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Twin Peaks: The Black Widow (2×12)

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Vielleicht liegt es daran, dass die Laura-Palmer-Story so intensiv war und dass wir durch diese Geschichte alle Figuren kennen gelernt haben, aber in  The Black Widow , wie auch in den letzten Episoden, sind die meisten Figuren wie Kopien ihrer selbst. Schlechte Kopien. Während in der ersten Staffel die Balance zwischen dem Slapstick, dem übernatürlichen und der kriminalistischen Untersuchung gehalten wurde, geht sie jetzt verloren und die Episode verläuft nicht mehr wie ein Fluss, sondern wie ein Bach, der von einem Stein zum anderen springt und die Richtung sucht. Sogar die beeindruckenden Inszenierungen verlieren hier ihre Kraft, da sie meistens nicht in Verbindung mit einem Handlungsstrang gebracht werden, sondern sich verselbstständigen. Sie reizen nach wie vor das Auge, aber ihre Verweise verlaufen ins Nirgendwo.

Erwähnenswert erscheint in dieser Episode nur die Geschichte um Cooper (Kyle MacLachlan) und Denise (David Duchovny), die dabei sind, Coopers Unschuld zu beweisen, nachdem Cooper auf dem Grundstück, genannt Dead Dog Farm (das er kaufen will), in einem Haus Drogenreste findet. Unerwartete Hilfe bekommt er von Audrey (Sherilyn Fenn), die aus ihrem Geheimversteck beobachtet, wie Bobby ihrem Vater Ben, für den Bobby ab sofort arbeitet, Fotos aushändigt. Audrey entwendet sie und zeigt sie Cooper.

Auf den Fotos kann man Jean Renault, Hank, den kanadischen Polizeibeamten und Eddie sehen. Nachdem Cooper und Denise Eddie mit der Wahrheit konfrontieren, willigt er ein, Jean und Hank in eine Falle zu locken. Am Ende der Episode kehrt Major Briggs überraschend zurück, als Bobby mit seiner Mutter über ihn redet. Er weifl nicht wie lange er weg war, aber die viel wichtigere Frage, die sich hier stellt, lautet: Wo war er? In den Wäldern, von wo die Nachrichten kommen, die Major Briggs Abteilung (sein Vorgesetzter teilt das Cooper und Harry mit) zu empfangen scheint?

Twin Peaks: Masked Ball (2×11)

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Masked Ball  hat zwei Seiten, eine gute und eine Schattenseite. Mit der Episode verhält sich genauso, wie mit The White Lodge und The Black Lodge. Cooper (Kyle MacLachlan) erfährt von Hawk, dass beide Orte in den Wäldern existieren und man glaubt, dass dort diejenigen verweilen, die die Ereignisse dieser Welt kontrollieren. Der Geist des Menschen muss auf seinem Weg zur Perfektion zuerst durch The Black Lodge und wenn derjenige dafür nicht bereit ist, wird seine Seele vernichtet. Diese Information wird Cooper überraschenderweise erst jetzt mitgeteilt, aber sie scheint auf der Suche nach Bob und vielleicht nach Major Briggs relevant. Im Vergleich zu anderen erzählerischen Ausflügen, die diese Episode unternimmt.

Die Geschichte um Nadine scheint immer belangloser und James Bekanntschaft mit einer attraktiven Unbekannten auflerhalb von Twin Peaks könnte manchen Zuschauer sich fragen lassen, wohin das Ganze soll? Es scheint so, als würden die  Twin Peaks -Autoren möglichst viele Türen einbauen, die für das Fortführen der Handlung benutzt werden können. Die Gefahr, die man dabei läuft, ist für etliche dieser Türen den Schlüssel zu verlieren.
Aber zurück zum Positiven: Die Einführung von neuen Figuren endet nicht Evelin Marsh (James neue Bekannte).

In Twin Peaks trifft Agent Dennis Bryson ein, der die Untersuchung um Cooper leiten soll. Und in  Twin Peaks  trifft David Duchovny ein – in der Rolle einer Frau. Der Schauspieler verkörpert Dennis Bryson. Also Dennis ist Denise geworden. Die Transformation ist während eines Undercover-Jobs geschehen, erzählt Denise Cooper. Man muss an der Stelle erwähnen, dass die Serie keine grofle Sache um den, für das damalige Network-Fernsehen, sehr ungewöhnlichen Auftritt macht. Wie auch mit vielen der Figuren hat man als Zuschauer das Gefühl, das sie immer schon zu dieser Twin Peaks-Welt gehört haben.

