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Dexter: Remains to Be Seen (4×02)

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Tüten voller… Benny Gomez. Daraus könnte ein schwarzhumoriges Kinderlied werden. Nach seinem Unfall, der ihm Schwindelanfälle und Erinnerungslücken beschert, ist Dexter überhaupt nicht nach Singen zumute. Er verbringt den ganzen Tag nach dem Unfall mit der Suche nach Benny Gomez, der glücklicherweise nicht im Kofferraum lag. Wo kann er bloß abgeblieben sein? Ich finde, die Episode präsentierte uns die Welt sehr überzeugend durch Dexters (Michael C. Hall) müde Augen. Vor lauter Anstrengung, seine schlaflosen 24 Stunden in den Griff zu bekommen, schenkt er den mittlerweile zwei durch Miami tobenden Serienmördern keine Beachtung. In den nächsten Episoden wird er vermutlich auch dafür die Quittung bekommen.

Verfangen in Harry-Halluzinationen (James Remar), Ritas ‚Getüdele’ und dem Stress in Miami Metro verliert Dexter langsam die Orientierung – und die Geduld, was Quinn (Desmond Harrington) zu spüren bekommt. Aber Harry – bzw. Dexters eigenes Unbewusstes in Harrys Gestalt – versucht ihm zu sagen, wo er die Überreste von Benny Gomez versteckt hat: im Sandsack über dem Boxring (daher das gleißende Licht, das Harrys Erscheinung immer begleitete).

Wie üblich bleibt Dexter nicht das einzige Morgan-Familienmitglied, das durcheinander ist. Lundys (Keith Carradine) Auftauchen in Miami sorgt bei Deb (Jennifer Carpenter) für gemischte Gefühle. Wieder einmal gelingt es ihr, sich in eine peinliche Situation hinein zu manövrieren: Sie geht davon aus, Lundy sei ihretwegen zurückgekehrt. Als sie direkt ins Gesicht gesagt bekommt, sein einziges Interesse gelte dem Serienmörder, sehen wir wieder die „kleine“ Deb aus den ersten Episoden – bis unter die Haarwurzeln blamiert und nicht wissend, was sie mit sich und ihren Mitmenschen anfangen soll. Absolut grandiose Darstellung von Jennifer Carpenter! Als Anton zurückkommt, herrscht bei Deb einerseits große Erleichterung; andererseits ist dieses Festklammern (I love you, I love you, I love you!) ein verzweifelter Versuch, die Gefühle für Lundy auszuklammern und zu vergessen. Wenn man sich die Episodentitel anschaut, wird man feststellen, dass sie immer einen gelungenen Kommentar nicht nur des Hauptplots einer Episode darstellen (Dex sucht Benny), sondern auch des Nebenplots: Debs ‚Gefühlsreste’ (remains) für Lundy sind zu sehen – wunderbar!

Nicht nur Deb befindet sich in emotionalen Turbulenzen, sondern es ist auch einiges los an der Beziehungsfront in Miami Metro!
LaGuerta (Lauren Valez) und Angels (David Zayas) Beziehung ist etwas angespannt, da LaGuerta die Führung beim Vacation Murders-Fall übernimmt. Das eigentliche Problem aber liegt im Verstecken oder Nicht-Verstecken ihrer Affäre vor den anderen. Die Szene in Marias Büro, als sie unter Masukas neugierigem Blick die Lamellen immer auf und zu  machen, war zum Totlachen. In der Zwischenzeit trägt Quinns Affäre mit der Reporterin (Courtney Ford) Früchte, aber die könnten sich als giftig erweisen.

Gänsehaut erzeugend war wieder der Auftritt von John Lithgow als The Trinity Killer, der sich sein neues Opfer aussucht – und ein eigenes Musikthema bekommen hat. Seine Screentime war genau richtig eingeteilt: nicht zu viel und nicht zu wenig – so dass man eine beängstigende Vorfreude auf den Battle of the serial killers empfindet!

In dieser vierten Staffel bekommt Dexter die Rechnung dafür, am bzw. IM Leben zu sein – und nicht nur ein kommentierender, schauspielernder Beobachter.

Dexter: Living the Dream (4×01)

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Sowohl im Kino als auch in den fiktionalen TV-Serien funktioniert immer wieder ein dramaturgisches Verfahren, das zwar einfach konstruiert ist, aber große Wirkung erzeugt: die Täuschung des Zuschauers durch Wort, Bild und sein angehäuftes Serienwissen. Dadurch entsteht ein rasanter Emotionswechsel, der dem Zuschauer, mir mindestens, großen Genuss an dem Gesehenen bereitet. Und Serien wie Dexter, die immer auf der dünnen, roten Linie zwischen unbegreiflicher Grausamkeit und Herz erwärmender Menschlichkeit entlang balancieren, machen geschickten Gebrauch davon:
Tonight ist the night! sagt Dexters Voice Over. Fast haargenau wiederholen die Bilder den Anfang des Piloten: Musikthema, Kameraeinstellung, Farben – alles gleich. Als sich in unseren Zuschauerköpfen das Wort „endlich“ herauskristallisiert und wir gespannt auf den Tötungsakt warten, fährt die Stimme fort:
Tonight ist the night to… sleep!

