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Fringe: The Consultant (4×18)

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In dieser vierten Staffel hat Fringe über einen längeren Zeitraum die Handlung im blauen Universum spielen lassen – wenn wir es noch blau nennen dürfen, seitdem die Zeit überschrieben wurde und Peter sich an einem Ort wiederfand, wo er als Erwachsener nie existiert hat. Erst in dieser zweiten Staffelhälfte wird der Austausch zwischen Blau und Rot in der Amber-Welt, die die Fringe-Erzählung eigentlich ist, intensiver. Natürlich kann man in der FOX-Serie das eine oder andere ‚Logik-Loch‘ finden, wenn man danach sucht. Aber im Ganzen gesehen ist Fringe… ein Ganzes! Man könnte sogar darüber spekulieren, ob tatsächlich alles eine Welt darstellt – nur aus unterschiedlichen Winkeln betrachtet, die wiederum unterschiedliche What-if-Konstellationen erzeugen. Olivia ist Olivia und Walter ist Walter, auch wenn wir sie in unterschiedlichen zeitlich-örtlichen Abschnitten und Kontexten  als Fauxlivia, Walternate  etc. erleben. Damit erscheinen beide Welten weder als Gegenpole noch als Spiegelungen. Eins plus Eins macht Zwei, aber nicht nur als Ergebnis, sondern als Ganzes. Fringe ist wie Peters Münze – mit zwei Seiten, mit Kopf und Zahl, aber beide zusammen erst machen die Münze aus.

Peters Dasein – wie schon ein paar Mal erwähnt – fällt zusammen mit unserem Dasein als Zuschauer. Unser Blick ist mit eingeschrieben. Das Seherlebnis, das Wissen über die Erzählung macht uns unausweichlich zu einem Teil dieser Erzählung. Wie Peter bzw. mit Peter suchen wir nach “unserer” Fringe-Welt. Und finden mal den Kopf, mal die Zahl. Durch zahlreiche, schnelle Wechsel zwischen den beiden Welten – zum ersten Mal so viele und so schnell – betrachten wir In The Consultant die sprichwörtliche Fringe-Münze: Peters Silberdollar, wie er sich in der Luft dreht; vor unseren Augen tauschen Kopf und Zahl in Sekundenschnelle die Plätze, was das Gefühl eines Überlappens erzeugt. Auf diesen Gedanken wiederum bringt uns die Handlung von The Consultant. Was ist, wenn es gar nicht darum geht, wie sich die eine Seite von der anderen unterscheidet, sondern darum, wie die eine Seite die andere ergänzt?

Der David-Jones-Masterplan wird hier mehr oder weniger enthüllt, nachdem Jones zwei Fringe-Events verursacht hat, bei welchen Unfälle im roten Universum auch zum Tod ‚derselben‘ Menschen im blauen Universum führen. Wie Walter erklärt, versucht Jones, beide Universen zum Überlappen zu bringen – er versucht, die Vibrationen ihrer Existenz einander anzugleichen. Jones scheint das Eins plus Eins nur als Ergebnis zu sehen. Als Endergebnis – als Ende? Bedeutet das Überlappen beider Welten Kollision, Ineinanderfallen, unausweichliche Zerstörung? Warum aber sollte Jones alles auslöschen wollen? Neben dieser großen Frage bietet The Consultant wieder einmal Walter die Möglichkeit, im Rampenlicht zu stehen, nachdem in dieser Staffel meistens Olivia und Peter diesen Platz einnahmen. Walter geht nach “drüben”, um dem Fringe-Team dort Hilfe bei der Untersuchung zu leisten. Seine Überquerung ist eine Resonanz, ein Echo von Lincolns Entscheidung, drüben zu bleiben; gleichzeitig korrespondiert sie Walters Überquerung vor vielen Jahren, das den Zustand erzeugt hat, in dem sich die Welten jetzt befinden. Eine Grenzübertretung, bei der sich das Herz über den Verstand, über Ethik und Moral hinwegsetzt: die vollzog Walter für Peter, und Broyles (der sich nun doch nicht als Shapeshifter erweist) vollzieht sie für den eigenen Sohn.

In meinen Augen leistet The Consultant mit Hilfe vieler inniger und schöner Momente zwischen den Figuren aus beiden Welten eine Art Familienzusammenführung, wie wir sie in den letzten Episoden in der blauen Welt beobachten konnten. Als wir mit Peter in dieser Zeit und in diesen Welten eintrafen, nannte Walter Fauxlivia voller Verbitterung “Mata Hari”; die Beziehungen waren insgesamt von Misstrauen geprägt. Jetzt sorgt Walter nicht nur für eine humor- und liebevolle Atmosphäre, sondern kocht sogar für Fauxlivia. Sollten wir sie nicht endlich von diesem Namen befreien und ebenfalls Olivia nennen, wenn die andere nicht in die Handlung involviert ist? Denn sind sie nicht beide unsere Olivias bzw. unsere Olivia? Vielleicht könnten wir im Zweifelsfall die unterschiedlichen Abkürzungen verwenden: Oliv (blau) und Liv (rot)… Walter also wird für die Dauer seines Aufenthalts bei Liv untergebracht und findet sie mitten in der Nacht mit einer Flasche Alkohol: verzweifelnd an Lincolns Ermordung. Übrigens: Walter im schimmernden Morgenmantel, am Küchenherd noch perfektioniert mit der unsäglichen Schürze – unvergesslich!