Trotzdem ist das plötzliche Erscheinen des tot geglaubten Andrew Packard definitiv schockierend, denn anscheinend ist Catherine die einzige, die wusste, dass er noch am Leben ist. Die beiden sind hinter Thomas Eckhart her, Josies Auftraggeber (Vater, Freund, Liebhaber und Inhaber – wie Josie Harry in dieser Episode beichtet) aus Hong Kong. Die Frage ist, welche Rolle wird in dieser Geschichte Ben Horne spielen, nachdem er von Catherine vorgeführt wurde und sich dem Wahnsinn sehr nah zu befinden scheint? Auflerdem teilt ihm Hank mit, dass ab sofort The One Eyed Jack Jean Renault gehört und dass er selbst für Jean arbeitet. Welchen Zug wird Ben machen? Und Cooper? Welchen Zug wird er in der Partie gegen seinen ehemaligen Partner Windham Earle machen? Das Problem liegt darin, wie Earl selbst Cooper in einem weiteren Brief mitteilt, dass Cooper nicht weifl, was Earl vorhat:
 The king must die.

Twin Peaks: Dispute Between Brothers (2×10)

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Auch wenn es erstaunlich klingt: über diese Episode gibt es wenig zu sagen. An diesem Punkt geht es der Serie genauso wie Agent Cooper (Kyle Maclachlan): Ratlosigkeit hat sich breit gemacht bezüglich des weiteren Vorgehens. Aus diesem Grund gleicht  Dispute Between Brothers  einem Haufen von Puzzleteilen, die zu unterschiedlichen Bildern gehören: Es gibt ein bisschen Hank-und-Norma-Story; Renault ist wieder da; Bobby versucht vergeblich, Ben zu erpressen; Josie taucht wieder auf; Leo bewegt sich; und Nadine darf zur High School. Aber all diese Geschichten sind nicht mehr als eine kümmerliche Ablenkung von der tiefen Schlucht, die die Auflösung von Lauras Mord hinterlassen hat und in die alle zu stürzen drohen. Ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen?

Der Weg dorthin führt… durch die Wälder. Die allererste Aufnahme steht sinnbildlich für die Serie: ein Standbild. Wie ein Gemälde präsentiert es sich den Zuschauern: von enormer Tiefe, mit einem Fluchtpunkt aus weiflem Licht. Dorthin führt eine Strafle – diese jedoch ist von dunklen Bäumen umgeben, die nicht nur Geheimnis und Bedrohung suggerieren, sondern auch die Fluchtlinien des Bildes verkörpern. Der Weg ins Licht führt nur durch die Wälder. Und diese Wälder werden Cooper nicht nach Hause gehen lassen.

Nach einigen humorvollen, aber auch nachdenklichen Szenen des Abschieds von den Twin Peaks-Bewohnern trifft plötzlich ein FBI-Agent ein und teilt Cooper mit, dass er nicht allein suspendiert, sondern auch zum Gegenstand einer Untersuchung geworden ist: Es geht um seinen Einsatz auf der anderen Seite der Grenze und um verschwundene Drogen, die das FBI bei einer Undercover-Operation zur Verfügung gestellt hatte.

Am Ende der Episode machen Major Briggs und Cooper einen Ausflug in die Wälder. Als die beiden am Lagerfeuer sitzen, fängt Briggs an, von der  White Lodge  zu erzählen. Cooper aber muss dringend mal… und als er zurückkommt, sieht er Briggs im weiflen Licht verschwinden. Kurz zuvor ist die Eule wieder erschienen: Ihre Stimme durchbricht die Stille der Wälder, genauso wie hektische, subjektive Handkamera-Aufnahmen den ruhigen Fluss der Erzählung unterbrechen. Wohin ist Briggs verschwunden? War es wieder Bob?

Eine zweite wichtige Szene stellt offenbar die Weichen für den neuen handlungsübergreifenden Erzählstrang. Sie präsentiert Coopers Erzählung für Audrey (Sherilyn Fenn): Ihr und uns Zuschauern teilt er mit, dass er sich einmal in eine Zeugin verliebte, die dann unter seiner Aufsicht getötet wurde; Cooper selbst wurde schwer verletzt, sein Partner Windham Earl verlor den Verstand. Cooper will nicht, dass sich das Ganze wiederholt – aber kann er eine solche Wiederholung verhindern?