Als Dexter vorsichtig auszusteigen versucht, ertönt prompt Babygeschrei auf dem Rücksitz: Dexters Baby, Harrison! Was für ein Start!!!
Genau an dieser Stelle begreifen wir, welche neuen erzählerischen Möglichkeiten die Vaterschaft bietet.
Dexter ist müde, so erschöpft, wie noch nie. Und diese Tatsache macht ihn um so sympathischer. Vor allem für diejenigen Zuschauer, die selbst Kinder haben. Ja, ich weiß, es klingt schrecklich, das so zu sagen, aber es stimmt – und das macht Dexter zu einer so unglaublich guten Serie: Man fühlt sich auf einer irgendwie sehr realen Ebene damit verbunden…

Dexter ist so müde, dass ihm vor Gericht ein kapitaler Fehler unterläuft: er hat Akten vertauscht, und dadurch kommt ein brutaler Schläger frei. Oops! Aber vielleicht wird aus einem Fehler die Möglichkeit, den ebenso müden „Dark Passenger“ durch einen gepflegten „Kill“ etwas aufzumuntern?
”Wanna know a secret? Daddy kills people”, flüstert Dexter dem kleinen Harrison ins Ohr. „Only bad people.“ Ein zweischneidiger Satz, der eine gruselig-warmherzige Atmosphäre zaubert. Dexter Morgan, Suburban Dad! Etwas später erklärt uns das Voice Over: I am killing for two now!

In Living the Dream sehen wir den neuen Dexter Morgan: einen Vater, der bemüht ist, Arbeit und Familie bzw. das Dreieck „work/life/kill“ auszubalancieren. Dexter, der immer von außen auf die Welt schaute, ist jetzt zugleich Teil von ihr. Das Interessante daran ist: uns wird glaubhaft vermittelt, dass Dexter dieses neue Leben nicht nur spielt, sondern eine echte und zutiefst emotionale Bindung zu Rita und den Kindern unterhält. Faszinierend!

Diese fantastische Episode bietet jede Menge Spannung: durch die Einführung des anscheinend besten Serienmörders der Geschichte, des Trinity Killers, der seit 30 Jahren mordet;  John Lithgow verkörpert ihn auf unglaublich verstörende Art und Weise (das ist ein Kompliment!). Zudem steckt sie voll makabren und trockenen Humors. Ein paar Beispiele:

Masuka – I love Masuka – ist wieder da. Sein Lachen, seine Bemerkungen im Badezimmer-Tatort… „We’re dealing with a bloodbath here.“ Niemand außer ihm lacht, und er setzt einen drauf: „Tough room.“ Und Debs Reaktionen auf Masuka – ohne weitere Worte: „Fuck off and die. And die again…“
Wo wir bei Deb sind: Mit ihr und Anton läuft alles prima… und ausgerechnet jetzt kommt Lundy (Keith Carradine) zurück, der den Trinity Killer verfolgt. Debs Reaktion: Motherfucking Fuck. Zum Glück läuft Dexter im Pay-TV! Auch der Rest des Casts beschreitet romantische Wege – Batista (David Zayas) mit Laguerta (Lauren Velez), Quinn (Desmond Harrington) mit der Schwester des Fringe-Produzenten Roberto Orci, Courtney Ford in der Rolle einer Reporterin. Diese romantischen Handlungsstränge mögen unwichtig bis überflüssig erscheinen, aber zwischen all den Figuren fühlt sich der Zuschauer zu Hause, ihr Zusammenspiel erschafft ein angenehmes Gefühl. Schwer zu erklären.

Oh, fast vergessen: den an einem müden Dexter scheiternden ‚zweiten Vorspann’… man muss es einfach selbst gesehen haben! Und während Dexter dann endlich sein Opfer studiert und blutige Fotos anschaut, singt er seinem Sohn am Telefon „America, the Beautiful“ vor, damit der Kleine einschläft… Jedes Detail, jede Einzelheit passt: wie ein Blutstropfen in Dexters Sammlung. Und er bekommt einen neuen Tropfen. Auch wenn er beim Töten fast einschläft und mit Rita telefoniert, da er Harrisons Medizin noch holen muss.

Dexter: Review der dritten Staffel

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Die Meinungen über die dritte Staffel sind generell geteilt. Der Vorwurf, der des Öfteren der Serie gemacht wird, lautet: Sie sei nicht mehr so dunkel, Dexter würde zu sehr von seinem ursprünglichen Trieb abkommen etc. Das andere Lager sagt, es sei nur zu logische Entwicklung, denn auf das Gesamtkonzept bezogen, ist Dexter eine Erzählung über Dexters Suche nach Menschlichkeit, nach seiner Menschlichkeit wohlgemerkt. Wenn man schon erfahren hat, was tief unter der Oberfläche der menschlichen Seele und der menschliche Psyche steckt, dann möchte man raus, an die Oberfläche, denn das Reale der Realität wäre sonst nicht zu ertragen.

Fand Dexter in dieser dritten Staffel den Weg ans Licht? Oder lernte er nur besser sich Gefühlsgebilden anzueignen? Wurde er menschlicher oder nur besser im Vortäuschen? Als ich dasselbe Michael C. Hall fragte, lächelte er nur und wollte/konnte keine eindeutige Antwort geben – das sei Dexters Dreh- und Angelpunkt, die Frage auf die es so schnell keine Antwort geben darf! Ein Geheimnis! Das ist Dexter – die Serie der Geheimnisse und damit ist kein Handlungsstrang im Sinne von Alias Rambaldi gemeint. Es sind die Geheimnisse, die abgesehen von Dexter auch alle andere Figuren, in dieser dritten Staffel, hüten: Harry hatte etwas mit Dexters Mutter, Rita war ganze zweimal verheiratet, Deb hat eine Beziehung mit Anton, Batista kann ihr keinen Vorwurf machen, da sein Geheimnis mit Barbara hat, wie er sie kennen lernte.

