manche folgen den falschen Leuchtfeuern und zerschellen an den Felsen. Solche Lichter zündet Nucky an, indem er die Scheinwerfer seiner Herrschaft über Atlantic City verlöschen lässt. Plötzlich liegt Jimmys Weg zum Thron hell erleuchtet da. Aber das Licht speist sich aus Jimmys eigener Herrlichkeit, die ihn gegen Felsen leiten könnte. Fangen wir zunächst mit zwei Nebenhandlungen an: um Angela und um Van Alden. Wir sehen, wie Van Alden ein Kindermädchen für seine Tochter engagiert, wie er weiterhin versucht, sich selbst über Richtig und Falsch zu belügen, und am Ende “schmutziges” Geld in seiner Wohnung bunkert.

Angela Darmody wiederum spricht zum ersten Mal offen und ohne Lügen mit Jimmy über ihre Ehe. Etwas später lernt sie am Strand Louise aus San Francisco kennen und begleitet sie am Abend zu einer Künstler-Party – einer Party, wo, wie Louise sagt, beide unsichtbar sind, wenn sie Händchen halten und einander küssen. Zwei Erzählungen, die wenig oder gar nichts mit der Haupthandlung zu tun haben, aber doch alles abrunden. Angelas neue Freundin spricht mit ihr über Kunst und sagt: Not everything has to make sense.

Drei Pinselstriche in einem Bild erzeugen vielleicht nicht mehr Sinn, machen aber das Bild schöner, komplexer. Boardwalk Empires Geschichte besteht aus Geschichten, die man uns nicht direkt erzählt; vielmehr erzählen die Figuren sie einander und sich selbst, so wie es Nucky in dieser Episode tut. Eigentlich erzählt er den Witz über Two Boats and a Lifeguard, um Margaret zu erheitern und ihre Sorgen wegzuspülen, aber diese seine eigene Erzählung innerhalb der Konstellation, in der er sich befindet, spült ihm später den Rettungsring vor die Füße.

Somit hat er sich die Geschichte eigentlich erzählt, um sich vor dem Schiffbruch zu retten. Während er mit Margaret und den Kindern ein Brettspiel spielt, nehmen wir durch die Kamera Nuckys Blick ein, seine Position. Er blickt direkt auf das auf dem Brett gezeichnete Schiff und verwendet die Reise-Metapher bzw. genau zwei ihrer Aspekte: von wo man kommt und von wem man abhängt. Während die Blicke der anderen sich auf die Reise selbst konzentrieren, über-sehen sie diese zwei Punkte. Übersee ist der Hafen, von wo aus Nuckys Rettungsboot herangesegelt kommen soll. Er will, dass Owen Sleater ihm ein Treffen mit der IRA organisiert; gleichzeitig legt er Chalky nahe, seine damalige Drohung wahr zu machen und alle schwarzen Arbeiter zum Streik zu bewegen.

Gottes Wege der Hilfe sind, wie in Nuckys Witz, nicht unbedingt unergründlich, sondern oft einfach, gar simpel: Nucky sorgt dafür, dass es niemanden zum Rudern gibt und dass er selbst von Bord geht, um stattdessen an Bord des alten Schiffes aus der Heimat zu gehen. Von dort aus kann er beobachten, wie Jimmys Schiff sinkt: Der beste Zug ist manchmal der Rück-Zug. Nucky tritt zurück und kündigt das Jimmy & Co. offen an. Er gebe alles auf, sagt er. Drei Gründe führt er an: die Erschütterung durch den Überfall, den Tod seines Vaters, mit dem er in dieser Episode ebenfalls zu kämpfen hat, und den Wunsch, selbst der liebende Vater für Margarets Kinder zu sein. Nicht alles davon ist gelogen – man denke an die Szene, als er die Kinder bittet, ihn ab jetzt „Dad“ zu nennen. Nucky will also einfach gar nichts tun, wie er sagt – und trotzdem, gerade deshalb, steht Jimmy unter Zugzwang. Er feiert zwar einen Sieg, aber das Glänzen der Lichter lockt zu den Felsen…

Boardwalk Empire: Peg of Old (2×07)

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Eigentlich ist bei Boardwalk Empire alles beim Alten – und gleichzeitig bewegt sich die Handlung mit Peg of Old einen Riesenschritt voran. Was die HBO-Serie hier macht, ist mittlerweile typisch: Obwohl wichtige Ereignisse geschehen, vermeidet es Boardwalk Empire, das ganze Gewicht auf die eine Seite zu verschieben, sich auf dieses Wichtigste für die Story zu konzentrieren. Man lässt es beinahe still ablaufen, nebenbei. Das heißt nicht, dass wir es nicht bemerkten und die Entwicklungen kein dramatisches und emotionales Gewicht besäßen.