Twin Peaks: Arbitrary Law (2×09)

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Vom Erzählfluss her beschleicht uns bei  Arbitrary Law ‘s Abschluss das Gefühl, die  Twin Peaks -Autoren wussten an dieser Stelle nicht mehr, in welche Richtung sie gehen sollen. Praktisch gesehen, stellt die überführung von Leland (Ray Wise) als Bob und Mörder von Laura und Maddy mitten in der Staffel ein grofles Problem dar: Alle anderen Nebenplots sind entweder falsche Fährten – dann steckt nichts dahinter – oder noch nicht so weit entwickelt, dass sie das Loch, das die Entlarvung des Mörders hinterlässt, stopfen könnten.

Im Prinzip ist es natürlich richtig, Bobs “Wirt” auch für die anderen Figuren zu entlarven, nachdem die Zuschauer es schon wissen: denn man kann nicht ewig lange alle irreführen. Andererseits – wenn man Leland als mehr oder weniger tragende Figur der letzten Episoden und “Hauptbösewicht” verschwinden lässt, gleitet das Böse ins Over the Top-Surreale hinüber. Die Serie selbst stellt sich mit dieser Episode die Frage: Was jetzt?

Cooper (Kyle MacLachlan) versammelt alle, die in Lauras Fall involviert sind (oder auch nicht), im Roadhouse und vollführt eine Art Magie: ein Ritual des In-sich-Gehens, das ihm hilft, den ganzen Fall Stück für Stück zu rekonstruieren und zu der Lösung des Rätsels vorzustoflen. Der ebenfalls anwesend alte Kellner entschlüsselt Coopers Unbewusstes und stellt damit die Verbindung her, die Coopers Sinnen bislang entglitten war. Er sagt zu Leland:  That gum you like is going to come back in style.

Wieder steht die Zeit still und der Riese taucht auf, um Cooper seinen Ring zurückzugeben. Lauras Satz, den sie Cooper damals im Traum zuflüsterte, ist deutlich zu hören:  My father killed me.  Und wie wir aus den fehlenden Tagebuchseiten erfahren, hat Laura selbst – wie Jacoby schon sagte – diesen Tod gewollt, um Leland daran zu hindern, ihr immer wieder weh zu tun. Nachdem Cooper Leland/Bob in die Gefängniszelle gelockt hat, vermag er für die Anwesenden und für die Zuschauer nochmals jedes Detail aus seinem Traum einem tatsächlichen Ereignis zuzuordnen. Genau an dieser Stelle erfahren wir, wie viele Nebenplots und Handlungsstränge in die Leere bzw. in Richtung  dead end  laufen.

Zum Beispiel die Erzählung um Lucys Schwangerschaft. Oder doch nicht?Die Nebenerzählungen sind eher Mittel zum Zweck – durch Dicks Raucherei im Sheriff’s Office wird die Sprinkleranlage aktiviert, die Leland in den Tod treibt – oder ergänzen das Gesamtbild der Twin Peaks-Gesellschaft. Warum bekommt Bob/Leland den Anfall, als die Anlage alles unter Wasser setzt? Vielleicht weil Bob hinaus, den Wirt verlassen will, denn Feuer wird mit Wasser gelöscht… Hier finden die zwei Symbole, die die Serie von Anfang an eingesetzt hat, zusammen: Feuer und Wasser, zwei Naturkräfte, die gleichzeitig Leben und Tod bringen können.

Nachdem Leland gestorben ist (er schlägt sich den Kopf an der Zellentür ein), fragen wir uns: Wo ist Bob jetzt? Wie geht es weiter?  Into the light, Leland, into the light… , hat Cooper dem Sterbenden gesagt (in einer groflartigen Darstellung von Kyle MacLachlan). Und die Episode endet lichtdurchflutet. Die Eule, umgeben von Licht, stürzt sich in unser Gesicht. Das Grausame daran: In diesem Moment sind wir eins mit Bob, der als freier Geist durch die Wälder irrt: die Kamera verschmilzt unseren Blick mit seiner Perspektive. Sind wir alle Bob? Irrt er – oder folgt er einer Richtung, will er zu einem bestimmten Ort? Erwartet uns Zuschauer ein noch gröfleres Mysterium, das uns noch tiefer in die Wälder des Unbewussten führen soll?

The Log Lady sagt in den DVD Specials:  So now the sadness comes. The revelation. There is a depression after an answer is given. It was almost fun not knowing. Yes, now we know. But there is still the question, why? And this question will go on and on until the final answer comes. Then the knowing is so full, there is no room for questions.