Und Dexter hilft Maria zu verstehen, dass manch ein Geheimnis (Miguel als Ellens Mörder) besser ein solches bleiben soll. Dexter ist auf jeden Fall eine der Serie, auf die die Beschreibung „Es ist nicht alles so, wie es zu sein scheint!“, am besten passt! Angefangen mit der allerersten Szene der dritten Staffel und endend mit der Freundschaft zwischen Dexter und Miguel Prado (Jimmy Smiths). Apropos die erste Szene – werfen wir mal einen Blick in Dexters audiovisuelle Brillanz: Dunkle Aufnahmen von Skalpelen, einer Nadel und, das Geräusch eines Bohrers. Die Kamera schwenkt auf Dexter, der … auf dem Zahnarztstuhl sitzt. Der Zahnarzt fragt ihn, was er diesen Sommer gemacht hat und Dexters Antwort lautet: Ein paar neue Freunde gefunden, Hobbys nachgegangen, Boot gefahren.

Wir wissen, was er damit meint – seine DANN-Schachtel wurde voller! Als der Doktor ihn davor warnt, dass der Eingriff etwas blutig werden könnte, lächelt Dexter und versichert ihm, das wird kein Problem sein. Faszinierendes Fernsehen. Und das Spiel zwischen Prado und Dexter gehört definitiv zu den besten Figuren (und dadurch Schauspieler-)Paarungen des heutigen fiktionalen Fernsehens. Durch die Miguel Prado-Connection kehrte die Serie zurück zu der Cuba-Feeling, mit mehr Salsa-Aufnahmen der vermischten Kulturen in Miami. Ja lichttechnisch und farbtechnisch gesehen, ist diese Staffel „heller“ als die erste zwei gewesen. Die Farben sind deutlich gesättigter und nicht so sehr mit Rot durchtränkt.

Aber auf der einen Seite entspricht, dass dem „Erhellen“ von Dexters Gedanken und auf der anderen Seite ist es ein Licht-Werfen auf Geheimnisse, das tödlich enden kann. Wir erinnern uns an die grandiose Aus-der-Luft-Aufnahme (oder High Angle, wie man möchte) von der Entdeckung von Miguels Körper: Der grüne Gras und das blaue Wasser (alles erinnerte ein bisschen an Six Feet Under) – das ruhige, friedliche Leben in Kombination mit einem gewaltsamen Tod. Der tiefere Sinn hinter Dexters Bildern wird aber immer wieder humorvoll gebrochen:

“I’m sorry”, sagt Dexter zu den Verwandten eines Toten und dann führt er, nur an uns adressiert (Voice Over), fort: “that I killed him.” Der trockene Sinn für Humor gehört zu den stärksten Waffen der Serie und Dexters Schwester ist hier die Königin der spontanen Offenbarungen: “Me in a dress; I feel like a transvestite.”

Dexter Morgan, family Man.
Die Hochzeit und die bevorstehende Vaterschaft machen Dexter klar, dass kein Mensch perfekt ist und dass er seinem Kind nur eins geben kann – sich selbst. Macht ihn das zu einem Teil der Menschheit oder ist er ein brutaler Mörder?

Dexter: This Is The Way The World Ends (6×12)

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Oh God. So lauten Dexters (Michael C. Hall) letzte Worte in dieser Staffel. Besser könnte man es nicht beenden. Und das ist sowohl im positiven als auch im negativen Sinne gemeint. Wir haben im Laufe der Staffelerzählung so manchen Oh-God-Moment erlebt, meist die belanglosen Nebenhandlungen um Maria, Angel und Quinn und die stümperhaft konstruierte Story um Travis und Professor Gellar betreffend. Aber in den letzten Wochen habe ich genug Kritik daran geübt und werde mich jetzt hauptsächlich den gelungenen Momenten im Finale widmen – will sagen: den letzten Minuten.

Insgesamt kann man den Autoren zugute halten, dass sie sich in dieser Staffel Jennifer Carpenters Figur Debra widmeten, so dass endlich die Ereignisse auch ihres Lebens mehr oder weniger verarbeitet werden konnten. Was sich daraus aber ergeben hat, ist die Erkenntnis, dass sie schon die ganze Zeit über in ihren nicht biologischen Bruder verliebt war. Damit zieht Showtime HBO nach: Schließlich durften wir in diesem Jahr schon in Game of Thrones und Boardwalk Empire Inzest erleben! Mein Problem mit dieser Geschichte bei Dexter ist ihr Hineinplatzen in die Serienhandlung, wie aus heiterem Himmel. Vielleicht gehört es zum Plan der Autoren, uns Zuschauern im Kontext einer Staffel über Religion, Nächstenliebe, Vergebung, Strafe, Sünde etc. auch verbotene Bruder-Schwester-Liebe zu präsentieren, um ihr dadurch mehr Gewicht zu verleihen.

Trotzdem fühlt sich das Ganze erzwungen, überhastet an. Bezüglich der letzten Minuten dieser Staffel, als Dexter Travis tötet und Debra es sieht, frage ich mich außerdem, warum die Autoren die emotional ohnehin schon sehr enge Bindung zwischen Bruder und Schwester um die Liebeskomponente erweitern mussten? Das werden wir hoffentlich nächstes Jahr erfahren. In dieser Episode, die uns weiterhin nichts über Ryan oder Louis verrät, erfahren wir immerhin, dass Masuka und Yoda eine und dieselbe Person sind, dass Angel Quinn versetzen zu lassen versucht, Maria herablassendes Verständnis für Debras Jobschwierigkeiten empfindet… und dass Travis in Dexters Wohnung Zeit verbringen kann, ohne auf Jaime und Harrison zu treffen, die sich zeitgleich mit ihm ebenfalls dort befinden.

