Tag Archives: john noble

Fringe: Making Angels (4×11)

Standard

Wenn man sich die Quoten anschaut und alle Berichte, die Fringe schon jetzt begraben, kann man diese Episode als eine Art ironische Erinnerung daran interpretieren, dass FOX in Sachen „making angels“ auf eine lange Tradition zurückblickt. Und Fringe wird, vor allem mit solchen Episoden, definitiv in den Serien-Himmel aufsteigen: ins Serien-Paradies, wo die Kaffeesorte Firefly heißt und die Bardame The Sarah Connor Chronicles liest.

Was passiert ist, wird wieder passieren und passiert jetzt. Für alle, die sich in der vierten Fringe-Staffel fragen, in welcher Zeit wir gelandet sind, wo wir uns befinden und wann wir wieder zurückkehren, lautet die Antwort: „There is no future. There is no past. Everything happens right now.“ Wir sind die ganze Zeit hier und dort und überall, simultan. Genauso wie dieselben Darsteller unterschiedliche Figuren spielen, die wiederum denen aus einer anderen Zeit gleichen und auch wieder nicht. Es ist so, als bekämen wir unterschiedliche Facetten dieser Figuren zu sehen, die in einer Simultaneität von Zeit und Raum immer zu ihnen gehört haben und gehören werden.

Peters Existenz lässt sie uns “etwas anders” erleben – durch seine Erinnerungen, die wir mit ihm teilen. Hätte September ihn aus dem Ganzen gelöscht, hätten wir Fringe nie gesehen. Andererseits: Nachdem wir den “neuen” Walternate kennen gelernt und in dieser Episode in aller Deutlichkeit erlebt haben, dass Walter ebenso böse auf Fauxlivia ist wie “unser” Walter („The Viper! Mata Hari!“), müssen wir uns fragen, wie es ohne Peter dazu kam? Was motivierte Fauxlivias Spiel als Olivia ohne Peter als Dreh- und Angelpunkt? Was geschah überhaupt in dieser Variante des Olivia-Fauxlivia-Konflikts?

Ereignet sich gegenwärtig ein Überschreibungsprozess? Ist das der Grund, warum Walter (John Noble) und Olivia (Anna Torv) in dieser Zeitlinie eine Verbindung mit Peter (Joshua Jackson) spüren, ohne ihn je gekannt zu haben? Verwandelt sich diese Zeitlinie durch Peters Eindringen allmählich in diejenige, die er kannte? Kann die Differenz, die sein Auftauchen kreiert, letztendlich zu einem Gleichnis führen? Bestand Septembers Hoffnung darin, dass aufgrund menschlicher Gefühle und der daraus resultierenden Beziehungen alles von selbst an seinen Platz kommen würde?

Septembers Geheimnis kommt in dieser nur so von Observern wimmelnden Episode ans Licht. Aber nicht nur sie machen Making Angels besonders. Im Mittelpunkt der Emotionen steht das lange schon fällige Treffen zwischen den beiden Astrids: Astrids (Jasika Nicole) Doppelgängerin nämlich handelt in Making Angels – gemessen an den Wahrscheinlichkeiten, die sie sonst berechnet und anhand derer sie von den anderen selbst berechnet wird – unlogisch und überraschend.

Ohne jegliche Absprache oder weitere Meldungen stattet sie Walters Labor einen Besuch ab, um endlich Astrid zu treffen und bei ihr Trost zu suchen in einem schwer zu berechenden Zustand der Trauer nach einem Verlust. Ihr Vater ist gestorben, der ihr seine Liebe nie so gezeigt hat, wie sie es sich wünschte – ihrer Meinung nach deswegen, weil sie “anders” ist, nicht normal. Nun sucht sie Trost im Gleichen: „My mother died of cancer when I was a girl; did yours as well?“ lautet einer ihrer ersten Sätze.

Jasika Nicole, die im realen Leben eine autistische Schwester hat, spielt beide Astrids durchgehend mit herzzerreißender Wärme, Geduld und Melancholie: von dem Erschrecken der diesseitigen Astrid angesichts der unerwarteten Begegnung bis hin zum Genuss des ersten Kaffees seitens der Astrid “von drüben”. Hier, vor allem in den Gesprächen mit Walter, berechnet letztere Astrid nicht nur mathematische Wahrscheinlichkeiten, sondern auch emotionale Wirklichkeiten. Wahrscheinlich und wirklich: Wahr werden kann etwas nur durch die Tat, die aber mit eingerechnet ist.

Konnte Emily aus der vergangenen Episode die tödliche Zukunft bestimmter Personen nur sehen und aufzeichnen, so kann ein gewisser Neil, ehemaliger Mathematik-Professor, diese Tode berechnen. Er hat Gleichungen gelöst und spielt nun den Todesengel, der sie von dieser Zukunft befreit – er kann zwar die bevor stehenden Tode nicht verhindern, kommt ihnen aber zuvor und nimmt ihnen die Qual. Mit einer schönen Inszenierung bietet uns Fringe den ersten Einblick in Neils Tun.

Als ein an Krebs erkrankter Mann (mit 95% Heilungschance, wie sein Arzt sagt) auf den Bus wartet, sitzt er vor einem Ferienanbieter-Werbeplakat mit der Aufschrift: „Paradise is closer than you think – plan your“… Der Rest wird von seinem Körper verdeckt. Neil setzt sich zu ihm und teilt ihm seine Zukunft mit… Der Rest wird von dem eintreffenden Bus verdeckt. Neil verwendet ein kleines, blau leuchtendes Gerät, um seine Gottesmission durchzuführen; für eine solche nämlich hält er sein Tun. Aber es ist kein Gott – zumindest nicht nach herkömmlicher Auffassung -, der Neil auf seinen Weg geschickt hat, sondern die Observer.

Genauer gesagt, September: Er hatte das Gerät damals am Reiden Lake verloren, wo Neil, der dort ein Ferienhaus besitzt, es dann fand. Peters Nicht-Existenz bleibt Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen und Ereignisse. Überraschenderweise erfahren die restlichen Observer erst jetzt, dass September Peter nicht ausradiert, sondern sich dem Befehl widersetzt hat. Wie ist das möglich? Wurde September schon dafür bestraft, als er verletzt vor Olivia in der Oper auftauchte – an einem zukünftigen Punkt?

Werden die Observer versuchen, Peter auszuradieren, oder ist das nicht mehr möglich? Sind Menschen wie Emily und Neil eine Gefahr für sie – oder eine Hilfe? Und Olivia? Warum haben wir bereits zwei Episoden hintereinander gesehen, in denen es um angekündigte Tode ging? Wer oder was stürbe mit Olivia? Wenn September ihr sagt, dass sie in jeder möglichen Zukunft sterben müsse – ist es nicht jeweils Peters Zukunft, um die es geht?

Erzählt Fringe im Grunde die Geschichte eines Menschen, der wieder und wieder versucht, sich eine Welt zu gestalten, in der er lieben kann und geliebt wird – ganz gleich, wie viele Tode er selbst dafür sterben muss?

Fringe: Forced Perspective (4×10)

Standard

Im typischen Fringe-Stil wechselt mit Forced Perspective der Fokus von Peter (Joshua Jackson) zu Olivia (Anna Torv). Die (Selbst-)Ironie im Titel ist genauso offensichtlich wie die Verbindung zwischen Septembers Aussage und dem Fall der Woche um das Mädchen Emily (Alexis Raich), die tödliche Ereignisse in der Zukunft vorhersehen und Standbilder davon zeichnen kann, kurz bevor sie eintreten.

Nachdem uns in den letzten Wochen vorwiegend das Ereignis Peter in der “neuen” Fringe-Welt beschäftigte, konzentriert sich die neue Episode auf Olivia und darauf, was ihr Kopfschmerzen bereitet: ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ihre Kindheit und ihr zukünftiger Tod. Dazwischen, in der Gegenwart, bleibt nur der Schmerz der Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, nicht stimmt und nicht stimmen wird: das Schicksal. Aber ist das zu ändern? Gegen diesen Schmerz helfen Olivias Medikamente nicht.

Septembers Aussage über ihre Zukunft wird umso grausamer, als ihr Peter mehr über die Observer mitteilt, die in dieser Welt der Fringe Division so gut wie unbekannt sind. Die Observer sind außerhalb wie die Fringe-Autoren, die als einzige den Überblick über die komplette Zeitlinie, gar die unterschiedlichen Zeitlinien haben. Observer empfinden Zeit als ein Ganzes und scheinen gleichzeitig in allen Zeiten zu existieren, erklärt Peter Olivia. Ergibt es dann überhaupt einen Sinn, gegen das Schicksal anzukämpfen, wenn dieser Kampf schon mit in die Zeiten eingeschrieben ist?

Wir Zuschauer jedoch wissen, dass die Observer letztendlich selbst die Geschichte verändert haben: ob man sie nun als Schicksal bezeichnen will oder nicht. Seitdem versuchen sie, einen Fehler zu korrigieren, der sich wider Erwarten doch nicht von allein korrigiert. Nach wie vor bleiben die Observer eine unbekannte Größe in der Fringe-Gleichung.

Sie sollen ihr objektives Gleichheitszeichen bilden, aber wir haben schon erlebt, dass auch die Observer gewisse Vorlieben, wenn nicht Gefühle entwickeln – und selbst hervorrufen; sowohl Oktober als auch September umgibt eine herbstliche Melancholie. In diesem Sinne würde Fringes Lektion lauten, dass die Gefühle, die wir empfinden, und die Beziehungen, die wir auf Grund dieser Gefühle eingehen, unser Schicksal ausmachen, das nicht verändert werden kann.