Twin Peaks: Drive with a Dead Girl (2×08)

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Drive with a Dead Girl  gehört definitiv Ray Wise. Dem Schauspieler gelingt es nach wie vor eine perfekte Balance zwischen dem Verstörenden und Humorvollen, wenn auch manchmal die Performance ins Overacting übergeht. Die Gespaltenheit von Leland Palmer wird in dieser Episode fast ins Unerträgliche – Monströse – gesteigert: David Lynchs Studie eines Mannes, der gegen die wichtigsten Gesetze der Natur und der Gesellschaft verstoflen hat, wird hier fortgesetzt. Im Spiegel sehen wir den Vater, den Mörder und den singenden Bürger aus Twin Peaks.

Und das Singen geht in Weinen über, genauso wie sich die Trauer danach in ein hämisches Grinsen verwandelt. Dieses Wechselbad der Gefühle ist es, was Cooper (Kyle MacLachlan) immer nachdenklicher stimmt. Er spürt, dass mit Leland etwas nicht in Ordnung ist, aber ihm wird der Blick in den Spiegel nicht gewährt. Wenn man so will, ist Cooper wie von einer Spiegelung geblendet, von der Tatsache, dass Leland Lauras (Sheryl Lee) Vater ist.

Da die Zuschauer jetzt wissen, dass Leland Bob ist, geht die Spannung etwas verloren, genauso wie die bisherige kriminalistische Zuschauerposition (Spuren mitverfolgen, Rätsel lösen, Detektivarbeit leisten); stattdessen verschiebt sich unsere Position hin zu einer weniger machtvollen und für das Horrorgenre typischen. Diese Position ist von Hilflosigkeit geprägt: wir wissen, wer der Mörder ist, haben aber keine Möglichkeit, unser Wissen den fiktionalen Figuren zur Verfügung zu stellen. Besonders spürbar wird das in der Szene, als Cooper und Harry im Hotel auf den singenden Leland treffen und ihm mitteilen, dass Ben wegen des Mordes an Laura verhaftet wurde. Leland geht aus dem Raum, biegt um die Ecke und verschwindet damit aus unserem und Coopers Blickfeld. Aber wir hören ihn. Weinen oder Lachen?

Als Cooper zu ihm geht, sehen wir aus Coopers Position Lelands Rücken, und alles klingt nach Weinen. Aber dann wechselt die Kamera ihre Position: nur wir Zuschauer können in Lelands Gesicht blicken, das von einem diabolischen Grinsen verzerrt wird. Dieses Grinsen wirkt wie eine visuelle Verdoppelung der Schleifen, die Leland mit seinem Auto fährt, so dass er fast in Cooper und Harry rast. Aber hier übersieht Cooper erneut Lelands Wunsch, entlarvt zu werden – und die Episode endet so, wie  Twin Peaks  anfing: Mit der aus dem Wasser gefischten toten Laura/Maddy – in Plastik gewickelt!

Twin Peaks: Lonely Souls (2×07)

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Wir haben schon darüber gesprochen, dass Bilder in  Twin Peaks  ständig wiederholt werden – aber während dessen erfahren sie eine Verschiebung: Bei jeder Wiederholung sind die Bilder doch nicht mehr dieselben, weil der Kontext der Beteiligten sich verändert hat. Genau hier liegt Coopers (Kyle MacLachlan) Problem – und er sieht es irgendwie, wird aber selbst von den Bildern und Ereignissen derartig überwältigt, dass er sich von ihrem Fluss in eine bestimmte Richtung treiben lässt: und die erweist sich als die falsche. Dadurch wird der Zuschauer als Spurenleser inszeniert und herausgefordert, an dem angebotenen Spiel teilzunehmen.

David Lynchs Aussagen hierzu zeigen, dass es ihm weniger darum ging, den Mörder zu entlarven, als das Spielchen mit Cooper und den Zuschauern weiter zu treiben. Das wiederum erschien jedoch ABC zu gefährlich. Wenn man sich aber einmal auf das Spiel mit dem Feuer eingelassen hat, dann muss man es auch zu Ende führen… Vermutlich wollte Lynch nicht einfach innerhalb der  Twin Peaks -Erzählung die Spuren auf eine Figur zurückführen, sondern die Bewegungen und die Verschiebungen thematisieren, die diesen Spuren zugrunde liegen. So wird der Zuschauer mit eingeschrieben, innerhalb des Rahmens seiner Zuschauererfahrung gedoppelt – so wie die Figuren gedoppelt werden.


Twin Peaks  präsentiert uns Gut und Böse als Teile desselben Mechanismus, die schwer voneinander zu trennen sind. Das eine mündet sozusagen in das andere ein, wobei das Böse immer den ersten Schritt oder den Anfang macht, wie es Milan Kundera in seinem “Buch vom Lachen und Vergessen” beschreibt: Er spricht von dem Erstarren des Engels, als er das Lachen des Teufels hört, weil dieses Lachen gegen Gott und sein Werk gerichtet ist. Der Engel war nicht imstande, selbst etwas zu erfinden, und deshalb ahmte er seinen Widersacher nach. Nur die Klangfarbe bezeichnete den Unterschied. In diesem Sinne spricht Kundera von zwei Arten des Lachens und von dem fehlenden Wort, um die beiden Phänomene voneinander zu unterscheiden.