Mit einem Omelette und dem Sherlock Holmes‘schen Hinweis “dog that did not bark” hilft er ihr aus der Sackgasse und weist sie auf Colonel Broyles als möglichen Verdächtigen hin. Wir Zuschauer wissen bereits, dass Walter Recht hat, aber nicht, warum Broyles gegen sein Team arbeitet. In dieser Episode bekommen wir die Antwort: weil Jones Broyles‘ Sohn dafür von der tödlichen Krankheit befreit. Ist das Leben des kleinen Jungen den möglichen Verlust zweier Welten wert? Und wo ist eigentlich Walternate? Warum kam es zu keinem Treffen zwischen ihm und Walter? Spielt Nina tatsächlich eine größere Rolle in Jones’ Plänen, wie sie denkt bzw. vorgibt – oder ist sie doch nur ein “pawn”, eine Befürchtung, die wir ihr gegen Ende der Episode an der Nasenspitze ansehen können? Broyles findet schließlich seine Antwort: Genau wie Broyles-2 damals starb, opfert dieser sich selbst und vermutlich seinen Sohn für das Heil der beiden Welten, indem er sich dem Broyles aus Welt-1 stellt, anstatt Jones‘ Gerät in der Maschine zu platzieren. Agent Lees Tod scheint Broyles-2 gleichsam wach gerüttelt zu haben. Meiner Ansicht nach legt eine visuelle Verbindung in dieser Episode das nahe: Am Anfang sehen wir “unseren” Lee bei Lincolns Beerdigung im Wagen warten; die Kamera zeigt sein Gesicht im Seitenspiegel des Autos. Am Ende sehen wir dieselbe Einstellung – aber von Broyles-2, bevor er aussteigt und zur Brücke geht. Zwei Menschen aus zwei Welten verbindet die Tatsache, dass sie das Herz auf dem rechten Fleck haben. Wo das von Jones wirklich sitzt und was hinter seinem Plan steckt, werden wir noch erfahren.

Ganz egal, auf welche Seite die Münze fällt: sie wird immer ein Ganzes bleiben.

Fringe: Everything In Its Right Place (4×17)

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Wie kommt man aus einem Labyrinth hinaus – bzw. findet in sein Zentrum? Vor ein paar Jahren erklärte Tim McManus, eine prominente Figur aus HBOs Drama-Serie Oz, dass man sich nur mit einer Hand an der Wand entlangtasten müsse, um irgendwann ins Freie zu kommen. Was aber, wenn ein Labyrinth keine Wände hat – so wie “The Maze”, das McManus auf den Boden des Gefängnisses malte? Oder wie dasjenige, das an einem gewissen Armband zu sehen ist, welches Lincolns durch die Shapeshifter getötetem Partner gehörte? Woran soll man sich halten, wenn sich der Irrweg im eigenen Kopf, gar im eigenen Herzen befindet? Eigentlich sind solche Labyrinthe dazu gedacht, meditative Wirkung zu entfalten; sie sollen dabei helfen, zu einer Antwort oder überhaupt  zu sich selbst zu finden. Keeps you from floating away, wie Lincoln es ausdrückt. Oft liegt das Problem gar nicht in der konkreten Frage, vor der man steht – und erst recht nicht in der Gefahr, keine zufrieden stellende Antwort zu finden. Nein, das Problem liegt dazwischen. Es besteht darin, davonzuschwimmen, sich treiben zu lassen: Wenn das geschieht, beraubt man sich selbst der Möglichkeit, Land zu finden, aufs Trockene zu kommen, Wurzeln zu fassen.