Aber seine Entscheidung, das Haus des alten Pärchens mit dem seines letzten Opfers (Travis glaubt Dexter tot) zu tauschen, bringt Travis eine Erleuchtung. Sein nächstes und letztes Opfer zur Feier der Sonnenfinsternis aka des Weltuntergangs ist wieder einmal ein zufälliges: Harrison soll es sein! Der Rest der Travis-Geschichte besteht aus seiner Begegnung mit dem Allmächtigen, aber dieser ist… The Beast, Dexter, Bruder, Vater – und Serienmörder. Travis auf Dexters Tisch liegen zu sehen, ist eigentlich eine Erleichterung: weil dieser Handlungsstrang nun vorbei ist. Trotzdem stimmt das Ende zufrieden.

Die Autoren liefern dem Publikum das Ereignis, das schon längst beschworen wurde: Debra trifft auf den Dark Passenger. Diese Tatsache erlaubt der Serie nicht, die folgende Staffel wieder, wie so oft, bei Null beginnen zu lassen. Die Handlung muss sich nun als eine This-is-the-Way-the-(World)-Story-Ends-Erzählung fortbewegen, die sich auf die Morgans und auf Dexters Geheimnis konzentriert. Eigentlich bin ich gespannt darauf, wie die Autoren Dexter als Serie mit den nächsten zwei Staffeln beenden wollen – trotz faden Beigeschmacks im Laufe dieser sechsten Staffel. Alle Möglichkeiten stehen offen: I’m a father, a son, a serial killer! Amen.

Dexter: Talk to the Hand (6×11)

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Man darf mir nach Herzenslust Subjektivität vorwerfen, aber langsam verliere ich die Geduld mit einer meiner liebsten Serien aller Zeiten. Bisher fielen die Reviews positiver aus, als sie eigentlich sein sollten, denn Hoffnung und Vertrauen in die Serie blieben bestehen. Aber obwohl das Finale noch aussteht, wird für mich diese sechste Staffel als die bisher schlechteste in Dexters Geschichte eingehen. Das soll nicht heißen, dass Dexter eine schlechte Serie sei oder dass man jetzt, ausgehend von dieser einen Staffel, die großartige Leistung der Showtime-Produktion aus vorherigen Staffeln vergessen solle. Tatsache ist – in meinen Augen -, dass  die Serie Dexter ihren Dark Passenger derzeit verloren hat, so wie Dexter als Protagonist der Erzählung es von sich selbst sagt.

Damit meine ich die dunkle Seite, die uns die Serie ernst nehmen ließ, die uns nachdenklich machte und die sich teilweise aus Dexters Konfrontation mit anderen dunklen Seiten ergab. Gegenwärtig wirkt die Showtime-Produktion diesbezüglich wie eine Karikatur ihrer selbst. Zuerst verbrauchte man die ganze Staffel, um den Twist mit Gellar zu liefern und Dexter (Michael C. Hall) mit religiösen Erleuchtungen zu beschäftigen, so dass zu wenige Berührungspunkte zwischen den beiden Seiten entstanden. Verständlicherweise wollten die Autoren die religiöse Thematik mit der Dark-Passenger-Situation zu einem explosiven Ganzen mischen, aber es funktionierte nicht!

Genauso wenig wie Travis’ Bombe, die Beth Dorsey zwar in die Miami Metro bringt, die jedoch dank Dexter nur Beth selbst beseitigt. Nicht jeder Bösewicht muss ein Mastermind sein – aber Travis nimmt man einfach nicht ernst, ob das nun an Colin Hanks’ Performance oder an der Figur selbst liegt. Den Gottesauftrag ebenfalls nicht. Letzte Woche war es „Hello, whore“, diesmal Dexters Gesicht an Teufels Stelle in Travis’ Wandmalerei. Wenn die Szenen humorvoll gemeint waren, dann sind sie gelungen – aber wenn nicht… !

Was die Nebenhandlungen betrifft, sieht es mit Louis immer verwirrender aus: Wir sehen ihn eine Handprothese bemalen und per Post zu Dexter schicken. Was dahinter steckt? Keine Ahnung! Hinter der Matthews-Story steckt natürlich Maria, die Matthews und Debra geschickt gegen einander ausspielt. Batista wird von Quinn übrigens in letzter Sekunde gerettet, aber der Lauf gegen die Zeit an mehreren Fronten wird durch den nächsten Twist lahm gelegt: Debra hegt möglicherweise Gefühle für Dexter, die über die Geschwisterbeziehung hinausgehen!

Das versucht ihr die Psychologin klar zu machen – und obwohl Debra vehement verneint, bekommen wir einen ziemlich eindeutigen Traum von ihr geboten, wo es sogar zu einem Kuss kommt. Für mich sieht das nach einem aus den Fingern gesogenen Handlungsstrang aus, um nur ja eine überraschende Wendung hinzubekommen. Ob die Autoren diese Geschichte tatsächlich weiter verfolgen und ausbauen wollen? Bevor ich euren vernichtenden Kommentaren – mir oder der Serie gegenüber – die Bühne überlasse, sei noch das Ende der Episode erwähnt: Dexter entkommt Travis’ nächster Feuer-Inszenierung… und ist somit bereit für die entscheidende Auseinandersetzung im Finale.