Derjenige, der den Teufel als Vertreter des Bösen und den Engel als Kämpfer für das Gute betrachtet, übernimmt die Demagogie des Engels:  Es sind doch alles Bestien, Kassandra. Halb Bestien, halb Kinder. Sie werden ihren Begierden folgen, auch ohne uns. Muss man sich denen in den Weg stellen?  (Christa Wolf)Und so steht Leland Palmer (Ray Wise) zum Entsetzen der Zuschauer vor dem Spiegel und sieht darin Bob. Er steht vor seinem Spiegelbild und erblickt etwas Anderes – was er ist. Das “ist” ist hier quasi durchgestrichen – im Sinne des Philosophen Jacques Derrida: das “ist” kann nicht als Identitätszuschreibung aufrecht erhalten werden. In der Szene, als Leland/Bob brutal Maddy umbringt, wechseln die Bilder zwischen den beiden Identitäten; auch auditiv ist der Wechsel gekennzeichnet, indem Bobs Stimme verzerrt, verschoben zu hören ist. Die Klangfarbe bezeichnet den Unterschied.


It is happening, again. It is happening, again , sagt der Riese, der sich auf der Bühne (mit roten Vorhängen) im Roadhouse materialisiert. In seiner Stimme schwingt Unausweichlichkeit mit, die Cooper spürt und die ihn erstarren lässt. In diesem Moment realisiert er, dass er den falschen Spuren gefolgt ist. Davor lässt er Ben als den Mörder verhaften und wird von der Log Lady ins Roadhouse geführt, da sie dort Unheil vermutet. In dem Moment, als parallel zum Auftauchen des Riesen der Mord an Maddy geschieht, steht die Welt von Twin Peaks still; es scheint, als würde der Satz, den Smith vor seinem Selbstmord hinterlässt, auf alle Anwesenden zutreffen: Cooper, Harry, James, Bobby, Donna –  I’m a lonely soul.  Laura Palmers Mörder ist kein Geheimnis mehr. Zumindest nicht für die Zuschauer, während Cooper & Co. weiter im Dunkeln tappen.

Twin Peaks: Demons (2×06)

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Demons ‘ Vorspann ist der zweite in dieser Staffel, an dem Veränderungen vorgenommen wurden. In der allerersten Episode endet der Vorspann mit einem Bild von dem Flufl, der weiter nach rechts flieflt, aber es ist Nacht und das Wasser schwarz. Wir betrachten dieses Bild durch die überhängenden Baumäste. Das gleiche Bild ist in der zweiten Episode der Staffel als übergang von einer Szene zur anderen zu sehen. Nur diesmal flieflt das Wasser in die andere Richtung. Wie alles andere in  Twin Peaks  ist dieses Bild jedes Mal etwas verschoben, verändert, das Gleiche und doch nicht. In Demons’ Vorspann ist das Bild wieder da, aber reduziert auf seine Essenz: Schwarz und Weifl. Gut und Böse in einem Bild.

Es ist nicht nur effektvolles und mysteriöses Spiel, sondern ein Hinweis darauf, dass der Vorspann selbst die  Twin Peaks -Geschichte immer wieder erzählt. Von jeder Sache gibt es zwei und die Wiederholung ist nicht nur eine Erinnerung daran, sondern auch ein Hinweis auf den Kampf, der in den Wäldern von Twin Peaks tobt.
Da David Lynch die vielen Verdoppelungen und Spiegelbilder anscheinend nie genug sein können, erleben wir in dieser Episode zum ersten Mal den Auftritt von Coopers Vorgesetzten Gordon Cole, der von Lynch selbst gespielt wird.

Die Schwerhörigkeit von Cole sorgt nicht nur dafür, dass alle schreien müssen, was zu humorvollen Einlagen führt, sondern auch für Wiederholung. Cole wiederholt immer das Gesagte und somit haben wir nicht nur visuelle und auditive (die Musikthemen) Verdoppelungen, sondern auch rein sprachliche. Die Nachricht, die Cole mit sich bringt, ist aber eine in schriftlicher Form. Es handelt sich um einen eröffnenden Schachzug  P to K-4 , der laut Cooper (Kyle MacLachlan) von seinem ehemaligen Partner Windham Earle stammt.Trotz des Eintreffens von Cole, ist  Demons  die Episode der Abschiede.

