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Alcatraz: Kit Nelson (1×03)

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Der nächste dunkle Schatten der Vergangenheit fällt über das Alcatraz-Team ein, und dieses Mal ist die Situation Dr. Soto leider vertraut.

Obwohl der Showdown am Ende im strömenden Regen stattfindet, ist diese Episode ziemlich trocken. Das betrifft nicht nur den Inhalt von Kit Nelson, sondern auch – mit wenigen Ausnahmen – die Performance der Beteiligten und den Fortgang der Erzählung. Die dritte Alcatraz-Episode zeigt sehr deutlich, welche Gefahren der neuen FOX-Serie drohen, genauer gesagt: der Qualität ihrer Erzählung. Ich weiß, es ist sehr früh, um Alarm zu schlagen; die Anmerkungen in diesem Review sollten also als leicht erhobener Zeigefinger betrachtet werden! Im Sinne des Überlebens der Serie ist es vermutlich das Richtige, alles simpel zu handhaben und das Dramaturgie-Schema aus Fall der Woche plus Mystery-Prise beizubehalten, bis man irgendwann den großen Gegner eingeführt hat. Aber so wird Alcatraz über eine Serie zum Nebenbeischauen nicht hinauskommen.

Das ist an sich nicht schlimm, und ich würde mich nicht gleich auf dem Absatz umdrehen und die Gegenrichtung einschlagen wollen. Nach wie vor erscheint mir die Prämisse viel versprechend – aber an der Umsetzung muss gearbeitet werden, damit die Möglichkeit, eine interessante Geschichte auch interessant zu erzählen, nicht flöten geht. Im Moment wirkt alles zu schematisch, man empfindet kein Mit-Gefühl für die erzählte Welt. Wir beobachten die meiste Zeit Darsteller, die ihre Rollen spielen und ihren Text hersagen – und nicht Figuren, die in dieser Welt leben. Ausgehend von der Prämisse der Erzählung klingt die Bemerkung ironisch, aber Alcatraz wirkt… menschenleer. So, als würden Figuren und ihre Emotionen mit solchem Nachdruck dargestellt, dass uns – einfach nichts zu tun bliebe. Die Serie übernimmt alles für uns! Hier ist Dr. Soto, das ist seine Geschichte… Obwohl: die kann warten. Vielleicht später.

Das Musikthema wechselt und zwingt uns zum nächsten Gefühl. Mich stört die Art, wie Alcatraz bei uns Zuschauern das emotionale Mitfiebern zu erzwingen versucht. Oft geschieht das mit Hilfe des Scores, dessen Lautstärke die Produzenten offenbar immer mehr aufdrehen. Ich mag Celli sehr, aber uns wirklich bei jedem Blick und jeder vermeintlichen Gefühlsregung mit Streicher-Sound zu bombardieren, um diese Regung zu betonen, wirkt völlig übertrieben und erreicht – zumindest bei mir – den gegenteiligen Effekt. Warum man so sehr „hört“? Vielleicht weil man zu wenig „sieht“? Vor allem von den Darstellern und von den Details der handlungsübergreifenden Erzählung. Kit Nelson kann am besten mit den eigenen „Waffen“ beschrieben werden: Ein paar Mal kann die Episode zünden, aber die Flamme brennt nicht lange genug, um etwas wirklich zu beleuchten. Das Auftauchen eines der verschwundenen Gefangenen bringt keine neuen Erkenntnisse – weder über die Geschichte noch über die Alcatraz-Welt. Ein Kindermörder aus den 60er Jahren namens Kit Nelson (sehr gut in der Rolle: Michael Eklund, Fringe) taucht auf, setzt seine grausamen Taten fort, wird vom Team erledigt und wandert in das neue Gefängnis, nur diesmal als Leiche. Vielleicht, damit man uns den berüchtigten Dr. Beauregard vorstellen darf?