Wir sind zu Emotionen verdammt, ganz egal, ob Rationalität, Objektivität, physikalische Gesetze und Logik eingreifen oder nicht. Der Prozess verläuft umgekehrt als gedacht: Man versucht nicht, der Liebe wegen Gesetzmäßigkeiten los zu werden, sie zu ver-biegen, sondern diese versuchen sich gegen die Liebe durchzusetzen. Die FOX-Serie beweist wieder einmal, dass sie Differenz hauptsächlich als ein Verschieben des Blickwinkels versteht. Das Twin-Peaks-Motto “Die Eulen sind nicht das, was sie zu sein scheinen” zeugt bei Fringe nicht nur von Verschiebung bei der Beschaffenheit dieser Eulen, von wechselnden Identitäten, sondern vom Einnehmen eines bestimmten Blickwinkels seitens der Beobachter.

Das Objekt im Auge des Betrachters verändert sich, aber vielleicht nur wegen der eigenen veränderten Position. Wir erleben die Fringe-Welt verändert, da uns ein neuer Blickwinkel aufgezwungen wurde: eine Forced Perspective. Es geht auch darum, den Figuren Augenblicke zu geben, die sie in den anderen Fringe-Welten nicht hatten – seien es diejenigen zwischen Elizabeth und Walter (John Noble) aus der letzten Episode oder aber die Szene zwischen Olivia und Nina in dieser. Dabei wissen wir Zuschauer, dass Nina vermutlich auf der “bösen” Seite steht und für Olivias physische Kopfschmerzen verantwortlich ist. Nicht nur Olivias Kopf bereitet Probleme, sondern auch Emilys.

Laut Walters Erklärung und der Tatsache, dass die Zukunft in Fringe immer schon geschehen sein wird, vermag Emily kommende Ereignisse wie im Traum zu sehen und auf ihrem Skizzenblock festzuhalten. Was sie empfängt, sind die Vibrationen der Zukunft, ein Echo des traumatischen Kommenden, das in der Gegenwart nach- oder eher: vorhallt. Im Grunde verleiht Emily ihren subjektiven Produktionen = Projektionen, den Zeichnungen, einen objektiven Wert, den Wert eines Standbilds unausweichlicher Wahrheit.

Dank der Zusammenarbeit zwischen Peter, Walter und Olivia kann in einem Fall das Unvermeidliche doch verhindert werden. Die Zukunft tritt nicht so ein, wie Emily es angekündigt hat. Aber Emily selbst, die in ihrer Kindheit wie Olivia Massive Dynamics in die Hände geriet, kann vor ihrem eigenen Schicksal nicht davonlaufen. Kann es Olivia? Sie bringt den Attentäter davon ab, sich und alle um ihn herum in die Luft zu jagen. Olivia handelt in dem Glauben, sich dadurch ihrem eigenen angekündigten Schicksal zu widersetzen.

Im Gegensatz zu Peter, der immer schon bereit war, seinen Blickwinkel zu wechseln, wenn Hindernisse im Weg stehen, muss Olivia zu einem Perspektivwechsel gezwungen werden, zum Handeln: „Maybe they could say I love you to someone, or do one good thing.“ Vielleicht reicht das, um die Erschütterungen, die Vibrationen des Kommenden umzulenken?

Fringe: Enemy of My Enemy (4×09)

Standard

Oft begegnen wir in Sci-Fi-Erzählungen dem Problem, dass man zwar Ereignisse beeinflussen, ihren Ablauf verändern kann, obwohl sie schon einmal geschehen sind – sich aber am Ende doch geschlagen geben muss, weil der Ausgang derselbe bleibt. Macht aber das Ergebnis sein Zustandekommen nichtig? Ändert sich nicht doch etwas – wie zum Beispiel die Gefühle und dadurch die Beziehungen zwischen den Beteiligten?

Das oben genannte Problem hat viel damit zu tun, dass das Ändern von Ereignissen immer innerhalb einer gewissen Anzahl kalkulierbarer Möglichkeiten geschieht. Warum kalkulierbar? Weil das eigene Tun der Realität eingeschrieben ist, ganz egal ob man zurück in die Zukunft reist oder zwischen Parallelwelten wechselt. Der/diejenige ist der Zeit eingeschrieben. Die eigene Existenz ist einkalkuliert. Wie aber sieht es aus für jemanden wie Peter, der nicht existiert und nie existiert hat, der aus der Zeit ausradiert ist – und doch da? Er scheint tatsächlich die Variable zu sein, die in der Gleichung für Probleme sorgt.

Peter ist auch der einzige, der Jones aus dem Gleichgewicht bringen, ihn verunsichern kann, als er im Verhörraum mit ihm spricht und ihm bestätigt, dass sie schon einmal aufeinander trafen. „Where?“ lautet Jones’ Frage. Sollte sie nicht eher lauten: „When?“

Es verhält sich mit der un-möglichen Variable so wie in dem Beispiel, das der Sci-Fi-Schriftsteller Stanislaw Lem in seinem Buch Das Katastrophenprinzip gibt. Immer gleich aussehende Flaschen werden zu absolut gleichen Bedingungen aus dem Fenster geworfen. Lem fragt danach, wie oft beim Zerschlagen der Flaschen die gleichen Bruchstücke bzw. die gleiche Anzahl von Bruchstücken entstehen, und weist darauf hin, dass einer statistischen Auswertung das Eintreten außergewöhnlicher Umstände im Wege stehen könnte, wie zum Beispiel das Ablenken der Flasche von ihrer Flugbahn durch einen Fußball.

Aber man kann genauso gut die Frage nach dem Werfer selbst stellen: Muss er immer derselbe sein? Und wenn ja: kann er das? Oder wird es, je nach Gemütszustand, Abweichungen bei seiner Wurfstärke geben, was das Experiment beeinflusst? Der Werfer ist nie kontextfrei. Und doch sieht das Ergebnis immer gleich aus: die Flasche zerbricht. Mit dieser vierten Staffel demonstriert Fringe, dass diese Figuren, die wir nicht kennen, die nicht “unsere” zu sein scheinen, es doch sind – nur wir sind ihnen bisher nicht begegnet.

Das macht aber ihre Existenz nicht unmöglich. Fringes Erzählung handelt von Möglichkeiten, von Verschiebungen innerhalb des Immergleichen, von Entscheidungen, die irgendwo irgendwer an unserer Stelle traf. Die Verschiebungen, die Differenzen dienen jedoch nicht dazu, eine Kluft zu schaffen, sondern sie ergänzen das ursprüngliche Bild, machen es facettenreicher. ist der Beweis dafür.

Fringe muss nun den Zuschauern langsam zeigen, was sie zu erwarten haben: Sollen wir Emotionen und Hoffnung in diese Figuren investieren, mit Veränderungen und Entwicklungen rechnen – oder sollen wir darauf warten, mit Peter zusammen nach Hause zurückzukehren? Erfahrung führt zu Erkenntnis. Erlebtes führt zu Veränderung, durch die man Entscheidungen vielleicht anders trifft, als man sie zuvor getroffen hätte. Dadurch beeinflusst man automatisch andere, vor allem die Menschen, die man liebt und die einem nahe stehen.

Auch wenn Peter nach Hause käme, würde er die Erfahrungen mit den Menschen aus einer nie gewesenen Zeit mitnehmen. Fringe stellt die Frage danach, ob sich im Universum überhaupt etwas spurlos ausradieren lässt. Es gehört zum Verdienst der Serie, uns Zuschauer solche Fragen stellen zu lassen – wenn auch laienhaft. Im Moment ist Fringe ein Balanceakt, und mir persönlich gefällt der Seiltanz.

Trotzdem darf die Serie die Entscheidung, in welche Richtung sie sich bewegen will, nicht mehr lange hinauszögern; andernfalls ließe sie die Zuschauer in ein emotionales Schwarzes Loch fallen: Je komplizierter die Erzählung durch das Einführen unterschiedlicher Realitäten, desto nötiger braucht der Zuschauer einen emotionalen Rettungsring, um sich über Wasser zu halten. Den nun bekommen wir in , vor allem dank der Interaktion zwischen Peter, Walternate, Elizabeth und Walter.

Ausgerechnet Elizabeth, die auch in den zwei existierenden Universen nur eine ist, erreicht durch zwei Gespräche (und zwei exzellent gespielte Szenen) mit ihrem Mann und seinem Gegenüber Walter (John Noble), dass Walter sich dazu durchringen kann, Peter (Joshua Jackson) zu helfen. Es ist die emotionale Verbindung, die Beziehung untereinander, die in Fringe die physikalischen Gegebenheiten überschreibt und die Handlung vorantreibt. Im Grunde sind die Olivia (Anna Torv) und der Walter, die wir hier sehen, denjenigen sehr ähnlich, die wir in der ersten Staffel kenn lernten und die durch Peters Einfluss zu der Olivia und dem Walter wurden, die wir in der dritten Staffel zurückließen.

ist vielleicht die erste Episode, in der Peters Einfluss auf die “neue” Zeit spürbar wird und sich in Entscheidungen manifestiert, die sonst wohl nie getroffen worden wären. David Robert Jones scheint dem, den wir kennen, sehr ähnlich zu sein – was gut ist, denn Jared Harris bietet als Bösewicht willkommene Abwechslung. Trotz seines Auftritts in der Fringe Division, wohin ihn Lee und Fauxlivia bringen, scheinen sowohl er als auch Broyles nur Handlanger zu sein, die ihre Befehle direkt von Nina Sharp bekommen. Und die zweite Phase ihres Planes betrifft Olivia.