Josie wird von ihrer Hong-Kong-Verbindung gezwungen, nach Hause zu fliegen. Falls sie bleibt, wird das auf Kosten von Harrys Leben sein. Auflerdem entscheidet sich Maddy, nach Hause zu fahren, und nimmt Abschied von James. Die Szene mit James am See ist sehr  unpassend ! Was meine ich damit? Das Vorspannthema, das wir so gut wie nie auflerhalb des Vorspanns gehört haben, untermalt das Treffen der beiden, das am helllichten Tag stattfindet. Solche Bilder mit gesättigten Farben sind eine absolute Seltenheit in der  Twin Peaks -Welt. Und was hier eine Seltenheit ist, ist ein Hinweis. Aber worauf?

Diese Szene ist nicht die einzige denkwürdige in dieser Episode. Zuerst sehen wir Leland (Ray Wise), der Ben in der Sache mit den neuen Investoren berät. Während die beiden reden, setzt sich Leland aufs Sofa, dann zeigt ihn die Kamera zentral im Bild. Trotzdem ist das Bild nicht  in Ordnung . Hinter seinem Rücken befindet sich ein ausgestopftes Tier, das genauso weifl ist wie Lelands Haar. Es entsteht der Eindruck, als würde das tote Tier ein Teil von ihm sein. Und Leland – immer noch mitten im Gespräch mit Ben – fängt an, Haare aus dem Tier zu rupfen, um sie anschlieflend in seine Brusttasche zu stopfen.

Immer wenn man denkt, dass Leland wieder er selbst ist, werden wir daran erinnert, dass mit ihm etwas nicht  in Ordnung  ist. Genauso wie bei dem Einarmigen, dem Cooper & Co. seine Medizin ( the man without chemicals ) nicht geben und der im Verhörraum nach einem heftigen Anfall ein anderes Selbst zeigt. Diese Persönlichkeit trägt den Namen Mike und spricht wie damals in Coopers Traum von seiner Verbindung zu Bob. Diesmal erfahren wir aber, warum wir Bob keiner Figur aus der  Twin Peaks -Welt zuordnen können. Bob ist ein Geist, der Besitz von Menschen ergreift, um sich von ihrer Angst zu ernähren. Als Geist kann er bei jedem Menschen zu Hause sein, denn jeder hat dunkle Geheimnisse, auf die sich Bob mit leuchtenden Augen wie die Eulen in der Dämmerung stürzen kann. Cooper ist derjenige, der Mikes Hinweise darauf, wo Bob jetzt ist, deutet:  The Great Northern Hotel.

Twin Peaks: The Orchid’s Curse (2×05)

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Ich frage mich, ob der Establishing Shot von The Great Northern in den ersten Sekunden die Sicht der Eulen spiegelt: anscheinend sind sie neutrale Beobachter oder vielleicht auch Boten. Welche Nachricht überbringen sie?  My special agent…  Manchmal muss man sich auf den Kopf stellen, um eine bessere Sicht auf die Dinge werfen zu können, um die Realität “in Fokus” zu bekommen – oder einfach, um einen Zettel unter dem Bett zu erblicken. Der Riese behält Recht damit, dass Cooper (Kyle MacLachlan) etwas übersehen hat.

Während seiner Kopfüber-übungen findet Cooper also Audreys (Sherilyn Fenn) Miteilung, dass sie in The One Eyed Jack sei.  The Orchid’s Curse  konzentriert sich hauptsächlich auf zwei Handlungsstränge: Coopers Rettungsaktion und Donnas Versuch, Lauras Tagebuch zu entwenden. Vielleicht erscheint sie deswegen im Vergleich zu früheren Episoden ein wenig eintönig. Aber die Eule, die wieder in Nahaufnahme zu sehen ist und für einen Moment mit Cooper gleichsam einen Blick wechselt, lässt uns fokussiert bleiben: Nicht alles ist das, was es zu sein scheint.
 Are you looking for secrets? Is that what this is all about?

Harold Smith, der als eine Art Archivar der Twin Peaks-Geschichten präsentiert wird – auch Donnas Geschichte beginnt er niederzuschreiben -, verzweifelt an der menschlichen Gier nach Geschichten Anderer, nach Antworten auf jede Frage. Vielleicht fungiert Smith als Lynchs metaphorischer Platzhalter und reflektiert dessen Haltung gegenüber dem Druck des Networks, Lauras Mörder zu präsentieren…

Als Smith herausfindet, dass Donna mit ihm spielt und nur das Tagebuch will, scheint er Maddy (die Donna hilft) und Donna mit einer Gartenkralle zu bedrohen. Das Bild ist nach rechts gekippt, so dass sein Kopf in der oberen rechten Ecke den Anfang der Diagonale bildet – und plötzlich beginnt er, sein eigenes Gesicht blutig zu kratzen (von links nach rechts).