Ausgehend von seinem Tanz am Ende der Episode dürfen wir uns fragen, ob er die Funktion des Zwerges aus Twin Peaks übernehmen wird: der Mann von einem anderen Ort. Beauregard hat sich, ebenso wie Lucy, äußerlich seit 1960 nicht verändert. Heißt das, es gibt unter den Verschwundenen zwei Gruppen: die Insassen und das Gefängnispersonal – und beide kommen zurück in die Gegenwart / Zukunft? Die Flashbacks aus Nelsons Gefängniszeit sind, zusammen mit ein paar Dr.-Soto-Szenen, das Beste, was diese Episode zu bieten hat. Nicht nur ließ damals Warden James zu, dass die anderen Gefangenen Nelson halbtot prügelten, wie es sich für einen Kindermörder gehört, sondern er erzwang von ihm das Geständnis, dass Nelson als Kind den eigenen Bruder tötete. Die Verbindung zur Gegenwart und zu der Erkenntnis, warum und wie Nelson funktioniert, kann nicht überraschen, falls sie das sollte.

Aber das ändert nichts an der Intensität der James-Nelson-Szene im Dunkeln mit den Streichhölzern. Mich beschäftigt die Frage, was Nelsons Auftrag in der Gegenwart war. Oder kam er nur zurück, um weiterzumachen? Gibt es Unterschiede zwischen den Rückkehrern – und wenn ja, warum? Wir erfahren, dass auch Soto eine dunkle Vergangenheit besitzt, die den Erfahrungen des entführten Jungen ähnelt. Warum aber seine Obsession ausgerechnet mit Alcatraz? In einer innigen Szene am Ende spricht er mit Dylan über die Flucht vor der Vergangenheit, darüber, sich von ihr befreien zu können. Aber wenn sie einen trotzdem heimsucht?

Wie viele Streichhölzer wird Alcatraz brauchen, um die Wahrheit zu erzählen? Wie viel ist die Serie dafür bereit zu riskieren, ohne sich die Finger zu verbrennen oder aber zu lange im Dunkeln zu tappen? Wird sie den Balanceakt zwischen Pflicht-der-Woche und einer tiefer gehenden Erzählung meistern können? Weiterschauen und abwarten.

Alcatraz: Ernest Cobb (1×02)

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Rebecca und Soto haben kaum Zeit, sich an den neuen Job zu gewöhnen, bevor der nächste Gefangene auftaucht. Verfolgt er ein bestimmtes Ziel? Und wenn ja, wer gab ihm den Auftrag?

Alcatraz hält mit dieser zweiten Episode das Versprechen der ersten. Massenmörder und Scharfschütze Ernest Cobb hält zwar als nächster Insasse zugleich als Fall der Woche her, aber sein Eintreffen deckt andere überraschende Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auf und stellt die Frage, wie unterschiedlich man Entfernung wahrnehmen kann. Ob jemand uns nah steht oder fern, entscheiden wir nach Gefühl und nach Erfahrung. Aus diesem Grund wird oft über direkten und indirekten Kontakt gesprochen. In der zweiten Episode geht es darum, Menschen von sich fernzuhalten bzw. ihnen näher zu kommen. Die Serie thematisiert das anhand der Beziehungen zwischen den Figuren, aber auch anhand des Falls der Woche. Ernest Cobb konfrontiert uns als Gefangener aus dem Titel mit dem Gefängnisdirektor des Jahres 1960, Edwin James.

Genauso wie Tiller einen „Lieblingsgefangenen“ in Sylvain hatte, ist Cobbs James’ Zielscheibe. Und für den schmächtigen Brillenträger, der sich nichts auf der Welt mehr wünscht als Stille und Alleinsein, sind alle Menschen Zielscheiben. Tötet er, um sie alle zum Schweigen zu bringen – daher die scheinbare Wahllosigkeit im Kern des Aktes? Aber in Alcatraz’ Universum ist nichts zufällig und keine Tat wahllos, auch wenn man selbst noch nichts darüber weiß. Qua Lügendetektor überzeugt Sylvian Houser und Lucy im Verhör davon, dass er nicht weiß, was mit ihm geschah und warum er alles Andere tat – bis auf Tillers Ermordung. Kann er sich aber an Cobb erinnern? In einer der Cobb-Rückblenden sehen wir die Szene mit Sylvain, als er nach dem Gespräch mit seiner Frau ausrastet, mit Cobbs Augen: aus einer anderen Perspektive, aus der Distanz. Cobb tötet auch aus Distanz. Er kommt seinen Opfern nicht zu nahe. Die bunten Farben, die sein gegenwärtiges Erscheinen begleiten, wenn er vor den Morden picknickt,  verleihen den Szenen eine gewisse Unnatürlichkeit; sie erscheinen wie Traumsequenzen, bis der erste Schuss fällt.