Schon als zweite Episode in Folge endet mit schicksalhaften Andeutungen für Olivias Zukunft. Bevor ich euren leidenschaftlichen und interessanten Kommentaren das Feld überlasse, stelle ich also die Frage, die ich schon einmal gestellt habe: Wird Peters Rettung Olivias Verderben bedeuten? Kann es Peters und Olivias Beziehung irgendwo geben, ohne dass das jeweilige Universum aus den Fugen gerät? Oder wird es dank dieser Beziehung immer schon aus den Fugen gewesen sein?

Fringe: Back to Where You’ve Never Been (4×08)

Standard

Wo gehören wir hin? Dorthin, wo wir geboren wurden, wo wir immer waren? Steht uns die Welt zu? Oder müssen wir einen eigenen Weg in dieser Welt finden, der uns dann an einen Ort führt, den wir unser Zuhause nennen können? Allzu leicht verliert man die Orientierung, vor allem dann, wenn man ungleich Hänsel und Gretel keine Spur aus Brotkrümeln findet. Die Krümel in Fringe sind die Gefühle, die einem helfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben: Wegbegleiter, die gleichzeitig Orientierungspunkte bilden. Für Peter (Joshua Jackson) sind dies Olivia (Anna Torv) und Walter (John Noble) – genauer: die aus seiner Zeitlinie, bevor sie überschrieben wurde.

Fringes Back to Where You’ve Never Been eröffnet mit einer Traumsequenz: Wir befinden uns in Peters Kopf, in seinem Traum, wo ein nackter Walter in der Küche Pfannkuchen zubereitet und Olivia Peter einen Guten-Morgen-Kuss gibt. Peter träumt von einem Ort, wo er hingehört, er träumt von den Menschen, die ihm geholfen haben, zu sich selbst zu finden. Denn ist man nicht dort zu Hause, wo man zu sich gefunden hat? Die erste Episode nach der langen Winterpause zieht das Tempo an, nicht nur die Emotionen, sondern auch die Handlung betreffend.

Etliche Fringe-Zuschauer beschwerten sich darüber, wie Fringe in der alternativen Zeitlinie des Nicht-das-Fringe-wie-wir-es-kennen gefangen blieb, ohne sich irgendwohin zu bewegen. Fehlende Entwicklung wurde bemängelt, fehlende Action… Eigentlich aber begehren die Zuschauer etwas ganz Einfaches. Sie wollen, so wie Peter, nach Hause zurückkehren, ihre emotionalen Orientierungspunkte wiederfinden – denn ein Spiegelbild ist vielleicht nicht das, was es sein sollte: Es ist nicht man selbst. Sehr schön wird die Handlung der Episode in den ersten Minuten visuell vorweggenommen.

So kann man zum Beispiel die sich in Walters Labor schnell drehenden Windrädchen als Beschreibung des Erzählwechsels in dieser Episode sehen, die sich von einem Universum ins andere und zurück bewegt. Eine Farbe wechselt die andere ab, aber nicht in der herkömmlichen Abfolge: nicht in der gewohnten Richtung, genauso wie die Handlung später in der Episode überraschende Wendungen nimmt.Nach seinem Traum geht Peter zu Walter und fleht ihn an, ihm mit der Maschine und damit bei der Heimkehr zu helfen. Aber Walter antwortet: „I am the only man who can help you, but I am also the only one man who cannot help you.“ Als er das sagt, hält er kurz vor einem Spiegel inne, so dass wir ihn gespiegelt sehen. Diese sowohl sprachliche als auch visuelle Anspielung auf Walternate hat auch Peter verstanden.

Er geht zu Olivia und bittet sie, ihm nach drüben zu helfen. Olivia, die sich den Tag wegen ihrer Kopfschmerzen frei genommen hat, erklärt sich einverstanden, spannt aber den gerade eingetroffenen Lincoln mit ein: Er soll drüben als Alt-Lincoln posieren und Peter so zu Walternate hineinschmuggeln. Eigentlich aber hat auch Olivia andere Pläne. An diesem Punkt fangen die Windrädchen an, sich in die “falsche” Richtung zu drehen. Peter vertraut Olivia – nur eben der Olivia aus seiner Zeit. Unausweichlich aber beeinflusst das, was einem vor Augen steht, das eigene Denken und auch das Herz.

Die Frage, mit der diese Episode spielt, lautet: Wie “anders” kann das Gleiche sein, als man es aufgrund von Erfahrung und Erinnerung erwartet? Von jeder Sache gibt es zwei: das wurde in Fringe schon oft gesagt. Die Eins existiert nicht. Darf vielleicht nicht existieren, um die Balance nicht zu stören? Das einmalige Ereignis, jene Eins, ist Peter – und er beharrt auf dem Recht auf Existenz. Peter ist der einzige, der nicht nur so aussieht, sondern tatsächlich und ausschließlich ist, was und wer er ist. Und seine Existenz wird bedroht. Er geht mit Lincoln nach drüben, nur um sich in tödliche Gefahr zu begeben – denn dort ist nichts so, wie es aussieht. Die Shapeshifter scheinen die komplette rote Welt infiltriert zu haben.

Walternates Tun? Das glaubt nicht nur Peter, sondern sogar Fauxlivia und Alt-Lincoln sind davon überzeugt. Shapeshifter übernehmen das Aussehen, vielleicht gar die Persönlichkeit ihres Opfers bis zu einem gewissen Grad – nicht aber das Herz. In Fringes Universum bleibt das Herz die letzte Instanz, an welcher man gemessen wird. Wenn zwei Menschen gleich aussehen, macht das Herz den Unterschied. Walternates scheint, zumindest was die Shapeshifter-Sache anbetrifft, am rechten Fleck zu sitzen, wie Peter feststellt, nachdem ihm Elizabeth zu einem Treffen verholfen hat.

Übrigens wird auch Walternate anhand einer Spiegelung (in der Tischplatte, während er vor dem tatsächlichen Spiegel steht) in die Episode eingeführt. Es erweist sich überraschenderweise, dass Brandon selbst ein Shifter ist, den Walternate kurzerhand erledigt – und dass Broyles und kein Geringerer als David Robert “Mr.” Jones hinter der Shifter-Invasion stehen. Bei diesem Schock lässt es die Episode nicht bewenden, sondern verpasst uns gleich noch einen zweiten: Am Ende wartet Olivia im Theater auf Lincoln, in orangefarbenes Licht getaucht. Doch es erscheint der Observer, offenbar schwer verletzt.

Er teilt Olivia mit letzter Kraft mit, dass sie sterben müsse – ganz egal, wie man die Zukunft drehen und wenden möge, er habe sie in jeder möglichen Variante gesehen… Dieses Ende erinnert an Mr. X aus Lysergic Acid Diethylamide und lässt die Frage offen, ob Olivia der Preis sein soll, um den Peter wieder in die Zeitlinie eingefügt werden kann.

Fringe: Wallflower (4×07)

Standard

Wallflower bedeutet Mauerblümchen. Erzählt die neue und leider letzte Fringe-Episode in diesem Jahr von Blumen? Was tun Mauerblümchen? Verschönern sie nur die Wände, oder sorgen sie für Spalten und Brüche darin? Bezaubern sie, oder bedrohen sie? Sind Emotionen und Gefühle im Fringe-Universum die Mauerblümchen, die die Wände des Schicksals durchlässig machen: brüchig – und überwindbar?

Wie bei allen wichtigen Fragen der Fringe-Erzählung werden die Antworten nicht fertig serviert. Mauerblümchen wachsen still im Hintergrund. Sie sind auf den ersten Blick unsichtbar. So wie manche Menschen ihr ganzes Leben unsichtbar bleiben, isoliert. Sie scheitern daran, eine Verbindung zu ihren Mitmenschen aufzubauen, registriert zu werden. Oder werden sie deshalb über-sehen, weil sie anders sind? Wird das Mauerblümchen in der Wand der Normalität als eine Bedrohung ihrer Ganzheit empfunden? Wenn die Balance gestört wird, kann es zu Brüchen kommen, zu unvorhersehbaren Entwicklungen, die außer Kontrolle geraten können.

Wer hat aber in Fringe wen unter Kontrolle – bzw. wer glaubt wen unter Kontrolle zu haben? Die Schwierigkeit bei der Antwort auf diese Frage liegt in der Unterscheidung von Problem und Lösung. Ist beispielsweise Peter (Joshua Jackson) ein Problem oder eine Lösung? Fringe arbeitet gern im Hintergrund an solchen Antworten, unsichtbar für das unaufmerksame Auge. Denn viele Probleme sind zunächst unsichtbar, bis sie sich in harten Tatsachen manifestieren. Peter geisterte durch Raum und Zeit, bis er die “neue” Fringe-Welt betrat. Aber nur um festzustellen, dass er dort wie ein Mauerblümchen dasteht, isoliert.