Das Zuhause – das Herz: Fringe hat uns gelehrt, dass diese beiden nicht nur als Worte, sondern auch als Inhalte äußerst fragil sind, aber zugleich die einzigen verlässlichen Wände im Labyrinth unseres Daseins darstellen. So dass man vom Herzen zum Zuhause gelangen kann, indem man beides verbindet – indem man etwa ein Blatt Papier mit zwei Punkten (warum nicht einem roten und einem blauen?) so an den Rändern zusammenfaltet, dass die Punkte zusammenfallen. Dabei entsteht nicht unbedingt etwas Neues, sondern es kommt etwas zusammen, was sowieso zusammen gehört hat. Wie findet man aber heraus, wohin man gehört – oder zu wem? Nachdem Olivia (Anna Torv), Peter (Joshua Jackson), Astrid, Walter (John Noble) und Jean (die Walter und Peter mit FBI-Cap und -Überwurf zum Ausgang vorbereiten, um sie von ihrer angeblichen Depression zu befreien) als perfekte Familie zusammengefunden hatten, merkte man schon in der letzten Episode, dass Lincoln Lee außen vor steht, dass er nicht richtig dazu gehört bzw. dazugehören kann: Es gibt keinen Platz mehr für ihn. Der Wunsch der Fringe-Fans, mehr von Lincoln zu sehen, wird mit dieser neuen Episode erhört, indem man die in der letzten Episode eingefädelte Handlung weiterführt. Lincoln fühlt sich nicht am richtigen Platz, nicht gebraucht, nicht vermisst. Er überzeugt Broyles, an Astrids Statt ihn nach drüben gehen und mit dem “roten” Fringe-Team zusammenarbeiten zu lassen. Man sieht und fühlt buchstäblich, wie sich Lincoln im Labyrinth voranbewegt, Kurve für Kurve. Als er mit Fauxlivia Details des Falles besprechen will, meldet sich “der Fall” selbst: Mehrere Kriminelle wurden in letzter Zeit von einem Unbekannten getötet, und mit Hilfe ‚unseres‘ Lincoln gelangt das Team – trotz Rot-Broyles‘ Bemühungen, es zu vertuschen – zu der erschreckenden Enthüllung, dass es sich bei dem Mörder um einen Shapeshifter handelt. Die Verfolgungsjagd beginnt – und man kann wirklich behaupten, dass Welt-2 immer für Actionsequenzen gut ist! Während in Welt-1 mehr nachgedacht wird, wird in Welt-2 mehr gehandelt. Alles verläuft schneller. Natürlich wissen wir, dass auch andere Unterschiede existieren, wie zum Beispiel die Superhelden-Figur Mantis anstatt Batman. Allen Unterschieden zum Trotz jedoch können Welten zusammengehören, ohne einander zu überlappen oder gar auszuradieren. Rot und Blau können zusammentreffen und, wie die Farbe Lila, etwas Neues entstehen lassen – neue Partnerschaften, neue Zeiten, neue Wände im Labyrinth jedes Einzelnen. Herz-Wände: erinnert ihr euch noch an Paul Celans Gedicht, über das wir bezüglich Fringe schon einmal sprachen?

Denn – und hier visiere ich Lincoln an – man kann eine neue Wand finden, wo man bisher eine vermisst hat. Wenn wir auf das metaphorische Blatt mit dem roten und dem blauen Punkt vom Anfang des Artikels zurückkommen wollen, dann können wir behaupten, dass die Brücke, die die Welten zueinander aufgebaut haben, ein solches Zusammenfalten darstellt – denn tatsächlich: „Our world is healing“, sagt Walternate auf dem Bildschirm in Fauxlivias Auto; mehr und mehr mit Amber versiegelte Areale in Welt-2 können wieder geöffnet werden. Für die Menschen hier sind die Agenten aus Welt-1 Helden, während sie in der eigenen Welt mehr oder weniger heimlich, beinahe unsichtbar existieren. Vor solche Unsichtbarkeit sah sich auch ein gewisser Canaan gestellt, der jetzt als Shapeshifter herumgeistert und auf die Erfüllung von Jones‘ Versprechen wartet, ihn wieder “heil” zu machen. Canaan: Kaum vorstellbar, dass Fringe diesen Namen zufällig gewählt hätte. Viel zu dicht liegen in ihm – historisch-biblisch sowie etymologisch – Sehnsucht nach dem Gelobten Land (dem Zuhause!), Niedergeschlagenheit sowie die Farbe Lila – Rot und Blau – beieinander… Nachdem das Fringe-Team Canaan verhaftet hat, erzählt er Lee-1 von dem Gefühl, nicht dazuzugehören, nicht aus dem Labyrinth herauszukommen, kein Zuhause zu finden. An diesem Punkt kehrt Fringe zurück zu der Frage, ob es nicht die kleinen Entscheidungen sind, die kleinen Schritte, die uns definieren und gleichzeitig voneinander unterscheiden. Das mehrmals wieder aufgenommene Gespräch zwischen den beiden Lees darüber, wie gleich ihr Leben verlief und wie unterschiedlich sie dennoch geworden sind – teilweise mit Fauxlivias Hilfe amüsant in Szene gesetzt -, unterstützt diese Fragestellung. Die Lincolns können ihr Gespräch nicht zu Ende führen, denn auf Broyles-2s Befehl versucht ein Scharfschütze, den Shapeshifter zu töten. Er trifft Lee-2 – tödlich, wie sich später herausstellt.  Ein hoher Preis dafür, an Nina heranzukommen? Denn mit Canaans Hilfe wird ihr Standort entdeckt: ironischerweise Fort Lee, New Jersey, wo sie denn auch verhaftet wird. Lincoln und Fauxlivia finden viel versprechende Beweise für und Spuren zu Jones’ Gesamtoperation, als die Nachricht von Rot-Lees Tod eintrifft.