Da wir hier über Distanz und Nähe sprechen, muss erwähnt werden, dass Ernest Cobb mit seinen Morden pro 44 Minuten vermutlich in die Network-Geschichte eingehen wird! Vielleicht wird das Ganze ja als Network-tauglich eingestuft, da die Morde schließlich in-direkt ausgeführt werden: von einem Scharfschützen, aus der Distanz… In den Flashbacks stuft der Gefängnisdirektor Cobb als einen Fall ein, an dessen Gehirn Experimente durchgeführt werden können. Den Raum betritt dann Dr. Sengupta, die wir in der Gegenwart bereits als Housers Assistentin (und vielleicht mehr als das?) Lucy Banerjee kennengelernt haben. Also ist Cobbs Auftritt auch kein Zufall: Abgesehen von seinen drei Dreier-Morden schießt er nämlich Lucy nieder, als sie, Madsen und Soto seinen Spuren folgen. Lucy fällt ins Koma, und als Madsen Houser konfrontiert, schreit er ironischerweise: Stop… talking! Genau das schreit Cobbs, als er von seinem gesprächigen Zellennachbarn belästigt wird. Cobb selbst flüstert vor jedem Schuss die gleichen Sätze und Zahlen – 47 Latten in dem Zaun. Dann fängt er an zu zählen, von 1 bis 3. Bei jeder Mordserie erledigt er drei Menschen und zwei Krähen (oder auch 3 und 2?).

Cobbs Morde verlaufen nur teilweise zufällig, wie Madsen erfährt: Hinter ihnen verbirgt sich der Wunsch, immer wieder seine Schwester zu töten, das Mädchen, das von Cobbs Mutter groß gezogen wurde, die zugleich Cobb ablehnte, ihn allein ließ. Allein. Am Ende der Episode ist jede/r der Beteiligten mit sich allein: Hauser (Sam Neill) mit seiner Trauer um Lucy (Parminder Nagra) und Soto (Jorge Garcia) mit seinem Zweifel an dem Job. Madsen (Sarah Jones) scheint am wenigsten emotional involviert zu sein; von ihr bekommen wir zwar nur Procedural-Floskeln (It comes with the job etc.) zu hören, aber vielleicht ist dies die Distanz, die uns auf die richtige Spur bringt? Oder doch die Nähe? Als sie sich mehrere Stunden in Cobbs alter Zelle aufhält, kommt sie ihm nah: seiner Sicht der Welt, seiner Perspektive; diese Erfahrung führt sie direkt zu ihm, zum direkten Kontakt. Genau das erzählt Alcatraz in den ersten zwei Episoden: dass Verbindungen überall möglich sind, dass Distanz, ob zeitlich oder räumlich, sie nicht verhindern kann. Die Spannung ergibt sich aus den Variablen – und aus diesem Grund dürfen wir uns auf die nächste Episode freuen.

Alcatraz: Review der Pilotenepisode (1×01)

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Detective Rebecca Madsen sieht sich plötzlich mit einem ungewöhnlichen Fall konfrontiert, der sie zurückführt in die lange Geschichte des US-Gefängnisses Alcatraz und erschreckende Details ans Licht bringt. Ihre eigene Familie ist stärker in die Ereignisse verwickelt, als Madsen vermutet hätte.

Kann man verschwinden? Spurlos ausradiert werden aus Raum und Zeit? Oder ist man dann immer noch da, nur außerhalb einer Welt, so dass man sie außen beobachten, einschätzen, objektiv bewerten kann? Das würde heißen, die eigenen Gefühle und Emotionen ausschalten zu können. Eigentlich ist dies das Problem, mit dem man hadert: Egal, wie weit man durch Raum und Zeit reisen mag – das Herz kann nicht zurückgelassen werden. Es folgt – und ihm wird gefolgt. Die Universen, die J.J. Abrams und seinen Autoren bis jetzt aus der Feder flossen (wobei Abrams, abgesehen vielleicht von einer Initialzündung, meistens nur als Label fungiert), scheinen nicht so sehr Physik zum Kern zu haben, sondern das menschliche Herz.