Dexter: Ricochet Rabbit (6×10)

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Get Gellar präsentierte die so genannte große Enthüllung, aber zum Glück zeigt uns Ricochet Rabbit, was die wahre Enthüllung ist, die dem Spiel in dieser sechsten Staffel zugrunde liegt. Wir und der im Keller der Kirche eingesperrte Dexter erfahren aus Travis’ Selbstgespräch, der immer noch Gellar sieht, dass der Professor vor drei Jahren von Travis’ Hand starb. Travis ist seitdem sein eigener seelischer Anführer gewesen. Brother Sam, der für Dexter eine ähnliche Rolle wie Gellar hätte spielen können und auch streckenweise gespielt hat, starb ebenfalls. Was blieb, sind Travis, Dexter und die Dunkelheit.

Aber es sieht danach aus, als hätte Dexter zum ersten Mal zu Travis durchdringen, ihn von dem mörderischen Pfad ablenken können, genauso wie Brother Sams Worte für Dexter eine Art Erleuchtung zu bringen schienen. Dexter wollte Travis diese Erleuchtung bringen – und versagte. Er war zum Versagen verurteilt, denn die dunkle Lektion lautet: Es gibt keine Rettung, weder für Dexter noch für Travis. Dexter sagt am Anfang der Episode zu Harry, Brother Sam habe Unrecht  gehabt; Travis nennt Dexter einen falschen Propheten.

Dexter lag falsch, mit sich und mit Travis. Mit dem symbolischen Durchtrennen der Kette von letzter Episode hat sich auch Travis’ letzte Bindung an diese Welt gelöst. Er kündigt an, das Werk fortsetzen zu wollen. Dexter will das verhindern: The only way to kill the Dark Passenger is to take out the driver. Aber der Unterschied zu Dexter und seiner Fähigkeit, dennoch ein soziales Leben zu führen, liegt in der Tatsache, dass bei Travis Fahrer und Passagier dieselbe Person sind. Das wiederum zieht die Frage nach sich, ob es gerechtfertigt ist, einen Mann umzubringen, der unter psychischen Problemen leidet.

Wie die Nachforschungen der Miami Metro beweisen, hat man bei Travis schon vor langer Zeit etliche Störungen diagnostiziert. Ironischerweise versucht nun Dexter, Gellar am Leben zu erhalten, damit die Miami Metro nicht an Travis herankommt: Travis gehöre ihm, sagt er zu Harry. Dieser Dexter ist nicht der kühl planende Mörder der ersten Staffeln. Dieser Dexter nimmt die Sache persönlich. Wir sollten damit rechnen, Gellar und damit Olmos nicht mehr zu Gesicht zu bekommen – was schade ist, denn Eduard James Olmos bekam nie die Möglichkeit, schauspielerische Akzente zu setzen, was er hervorragend kann.

Mos Def in der Rolle von Brother Sam bekam diese Möglichkeit und nahm sie auch wahr, aber verschwand viel zu schnell von der Bildfläche. Jetzt ist der Platz gegenüber Michael C. Hall wieder vakant, aber ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob Colin Hanks diesen Platz füllen kann und wird. Seine Veränderung vom innerlich zerrissenen Travis zum grinsenden Massenmörder wirkt beinahe slapstickhaft. Er findet über seinen Blog neue Helfer in einem gläubigen jungen Pärchen (One-Liner der Episode: Do you mind if I come in, I’m being hunted.), das ihm bei Hollys Beseitigung – auch Travis nimmt die Sache persönlich – und dann beim Vorbereiten der nächsten Inszenierung zur Seite steht, deren Ziel die Miami Metro ist. An einem Ziel schießen Dexters Autoren allerdings nicht vorbei (im Gegensatz zu einigen anderen), nämlich was die Beziehung zwischen Debra und Dexter betrifft. Diese Episode beschäftigt sich sorgfältig und sparsam damit.

Neben der Erkenntnis während Debras Sitzung bei der Psychologin, dass Dexter immer schon ihr „safe place“ war, gibt es nur eine Szene zwischen den beiden, als sie über Debras Panikattacke in der Kirche reden: You may be pregnant. Klein, aber fein: so könnte man den Austausch zwischen den beiden nennen. Und ebenso Debras beiläufige Anmerkung, dass Travis’ Schwester ihn für einen guten Menschen gehalten habe, und Dexters Antwort, dass sie vermutlich vom wahren Travis nichts wusste. Welchen Preis muss man bezahlen für die Wahrheit? Will man ihn überhaupt bezahlen? Will man überhaupt die Wahrheit wissen? Es bleibt interessant, wie weit die Autoren die Debra-Dexter-Geschichte führen wollen – oder ob sie uns nur an der Nase herumführen…

Dexter: Get Gellar (6×09)

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The writing on the wall, sagt Travis zu Dexter bezüglich einer neuen Nachricht von Gellar. Aber von welchem Gellar? Dem Professor, den Travis vor einiger Zeit tötete? Denn wie erwartet kommt uns Dexter in dieser neunten Episode mit der großen Enthüllung: Gellar existiert nur noch in Travis’ Kopf. Also: The writing on the wall könnte ironischerweise als selbstreflexive Aussage gelesen werden… Für diejenigen Zuschauer freilich, die diese Enthüllung nicht kommen sahen, müssen die letzten Minuten der Episode absolut spannend gewesen sein. Und das ist gut so. Worin besteht aber der Zugewinn für all die anderen, die bereits die ganze Zeit über an die Einheit Travis / Gellar glaubten?