Coopers und Harrys Rettungsaktion wartet nicht mit so verstörenden Bildern auf, aber dafür verlieren manche ihr Leben…

Twin Peaks: Laura’s Secret Diary (2×04)

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Laura’s Secret Diary  hat, meiner Meinung nach, zwei Stimmungsebenen, die natürlich miteinander verbunden sind: Das Echo unvorstellbarer Trauer und das Bedürfnis nach Geborgenheit. Beide Ebenen sind sowohl visuell als auch auditiv seit der ersten Sekunde vertreten. Warum sage ich Echo? Weil die komplette erste Szene, vor allem durch die Leistung von Ray Wise als Leland Palmer, nicht nur ein Echo des Gefühls darstellt, das die Twin Peaks Bewohner seit Lauras Tod heimsucht, sondern auch ein Echo von Lelands Tat ist. Und letztendlich erscheint Leland als Echo seines Selbsts:  Have you ever experienced absolute loss? No, more than grief. It’s deep down inside. Every cell screams. You can hear nothing else.

Der Schmerz ist so laut, dass man nichts mehr hört. Aber wir hören das Geräusch der Nulllinie auf dem Herzmonitor, übertönt von Frauenschreien. Alles ist dunkel, trotzdem durch die hell werdenden Bildränder bekommt man den Eindruck, dass die Kamera zurückfährt und das tut sie tatsächlich. Sie kommt aus einem Loch heraus und wir sehen eine braune Oberfläche, die mit ähnlichen Löchern übersät ist. Dann erfahren wir, dass dieser Blickpunkt, in den wir versetzt wurden, der von Leland Palmer ist.

Die Löcher sind Lüftungslöcher in der Wand des Verhörzimmers, in dem sich Leland zusammen mit Cooper (Kyle MacLachlan), Harry und Dr. Hayward befindet. Nicht nur erinnert die Geräuschkulisse an Renaults Mord, den Leland in dieser Szene gesteht, sondern sie ist das Echo von Lelands Worten. Der Soundtrack ist wie die Begleitmusik auf der Reise durch Lelands Welt des Schmerzes. Gleichzeitig verweist die Nahaufnahme der durchlöcherten Wand auf die  Twin Peaks -Oberfläche, die nach Lauras Tod zu zerbröckeln begann. Es ist so, als würde man uns mit jedem Handlungsstrang einen Blick in eines der Löcher gewähren und dann vor dem Gesehenen zurückschrecken.

Laura’s Secret Diary  ist eigentlich eine ruhige Episode, in der nicht wirklich viel passiert – bis auf Josies Rückkehr. Es stellt sich die Frage, ob die Hong-Kong-Mafia, in die Josie anscheinend involviert ist, Benjamin Horns Herrschaft beenden will? Auf jeden Fall wüten jetzt auch andere Kräfte in Twin Peaks, was Hank am eigenen Leib zu spüren bekommt. Genauso wie der Sturm über Twin Peaks wütet und die Handlung in die Innenräume zwingt, wo sie eigentlich – im metaphorischen Sinne – schon zu Hause ist. Wenn ich mich nicht täusche, regnet es in Twin Peaks das erste Mal seit Lauras Tod.

Das Blau der Blitze – sonst nur in Normas und Hanks Kleidung zu finden – versucht einzudringen, das weiche Licht der Innenräume zu übertonen und das Rauschen der Bäume weist auf die immer wieder auf Rot wechselnde Ampel hin. Wir haben häufig die Bildreihenfolge mit den Bäumen und der Ampel. Diese Episode ist eine der Sinneswahrnehmungen und der Emotionen, und nicht so sehr eine handlungsreiche. Eine andere Szene aus der Mitte der Episode liefert die beste Beschreibung: Donna besucht wieder einmal Smith und während des improvisierten Picknicks in seiner Wohnung liest er aus Lauras Tagebuch, das er sich dem Sheriff auszuliefern, weigert.

In dieser Szene spürt man Donnas Bedürfnis nach Geborgenheit, danach, aufgefangen zu werden. Nach dem traumatischen Tod ihrer Freundin und nachdem sie nicht mehr James Arme zum Trost hat, ist sie ganz allein, so wie Laura. Der Sturm drauflen wütet weiter und zwingt alle Figuren in dieser Episode über ihre Einsamkeit nachzudenken.