Das beste und chronologisch passende Beispiel wäre natürlich Fringe: Peters (Joshua Jackson) Verschwinden aus Zeit und Raum, das zum Überschreiben der Zeit führt. Aber Peter kehrt zurück, und diese Rückkehr wirft alles aus dem Gleichgewicht. Obwohl sich Alcatraz auf einer Insel befindet, was sofort Lost in Erinnerung ruft, scheinen die neue FOX-Serie und Fringe auf den ersten Blick Einiges gemeinsam zu haben, vor allem dramaturgisch. Auch Fringe begann als Mischung aus Procedural und mystisch-phantastischen Elementen, um sich nach und nach eine mehrschichtige Mythologie aufzubauen, in der alles mit allem in Verbindung steht, in der nichts wirklich verschwindet und nichts vergessen wird. Ein Wärter betont: No one forgets in Alcatraz. Während wir zum Auftakt der Serie Bilder aus dem Jahr 1963 sehen, erzählt uns eine männliche Stimme, dass das Schließen des berühmten Gefängnisses in diesem Jahr und der Transfer der Gefangenen nicht so ablief, wie es dokumentiert wurde. Not at all! Die 256 Gefangenen und 46 Wärter verschwanden plötzlich.

Aber nur wir Zuschauer werden vorerst mit diesem Mehr-Wissen ausgestattet – und nicht Detective Rebecca Madsen (Sarah Jones, Sons of Anarchy), die 49 Jahre später in San Francisco ihrem Job nachgeht und auf tragische Weise ihren Partner verloren hat, während einer Verfolgungsjagd. Doch die Serie scheint es kaum abwarten zu können, ins mythologische Wasser zu springen und uns in den 44 Minuten Laufzeit des Piloten eine Menge zu erzählen. Ich werde versuchen, in den Reviews zu Alcatraz stets die Zahlen als Nummern zu schreiben, um vielleicht die eine oder andere Assoziation zu provozieren… oder sogar eine versteckte Erzählung innerhalb der Erzählung zu finden? Die nämlich gibt es immer, und das betrifft nicht nur Abrams-Produktionen. Jede Geschichte hat zwei Seiten, wie eine Procedural-Floskel besagt. Nun: auch wenn sich diese zwei Seiten meist als einem Möbiusband zugehörig erweisen und zum selben Ergebnis führen, verändert sich doch der durch die Geschichte Reisende. Man kann behaupten, dass der Alcatraz-Pilot es dem Zuschauer leicht macht, den Ereignissen zu folgen und damit einen Sinn für die Geschichte zu entwickeln. Die Mischung aus Fragen und Antworten ist genau richtig, um die Initialzündung beim Publikum zu erzeugen – FOX könnte also mit dieser neuen Serie endlich die richtigen Zahlen schreiben! Wobei es natürlich ziemlich lustig wäre, wenn die Ratings die Zahl 8 enthielten. Denn die spielt eine prominente Rolle in der Pilotepisode… Aber so weit hat uns die Alcatraz-Fähre noch nicht getragen. Und die Fahrt ist nicht so ungefährlich, wie die Touristen glauben, die den Felsen in der San Francisco Bay besuchen.

Denn auf dem Weg vom Gefängnis in die Stadt sehen wir einen gewissen Jack Sylvane (Jeffrey Pierce), den ein junges Mädchen aus der Touristengruppe in einer Zelle entdeckt. Der scheinbare Obdachlose ist keiner: Er lebt hier rechtmäßig! Der Mann ist ein Gefängnisinsasse, der nach all den Jahren plötzlich auftaucht, nicht gealtert zu sein scheint und… einen Mordzug beginnt. Das erste Opfer: der damalige Gefängnisdirektor-Assistent E.B. Tiller. Den Tatort übernimmt FBI-Agent Emerson Hauser (Sam Neill). Madsen – gemäß ihrer typischen Procedural-Figurenbeschreibung: Cop-Familie, tote Eltern, dunkle Familienvergangenheit, Workaholic, sich an allem die Schuld gebend etc. – lässt sich nicht so leicht abspeisen und fängt eine Untersuchung an, nur um herauszufinden, dass Sylvanes Fingerabdrücke am Tatort zu finden sind: Abdrücke eines Mannes, der vor 30 Jahren gestorben sein soll.