Darin, dass sie sich in ihren Vermutungen bestätigt fühlen dürfen? Sie fragen sich bestimmt, wie Travis all die Aktionen allein bewältigen konnte, nicht zuletzt die Entführung in dieser Episode. Auch wenn wir nicht von Logik sprechen, sondern einzig und allein von dem Effekt, den solche Enthüllungen bewirken: Welchen Effekt hatte die Enthüllung auf euch? Für mich persönlich kann ein Zugewinn nur in Dexters eigener Reise liegen, wie es schon in früheren Staffeln stets der Fall war. Die Autoren versuchen Dexter in dieser Staffel mit Gedanken an eine zweite Chance, an Vergebung zu konfrontieren. Wohin alles führen wird, kann man derzeit schwer beurteilen.

Die Episode beginnt mit einer hinweisenden Geste. Dexter durchtrennt mit einer Axt die Kette, an der Travis festhängt. Help separate them, sagt sein Voice Over. Nur lässt sich Travis  nicht so leicht von Gellar trennen – zwar versucht er Dexter zu helfen, aber in dem Bewusstsein, dass Gellar ihn von außen bedroht. Ironischerweise sagt Dexters Voice Over zu Harry, er wisse genau, dass er sich nie von dem eigenen Dark Passenger trennen könne. Was aber, wenn man gar nicht vermutet, einen zu haben? Und wie wollen die Autoren Travis ab jetzt darstellen?

Travis / Gellar bekommt auch die nächste geplante Installation hin. Dieses Mal regnet es am Tatort Blut auf alle Miami-Metro-Anwesenden. Für Debra ist das zu viel des Guten, und sie sucht die Psychologin auf. In den letzten Episoden gefällt es mir, wie die Serie den Fokus auf Debra hin verschiebt und sich damit auseinandersetzt, wie alles Bisherige aus ihrem Blickwinkel aussieht, was in ihrem Leben geschah, wie es irgendwie immer mit leichter Hand zur Seite geschoben wurde. Den Running Gag mit Dexter, dem Tisch und dem Stuhl fand ich durchaus gelungen, genauso wie Masukas Ratschlag an Louis: When it comes to matters of the heart, always follow your dick! Übrigens scheint Louis – da wir gerade von „leichter Hand“ sprachen – sein eigenes Geheimnis zu haben… und ITKs Hand zu Hause! Interessant. Ob er irgendwie mit Ryan in Verbindung steht und irgendein Ziel verfolgt? Der Rest der Nebenhandlungen, vor allem die Story um Maria, die tote Prostituierte, Matthews (war doch klar – andere Personen, die in Frage kämen, kennen wir ja nicht!) und diejenige um Angel und Quinn sind in meinen Augen, wie stets, nichts als Zeitvertreib.

Wird Debra durch den Fall über ihren Bruder stolpern? Wie wird die Serie den Travis-Gellar-Wechsel im Kontrast zu Dexter mit Colin Hanks umsetzen? Diese Fragen richten wir an die letzten drei Episoden, die der Showtime-Serie in einer sehr durchwachsenen Staffel noch bleiben, um zu alter Qualität zurückzukehren.

Dexter: Sin of Omission (6×08)

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Kann es sei, dass die Dexter-Autoren selbst Gott spielen? Das könnte sich als gefährliches Spiel zwischen Licht und Schatten erweisen. Ich meine die Ungewissheit, in der man uns Zuschauer noch immer schweben lässt: ob Gellar physisch existiert oder nicht. Es scheint so, als würde dieses Spiel – ganz abgesehen von seinem Ausgang – keinen Gewinn bringen. Anstatt als As im Ärmel kann sich Gellar als Schwarzer Peter entpuppen. Warum? Wenn Gellar wirklich existierte, dann wären innerhalb der Gesamtthematik der Staffel die Parallelen zwischen Travis und Dexter nicht mehr so stark ausgeprägt – und Gellars Figur wäre durch ihre sporadischen Auftritte nicht annähernd so wirkungsvoll wie frühere Bösewichter.

Die Figur bliebe einfach „flach“. Falls aber Gellar nur in Travis’ Kopf lebte und die Autoren dies als „Bombe platzen“ lassen wollten gegen Ende der Staffel, dann würde der Überraschungseffekt sicherlich ausbleiben: aufgrund der vielen Spekulationen und Hinweise, die es bereits gibt. Nun jedoch folgt das große „Aber“ und damit die Tatsache, von der die Serie profitieren könnte: Wenn Gellar nur für Travis existiert, dann weiß das Travis selbst nicht. Er weiß nicht, dass Gellar sein Dark Passenger ist. Das könnte zu einem interessanten Spiel zwischen ihm und Dexter führen, da sie beide Travis’ Problem als ein äußeres betrachten, wie Dexters Stimme sagt: als eines, das man mit einem Messer beseitigen könnte.

Die Nebenhandlungen in Miami Metro wirken nach wie vor wie von einem anderen Stern: Es ist wirklich egal, was geschieht und was nicht. Ob Quinn besoffen mit Masuka im Stripclub sitzt, Angel Louis wegen Jamie anmacht und Maria Debra herumzukommandieren versucht – das alles bleibt schlichtweg belanglos. Immerhin könnte es durch den Fall um die an einer Überdosis gestorbene Prostituierte endlich gelingen, Maria zu verabschieden. Denn allem Anschein nach übt sie auf Debra Druck aus, um jemanden zu decken. Ob es Matthews ist? Wir werden es bestimmt bald erfahren.