Wir hören, als er beim Einkaufen von einem Agenten begleitet wird, dass ihm Kontakte mit anderen Menschen untersagt sind. Er gehört nicht in diese Welt und stellt somit automatisch eine Gefahr für sie dar. Ebenso war der “unsichtbare Mann” im Fall der Woche von Geburt an durch sein Anderssein, seinen genetischen Defekt dem Tode geweiht – aber die Gier der Wissenschaft machte eine lange Qual aus diesem Tod.

Der Unterschied zwischen Eugene (UGene – Abkürzung für „unknown genetic disorder“) und Peter liegt in dem räumlichen und zeitlichen Blickwinkel auf ihren Zustand. Während Peter sich mit der Distanz abfindet und versucht, ein Zuhause zu finden in dem Wissen, dass er diese Welt verlassen wird, will Eugene sie verlassen – aber im Gefühl der Nähe, nachdem er “gesehen” wurde. Also versucht er sich mit der Pigmentierung Anderer sichtbar zu machen, was für diese Anderen tödliche Konsequenzen hat.

Im Zuge der Suche nach Eugene erfahren Olivia und Lincoln (Seth Gabel), dass Massive Dynamic damals die Finger im Spiel hatte. Nina versichert Olivia jedoch, dass sie und William Bell über die Experimente mit Eugene nichts wussten. Sagt sie die ganze Wahrheit? Fringe kann einem wirklich Kopfschmerzen bereiten, aber gleichzeitig auch “Herzschmerzen”: und darin liegt die Stärke der Serie. Nicht allein Eugenes traurige Geschichte dominiert diese Episode, sondern auch der Zustand Olivias. Sie leidet durchgehend unter Kopfschmerzen – und zugleich verspürt sie dasselbe Gefühl der Isolation, des Alleinseins und versucht dem schließlich entgegenzutreten. Olivias nächtlicher Gang zur Apotheke bringt sie an einem Diner vorbei, wo Lincoln sitzt und einen Kaffee nach dem anderen trinkt.

Auch er kann nicht schlafen. Die kurze Szene zwischen den beiden erzeugt den Eindruck, als sähen sie einander zum ersten Mal in einer Episode, die komplett von der Farbe Blau dominiert wird – angefangen mit den Räumen der Fringe-Division über Olivias Becher und Lincolns Hemd bis zu dem Licht in dem Gebäude, wo Eugene lebt. Kommen wir dem blauen Universum näher? Ausgerechnet Peter hilft Lincoln, Olivia näher zu kommen – denn Lincoln scheint der einzige zu sein, der Peter normal behandelt. Er schenkt Lincoln am Ende der Episode eine neue Brille, die ihn in Olivias Augen sympathischer machen soll.

Olivia hat sich zwar dazu durchgerungen, eine Art Date mit Lincoln zu verabreden, bekommt jedoch nicht die Chance, seinen neuen Look zu registrieren: In ihrer Wohnung wird sie von Unbekannten mit Hilfe von Gas bewusstlos gemacht und bekommt Cortexiphan injiziert! Wer steht währenddessen im Türrahmen? Nina Sharp! An dieser Stelle schafft es Fringe wieder einmal, aus einer Episode heraus, die vorwiegend emotionale Zustände der Protagonisten zu kommentieren scheint, den Zustand der Erzählung selbst in Frage zu stellen, zu verändern. Wir müssen uns fragen, ob Nina Olivia deswegen adoptierte, um das Experiment fortzusetzen – und falls ja, zu welchem Zweck?

Wallflower ist eine melancholische Episode, die neben all den anderen Interpretationen, zu denen sie uns verleitet, eine über Fringe selbst vorzuschlagen scheint. Kommentiert nicht Fringe das eigene Schicksal, von so vielen Zuschauern nicht registriert zu werden – missverstanden, isoliert in seinem Anderssein innerhalb der Drama-Landschaft der Networks? Und FOX schickt nun Fringe in die Pause – bis Januar, was den Zuschauerzahlen nicht unbedingt gut tun wird… Aber wer weiß: Vielleicht haben manche Zuschauer dadurch Zeit, sich wirklich in Fringe hineinzufühlen, eine Verbindung aufzubauen, so dass die Serie nicht Eugenes Schicksal erleiden muss.

Fringe: And Those We’ve Left Behind (4×06)

Standard

„He is a Fringe event“, sagt Broyles über Peter (Joshua Jackson) am Beginn dieser Episode. Aber wie soll man Menschen klar machen, was sie vermissen, wenn sie gar nicht “nach Hause” wollen zu sich? Denn warum sollten sie es wollen? Vermissen sie wirklich etwas? Ist Peters “Fehl-am-Platz-Sein” direkt mit dem Fehlen verknüpft, das man bisher durch das Anderssein des Ohne-Peter-Universums geschaffen hat? Oder vermissen einfach wir Zuschauer die “alte” Fringe-Welt, oder besser gesagt die “alte” Fringe-Erzählung und ihre Figuren?

Denn Fringe bildet, wie wir schon letzte Woche besprachen, eine Verbindung zwischen dieser fiktionalen Welt und unserer realen, da wir Zuschauer die Figuren so vermissen, wie sie waren. Allem voran vermissen wir die emotionalen Bindungen zwischen ihnen, die Beziehungen. So führt uns die Serie erneut an einen Punkt, wo Zeit und Raum dem Herzen im Wege stehen. Mit Hilfe der Geschichte um Raymond und Kate verdeutlich Fringe dieses Gefühl. Wenn das Physische bzw. auch Physikalische dem Seelischen im Weg steht, darf man dann Verschiebungen, Änderungen vornehmen?

Natürlich erinnert man sich als Fringe-Zuschauer sofort an White Tulip, denn diese Episode ist mehr oder weniger zu einem Fringe-Manifest geworden, zur Seele der Serie. Es wird erzählt von Verbindungen zwischen Menschen, davon, wie sehr man miteinander verbunden ist, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. Es geht nicht so sehr um moralische Fragen, sondern um tragische Feststellungen: darum, dass wir Verbindungen übersehen, übersehen müssen, damit Ketten von Ursachen und Wirkungen entstehen und alles vorantreiben. So übersehen wir auch unsere Beteiligung daran, die Spur, die wir selbst hinterlassen.

Peters Situation lässt uns umgekehrt fragen, was geschieht, wenn eine Spur auftaucht, die nicht da sein dürfte. Wenn die Erinnerung an Verbindungen, an Beziehungen abhanden gekommen ist, dann werden auch die Beziehungen selbst ausgelöscht.

Nur: Wenn etwas nie geschehen ist, dann kann es keine Erinnerung daran geben! Das Tragische an diesem Fehlen ist, wie in Raymonds und Kates Fall, dass die Ereignisse nur einseitig ausgelöscht sind, genauso wie in der Konstellation “Peter – alle Anderen”. Wenn man so will, ist die Situation spiegelverkehrt: Kate hat als einzige “vergessen”, während sich Peter als einziger “erinnert”. Die Ereignisse dieser Episode dienen Peter als Beweis dafür, dass er nach Hause muss, dass er tatsächlich ein Fringe-Event ist: fehl am Platz, verfangen in einer anderen Zeit. Genauso wie wir Fringe “so wie früher” haben wollen, will auch Peter alle so haben, wie sie waren.

Jeder will nach Hause, so wie Dorothy nach Kansas will. „Snails! Nautilus shells. Ram’s horns. These all have one thing in common. Fibonacci’s Golden Spiral“, lautet Walters (John Noble) Lösung, als das Fringe-Team zusammen mit Peter die Zeitsprünge zwischen dem Jetzt und dem Damals vor genau vier Jahren vergeblich an Peters Erscheinen festzumachen versucht. Übrigens: Im Zauberer von Oz nimmt Dorothy die „Yellow Brick Road“ nach Hause, die einer goldenen Spirale gleicht – wie der, die Walter zeichnet. Ist diese Episode der erste Schritt? Vielleicht.

Auf jeden Fall ist sie ein weiterer faszinierender Schritt der Serie, der uns etwas über Zeit lehrt. Nicht nur darüber, wie schnell sie verläuft, oder über ihre physikalischen Aspekte, sondern darüber – wenn es auch melodramatisch klingt -, was Zeit über-dauert. Peter und Oliva (Anna Torv) liegen im Park. Während Walter fröhlich auf der Kinderschaukel schaukelt, tauschen sie Liebkosungen aus. Plötzlich ändert sich Olivias Laune. Sie verwandelt sich von der Olivia, die wir kannten, in die “neue” Olivia. Auf Peters Frage, was nicht in Ordnung sei, antwortet sie, dass er das Nicht-in-Ordnung sei, das Problem.

Danach wacht Peter plötzlich auf im kühlen Halbdunkel von Blau und Schwarz, und ein Lichtstreifen kommt herein in seinen Raum bei MD: Olivia kommt ihn besuchen. Zunächst sehen wir nur ihren Schatten an der Wand neben Peter. Diese Szene ist für mich visuell direkt mit derjenigen verbunden, die wir im Previously On sahen, nämlich als die schlafende Olivia von einem hellen Licht geweckt wird, das Peters Auftauchen signalisiert. Die gegenwärtige Olivia ist der Schatten derjenigen, die Peter kannte. Und wenn auch Licht auf sie geworfen wird: Sie wird ein Schatten bleiben oder ganz verschwinden.