Expertenhilfe holt sich Madsen von dem Alcatraz-Spezialisten und Comicbuchladenbetreiber Dr. Diego “Doc” Soto (Jorge Garcia, Lost). Währenddessen sehen wir in Flashbacks, welche Qualen Tiller Sylvane damals erleiden ließ. Nummer 2024 (Sylvaine) befindet sich auf der Alcatraz-Krankenstation, als ihm Insasse Nummer 2002 – hinter einem Vorhang nur als Silhouette zu sehen – sagt, dass bald etwas Schlimmes geschehen würde. Diese Rückblenden finde ich angemessen, denn nicht nur kreieren sie eine komplizierte Gefühlslage – wir entwickeln Sympathie für Sylvaine, aber seine gegenwärtigen Handlungen stehen dem krass entgegen -, sondern sie liefern stets ein Stück der Geschichte dieser Welt. Madsen und Soto, die als ungleiches Paar aus der Spurensuche sehr gut funktionieren, versuchen Alcatraz’ Archiven mehr Informationen zu entnehmen – nur um zu erfahren, dass das alte Gebäude bei weitem nicht völlig verlassen ist.

Hauser führt dort eine Spezialeinheit, bestehend bisher nur aus Lucy Banerjee (Parminder Nagra), die sich mit den Ereignissen beschäftigt: mit Verschwinden und Zurückkehren, mit Vergessen und Erinnern. Welcome to Alcatraz, sagt Hauser zu Madsen und Soto, aber auch gleichzeitig zu uns Zuschauern. Wir schreiben die 22ste Minute, exakt die Hälfte der Episode. Madsens Ziehvater (Robert Forster), ein ehemaliger Alcatraz-Wärter, rät ihr von der Sache ab. Auch Madsens Großvater war Wärter – zumindest glaubte Madsen das bisher; nun aber findet sie heraus, dass er damals einsaß und für den Tod ihres Partners die Verantwortung trägt. Die Verschollenen kehren also zurück, wie Hauser erklärt, und bringen nicht nur unvergessene Emotionen mit sich, sondern auch einen Auftrag. Sylvaine tötet zwar Tiller aus Hass – aber er tötet dann auch einen gewissen Flynn, der in keinerlei Verbindung zu ihm selbst steht, um einen großen Schlüssel zu holen. Übrigens: die Waffe holt er sich aus einem Schließfach, dessen Schlüssel wiederum die Zahl 8 trägt…

Als Madsen und Houser Sylvaine erwischen, erzählt er, dass die Sache mit Flynn ein Auftrag gewesen sei. Aber von wem? Und wo hielt sich Sylvaine all die Jahre auf? Außerhalb der Zeit? Am Ende sehen wir, wohin er kommt: unter die Erde, in eine Nachbildung des Alcatraz-Zellenblocks tief in den Wäldern, wohin ihn Hauser – ohne das Wissen seines neuen Teams – führt. Welcome home, Jack. E.B. Tiller was my friend… Not to worry, Jack. You won’t be lonesome long. Noch 255 Gefangenen und 46 Wärter werden laut Hauser kommen. Wenn Alcatraz die Mischung weiterhin ausbalancieren kann und die Hauptfiguren die Sympathie der Zuschauer gewinnen, könnte die Serie die nötige Episodenzahl bekommen.