Die Episode konzentriert sich zum Glück vorwiegend auf den Austausch zwischen Travis und Dexter. Dexter versucht Travis dazu zu bewegen, Gellars Aufenthaltsort preiszugeben. Aber Gellar selbst schläft nicht, sondern vollendet die Inszenierung The Whore of Babylon, indem er dafür… Travis’ Schwester Lisa (Molly Parker) benutzt. Davor knockt er Travis mit einer Schaufel aus und kettet ihn in der Kirche an. Debra und ihre Kollegen realisieren, dass sie nach zwei Personen suchen, und Travis wird zum Hauptverdächtigen. (Debra: I’ll fuck Masuka if this isn’t our guy.) Debra (Jennifer Carpenter) wirft sich vor, etwas übersehen zu haben, da sie noch kurz vor dem Mord mit Travis’ Schwester sprach. Aber  genau genommen – und das ist vor dem Hintergrund des Bruder-Schwester-Konflikts in dieser Episode  interessant – liegt die Schuld nicht bei Debra, sondern bei Dexter (Michael C. Hall).

Er ist ja derjenige, der seinen Kollegen Erkenntnisse und Beweisstücke vorenthält, was den Tod Unschuldiger zur Folge hat. Die Serie versucht, die Parallele zwischen den beiden Bruder-Schwester-Paaren zu ziehen. Das könnte sich als Erfolgsrezept erweisen, je nachdem, wie nah die Autoren Debra an Dexter herankommen lassen. Sie findet den Nebraska-Stift und stellt schnell fest, dass Dexter sie belogen hat. Wird ihr gescheiterter und verzweifelter Versuch, mit ihrem Bruder zu kommunizieren, sie Einiges hinterfragen, Verbindungen herstellen lassen? Dexter wiederum scheitert daran, Gellar zu erwischen, der wie ein Geist aus der Kirche verschwindet. Dafür verspricht ihm Travis seine Hilfe, um Gellar umzubringen. Dexters Voice Over spricht am Ende darüber, dass er es vielleicht geschafft habe, selbst das Licht in Travis „anzuzünden“. Aber die Frage ist: Was wird das Licht im Dunkeln beleuchten?

Dexter: Nebraska (6×07)

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You don’t turn the other cheek, you slice it! Nebraska wird man dem entsprechend beurteilen müssen, was man sich von Brians Rückkehr am Ende der letzten Episode versprochen hat. Nun, Brian kehrt nicht im physischen Sinne zurück, sondern als eine Art Manifestation von Dexters Dark Passenger: als ein Schrei nach Lösung des inneren Konflikts, in den Dexter nicht nur durch die Ereignisse um Rita und Trinity geriet, sondern jüngst durch den Einfluss von Brother Sam. Brother Sam als Licht, Brother Brian als Dunkelheit… Harry und sein Code sind stets der Stab in Dexters Händen gewesen, der ihn seine ganz spezifische Balance halten ließ.

Jetzt lässt er ihn fallen, und die Dunkelheit ergreift komplett Besitz von ihm. Sollte man jedenfalls denken. Aber Brians Auftritt wirkt nicht annähernd so dunkel, wie wir Brian zu Lebzeiten kannten, und für mich wollte der Funke nicht überspringen. Keine Gefahr des Überwechselns auf die dunkle Seite war für Dexter zu spüren. Wenn man das Dexter-Brian-Treffen als eine Art amüsante kurze Reise und kleine Prüfung für Dexter sieht, nachdem Brother Sam starb, dann könnte man diese Episode sogar als gelungen bezeichnen – eine „What if…“-Episode, wenn man so will, in der Dexter und Brian nach Nebraska fahren und Dexter aus den selbst auferlegten Schranken herauskommt.

Er hat zum Beispiel spontanen Sex mit einer jungen Verkäuferin, schießt mit der aus dem Laden entwendeten Waffe bei voller Geschwindigkeit auf Straßenschilder und… tja: Das war’s schon! Der einzige Mord, den er begeht, ist doch irgendwie gerechtfertigt. Denn der Motelmanager züchtet nicht nur Gras, sondern hat Dexters Werkzeug aus dem Auto entwendet und versucht ihn zu erpressen, indem er ihn mit der von Dexter selbst gestohlenen Waffe bedroht. Alles verläuft nach Brians Geschmack, bis Dexter dann vor dem nächsten Schritt doch innehält. Für diese Prüfung holen die Autoren die Mitchell-Familie zu Hilfe bzw. deren einziges überlebendes Mitglied: Jonah.

Am Anfang der Episode wird Dexter von Debra mit der Nachricht konfrontiert, dass Trinity wieder zugeschlagen und die eigene Frau und Tochter im Trinity-Style ermordet habe. Dexter / Brian weiß sofort, dass nur Jonah dahinter stecken kann. Ein weiteres „Hello, Dexter Morgan“, aber nicht ganz. Auch diese Story wird kurzerhand abgefertigt, denn Jonah hat zwar im Affekt seine Mutter getötet, aber nur, weil sie seine Schwester in den Selbstmord trieb und seinen Vater immer noch liebte. Jonah (Brando Eaton) will, dass Dexter ihn tötet, aber Dexter kann es nicht tun: nicht nach Harrys Code, sagt er.