Dieses Ereignis scheint für unseren Lincoln die letzte Biegung des Labyrinths zu sein, die ihn nach Hause bringt. Am Ende geht er zu Fauxlivia und bietet seine Unterstützung an, was auch und gerade bedeutet: seine Anwesenheit in Welt-2. Beide haben durch die Shapeshifter-Story einen Partner verloren. Können sie jetzt Partner sein? Ja. Vielleicht hat es das Fringe-Universum, das auf so faszinierende Art (erzählerische) Logik mit den Regungen des Herzens verbindet, so “vorgesehen”? Jede/r muss die Wand für sich finden, auch wenn sie sich auf einer Seite befindet, wo man sie nicht vermutet hätte. Es ist die Wand, die verbindet, anstatt zu trennen, die Wand des eigenen Herzens… Nur folgerichtig also, dass Olivia zu Beginn der Episode Lincoln das Labyrinth-Armband zurückgab: Sie braucht es nicht mehr, sie hat ihr Zuhause gefunden. Innerhalb derselben Logik kann Lincoln es am Ende der Episode an Canaan weitergeben, mit dem er die Seiten tauscht: Everyone in his/her right place…

Fringe: A Short Story About Love (4×15)

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Haben wir in den Fringe-Reviews nicht immer schon davon gesprochen, dass Fringe in seinem Kern eigentlich eine Erzählung über die Liebe ist und von Anfang an war? Liebe unterliegt keinen wissenschaftlichen Gesetzen, sie ist die Neuerfindung des Lebens im Sinne eines Unterschieds. Sie führt uns zur Grunderfahrung dessen, was den Unterschied im Leben ausmacht, und damit zu der Vorstellung, dass man die Welt vom Gesichtspunkt des Unterschiedes aus erfahren kann.

Das schreibt der französische Philosoph Alain Badiou in seinem Buch Lob der Liebe (2009) – das und noch mehr: “Wahrhaftig ist Liebe dann, wenn sie dauerhaft, manchmal unter Schwierigkeiten über die Hindernisse triumphiert, die der Raum, die Welt und die Zeit ihr in den Weg stellen.” Vor Olivia (Anna Torv) und Peter (Joshua Jackson) türmten sich beinah unüberwindbare Hindernisse auf. Ihr Überwinden führt nicht nur zu und zeugt von einer wahrhaften Liebe, sondern sagt auch allgemein etwas über die Liebe aus, die sich heutzutage in Gefahr befindet.

Man versucht gegenwärtig, entweder Liebe von vornherein risikofrei zu gestalten (sprich: die eigenen Interessen zu verfolgen) oder aber ihr die Wichtigkeit abzusprechen. Entweder ist man bemüht, sich auf die Liebe vorzubereiten, die Identität des potentiellen Liebespartners “auszuwählen” (wie im Online-Katalog zum Beispiel); man möchte die eigene Person dadurch vor Leiden schützen, den eigenen Blickpunkt auf die Welt sichern. Oder aber man reduziert die Liebe gleich auf den sexuellen Genuss. Die Angst vor Identitätsverlust entspringt der Auffassung, Liebe bedeute das Eins-Werden zweier Menschen. Doch Liebe ist von Beginn an eine Trennung, ein Unterschied, eine Zweiheit.

Die Liebesbegegnung besteht darin, den anderen, so wie er ist, mit mir gemeinsam existieren zu lassen. Man lernt dabei, dass man die Welt vom Unterschied aus erfahren kann und nicht nur von der eigenen Identität aus. Darin liegen Gefahren und Schwierigkeiten, aber darin liegt eben auch die einmalige Chance, die Welt buchstäblich mit anderen Augen zu sehen – auch die eigene Person. Laut dem Psychoanalytiker und Philosophen Jaques Lacan versucht das Subjekt in der Liebe, “Das Sein des Anderen” zu erreichen. In der Liebe geht das Subjekt über sich, über seinen Narzissmus hinaus.

Und die neue Fringe-Episode handelt nicht so sehr vom Überwinden der Schwierigkeiten, die Zeit, Universen und Raum Olivia und Peter in den Weg stellen, sondern vom Überwinden des jeweils eigenen Selbst.