Fringe: Everything In Its Right Place (4×17)

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Wie kommt man aus einem Labyrinth hinaus – bzw. findet in sein Zentrum? Vor ein paar Jahren erklärte Tim McManus, eine prominente Figur aus HBOs Drama-Serie Oz, dass man sich nur mit einer Hand an der Wand entlangtasten müsse, um irgendwann ins Freie zu kommen. Was aber, wenn ein Labyrinth keine Wände hat – so wie “The Maze”, das McManus auf den Boden des Gefängnisses malte? Oder wie dasjenige, das an einem gewissen Armband zu sehen ist, welches Lincolns durch die Shapeshifter getötetem Partner gehörte? Woran soll man sich halten, wenn sich der Irrweg im eigenen Kopf, gar im eigenen Herzen befindet? Eigentlich sind solche Labyrinthe dazu gedacht, meditative Wirkung zu entfalten; sie sollen dabei helfen, zu einer Antwort oder überhaupt  zu sich selbst zu finden. Keeps you from floating away, wie Lincoln es ausdrückt. Oft liegt das Problem gar nicht in der konkreten Frage, vor der man steht – und erst recht nicht in der Gefahr, keine zufrieden stellende Antwort zu finden. Nein, das Problem liegt dazwischen. Es besteht darin, davonzuschwimmen, sich treiben zu lassen: Wenn das geschieht, beraubt man sich selbst der Möglichkeit, Land zu finden, aufs Trockene zu kommen, Wurzeln zu fassen.

Das Zuhause – das Herz: Fringe hat uns gelehrt, dass diese beiden nicht nur als Worte, sondern auch als Inhalte äußerst fragil sind, aber zugleich die einzigen verlässlichen Wände im Labyrinth unseres Daseins darstellen. So dass man vom Herzen zum Zuhause gelangen kann, indem man beides verbindet – indem man etwa ein Blatt Papier mit zwei Punkten (warum nicht einem roten und einem blauen?) so an den Rändern zusammenfaltet, dass die Punkte zusammenfallen. Dabei entsteht nicht unbedingt etwas Neues, sondern es kommt etwas zusammen, was sowieso zusammen gehört hat. Wie findet man aber heraus, wohin man gehört – oder zu wem? Nachdem Olivia (Anna Torv), Peter (Joshua Jackson), Astrid, Walter (John Noble) und Jean (die Walter und Peter mit FBI-Cap und -Überwurf zum Ausgang vorbereiten, um sie von ihrer angeblichen Depression zu befreien) als perfekte Familie zusammengefunden hatten, merkte man schon in der letzten Episode, dass Lincoln Lee außen vor steht, dass er nicht richtig dazu gehört bzw. dazugehören kann: Es gibt keinen Platz mehr für ihn. Der Wunsch der Fringe-Fans, mehr von Lincoln zu sehen, wird mit dieser neuen Episode erhört, indem man die in der letzten Episode eingefädelte Handlung weiterführt. Lincoln fühlt sich nicht am richtigen Platz, nicht gebraucht, nicht vermisst. Er überzeugt Broyles, an Astrids Statt ihn nach drüben gehen und mit dem “roten” Fringe-Team zusammenarbeiten zu lassen. Man sieht und fühlt buchstäblich, wie sich Lincoln im Labyrinth voranbewegt, Kurve für Kurve. Als er mit Fauxlivia Details des Falles besprechen will, meldet sich “der Fall” selbst: Mehrere Kriminelle wurden in letzter Zeit von einem Unbekannten getötet, und mit Hilfe ‚unseres‘ Lincoln gelangt das Team – trotz Rot-Broyles‘ Bemühungen, es zu vertuschen – zu der erschreckenden Enthüllung, dass es sich bei dem Mörder um einen Shapeshifter handelt. Die Verfolgungsjagd beginnt – und man kann wirklich behaupten, dass Welt-2 immer für Actionsequenzen gut ist! Während in Welt-1 mehr nachgedacht wird, wird in Welt-2 mehr gehandelt. Alles verläuft schneller. Natürlich wissen wir, dass auch andere Unterschiede existieren, wie zum Beispiel die Superhelden-Figur Mantis anstatt Batman. Allen Unterschieden zum Trotz jedoch können Welten zusammengehören, ohne einander zu überlappen oder gar auszuradieren. Rot und Blau können zusammentreffen und, wie die Farbe Lila, etwas Neues entstehen lassen – neue Partnerschaften, neue Zeiten, neue Wände im Labyrinth jedes Einzelnen. Herz-Wände: erinnert ihr euch noch an Paul Celans Gedicht, über das wir bezüglich Fringe schon einmal sprachen?