Ein schönes visuelles Spiel, das spiralförmige Gedankengänge verursacht. Diese Episode ist gefüllt mit den typischen Fringe-Spielchen, angefangen mit den 47 Minuten (Alias und Rambaldi lassen grüssen!), die Raymond (Stephen Root) für seine “Zeitkammer” mit Kate (gespielt von Roots tatsächlicher Ehefrau Romy Rosemont) gewinnt, über die Referenz auf das “Burlap Bear”-Buch bis hin zu Styx’ “Too Much Time on My Hands”, das Walter im Labor hört. Wo war Peter? Ist er “zeitlos” gewesen?

Oder befand er sich in einer Art Zeitkammer, wie Raymond und Kate? Raymond versucht, eine eigene Zeit zu erzeugen, eine Zeit, in der Kate so bei ihm ist wie vor der Alzheimererkrankung – abgeschirmt von dem Raum und der Zeit, wo als Ergebnis Andere sterben werden. Kate sagt ihm, dass die Maschine, an der sie damals arbeitete, nie gebaut werden, dass Manches Theorie bleiben solle wegen der möglichen Konsequenzen. Hätte auch die „Doomsday Machine“ Theorie bleiben sollen? „You can’t go back“, sagt Kate zu Raymond.

Dasselbe gilt für Peter: Er muss nicht buchstäblich zurück; keine der Figuren kann zurückkeren zu dem Zustand, in dem sie ihn geliebt haben. Aber die Verbindung existiert auch physikalisch: Raymonds Maschine begann zu funktionieren, und zwar genau mit Peters Eintritt. Peter wiederum erinnert sich selbst nicht daran und kann sich nicht erklären, warum er sowohl Olivia als auch Walter vor seinem Auftritt erschien. Auch Peter wird nun von Zeitsprüngen betroffen, was zu ein paar amüsanten Szenen führt und zu Peters Reaktion darauf: „This is gonna start getting annoying.“ Neben dem Humorvollen steht seine Reaktion als Exempel dafür, wie er diese veränderte Welt aufnimmt: Er geht gefühlvoll mit den anderen um, hat Verständnis für Walter und sagt kein Wort darüber zu Olivia, was sie in seiner Zeit für ihn bedeutet hat, obwohl sie in dieser Episode selbst das Thema anspricht.

Peter erscheint als eine Art Emotionsführer. Wir sind Peters Blick, er löst Emotionen aus, um eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen. Ohne Peter sahen wir zwar Veränderungen in der Fringe-Welt, aber ohne Bezugspunkt, da Peter nicht existierte; wir registrierten sie lediglich auf der Basis unserer Kenntnis der Welt von vorher, nicht wegen fehlender Emotionen. Jetzt, mit Peter, erinnern sich nicht die Figuren, sondern wir als Zuschauer an die emotionalen Bindungen. Joshua Jackson leistet Großartiges in dieser Episode. Peters Reaktionen und der entspannte Umgang mit der veränderten Welt führen dazu, dass wir sie empfinden wie zum ersten Mal. Er leitet diese Gefühle, die er nicht an Ort und Stelle zeigt, weiter an uns Zuschauer.

„He can’t even look at me“, sagt er, als Walter sich weigert, anders mit ihm umzugehen als wie mit einem „subject“. Die emotionsgeladene Atmosphäre, den Schmerz des Verlusts kreiert die Serie hier mit Hilfe von Peters stiller Gelassenheit – und mit Hilfe des Falls der Woche, mit den visuellen Eingriffen: Wohnungsbrand, Tunnel, Kates mit Schwarz gelöschte Notizen usw. Dies alles zeigt, was Peter fühlen muss und wie schwer es wiederum allen Beteiligten fallen muss, das nachzuvollziehen. „I hope you get back to her“, sagt Olivia ihm am Ende. Wir auch…

Fringe: Novation (4×05)

Standard

Nach den zwei Wochen Zwangspause – da hatten vermutlich die Observer ihre Hand im Spiel – sehen wir mit der ersten Episode, die Peters (Joshua Jackson) Rückkehr gewidmet ist, eine ruhige und gleichzeitig traurige Erzählung über die Grenze. Nicht nur über die Grenze zwischen den Universen, sondern und vor allem über jene Grenze, die Menschen nicht überschreiten dürfen bei ihrem Bemühen, ihre Welt zu verändern – sei es im Sinne der Technologie, sei es im Sinne der Liebe.

Walter (John Noble) hat diese Grenze einmal überschritten, und Novation legt diese alte Wunde des “neuen” Walter vor unseren Augen offen: Er will, dass seine Strafe für das, was er tat, andauert, nämlich nie wieder Glück empfinden zu dürfen. Aber was ist, wenn das Glück sich nicht entfernen lässt, wenn es einen hartnäckig durch Raum und Zeit aufsucht? Fürchtet Walter nicht eigentlich, dass Glücklichsein Mechanismen in Bewegung setzen kann, die nie in Bewegung gesetzt werden dürfen, weil es zu spät ist? Klar ist: Walter weiß, was er sieht – Peters Augen in dem Gesicht eines erwachsenen Mannes, wie er später sagt.

Und diese Tatsache wirft ihn komplett aus der Bahn: nicht so sehr, weil er Peter erkannt hat, sondern weil er das dadurch ausgelöste, überwältigende Glücksgefühl als etwas ihm Verbotenes empfindet. Das Peter-Verbot erstreckt sich nun zwar auf sämtliche Figuren, zuerst einmal nur auf der vordergründigen Ebene des zeitlichen Ablaufs: Peter hätte eigentlich keinen Zugang zum Zeitstrom der gegenwärtigen Fringe-Welt finden dürfen. Damit aber kommen wir doch zum Emotionalen – wir sprachen es schon in früheren Reviews zur laufenden Staffel an: Wie konnte sich dieser Zugang öffnen, wenn nicht durch Olivias (Anna Torv) und Walters Empfindung, Ahnung eines Gefühls, das einmal da war?

Lincoln, die einzige “neue” Figur in der “neuen” blauen Welt – der Einzige also, der keine Erinnerungen an Peter haben kann -, spürt diese emotionale Bindung zwischen Olivia und Peter, wie in der kleinen Schluss-Szene zwischen ihm und Olivia deutlich wird. Es scheint, als zöge sich Lincoln von Olivia zurück – von einer Grenze, die er sonst vielleicht zu überschreiten versucht hätte.

Nach wie vor bleiben die Fragen offen: Wer sind die Observer? Sind sie die Hüter der Grenzen? Die Serie als Ganze steht vor ähnlichen Fragen: Wie weit gehen die Veränderungen? Wenn man sie schließlich erklärt, läuft man dann nicht Gefahr, Emotionen und Handlungen einfach zu wiederholen, zu kopieren, die Figuren denselben Weg gehen zu lassen, den wir sie schon einmal gehen sahen? Man kann sagen, dass Fringe sich auf genauso dünnem Eis bewegt wie damals Walter und Peter auf dem Reiden Lake. Was macht man, wenn die Figuren, die wir kannten, dieselben und doch anders sind?

Wie sehr sind sie anders? Wie kann man es schaffen, die kleine Differenz, die Verschiebung erfolgreich zu inszenieren, die alles in ein neues, andersfarbiges Licht stellt? Noch einmal muss die Antwort lauten: durch Peter. Er bildet gegenwärtig eine Art Anker für die Fringe-Zuschauer: Als einzige Figur kennt er Fringe so wie wir. Er ist durch den Fehler in der vorgesehenen Geschichte selbst zu einer Art Observer geworden: zu jemandem, der die Geschichte von Beginn an kennt, auch wenn sie nicht existiert hat. Schon einmal haben wir darüber gesprochen: Wir stehen hier vor dem Problem der Nicht-Existenz – und der Unwichtigkeit, ob eine Sache oder jemand wirklich existiert. Auf diese Nicht-Existenz nämlich kann man nur durch ihre Auswirkungen, ihre Effekte schließen, welche die Beteiligten an sie glauben lassen.

Mit Peter verhält es sich nun ironischerweise umgekehrt: Seine Nicht-Existenz scheint keine Auswirkungen auf die Welten zu haben, aber er ist wirklich da, er existiert – und die Auswirkungen seiner Existenz beginnen an dem Punkt, an dem er auftaucht, bzw. mit der Ankündigung seines Eintritts. Die Art, wie Peter zurückkehrt, gefiel mir persönlich sehr gut: Anstatt Drama und Verzweiflung daraus zu kreieren, dass seine komplette Vergangenheit sowie die Beziehungen zu den Figuren ausgelöscht scheinen, weiß Peter diese Tatsache schnell zu akzeptieren und beginnt, mit den Un-Bekannten zu interagieren.

Warum will er Walter sehen? Weil er weiß, dass nicht nur die Wissenschaft, sondern das Herz ihm die Chance geben kann, wirklich zurückzukehren, wie auch immer das geschehen soll. Peter akzeptiert seine Stellung als Fremdkörper in einer Welt, die bis zu diesem Punkt ohne ihn existiert hat. Aber was nun? Warum kam er, und von wo? Peters Situation gleicht Olivias Déjà-vu aus der Zukunft, das sie gegen Ende der Episode erlebt. Wieder, wie vor Peter Eintritt in diese Welt, springt Olivas Zeit nach vorn und dann zurück, so dass sie zweimal dieselbe Situation erlebt – aber mit der Kenntnis des Erlebten. Zuerst Zukunft und dann Vergangenheit bzw. Gegenwart: Ist dies ein Hinweis darauf, wie sie zu Peter und beide Welten zu sich selbst zurückfinden können? Wohl nicht zufällig gibt es in dieser Episode keine Gegenüberstellung unter vier Augen von Olivia und Peter.