Nein: Es bedeutet, dass die Autoren wieder einmal das Kunststück vollbringen, jedem einzelnen Nebenplot Achtung zu schenken, ohne dadurch einem zentralen Ereignis seine Wichtigkeit zu rauben. Man könnte sogar behaupten, dass die Nebenhandlungen dieses Ereignis umso bedeutender machen. Es handelt sich natürlich um die Geschichte zwischen Nucky (Steve Buscemi) und Jimmy (Michael Pitt). In dieser Episode eskaliert sie, ohne dass die beiden diese Eskalation bewusst erstrebt hätten. Während Nucky mit seinem Gerichtsprozess beschäftigt ist, findet im Haus des Commodore ein Treffen zwischen Jimmy, Capone, Luciano, Lansky, Doyle, Richard und Eli statt.

Eli taucht mit Verspätung auf, aber er ist derjenige, der das Treffen auf den Punkt bringt: Jesus Christ, just kill him! Er ist mit seinem Bruder Nucky fertig, er will ihn tot sehen. Plötzlich findet sich Jimmy in der Position wieder, die er um jeden Preis vermeiden wollte. Alle warten auf sein Einverständnis, da sie Elis Idee als den richtigen Weg sehen. In diesem Moment konfrontiert uns Boardwalk Empire über Jimmys Figur mit der zentralen Problematik der Serie: Die zentralen Figuren versuchen, jede Entscheidung, die sie treffen, moralisch zu begründen – eine Art Erklärung, einen Ausweg zu finden, der die Entscheidung rechtfertigt.

Letztendlich versteckt man hinter Rationalität das Irrationale, geleitet von Gefühlen und Emotionen. Manchmal geschieht aber auch das Umgekehrte: Die Rationalität einer Entscheidung verdrängt das, was man fühlt. Jimmy will Nuckys Tod eigentlich nicht, zumindest nicht im Moment, aber er sieht sich gezwungen zu diesem Entschluss. Am Ende der Episode sagt er zu Nucky, bevor der Auftragsmörder auftaucht: „Doesn’t make a difference if you’re right or wrong. You just need to make a decision.“ In meinen Augen steht dieser Satz, wenn auch unauffällig, in direkter Verbindung mit dem Plot um Margaret (Kelly Macdonald), der anderen “Eskalation” in dieser Episode – vor allem mit einem Satz, den sie vor ihrem wieder gefundenen Bruder Eamoinn (Tony Curran) ausspricht: „Am I the only sinner you’ve ever met?“

Als Margaret nach Brooklyn reist, um endlich ihre Familie zu treffen, wird sie von ihren Schwestern warmherzig, aber vom Bruder abweisend empfangen. Er hat ihr nie verziehen, dass sie unehelich schwanger wurde, das Geld der Familie stahl und weglief. Sein Verständnis von Verrat bildet sich aus religiösen Vorbehalten, während es Margaret als Verrat empfindet, die eigene Familie nicht vor der Außenwelt zu beschützen.

There’s no one here who knows you, sagt er zu ihr, als er sie wegschickt. Dieses Erlebnis führt Margaret direkt in die Arme von Owen Sleater, der gerade den Mord an einem alten Rivalen beging – in einer blutigen, aber perfekt inszenierten Auseinandersetzung – und mit seinen Worten unbewusst die richtigen Saiten in Margaret berührt. Margaret “befiehlt” ihn dann in ihr Bett. Ich bin gespannt, zu welchen Komplikationen dieser Vorfall führen und wie Margaret damit umgehen wird.

Boardwalk Empire handelt hier von dem Problem, sich zwischen eigenen Lebensanforderungen und moralischen Grenzen außerhalb familiärer und religiöser Vorgaben zurechtzufinden.