Diese vierte Fringe-Staffel handelt von Peters Versuch, nach Hause zu kommen, in seine Welt zurückzufinden. Er sucht nach seiner Olivia. Aber wie es sich erweist, sucht sie auch nach ihm. Ihre Begegnung ist im Grunde unausweichlich, denn sie ist eine Liebesbegegnung, eine Zwei: Auch wenn Welten, gar Identitäten ineinander zu fließen drohen, ergibt Eins plus Eins noch immer Zwei. Das Ergebnis eines Paradoxes, eines identischen Unterschieds: Wenn man in einer Welt lebt und in das Gesicht desjenigen Menschen blickt, den man liebt, weiß man zugleich, dass dieser Mensch dieselbe Welt sieht und dass diese Identität Teil der Welt ist.

Beide sehen dieselbe Welt – doch sie sehen sie als vollständig, als Ganzes (= 1) mit dem jeweils Anderen darin, der ihr Sinn gibt. Das Bild wird vollständig, wenn man beide Seiten zusammenzählt: als Paradox eines identischen Unterschieds. Genau dann, wenn das geschieht, existiert die Liebe. Sie existiert in einem Strauß weißer Tulpen, vor dem Olivia am Anfang der Episode allein sitzt: in einem Restaurant, wo sie auf Nina wartet, um ihr von ihrer Liebe zu Peter zu erzählen. Sie spricht davon, von einer Welt zu wissen, die sie mit ihm zusammen erfahren hat und die nicht diejenige ist, in der sie ohne Peter lebte. Sie erinnert sich an eine Welt, die nicht existiert hat – von ihrer Position in “ihrer” Welt aus betrachtet. Aber ist diese Perspektive die richtige?

Olivias “eigene” Erinnerungen schwinden; ironischerweise wird sie zu einer Fremden in ihrem bisherigen Leben mit den Menschen, die sie kennt, mit denen sie aber die Erfahrung dieser Welt nicht teilt. Sehr bezeichnend für Olivias Reise ist ein Bild aus der Szene etwas später, als Walter ihr im Labor von dem Überwachungvideo erzählt. Die Kamera hatte er in einem Teddy versteckt, und als er sich ans Entziffern der Aufnahmen macht, steht Olivia für kurze Zeit ganz allein im Bild, mit dem Teddy im Arm. Das erinnert – so wie die weißen Tulpen – stark an “unsere” Olivia, an die Olivia, die ihrer Nichte Ella “Burlap Bear goes to the Woods” vorlas.

Ella fragte sie damals, ob es wirklich Monster gäbe. Olivia verneinte. Nun hat uns Fringe in den Fällen der Woche mit so vielen “Monstern” konfrontiert, dass Olivias Aussage falsch erscheint. Aber ist sie das wirklich? Denn hinter den allermeisten monströsen Akten, die von den so genannten “mad scientists” begangen wurden, stand die verzweifelte Suche nach Liebe. Auch Anson Carr (Michael Massee), der entstellte Wissenschaftler in dieser Episode, tötet Pärchen, die durch wahre Liebe miteinander verbunden waren. Er will einen Extrakt herstellen: den ultimativen Liebestrank. Was bringt Menschen dazu, einander zu lieben, so viel zu riskieren, sich so verwundbar zu machen? Ist Liebe so einfach festzuhalten, herausdestilliert in einem Tropfen Chemie?

Ein potentielles Opfer sagt zu Olivia: „It is a difference between loving someone and being in love with them.“ Die Kamera nähert sich währenddessen abwechselnd Olivia und Lincoln, indem der jeweils andere im Fokus steht, aber die beiden nie im Bild zusammenkommen. Liebe ist ein extremes Close-Up, und davon sehen wir viele in dieser Episode – als wollte man versuchen, diese Essenz im Bild festzuhalten, sie uns nahe zu bringen. So wie Carr sie in einem kleinen Tropfen festhalten will. In einer weiteren eindringlichen Szene mit Nina entscheidet sich Olivia, an der Liebe festzuhalten und nicht an “ihren eigenen” Erinnerungen an die Welt ohne Peter. Und Peter?

Er will zunächst nach New York, weg von Olivia, wie Walter es von ihm forderte; in Walters Augen erfüllt er damit eine Forderung, die vor langer Zeit Peter selbst auf Griechisch aussprach: ein besserer Mann zu sein als sein Vater. Nur geht Peter dabei von der Voraussetzung aus, dass diese Welt und diese Olivia nicht seine sind. Olivias Veränderungen sieht er – wie auch Walter – als ein Überschreiben ihrer “wahren” Identität. Eigentlich jedoch ereignet sich bei Olivia eine Rückkehr zu sich selbst, um die Liebe zu Peter leben zu können. Die Rückkehr zur vorherigen Normalität, die Peter ihr durch seine Abwesenheit ermöglichen will, hat er ihr mit dem Beginn seiner Anwesenheit bereits unmöglich gemacht.