Natürlich will man zuerst Walter und Peter zusammenbringen – trotzdem wundert man sich, dass er nicht auch mit Olivia spricht. Aber er hilft ihr und Lincoln mit dem Shapeshifter-Problem weiter, Broyles’ anfänglicher Skepsis zum Trotz. Peter stellt der Fringe Division seine Kenntnis zur Verfügung und findet heraus, dass die neuen Shifter – wie Nadine Park, die Dr. Malcolm Truss in dieser Episode entführt – zwischen Identitäten wechseln können. Sie übernehmen die DNA ihrer Opfer und behalten sie zur Verfügung, was sie wiederum fast unauffindbar macht.

Wie man an Nadine sieht, ist ihr Zustand jedoch instabil: ein Problem, für das die Shifter Malcolms Kenntnisse benötigen. Er arbeitete früher für Massive Dynamics als Spezialist für Zellforschung; er erforschte die Möglichkeit, schadhafte Zellen zu kopieren und intakt wieder herzustellen. Dann aber beendete William Bell sein Projekt mit den Worten: „Some things are not ours to tamper with.“ Nadine versucht Malcolm vom Gegenteil zu überzeugen – aus Überlebenswillen und Berechnung. Die Frage ist: auf wessen Befehl? Am Ende übermittelt sie ihren Erfolg mit Hilfe einer Schreibmaschine.

Die Maschine antwortet: „Begin preparation. We’re sending the others.“ Wenn ich mich nicht täusche, ist die Maschine ein Hermes-Modell: In der griechischen Mythologie war Hermes nicht nur der Bote der Götter, sondern auch der Schutzpatron der Reisenden und der Grenzgänger – auch dann, wenn Seelen in die Unterwelt geführt werden mussten. Grenzen, Brücken, andere Welten, dazu eine Brücke im Bild, hinter Olivia in Minute 35… Fringe und die Liebe zum Detail! Steckt Walternate hinter dem Shapeshifter-Angriff? Oder drängt sich diese Antwort zu sehr auf?

Steht William Bell von drüben dahinter? Wie wir wissen, hat er in der “alten” Fringe-Geschichte die Shifter kreiert. Die Verbindung liegt dadurch, dass Malcolm ihn zitiert, auf der Hand. Man könnte behaupten, dass sich der thematische Kreis der Episode mit ihrem Titel schließt: Novation referiert nicht nur auf die Shapeshifter, sondern generell auf die Problematik der neuen Welten. Novation bedeutet, eine Bindung durch eine neue zu ersetzen bzw. ein Mitglied einer Gruppe, die einer Bindung unterliegt, gegen jemand anders auszuwechseln. Wie viele von den alten Fringe-Elementen stecken noch drin in der neuen Fringe-Welt, und wie viele sind ersetzt, ausgetauscht worden? Wie funktioniert überhaupt das Begriffspaar “neu – alt” angesichts des Peter-Paradoxes, das ja vor allem ein zeitliches ist?

Die Trauer und die Verzweiflung, die Walter seit 25 Jahren mit sich herumträgt, sind nicht neu, aber anders. Einen wesentlichen Teil dieses Schmerzes bildet die Schuld, die er Nina all die Jahre für Peters Tod angelastet hat, während sie Olivia und ihre Schwester großzog. Diese Details erfahren wir beinahe beiläufig, als Lincoln und Olivia Nina im Fall der Woche um Hilfe bitten. Walter verlor zwei Söhne, während Nina zwei Töchter bekam – deren eine ein ehemaliges Cortexiphan-Kind. Fringe ist immer an den Stellen sehr gut, wo solche Konflikte wieder an die Oberfläche wollen, wo man ein Fringe-artiges Geflecht komplizierter und wechselhafter Beziehungen zwischen den Protagonisten entblößt.

Fringe enthüllt uns auch in dieser Episode nicht, wo der Fehler lag. Als Walternate von dem Observer abgelenkt oder als Peter aus dem See gefischt wurde? Oder sollte Peter von vornherein sterben und Walternate wurde deswegen abgelenkt, wobei September später doch noch in die Ereignisse eingriff? Warum machen Observer solche Fehler? Emotionen? Warum ist in den neuen Welten nichts von den Observern bekannt? Denn nach einem kurzen Gespräch mit Walter bei ihrem ersten Treffen in dieser Episode ist dies das erste, was Peter als anders erfährt: Walter hat keine Ahnung, wovon er spricht. Und Walter hat die Maschine nicht gebaut.

Noch einmal gefragt: Was ist gleich, was anders in der “neuen” Zeit? Und: was ist nach Peters Ankunft mit der Zeit passiert?

Fringe: Subject 9 (4×04)

Standard

Da ich im letzten Review nicht ausdrücklich auf Walters Lobotomieversuch eingegangen bin, werde ich die Besprechung von Subject 9 damit beginnen. Denn für mich besteht zwischen den beiden Episoden eine enge Verbindung, genau wie zwischen Olivia, Walter und Peter, obwohl die ersten beiden sich nicht mehr an Letzteren erinnern. Wie könnte man sich auch an etwas erinnern, was nie da war? Dafür scheint Peter nichts vergessen zu haben. Für ihn ist alles so geschehen, wie wir es in den letzten Staffeln erlebten.

Fringe setzt genau an dem Punkt an, wo Erinnern und Vergessen zwei Seiten einer Brücke bilden: der Brücke, die Fringe uns bereits in unterschiedlichen Kontexten präsentierte – schwarz-weiß, als Bild gerahmt. So auch hier in Camerons Wohnung. Dieses Bild beschreibt sehr gut die Problematik der neuen Staffel, wo Erinnern und Vergessen ständig die Plätze tauschen. In Subject 9 findet der Positionstausch zwischen Ursache und Wirkung statt, da sich Zeit als instabile Komponente erweist.

Auf welcher Seite man sich befindet, ist letztendlich gleichgültig, so lange nur eine Brücke existiert, eine Möglichkeit der Verbindung – auch wenn die rationale Erklärung fehlt. Denn das, was wir Herz nennen, die menschlichen Emotionen, provozieren und motivieren Handlungen und Wahrnehmungen (in) der Welt, die rational nicht erklärt werden können.

Das zeigt diese Episode auf mehreren Ebenen. Außenstehende können irrationales Verhalten als Verrücktheit wahrnehmen und den Betroffenen gar selbst an sich zweifeln lassen: Walter glaubt, er halluziniere und müsse dem ein Ende bereiten, bevor man ihn für verrückt erklärt und wieder einweist.

Aber kann ein Mensch eine emotionale Bindung, die ihn – egal in welcher Zeit – verändert, sein Leben neu definiert hat, restlos kappen? Wenn nicht – sind Emotionen dann zeitunabhängig bzw. können den Wechsel zwischen verschiedenen Zeitströmen überdauern? Olivia kann Walter gerade dadurch an seinem Lobotomieversuch hindern, dass auch ihr Kopf “verrückt” spielt. 1 + 1 = 1? Verrücktheit ist komplizierter, als man denkt, sagt Walter zu Olivia gegen Ende von Subject 9, die ebenso wie Alone in the World eine Olivia-Walter-Episode ist.

Noch eine andere Frage warf die letzte Alone in the World-Szene auf: Was ist gleich und was ist anders im “neuen” Fringe? Viele haben sich gefragt, was nach Peters Verschwinden bzw. nach Peters Nicht-Existenz in diesen beiden Welten anders abgelaufen ist. Häppchen für Häppchen gibt uns Fringe die Antworten. Walters Frau Elizabeth hat auch hier Selbstmord begangen, und Nina Sharp taucht in dieser Episode so auf, wie wir sie kennen: als die einzige, die sich an alles erinnert – und doch wirkt ihre Beziehung zu den Figuren anders. Es klingt, als sei die Bindung zwischen Olivia und Nina eine sehr innige, die schon lange besteht.

Und Walter? Als er in der letzten Episode zu extremen Maßnahmen griff, musste man sich natürlich fragen, ob auch hier schon Teile seines Gehirns entfernt wurden, so wie in der ‘alten’ Fringe-Geschichte. Wenn ich mich nicht täusche, wurde das bisher nicht explizit erwähnt. Cameron jedenfalls, Subjekt Nr. 9 aus Walters Cortexiphan-Experimenten, merkt erstaunt an, dass Walter völlig anders sei, als er ihn erinnere. Walters Beinahe-Verzweiflungstat scheint eine Parallele zur Entscheidung der Observer zu bilden, Peter komplett auszuradieren – nur anders motiviert.

Über die Observer wissen wir übrigens, wie ich finde, immer noch viel zu wenig! Beide Versuche, Peter zu entfernen, werden nicht zu Ende gebracht. Von unserer Logik her müssen sie freilich misslingen, denn Peter wird immer schon da gewesen sein. Doch die Wirklichkeit im gegenwärtigen Fringe sieht so aus: Alle leben eine andere Variante ihres Lebens weiter und haben Peter vergessen, der in dieser Variante nie existiert hat. Peters Rückkehr ist folglich nur in seinen Augen (und denen der Observer) eine Rückkehr: Er muss erkennen, dass er im Reiden Lake nicht nur wieder-, sondern neu geboren wurde für die Menschen, die ihm nahe stehen. Nur er selbst erinnert sich an alles, was nicht war.