Das führt uns gleichzeitig zu dem letzten Puzzleteil, das die Episode abrundet: zu der Geschichte um Van Alden und Lucy. Durch diese Geschichte führt die HBO-Serie geschickt eine neue Figur ein, die sich auf Anhieb Respekt verschafft, sogar Van Aldens. Es handelt sich um Esther Randolph (Julianne Nicholson), die vertretende Staatsanwältin, die Nuckys Fall in die Hand nimmt. Ihr trockener Sinn für Humor funktioniert irgendwie perfekt im Lichte von Van Aldens (Michael Shannon) Geradlinigkeit. Van Alden: „I am a married man.“ Randolph: „There goes my dream.“

Der Anfang einer Unterhaltung, während die Boardwalk Empire-Autoren Van Alden gleichsam aus dem Zauberhut hervorziehen: Sie holen ihn heraus aus seinem Zustand der wandelnden Karikatur und bewegen ihn wieder dorthin, wo er hingehört, in die vorderste Frontlinie gegen Nucky Thompson. Als Lucy zu Nucky geht, um Geld zu fordern, erkennt Nucky seine Möglichkeit und versucht, Van Alden mit seinem Geheimnis zu erpressen. Doch Lucy lässt Van Alden mit dem Baby allein und verschwindet spurlos. Und Van Alden entscheidet sich, als er zum ersten Mal das Baby auf dem Arm hält und nach einem passenden Namen sucht, diesen Teufelskreis zu beenden.

In diesem Moment ist er ein gebrochener Mann und kann sich diese Tatsache selbst eingestehen. Er gibt Randolph alles, was er über die fast zwei Jahre über Nucky gesammelt hat. Wenn nicht für sich, dann für Abigail…

Boardwalk Empire: The Age of Reason (2×06)

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The Age Of Reason treibt zwar die Handlung voran, aber die Aufteilung der Erzählzeit gefiel mir in dieser Episode nicht. Für meinen Geschmack konzentrierte man sich zu sehr auf Van Alden und Lucy, vermutlich weil beide in den letzten zwei Episoden kaum präsent waren. Natürlich – und das muss man den Autoren lassen – passt Van Aldens religiöser Fanatismus sehr gut zu dem Themenkomplex “Sünden und Geständnisse”. Trotzdem hat man ihn im Laufe der Zeit recht weit von der Haupterzählung entfernt, fast zu einer Karikatur verkommen lassen – und selbst wenn die Autoren hier einer Figurenentwicklung gerecht würden, ist sie dennoch, vor allem im Zusammenspiel mit Lucy, nicht besonders faszinierend.

Van Alden bewegt sich am Rande des Geständnisses, als der verbrannte Agent ihm in Anwesenheit des Vorgesetzten zuflüstert: „I know what you did.“ Im letzten Moment kann Van Alden (Michael Shannon) die Beichte umgehen, aber sein instabiler Zustand bringt ein anderes Kartenhaus zum Einsturz: Seine Frau entdeckt die Wahrheit über ihn und Lucy. Van Alden findet sie in der Wohnung – bei Lucy, die gerade allein ihr Kind zur Welt gebracht hat. Beichten und Geständnisse. Der Episodentitel The Age Of Reason bezieht sich direkt auf Father Brennans Worte, der die erste Beichte von Margarets Sohn abnehmen wird.

Mit sieben Jahren muss ein Mensch schon zwischen Gut und Böse unterscheiden können und von Gott entsprechend gerichtet werden. Margaret, so der Priester, müsse ebenfalls beichten, was Nucky für kurze Zeit Kopfschmerzen bereitet. Um seine Geheimnisse muss er nicht fürchten – um Margaret selbst hingegen durchaus, da sie sich immer mehr zu Owen Sleater hingezogen fühlt. Nucky aber hat viel größere Sorgen. Nachdem er letzte Woche die Überhand zu gewinnen schien, während Jimmy sich nur mit Gewalt zu helfen wusste, folgt Jimmy dieses Mal dem Ratschlag von Leander Whitlock (Dominic Chianese): „Not every insult requires a response.“