Peters Augen werden zum wiederholten Mal von September geöffnet, den er aus der Verbannung zurückholt. September hat ihm seine Adresse hinterlassen – ironischerweise in Peters Auge. Mit Hilfe einer Art “Leuchttürmchen”, dessen Koordinaten Peter durch die Geräte in Septembers Koffer findet, taucht September auf, um Peter die Geschichte über die Liebe zu Ende zu erzählen: Peter sei längst zu Hause, und er habe nicht ausradiert werden können, da die Bindung zu den Menschen, die er liebte und die ihn liebten, zu stark war. „I believe you call it… love.“ Die Reise von Olivia und Peter scheint beendet: in den Armen des jeweils anderen. Nicht das Verschmelzen der Welten, nicht die Eins bildet das Ergebnis, sondern die Zwei, die den Unterschied / die Differenz gemeinsam erfahren…

Fringe: The End of All Things (4×14)

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Alles begann mit einem Zufall – mit einer Katastrophe, die letztendlich zu der Welt führte, in der wir gegenwärtig leben. So schreibt der Sci-Fi-Autor Stanislaw Lem. Die Verkettung katastrophaler Zufälle basiert genau genommen auf einem Fehler, könnte man sogar behaupten. Und dieser Fehler, der zur Entstehung unserer Universum-Nische beitrug, führte zu weiteren Fehlern. Ist die menschliche Geschichte also nichts weiter als eine Aneinanderreihung von Fehlern? Wird sie von solchen Fehlern vorangetrieben? Die Fringe-Geschichte auf jeden Fall. Fehlerhaftigkeit nämlich macht Menschlichkeit aus – und natürlich auch der Versuch, diese Fehler wiedergutzumachen. Was aber bezeichnen wir als Fehler? Unlogisches, irrationales Handeln aus Liebe zu einem anderen Menschen zum Beispiel?

In der letzten Episode vor Fringes erneuter (und höchst unwillkommener) Winterpause erreicht die FOX-Serie einen weiteren Höhepunkt bei ihrer Untersuchung dessen, was uns als Menschen ausmacht: mit Echos aus der Vergangenheit und aus der Zukunft. Wieviel von uns gab es schon vorher? Und wieviel von uns wird bleiben, wenn es uns selbst nicht mehr gibt? Können wir die Welt und die anderen Menschen so gestalten, wie wir sie haben wollen? Wird die Welt von einer Kette unerfüllter Begehren vorangetrieben, die einander überlappen, sich aufeinander legen, gar einander erzeugen, in Gang setzen? Wenn man die unterschiedlichen Schichten abpellen könnte, sie wegradieren, sich durch sie zurückblättern – käme man dann zu einem Ursprung, einem Anfang, einem Original? Kommen wir so zu einer Erkenntnis?

Mehrere Olivias werden durchgeblättert, aber nur eine ist die richtige. Die gilt es zu finden. Zu ihr gilt es nach Hause zu kommen – für Peter (Joshua Jackson). Damit kommt er in dieser Episode tatsächlich zu einer Erkenntnis, und mit ihm wir Zuschauer: Peter ist ja so etwas wie unser Reisebegleiter. Walter vergleicht die Videoaufnahmen, die Lincoln und Peter in Olivias Wohnung sichern, mit einem Palimpsest: und dies ist gleichzeitig eine Metapher für Fringes Erzählung selbst. Diese Geschichte besteht immer wieder im Hinzufügen bzw. Entfernen von Schichten; sie blättert vor und zurück, um die Geschichte zu entlarven, um die Wahrheit zu erfahren über diese Menschen und über Menschlichkeit selbst: über das menschliche Empfinden. Wie es in einem Gedicht von Paul Celan (“Blume”, 1959) heißt: “Herzwand um Herzwand / blättert hinzu.” Bei allen Überschreibungen, Überlappungen und Verschiebungen bleiben Spuren zurück: Echos, die man noch sehen und hören kann. Es sind Bilder, die unter anderen verborgen liegen.

Ein “Entblättern” der Fringe-Welt wird Peter durch September geboten, der plötzlich in Walters Labor auftaucht: mit derselben Schussverletzung wie damals bei Olivia im Operhaus. Er muss Peter etwas Wichtiges mitteilen, verliert jedoch vorher das Bewusstsein. In Septembers Bewusstsein muss Peter also hinein, um mit ihm sprechen zu können. Dort drinnen erfährt er, dass die Observer Menschen sind, die aus der Zukunft kommen: „We are you“, erklärt September, „one of your possible futures.“ Je nach Blickwinkel könnte man sie sowohl The First People als auch The Last People nennen – ein Wissenschaftler-Team, das die Vergangenheit beobachtet, die zu ihnen geführt hat; die Observer sind in der Lage, in und außerhalb der Zeit zu reisen.