Der so genannte Glyph, nach dem Fringe-Fans immer Ausschau halten, hieß letzte Woche REBORN; einer der Titel aus dem Bücherstapel lautete “Astral Projections and Other Psychic Energy”: Zwei Hinweise auf den Inhalt von Subject 9. Was Fringe uns zeigt, sind die kleinen Verschiebungen im Gleichen – die Geschichte der Welten ohne Peter ist beinahe gleich abgelaufen, aber doch anders, als würde eine Minute Zeit zweimal erlebt. So springt Olivias Wecker am Anfang der neuen Episode eine Minute zurück, als ein Streifen Sonnenlicht (an der Wand neben dem Fenster sind Schmetterlinge zu sehen!) ihr schlafendes Gesicht berührt. Im nächsten Moment wird ihr Zimmer von einer blau schimmernden Energiewolke nahezu verwüstet. Ein neuer Fringe-Vorfall?

Das glauben zunächst Olivia und Walter, der im Labor – inspiriert durch „The Matrix“ – mit mehreren Kameras ein Peter-Bild aufzufangen versucht. Aber das Peter-Bild ist die blaue Wolke, was, wie ich denke, allen Fringe-Fans von Anfang an klar war! Walters Gedanke, dass ein gewisser Cortexiphan-Junge (gespielt von Chadwick Boseman) die Ereignisse verursachen könnte, fungiert weniger als Täuschung für die Zuschauer denn als Chance für Olivia und Walter, sich an ihre gemeinsame Vergangenheit zu erinnern, darüber zu sprechen und den Emotionen freien Lauf zu lassen. Zwar hilft Cameron James (der Name: Zufall oder Absicht?) letztlich dabei, Peter zurückzubringen, während alle noch glauben, die blaue Wolke zerstören zu müssen – aber es sind Olivia und Walter, deren Emotionen eine Wellenlänge haben, welche auf Peter reagiert und ihm metaphorisch zur Neugeburt (à la Neo in „The Matrix“) verhilft.

Eine grandiose, Emmy-reife Leistung erbringen sowohl John Noble als auch Anna Torv in dieser Episode. Sie spielen – wieder einmal – die Walter-Olivia-Beziehung und ihre gemeinsame Vergangenheit vor unseren Augen durch: aber – wieder einmal – anders, um Nuancen verschoben… um letztendlich doch zu demselben Ergebnis zu kommen? Nicht nur, dass Olivia Walter entgegen seinen Befürchtungen nicht nach St. Claire schicken will; nicht nur, dass sie zweifach zueinander finden: erstens in ihrem jeweiligen Anderssein, zweitens in dem Verlust, den sie beide fühlen, aber nicht erklären können.

Walter will Olivia beweisen, dass mit ihm alles in Ordnung ist, und verlässt das Labor, zum ersten Mal seit drei Jahren, was mit seiner Verwüstung des Hotelzimmers endet. Ebenso verwüstet ist Walters Gemüt, und in einer die Episode krönenden Szene spricht er das Gefühl aus, allein zu sein: „I merely work for you. We’re not family.“ Als Olivia antwortet, dass sie nur das Beste zu tun versuche, fragt er tieftraurig: „For whom?“

Vielleicht für Peter, den sie beide nicht mehr kennen. Und der nach seinem plötzlichen Auftauchen mitten im Reiden Lake behauptet, alle zu kennen, und Olivia zu sehen verlangt. Die Episode endet mit Olivias Fan-Herzen zerreißender Frage an Peter: „Who are you?“

Ich bin gespannt: auf Peters Antwort und darauf, wie Fringe seine Rückkehr nun handhaben wird.

Fringe: Alone in the World (4×03)

Standard

Während man sich bei Fringe nicht wirklich sicher sein kann, welche Richtung als nächste eingeschlagen wird, hat die Serie Eines seit ihrer dritten Staffel unmissverständlich klar gemacht: Fringe handelt zwar von Herz und Verstand, aber das Herz treibt alles voran. Nicht in dem Sinne, dass die FOX-Serie vom Sieg des Herzens über den Verstand erzählte oder Ähnliches: Fringe versucht nicht, beides voneinander zu trennen, sondern aufzuzeigen, wie menschliche Beziehungen und Emotionen die Welt immer aufs Neue gestalten.

Dabei bleiben Spuren, Narben, Erinnerungen, die tatsächlich manchmal den Verstand bedrohen. Fringe zeigt einen unaufhaltsamen Prozess, dessen Motor die Emotionen sind – und so wird auch bei den Fällen der Woche die Lösung oft mit und im Herzen gefunden. Immer wieder aber baut Fringe dabei Brücken: zwischen Herz und Verstand, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen einem Universum und dem nächsten, zwischen Vater und Sohn.

In meinen Augen treibt Alone in the World – vom Ende der Episode einmal abgesehen – weder die Handlung voran, noch bringt sie Neues über die Peter-Situation. Eher tritt sie auf der Stelle. Letzte Woche sprachen wir über Fringes Stillleben mit weißen Tulpen; diesmal können wir das Sinnbild erneut benutzen, aber als Aussage über die komplette Episode: Alone in the World präsentiert ein schmerzvolles Stillleben, bildet die Schaubühne für John Nobles exzellentes Kammerspiel in der Rolle des Walter Bishop.

Walter sehnt sich nach Stille, aber er kann Peters (Joshua Jackson) Stimme nicht aus seinem Kopf vertreiben – und auch nicht Peters Gesicht aus dem Clipboard des Psychiaters, der Walter seinen monatlichen Besuch abstattet. Als Walter später mit Broyles spricht, übertönt Peters Stimme alles. Es ist ein Hilferuf: „Walter, do you see me? Don’t be scared. I want to come home.“ Walter fürchtet den Verstand zu verlieren. Offenbar wurden durch Peters Verschwinden Verbindungen gekappt, von deren Vorhanden-Gewesensein die Beteiligten nichts mehr wissen, deren Fehlen sie aber dennoch schmerzlich spüren. Wir sehen am Anfang der Episode, dass Olivia (Anna Torv) eine Zeichnung von Peter anfertigt und heimlich die Datenbanken nach seinem Gesicht durchsucht.

Seit Peters Verschwinden erleben wir Olivia stiller und zurückgezogener denn je. Eine der besten Szenen der Episode ereignet sich am Beginn zwischen ihr und Lee, als beide leise miteinander sprechen und Olivia ihm seine Hilfe anbietet, falls die veränderte Weltwahrnehmung – seitdem Lee von den beiden Universen weiß – ihm Kopfschmerzen bereite. „I am here“, sagt sie. „Here?“, fragt er vorsichtig. Genauso vorsichtig und langsam wechselt die Kamera von ihm zu ihr und umgekehrt. Das Zusammenspiel der beiden ist exzellent – und was man dieser Episode diesbezüglich vorwerfen kann, ist, nicht mehr daraus zu machen! Denn Olivia und Lee untersuchen zwar den Fall der Woche gemeinsam, aber sehr schnell wechselt der Fokus zu Walter und seiner Interaktion mit dem kleinen Aaron.

Aaron, ein einsamer Junge, der kein richtiges Zuhause hat bzw. es nicht als solches empfindet, hat eine für ihn unerklärliche Verbindung zu einem seltsamen Organismus ausgebildet: einem sich schnell verbreitenden Pilz, den Walter später „Gus“ nennt (als Abkürzung für „fungus“, Pilz). Aaron ist sich dieser Verbindung nicht wirklich bewusst, aber sie hat bald tödliche Konsequenzen für Andere. Und wie es sich bei Fringe gehört, müssen wir Zuschauer uns dessen bewusst sein, dass wir Hinweise auf die Ereignisse einer kommenden Episode häufig in der vorherigen finden.

So führt uns auch One Night in October zu Alone in the World, nämlich als die Bücher des Psychologieprofessors im Close-Up zu sehen sind: Killer Mindscapes von S. Pores, Neuropsychiatric Disorders von Dr. Gus Lathey, Fundamentals of Structural Engineering, Psychology of the Human Brain, Surgical Principles. S. Pores – „spores“, Pilzsporen; Gus – (fun)gus… Zufälle? Eher nicht – ebenso wenig wie die Buchtitel, die sich rückblickend nicht nur auf Walters psychischen Zustand beziehen, sondern auch auf die hirnartigen Strukturen und Funktionen des Pilzorganismus.

Für diese übrigens gibt Fringe auch einen visuellen Hinweis, nämlich bevor es in den Tunnel geht, wo sich Aaron versteckt hatte: Man sieht das gesprayte Wort „MIMIC“ (wenn ich es mir nicht eingebildet habe). Walter findet heraus, dass der Pilz Aarons Emotionen erfasst und sie reproduziert, nachahmt: Mimikry. Auf emotionaler Ebene sind Aaron und der Pilz einander gleich. Die Verbindung besteht über das limbische System, die Emotionsleitungen. Wenn Aaron traurig ist, ist es der Pilz auch – und wenn das Fringe-Team den Pilz zu vernichten versucht, droht es gleichzeitig Aaron zu töten.