Whitlock macht ihm klar, warum der Commodore damals Atlantic City an Nucky verlor: Der Commodore war ein Hitzkopf und traf überstürzte Entscheidungen. Jimmy (Michael Pitt) scheint nun in dieser Episode die richtige getroffen zu haben. Nachdem er herausgefunden hat, dass Herman für Nucky (Steve Buscemi) und Rothstein arbeitet, teilt er es Manny mit. Darauf folgt, passend zur gesamten Episode, eine Beichte… allerdings eine, die Herman kopfunter hängend in Mannys Schlächterei ablegen muss, bevor Jimmy ihm die Kehle durchschneidet. Manchmal hilft das Beichten nicht. Und zuweilen nicht einmal das Bestrafen.

Am Ende der Episode, als Jimmy und Manny den Transport mit Meyer und Luciano abfangen, entschließt sich Jimmy, mit den beiden den Deal abzuschließen, der Nucky und Rothstein zu Fall bringen soll: „Can’t kill everyone. Not good business“, sagt Jimmy zu Manny. Scheint so, als hätte er seine Lektion gelernt: Es kommen schwere Zeiten auf Nucky zu.

Boardwalk Empire: Gimcrack and Bunkum (2×05)

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Letzte Woche endete Boardwalk Empire mit hasserfüllten Ohrfeigen. Mit der neuen Episode wird das Schlagen fortgeführt, nur brutaler – und mit tödlichen Konsequenzen für Manche. Es ist Memorial Day in der fiktionalen Welt der HBO-Serie, und es ist Schluss mit dem Herumreden um den heißen Brei. Nucky (Steve Buscemi) will testen, ob Jimmy die Regeln des Spiels kennt, das sie spielen. Überraschenderweise spielt Jimmy (Michael Pitt) durchaus nach den Regeln – wenn er sie auch auf seine Weise interpretiert und mit Gewalt umsetzt.

Aber die wirkliche Differenz zwischen Nucky und Jimmy, die diese Episode demonstriert, heißt Richard Harrow. Mehrmals sehen wir Nucky im Laufe der Ereignisse müde: müde seiner so genannten Verbündeten, müde, immer dasselbe Gesicht aufzusetzen, sich um ihr Wohl zu kümmern, sich ihre Loyalität zu erkaufen. Sogar das Verhältnis zum eigenen Bruder ist für immer zerrüttet, wenn es überhaupt irgendwann in brüderlicher Liebe bestand. In einer der drei exzessiven Szenen der Episode kommt Eli verzweifelt zu Nucky und bittet um eine zweite Chance. Die Antwort: „I need you to get on your knees, bend down to the ground and kiss my shoes, you fuckin’ piece of shit.“ Dann gehen beide Männer aufeinander los.

Buscemi und Shea Whigham spielen diese Entladung von aufgestautem Hass und gleichzeitig Verzweiflung und Enttäuschung grandios. Nur dank Margarets Eingreifen mit einer Schrotflinte (die übrigens nicht geladen ist) hat der Kampf keine tödlichen Konsequenzen. Und doch tötet Eli seinen Bruder in meinen Augen, wenn auch nur symbolisch: Etwas später, als er betrunken in seiner Garage sitzt, kommt George vorbei, um Besorgnis wegen der gemeinsamen Sache zu äußern, in der sie stecken. Mehr durch Trunkenheit und Zufall schlägt Eli auf George ein und verletzt ihn schwer, um anschließend seinen Kopf zu Brei zu schlagen – mit demselben Gesichtsausdruck wie während des Kampfes mit seinem Bruder, als er auf Nucky lag. Im Grunde ist es Nucky, den er zu Brei schlägt.

Die Beziehung zwischen Jimmy und Richard hat eine ganz andere Grundlage. Sie ist tatsächlich eine Bindung im positiven Sinne, denn Jimmy ist für Richard der Strohhalm, der ihn am Leben hält. „Richard: Would you fight for me?“ „Jimmy: Of course I would. Right down to the last bullet.“ Diese Konversation ereignet sich erst gegen Ende der Episode, aber sie bietet Richard eine Gewissheit, die er braucht, um am Leben zu bleiben und – ironischerweise – den Job für Jimmy zu machen.