Und überfährt Brian, so dass Harry seinen Platz wieder einnehmen kann. Er wartet als Anhalter am Straßenrand. Travis tut sich viel schwerer damit, sich von Gellar zu trennen. Debra & Co. erfahren unterdessen, dass sie nach zwei Verdächtigen suchen müssen. Travis versucht, zur Normalität zurückzukehren, und zieht zu seiner Schwester, aber Gellar kündigt an, allein weiter machen zu wollen. An diesem Punkt muss man sich fragen, ob die Autoren uns an der Nase herumführen und Gellar physisch wirklich existiert oder ob eine Parallele zu Dexter / Brian aufgebaut werden soll. Irgendwie ist man am Ende nicht weiter als am Anfang der Episode… und wenn man zum Schluss zwei der häufigsten Musikthemen aus der ersten Staffel zu hören bekommt, fühlt sich Nebraska ganz einfach nur an wie ein Nostalgietrip zurück in glorreiche Dexter-Zeiten.

Dexter: Just Let Go (6×06)

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Aus dem Dunkel ins Licht: Hat Brother Sam (Mos Def) diesen Weg beschritten, nachdem er am Ende der Episode in seiner eigenen Werkstatt niedergeschossen wurde? Noch nicht, lautet die Antwort. Er wird in kritischem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert; Dexter bricht bei dieser Nachricht die Verfolgung von Travis (Colin Hanks) ab, um zu Sam gehen zu können. Warum? Weil er ihm doch näher steht, als es die kurzen Begegnungen zwischen den beiden vermuten ließen.

Im Gespräch mit Harry wird Dexter klar, dass ihm Sam durchaus wichtig geworden ist. Als Zuschauer der Serie finde ich es schade, dass Mos Def die Serie verlässt, denn zwischen ihm und Michael C. Hall herrschte die Chemie, die die laufende Staffel bisher rettete. Obwohl: Ist er wirklich tot? Ich weiß, man wird als gelernter Zuschauer so vieler Serien paranoid und glaubt nichts mehr, bevor eine Figur tatsächlich tot da liegt. (Eigentlich auch dann nicht. Auch bei Nicht-Zombie-Serien gibt es immer Wege, um Figuren wieder ins Spiel zu bringen.)

Nach dieser Episode geht die Absicht der Autoren in dieser Staffel auf, aber ich weiß nicht, wie ich das zu beurteilen habe. Bevor wir zu jenen entscheidenden letzten Sekunden kommen, machen wir einen kurzen Ausflug zur Miami Metro, um bestimmte Entwicklungen zu verfolgen. Wie zu erwarten war, kommt die Wahrheit über Quinn und Clarissa Porter ans Licht, was Debra erschüttert – aber viel mehr erschüttert sie die Position, in der sie sich auf einmal befindet: Sie spürt eine Distanz zwischen sich und den Kollegen, die sich mit ihrer Beförderung nahezu automatisch eingestellt hat.

Vor der Staffel verkündeten die Autoren, dass wir viel Debra-Dexter-Interaktion zu erwarten hätten, aber bisher ist eher das Umgekehrte der Fall – und Debra (Jennifer Carpenter) spürt das. Dabei befinden sich beide Geschwister in ähnlichen Situationen: hin und her gerissen zwischen dem, was sie sein wollen / können, und dem, was sie im Moment sind. Dexter quält nach wie vor – erst recht nach Sams Abschiedsworten – die Frage, ob und wie es überhaupt möglich ist, der Dunkelheit in sich zu entkommen. Als er herausfindet, dass Nick Sam angeschossen hat, bittet ihn Sam darum, Nick zu vergeben: nicht nur in seinem Namen, sondern auch im Namen des Dark Passenger.

An dieser Stelle kehrt die Showtime-Serie ihre bisherige Frageperspektive um: Mussten wir uns zuvor fragen, ob wir Dexters Arbeit als gerecht empfinden dürfen, so gilt es nun umgekehrt zu überlegen, ob Dexter den brutalen Verbrechern, die der Polizei entgehen, verzeihen und sie laufen lassen kann. Wann ist Vergebung möglich? Nur dann, wenn Reue gezeigt wird? Let it go, sagt Sam zu Dexter. Sich vom Dark Passenger trennen? Was aber bliebe dann übrig? Im Grunde kennt Sam Dexter doch nicht so gut, wie wir ihn schon kennen. Es ist ja nicht unbedingt Hass, was Dexter treibt und den Dark Passenger auf den Plan ruft.

Vergebung als Thema erstreckt sich auch auf den Doomsday-Killer-Plot. Nach einem Treffen mit seiner Schwester und nachdem er Gellar vergeblich darum gebeten hat, der verletzten Gefangenen Schmerzmittel zu geben, bricht Travis gewissermaßen sein Bündnis mit Gellar und lässt die Frau laufen, anstatt sie mit dem Symbol zu brandmarken. Wenn Gellar Travis’ Dark Passenger ist – egal, in welchem Sinne -, kann er ihn loswerden?

Jedenfalls versucht er einen ersten Schritt. Genauso wie Dexter am Ende der Episode Nick zu vergeben versucht. Aber jedes Anzeichen von Reue verschwindet aus Nicks Gesicht, als er erfährt, dass die Polizei nichts gegen ihn in der Hand hat. Wut überkommt Dexter, und  er ertränkt Nick im Ozean – ironischerweise genau an der Stelle, wo Nick von Brother Sam getauft wurde. Und am Ufer, in der von Dexter gewählten Dunkelheit, wartet Brian Moser, The Ice Truck Killer (Christian Camargo): Dexters großer Bruder, der seit der ersten Staffel tot ist. Wird er nun Harrys Stelle einnehmen? Was bedeutet sein Eintritt in Dexters Leben? Wird es bis Ende der Staffel einen Zweikampf an zwei Fronten geben – zwischen Travis und Gellar und zwischen Dexter und Brian?