Zu Aaron baut auch Walter nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Verbindung auf, die ihn sogar erzählen lässt, was mit seinem Sohn passiert ist. Peter-1 starb an der Krankheit – und Peter-2 ertrank im eiskalten Seewasser, als Walter ihn zu holen versuchte. Walter gibt Aaron Peters kleine Spielfigur – wie ich glaube, dieselbe, die Peter dem kranken Kind in Inner Child überreichte. Man kann sagen, dass Walters Austausch mit Aaron den Vater in ihm hervorbringt – und gleichzeitig darauf referiert, wie emotionale Verbindungen zu einer Art Symbiose führen: Sie erzeugen das Empfinden eines Ganzen, das keines mehr ist, dem etwas fehlt und das die fehlenden Teile schmerzlich vermisst, die es seiner Ganzheit für immer berauben. Walter kann zwar die Verbindung zwischen Aaron und Gus trennen, nicht aber die zwischen ihm selbst und Peter.

Wie sich herausstellt, steht Walter damit nicht allein. Wie Olivia in Lysergic Acid Diethylamide den Mr. X aus ihrem Traum malte, ohne zu wissen, wer er war, geschieht es jetzt auch mit Peter… Ebenso zeichnete Aaron die Strukturen des Pilzes, ohne es zu wissen: unbewusst mimetisch. „Do you like to draw?“, fragte ihn Olivia, nachdem er zur Fringe Division gebracht worden war. „Me too.“

Falls auch auf der anderen Seite solche Träume oder Visionen von Peter existieren – bei Walternate und Fauxlivia -, hieße das dann, dass sie mit vereinten Kräften eine Brücke bauen sollten, über die Peter nach Hause kommen kann? Aber wo wird dieses Zuhause sein? In welcher Variante wird Peter die Welt vorfinden, falls er wieder auftaucht? Zwar kommt die Episode mit diesen vielen Fragen nicht weiter, und Welt-2 bleibt außen vor – aber Fringe hat eine Verbindung zum limbischen System seiner Fans etabliert, die die Serie zur Herzensangelegenheit macht und gelegentliche Unzulänglichkeiten nichtig erscheinen lässt…

Fringe: One Night in October (4×02)

Standard

Der Übergang vom September zum Oktober: Ausgerechnet dann wird die Fringe-Episode One Night in October ausgestrahlt, die auf den ersten Blick wenig mit dem handlungsübergreifenden Erzählstrang zu tun hat, aber letztendlich… nur von diesem handelt! Was geschicktes Einflechten von Fällen der Woche in die fortlaufende Handlung und umgekehrt anbetrifft, so erweist sich Fringe ein weiteres Mal als ‘marktführend’ – so sehr, dass man bei der FOX-Serie zuweilen meint, den Fall der Woche kaum mehr trennen zu können von der großen Erzählung.

Von September zu Oktober. Von einem “alten” Observer zu einem “neuen”? Sollte man meinen – aber die neue Episode handelt nicht wirklich von den Observern; ungeachtet dessen jedoch versucht die Serie stets, mit kleinen und feinen Hinweisen immer und von allem zu handeln. Fringe bietet ein unbegrenztes Feld für Spekulationen, Interpretationen und andere Gehirnübungen. Das schönste Feld, das die Serie bislang geboten hat, war sicher eines voller weißer Tulpen, in dem zwei kleine Kinder vor dem Trauma ihres Alltags Zuflucht beieinander suchten; die Erinnerung dieser Begegnung brannte sich für immer in ihre Seelen ein… Was aber, wenn solche glücklichen und vor allem prägenden Momente aus der Kindheit ausgelöscht werden? Bleibt tatsächlich keine Spur von ihnen? Oder kann man zu ihnen zurückfinden, wenn man den Brotkrümeln folgt?

Die neue Fringe-Staffel scheint Brotkrümel für die Figuren zu streuen, die ihnen den Weg zeigen: den Weg zu ihnen selbst. Man muss Gastdarsteller John Pyper-Ferguson ein großes Kompliment für seine Doppelrolle in One Night in October aussprechen. In der roten Welt verkörpert er den genialischen Serienmörder John McClennan – und in der blauen denselben Mann, der hier aber als Professor für klinische Psychologie arbeitet. Sein Spezialgebiet: Serienmörder! John-2 entführt Menschen und zwingt sie mit Hilfe einer Maschine dazu, ihm ihre glücklichsten Erinnerungen mitzuteilen, sie ihm buchstäblich zu übertragen.

Damit nimmt One Night in October eines der großen Themen des Fringe-Universums auf und erzählt davon, auf welche Weise kleine Veränderungen einander ähnliche, wenn nicht gar gleiche Menschenleben in unterschiedliche Richtungen treiben können. Die zwei McClennans und die zwei Olivias stehen im Zentrum dieser Episode, denn Broyles-2 (der am Leben ist!) fordert von Broyles’ Leuten Unterstützung. Das bedeutet: Olivia muss mit Fauxlivia zusammen arbeiten und Letztere wieder zum Spiegelbild Ersterer werden – um vor John-1 die Tatsache zu verschleiern, dass er sich in Welt-2 befindet, um bei der Suche nach seinem eigenen Spiegelbild zu helfen. Ein weiteres Kompliment an Anna Torv für die wieder einmal sehr gelungene Darstellung der zwei Olivias, die dieses Mal des Öfteren zusammen im Bild zu sehen sind!

Währenddessen stellt der Blick in spiegelnde Oberflächen eine Gefahr für Walter (John Noble) dar. Die Szenen im Labor sind wieder durchdrungen von tiefer Trauer und gleichzeitig Humor. Walter befindet sich an der Grenze zum Wahnsinnigwerden, und Astrid ist wohl die Einzige, die ihn an dieser Grenze aufhalten kann. Nicht nur bedeckt Walter alle spiegelnden Oberflächen im Labor, sondern er hört Mozart in voller Lautstärke, denn Peter versucht auch auditiv mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Mit Lincoln haben die Fringe-Autoren definitiv einen Zugewinn fürs Team geschaffen, aber bis auf den kleinen Austausch mit Walter („Kennedy, help me.“ – „Lincoln…“) bleibt er in dieser Episode außerhalb der Geschehnisse. Vielleicht weil Lincoln-2 die Bühne betritt und die Handlung drüben spielt? Ja, nicht nur Broyles-2 ist am Leben, sondern auch Lincoln; Fauxlivia ist mit Frank zusammen, und Charlie hat “The Bug Girl” geheiratet. Und Olivia? Astrid legt ihr nahe, Lincoln und sich selbst ein Date zu gönnen, aber laut Olivia ist er nicht ihr Typ. Astrids Bemerkung, dass Olivias Typ vielleicht gar nicht existiere, hören unsere Zuschauerohren als weiteren Hinweis auf Peter… !

Anhand eines Fotos in John-2s Haus findet John-1 heraus, dass etwas nicht in Ordnung ist. Olivia muss ihn mit den zwei Universen konfrontieren und erzählt im darauf folgenden Gespräch von den Misshandlungen seitens ihres Stiefvaters. Die Szene zwischen den beiden mit Fauxlivia als Zuhörerin im Hintergrund ist wohl die beste dieser Episode, da sowohl John Pyper-Ferguson als auch Anna Torv subtil, aber trotzdem intensiv jede Gefühlsregung und jede Erinnerung darzustellen wissen.

What’s in him is in me, sagt John-1 – doch er wusste die Dunkelheit in sich in Glück umzuwandeln dank der Begegnung mit einer Frau namens Marjorie, die ihn aufnahm, als er seinem brutalen Vater davongelaufen war. In einer Oktobernacht. „Even when it’s the darkest, you need not stay there, you can step into the light“, lauteten Marjories Worte, die seine Seele berührten und dort einen Eindruck von Glück für immer hinterließen.

Etwas später treffen die beiden Johns aufeinander, als John-1 den Mord an einer weiteren unschuldigen Person verhindern will. John-2 trachtet ausgerechnet nach den Marjorie-Erinnerungen, als Olivia und Lee das Ganze unterbinden und John-2s Leben retten. Marjorie jedoch ist weg, die Erinnerung an sie ausgelöscht. In Olivia steigt die Angst empor, dass nun nichts mehr John von der Dunkelheit fernhalten könne. Aber er erinnert sich an Marjories Worte – und an die Hoffnung, die sie ihm gaben.

Im Gespräch zwischen Fauxlivia und Olivia erfahren wir, dass Olivia ihren Vater in der neu gestalteten Fringe-Realität getötet hat. Vielleicht ein Ergebnis ihres Nicht-Treffens mit Peter im Tulpenfeld? Aber wie es Broyles Olivia gegenüber ausdrückt, berühren manche Menschen unsere Seelen derart, dass der Abdruck, den sie hinterlassen, niemals ausgelöscht werden kann – so wenig wie der Duft von Gänseblümchen (die man in Johns Flashbacks sieht, wenn ich mich nicht täusche) oder die reine Schönheit weißer Tulpen. Haben möglicherweise die Abdrücke, die Peter (Joshua Jackson) in den Seelen der von ihm geliebten Menschen hinterlassen hat, seine komplette Auslöschung verhindert?

Am Ende der Episode versucht Walter erneut, Peters Hilferufe mit Musik zu übertönen, aber das Echo bleibt. Peter scheint wirklich in einem Niemandsland zwischen den Welten gefangen zu sein und zurückkehren zu wollen. Wird aber Walter auf die Hilferufe hören? Was glaubt ihr: Wo ist Peter, und wie lange werden die Autoren ihn noch verborgen halten? Was haltet ihr von den Veränderungen durch seine Nicht-Existenz? Und werden sie rückgängig gemacht, falls er in einer der beiden Welten wieder auftaucht?