Im Vergleich zu anderen Episoden verbringt Gimcrack & Bunkum eine Menge Zeit mit Richard. Die stille Erzählung um ihn herum bildet sozusagen ein Gegengewicht zu dem gesprächs- und gewaltlastigen Rest. Wir beobachten Richard, der, nachdem er in seinem Buch geblättert hat, einen Ausflug in die Wälder unternimmt, letztendlich um dort zu sterben. Nicht so sehr von der Kameraarbeit her, sondern atmosphärisch wirken die Bilder in den Wäldern surreal. Zuerst wird Richard bei seinem Selbstmordversuch von einem streunenden Hund abgelenkt, der seine bei Seite gelegte Maske ins Maul nimmt und wegläuft.

Als Richard ihm folgt, begegnet er zwei Unbekannten, die am Lagerfeuer sitzen und eine Menge gehäutete Eichhörnchen zum Essen haben. Sind es zwei freundliche Jäger – oder einfach eine Verkörperung der Erinnerung, dass es immer etwas gibt, wofür sich es lohnt zu leben, dass es jemanden gibt, für den es sich lohnt zu kämpfen? So wie der alte streunende Hund mit den Narben im Gesicht, von dem sie sagen, er kämpfe immer noch… „These woods are for living.“ Das erinnert Richard daran, dass es in seinem Leben eine solche Beziehung gibt: die zu Jimmy. Die einzige Frage ist: Meinte Jimmy seine Antwort ehrlich?

Die Episode endet mit einem monströsen Akt, der zum Tode führt: Jimmy und Richard skalpieren den alten Mann im Rollstuhl, der früher in der Episode Jimmy ins Gesicht schlug.

Eine weitere Leiche am Memorial Day – und sie wird nicht die letzte sein im Kampf um Atlantic City.

Boardwalk Empire: What Does the Bee Do? (2×04)

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Boardwalk Empire ist Kunst. Die HBO-Serie macht eine Liebeserklärung an eine Epoche, aber auch an die Kunst als solche. Aus diesem Grund bewegen sich die Bilder und die Erzählstränge wie Wolken in Magrittes Bildern, die De Chiricos Schatten werfen. Sie spielen mit Licht und Perspektive und zeigen uns dabei selten das wahre Gesicht einer Figur. Um das zu erkennen, muss man einen langen Weg gehen, tief ins Innere – als ginge man tief hinein in die Fluchtpunkte von De Chiricos Bildern. Dabei kann man sich leicht verlieren: wenn man die Perspektive verliert, wenn man realisiert, dass ein Fluchtpunkt ein Nichts ist, das sich immer weiter und weiter entzieht.

Jede Wahrheit ist in Boardwalk Empire nur die halbe Wahrheit. Jedes Gesicht, das man sieht, sieht man nur zur Hälfte, während die andere im Schatten bleibt. In dieser Hinsicht kommt What Does The Bee Do? als typische Boardwalk Empire-Episode daher, die die Handlung in kleinen Schritten vorantreibt, während sie die Schattenseiten aufzeigt, die leeren Fluchtpunkte der Figuren entblößt. Also: kurz innehalten und lauschen, zum Beispiel dem Gespräch zwischen Richard (Jack Huston) und Angela (Aleska Palladino) über Kunst und über Gefühle, die auf dem Weg verloren gingen.

Jimmys Frau ist das Mädchen aus De Chiricos Bildern, von dessen Plänen nur ein melancholischer Alltag übrig geblieben ist und das in Richard vielleicht eine andere einsame Seele gefunden hat, mit der es sprechen kann. Das beruht auf Gegenseitigkeit, denn auch Richard ergreift die Möglichkeit, aus sich herauszugehen – oder eher in sich zu gehen und darüber zu sprechen, was er dort gefunden hat und was er dort vermisst. Die Inszenierung dieser Begegnung – als Richard zurückkommt, um doch noch für ein Porträt zu posieren -, lässt einen als Zuschauer fast den eigenen Herzschlag vergessen.