Denn – und hier visiere ich Lincoln an – man kann eine neue Wand finden, wo man bisher eine vermisst hat. Wenn wir auf das metaphorische Blatt mit dem roten und dem blauen Punkt vom Anfang des Artikels zurückkommen wollen, dann können wir behaupten, dass die Brücke, die die Welten zueinander aufgebaut haben, ein solches Zusammenfalten darstellt – denn tatsächlich: „Our world is healing“, sagt Walternate auf dem Bildschirm in Fauxlivias Auto; mehr und mehr mit Amber versiegelte Areale in Welt-2 können wieder geöffnet werden. Für die Menschen hier sind die Agenten aus Welt-1 Helden, während sie in der eigenen Welt mehr oder weniger heimlich, beinahe unsichtbar existieren. Vor solche Unsichtbarkeit sah sich auch ein gewisser Canaan gestellt, der jetzt als Shapeshifter herumgeistert und auf die Erfüllung von Jones‘ Versprechen wartet, ihn wieder “heil” zu machen. Canaan: Kaum vorstellbar, dass Fringe diesen Namen zufällig gewählt hätte. Viel zu dicht liegen in ihm – historisch-biblisch sowie etymologisch – Sehnsucht nach dem Gelobten Land (dem Zuhause!), Niedergeschlagenheit sowie die Farbe Lila – Rot und Blau – beieinander… Nachdem das Fringe-Team Canaan verhaftet hat, erzählt er Lee-1 von dem Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht aus dem Labyrinth herauszukommen, kein Zuhause zu finden. An diesem Punkt kehrt Fringe zurück zu der Frage, ob es nicht die kleinen Entscheidungen sind, die kleinen Schritte, die uns definieren und gleichzeitig voneinander unterscheiden. Das mehrmals wieder aufgenommene Gespräch zwischen den beiden Lees darüber, wie gleich ihr Leben verlief und wie unterschiedlich sie dennoch geworden sind – teilweise mit Fauxlivias Hilfe amüsant in Szene gesetzt -, unterstützt diese Fragestellung. Die Lincolns können ihr Gespräch nicht zu Ende führen, denn auf Broyles-2s Befehl versucht ein Scharfschütze, den Shapeshifter zu töten. Er trifft Lee-2 – tödlich, wie sich später herausstellt.  Ein hoher Preis dafür, an Nina heranzukommen? Denn mit Canaans Hilfe wird ihr Standort entdeckt: ironischerweise Fort Lee, New Jersey, wo sie denn auch verhaftet wird. Lincoln und Fauxlivia finden viel versprechende Beweise für und Spuren zu Jones’ Gesamtoperation, als die Nachricht von Rot-Lees Tod eintrifft.

Dieses Ereignis scheint für unseren Lincoln die letzte Biegung des Labyrinths zu sein, die ihn nach Hause bringt. Am Ende geht er zu Fauxlivia und bietet seine Unterstützung an, was auch und gerade bedeutet: seine Anwesenheit in Welt-2. Beide haben durch die Shapeshifter-Story einen Partner verloren. Können sie jetzt Partner sein? Ja. Vielleicht hat es das Fringe-Universum, das auf so faszinierende Art (erzählerische) Logik mit den Regungen des Herzens verbindet, so “vorgesehen”? Jede/r muss die Wand für sich finden, auch wenn sie sich auf einer Seite befindet, wo man sie nicht vermutet hätte. Es ist die Wand, die verbindet, anstatt zu trennen, die Wand des eigenen Herzens… Nur folgerichtig also, dass Olivia zu Beginn der Episode Lincoln das Labyrinth-Armband zurückgab: Sie braucht es nicht mehr, sie hat ihr Zuhause gefunden. Innerhalb derselben Logik kann Lincoln es am Ende der Episode an Canaan weitergeben, mit dem er die Seiten tauscht: Everyone in his/her right place…