Ich habe es so verstanden: Damit “ihre” Zukunft eintritt, muss Peter nicht nur am Leben bleiben, sondern auch ein Kind zeugen, und zwar mit “seiner” Olivia anstatt mit Fauxlivia, wie es in Peters Zeitlinie geschah. September erzählt ihm von Henry, Peters Sohn, der nach Peters Einsteigen in die Maschine aufhörte zu existieren. Wir erfahren nicht, was genau die Observer mit ihren Beobachtungen und Zeitreisen bezwecken. Doch September bekräftigt, dass sein Fehler damals darin bestand, Walternate seine Bewunderung auszusprechen und ihn damit von seiner Arbeit abzulenken, so dass er das gefundene Heilmittel für seinen Sohn nicht als solches erkannte.

Septembers Fehler erweist sich damit als “Verbrechen aus Menschlichkeit”: Er gab der spontanen menschlichen Regung nach, Walternate seine Bewunderung persönlich, von Mensch zu Mensch, aussprechen zu wollen. Die Folgen dieses Impulses wieder in dasjenige Gleis zu bringen, das zur “richtigen” Zukunft führt, sorgte – wie wir wissen – für immer noch weitere Verschiebungen. Es muss also, sagt September, dazu kommen, dass Peter und Olivia ein Kind haben: ein gemeinsames Kind der zwei Universen. Das wirft natürlich eine Frage auf: Wenn September seinen Fehler nicht gemacht hätte – wie hätte es dann zu diesem Kind kommen sollen? Vorausgesetzt, September hätte Walternate nicht abgelenkt: Wie hätte dann Peter die Olivia aus dem blauen Universum kennen lernen sollen?

Während Peter mit September spricht, foltert Jones Nina vor Olivias Augen, um eine starke emotionale Reaktion hervorzurufen und damit Olivias Fähigkeiten zu aktivieren: Sie soll die Lämpchen einschalten, wie “unsere” Olivia es schon einmal tat. Alles wiederholt sich, ist das Gleiche – aber doch nicht wirklich. Denn diese Nina ist nicht Olivias Nina, sondern die von drüben. Und obwohl Olivias (Anna Torv) Erinnerungen im Grunde überschrieben sind, kann sie Ninas Spiel entlarven – wiederum aus Menschlichkeit: Die tiefen Gefühle, die sie für ihre Nina empfindet, wollen sich für die falsche nicht einstellen. Sie bringt Nina (Blair Brown) und Jones dazu, Peter zu holen, denn nur in seiner Gegenwart kann sie das vollbringen, was Jones von ihr will. In einer furiosen Szene aktiviert Olivia schließlich nicht nur die Lämpchen, was für Jones’ Mitarbeiter tödliche Konsequenzen hat. Trotzdem können Nina und Jones fliehen.

Das größere Problem für Peter besteht darin, dass seine Präsenz, sein Begehren, seine Sehnsucht nach seiner Olivia in dieser Olivia alle Lämpchen eingeschaltet hat: „I’m in love with you and I can’t just turn that off“, sagt sie, als er ihr mitteilt, sich getäuscht und erkannt zu haben, dass er nur mit seiner, mit der einen Olivia zusammen sein muss und will. Aber ist das möglich? Kann er zurück? Kann alles noch einmal überschrieben werden? Und zu welchem Preis? Denn jeder Eingriff hinterlässt Spuren, die neue Herzwände hinzu wachsen lassen… Hat Peter in seiner unerfüllten Sehnsucht, wie September, einen menschlichen Fehler begangen, der weitere Verschiebungen und Ungleichgewichte hervorruft?

Fringe: A Better Human Being (4×13)

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Wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich nicht, wie ich die Ereignisse und die vermeintliche Aussage dieser Episode bewerten soll. Einerseits geht eine “normale” Erklärung für Olivias (Anna Torv) Zustand absolut in Ordnung: die Folge einer heimtückischen Cortexiphan-Behandlung also, schlicht und einfach. Andererseits gefällt mir – um der Schönheit des Gedankens bzw. des Gefühls willen – besser die Vorstellung von Peter (Joshua Jackson), der durch seine bloße Anwesenheit und sein starkes Begehren nach Olivia und seiner Familie die Menschen zu verändern, anzupassen beginnt.

Aber bei Fringe ist nichts endgültig, und daher möchte ich nicht behaupten, den Plan der Autoren durchschaut zu haben. Wir müssen abwarten und sehen, in welche Richtung sich das Ganze bewegt, nachdem uns A Better Human Being mit einer Überraschung hat sitzen lassen. Nirgendwo gibt es, glaube ich, so viele Mad Scientists wie im Fringe-Universum! In dieser Episode befasst sich der Fall der Woche mit den Ergebnissen eines Experiments. Experimentiert hat Dr. Owen Frank: Mit Hilfe von DNA-Veränderungen versuchte er “bessere” Menschen zu kreieren.