Zumeist wechseln extreme Close-Ups, von seinem gesunden Auge oder seinem Mund, mit Medium Shots: Richard auf dem Stuhl sitzend, umrahmt von dem Fenster hinter ihm. Als er schließlich die Maske abnimmt, gestattet er Angela mit seiner gleichzeitigen Erzählung über seine Schwester den tiefsten Einblick, den wir bisher in ihn bekommen haben. Angelas Gesicht zeigt dabei weder Erschrecken noch Mitleid; sie bewegt die Augen kein Stückchen weg von ihm und versucht mit dem Pinsel Richard Harrow einzufangen, die Schönheit im Horror hervorzuheben.

Wir haben oft darüber gesprochen, dass viele Bilder der ersten Staffel, als Standbild genommen, Reproduktionen von nie gemalten Magritte-Bildern gleichen. In der zweiten Staffel nun scheint die Serie das Schaffen Giorgio de Chiricos zu thematisieren, den Magritte übrigens stark beeinflusst hat. Dabei bekomme ich den Eindruck, dass die HBO-Serie nicht so sehr das Aussehen der Bilder zitiert, sondern die ganz eigene Atmosphäre bei de Chirico, die Melancholie des Alltages mancher Figuren, die in den Schatten gedrängt wird. Abgesehen natürlich von den offensichtlichen Referenzen auf den Surrealismus im Allgemeinen sowie den Horror des Ersten Weltkrieges, der die Bewegung inspirierte.

Auch die Beziehungen der Serienfiguren untereinander haben immer zwei Seiten. So bei Gillian und dem Commodore, dem nächsten in dieser Episode, der ein halbes Gesicht hat bzw. bekommt. Als Gillian spärlich bekleidet für ihn tanzt, endet das Ganze mit einem Schlaganfall, der den Commodore mit einer gelähmten Körper-, also auch Gesichtshälfte zum Gefangenen seines Bettes macht – und vor allem zum Gefangenen dessen, was er wirklich ist. Am Ende der Episode spricht Gillian darüber, wie er sie damals vergewaltigte; unter Tränen beginnt sie ihn zu schlagen, genau die Gesichtshälfte zu treffen, die er noch fühlen kann. Jede Geschichte hat zwei Gesichter.

Sogar die von Van Alden. Die beiden Agenten, die für ihn arbeiten, wollen hinter sein Geheimnis kommen, was in einer verbrannten Gesichtshälfte für Agent Clarkson resultiert: Als sie das Lagerhaus untersuchen wollen, fliegt es in die Luft. Die Explosion geschieht in Nuckys Auftrag – aber um Jimmy und dem Commodore zu schaden, nicht den beiden Agenten. Owen Sleater hat die Bombe gebastelt. Es scheint, als hätte Nucky einen begabten Mann gefunden! Margaret hegt diesbezüglich gemischte Gefühle. Immer noch wirkt sie hin und her gerissen, was ihre Stellung betrifft, und ihre Wut auf die Dienerinnen wächst. Einen Teil des Problems scheint eben Sleater auszumachen, dem Katie schöne Augen macht und der Margaret, obwohl sie es nicht einmal sich selbst eingesteht, ebenfalls interessiert. Mich würde interessieren, wofür Margaret all das versteckte Geld braucht…

Zweischneidig entwickelt sich auch das Geschäftliche. Sowohl Nucky (mit Rothstein) als auch Jimmy (mit Manny Horvitz, gespielt von William Forstyle) schließen Deals über Alkohollieferungen via Philadelphias Hafen ab, was definitiv zu einer größeren Auseinandersetzung führen wird. Wer wird daraus als Sieger hervorgehen? Gegenwärtig deutet alles auf Nucky hin, der die Sache mehr und mehr unter Kontrolle zu bekommen scheint – vor allem mit Hilfe von Prostituierten, die aus… Philadelphia importiert wurden.

Dafür hadert Chalky White (Michael Kenneth Williams) mit seiner Stellung innerhalb der Community und mit der Unmöglichkeit, Rache für den Angriff seines Lagerhauses üben zu können. Seine Familie bekommt eine Gesichtshälfte zu sehen, die sie nicht sehen will, die jedoch da ist und Nucky an etwas stets erinnert: „Pretty clear who the field nigger is.“

Mit einem Glas in der Hand sollte man sich zurücklehnen, die Wolken und die Schatten anschauen, die sie werfen, und auf die nächste Episode warten.