Twin Peaks: The Man Behind the Glass (2×03)

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You’re dead, Laura, but your problems keep hanging around. It’s almost like they didn’t bury you deep enough , sagt Donna zu Lauras Grabstein gegen Ende der Episode, in der sie erleben muss, wie nah sich Maddy und James gekommen sind. Der Tod von Laura ist wie das öffnen von Pandoras Box. Es ist so, als hätte Laura mit ihrer hellen und ihrer dunklen Seite für den Zusammenhalt von  Twin Peaks  gesorgt und jetzt fällt die Welt der Kleinstadt auseinander. Und alle Beteiligten, die sie wieder in Ordnung bringen wollen, übersehen die Tatsache, dass sie nie heil war. Im Grunde genommen verzweifelte Laura an dem Unvermögen oder Unwillen ihrer Mitmenschen, die Probleme zu sehen und etwas zu verändern.

Die Eröffnungskamerafahrt in  The man Behind the Glass  könnte man als eine metaphorische Beschreibung dieser Tatsache sehen. Wir befinden uns in Pulaskis Zimmer und während sie im Zentrum des Bildes wütet und alle damit beschäftigt sind, sie ruhig zu stellen, bewegt sich die Kamera entlang der Wänden. Während dieser schnittlosen Sequenz macht die Kamera eine fast komplette 360-Grad-Drehung und zeigt alles, was sich im Zimmer befindet – bis auf das Epizentrum selbst, bis auf Pulaski. So entsteht eine Dissonanz zwischen Hören und Sehen, aber auch zwischen Sehen und Wissen. Die Kamera macht an der Tür halt und Cooper (Kyle MacLachlan) kommt herein. Dann erfolgt ein Close-Up von Pulaskis Hand und Cooper holt ein Papierstück unter ihrem Fingernagel heraus.

Der Buchstabe B wird auf eine Slow Motion Aufnahme von Ronettes Schrei projeziert. Schnitt und unser Blick verschmilzt mit dem eines Unbekannten, der durch die Rollladenschlitzen Donna beobachtet. Es ist die Position von Harold Smith, in der wir uns befanden. Smith ist ein Freund von Laura, der seine Wohnung nicht verlasen kann. Bei Donnas Besuch erfolgt eine typische  Twin Peaks -Aufnahme, in der beide links und rechts auf dem Sofa sitzen und miteinander reden. Die weiche, beklemmende Beleuchtung unterstreicht die Tatsache, dass Smith in einer eigenen separaten ab- und ausgeschlossenen Welt lebt. Hat der einzige Mensch, der von der Twin Peaks-Welt wie wir sie kennen, getrennt lebt, die von Donna gesuchte Antwort? Am Ende macht sie eine erstaunliche Entdeckung in Smiths Wohnung.

Wir sehen ein Close-Up von einer Buchseite und darauf steht:  This ist the diary of Laura Palmer.  Ein zweites Tagebuch?Und das zweite Rätsel, das der Riese Cooper stellte, wird auch aufgelöst. Der Einarmige (Mike aus Coopers Traum) ist  the man without chemicals , der anscheinend nicht nur auf dem Bild in Harrys Office Bob erkennt, sondern auch hinter ihm her ist:  Bob, I know you’re near. I’m after you now!


You wanna play with fire, little boy?  Laut Leland (Ray Wise) ist dass der Satz, den Bob als Leland noch ein kleiner Junge war, zu ihm sprach. Wir erinnern uns, dass Laura dasselbe zu James gesagt hat. Auf diese Art und Weise wird eine Verbindung zwischen Vater, Tochter und dem mysteriösen Bob hergestellt.

Welche Verbindung mit dem Verlauf der Handlung Nadines Superkräfte und Lucys Date Dick Tremayne (Ian Buchanan) , von dem sie vermutlich schwanger ist, haben, bleibt immer noch ein Rätsel. Jacques Renaults Mörder ist kein Geheimnis mehr, denn unter Hypnose deutet Jacoby auf Leland Palmer hin und am Ende der Episode wird er von Harry und Cooper verhaftet. Während dessen erfahren wir, dass Blackie eine Schwester hat und zusammen mit ihr und Jacques Bruder Audrey gefangen hält, unter Drogen setzen und ihren Vater erpressen wollen.

Der Wind unter Twin Peaks Mond lässt weiterhin die Bäume sich bedrohlich neigen, während die Eule, die den Bildschirm ausfüllt, den Kopf nach links und rechts dreht.