Der Haken an der Sache: Bei den zahlreichen In-Vitro-Befruchtungen benutze er ausschließlich das eigene Sperma! Somit hat er nun eine Menge fast erwachsener Söhne, die gedanklich wie ein Bienenschwarm permanent miteinander verbunden sind. Jeder fühlt, was die anderen gerade fühlen. Sie versuchen, gemeinsam die eigene Existenz zu schützen – woraus mehrere Morde resultieren, als Journalisten über Franks Forschung berichten wollen. Einer der “Brüder”, Shawn, hat sich selbst in eine Anstalt begeben, um seine vermeintliche Schizophrenie behandeln zu lassen; er ist die einzige Verbindung des Fringe-Teams zum Rest des “Schwarms”. Während der Fall um Shawn und den Rest der Frank-Kinder eher unspektakulär beendet wird, spielt sich das eigentliche Spektakel in Olivias Kopf ab: Sie ist nicht mehr Amber-Olivia, sondern die Olivia, die wir und Peter kannten.

Walter vertritt nun genau die Position, die wir Zuschauer in den letzten Wochen einnahmen: Er wirft Peter vor, den Verlust nicht überwinden zu können und Olivia unbewusst verändern zu wollen, bis er “seine” Olivia wieder hat. Dagegen spricht zweierlei: Erstens scheint dies bei Walter nicht zu funktionieren; er bleibt verschont von Erinnerungen an ein gemeinsames Leben mit dem erwachsenen Peter. Zweitens erinnert sich Olivia an Tatsachen, die nicht einmal Peter bekannt waren – sie hat also direkten Zugang zu Olivias Erinnerungen, die Peter nicht auf sie projiziert haben kann.

Es bleibt folglich eine andere Möglichkeit: Cortexiphan, Massive Dynamic und Nina Sharp. Mir gefiel der Wechsel zwischen den Szenen, als Walter (John Noble) Nina besucht und zugleich Peter und Olivia interagieren – gegen Letzteres scheint Walters Versuch, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, geradezu unwichtig… Shawns Schicksal kann durchaus mit Olivias verglichen werden, was hieße: In vielen Zeitlinien leben unterschiedliche Olivias, die miteinander verbunden sind und diese Verbindung unter bestimmten Umständen (Cortexiphan) intensiver spüren – bis hin zur möglichen Überlappung.

Peter gibt am Ende der Episode auf und ist bereit, die gegenwärtige Olivia als seine zu akzeptieren, aber Fringe gönnt diesen beiden – egal, in welchen Variationen – das Zusammensein nicht: Kurz darauf wird Olivia anscheinend aus dem Supermarkt entführt; wir sehen sie zum Schluss gefesselt in einem Raum sitzen… mit Nina Sharp, die ebenfalls dort festgehalten wird. Gleichzeitig jedoch sehen wir Walter in Ninas Anwesenheit herausfinden, dass die Cortexiphan-Bestände in Massive Dynamic verschwunden sind und durch eine andere Flüssigkeit ersetzt wurden. Welche Nina ist nun welche? Und wo werden die beiden Frauen festgehalten?

Fringe: Welcome to Westfield (4×12)

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Welcome To Westfield? Eigentlich mehr Welcome To Fringe. Denn was Fringes Erzählung betrifft, die meiner Meinung nach zu den schönsten der TV-Welt gehört, gleicht diese Episode einer kleinen Offenbarung. Wir haben schon in den letzten Reviews darüber spekuliert, was es mit dieser neuen Zeitlinie auf sich hat; mit den Figuren der Amber-Welt gingen wir bisher davon aus, dass Peter nach Hause muss (und wir mit ihm), zurück zu seinen geliebten Figuren.

Aber allmählich erscheint die Amber-Welt gar nicht mehr so anders als die blaue, die wir kannten. Waren sie wirklich unterschiedlich? Wenn Fringe, wie schon letzte Woche erwähnt, die Geschichte eines Jungen bzw. eines jungen Mannes erzählt – Peter -, der sich eine Welt zu erschaffen versucht, in der er sich zu Hause fühlt, umgeben von Menschen, die ihn lieben und die er lieben kann, dann sind Walters und Olivias Veränderungen nur logische Anzeichen für das Gelingen dieses Versuchs. Peters Anwesenheit verursacht sie! Natürlich beinhaltet diese Anwesenheit ein ernstes Problem für die Observer, falls sie diejenigen sind, die über Zeit und Raum wachen – darüber, was wir Schicksal nennen.

Denn daran gemessen, darf Peter nicht existieren, in keinem Universum. Er muss schon als Kind gestorben sein. Dennoch scheint die Trauer der Hinterbliebenen über den Verlust Peters, scheint die Liebe und die Sehnsucht nach Liebe – ganz egal, ob man sie gibt oder bekommt – Peter immer wieder neu zu erschaffen, ihn zurückzubringen; und er erschafft seinerseits die Welt, seine Welt. Mehr und mehr wird Walter zu dem Walter, den Peter (Joshua Jackson) und wir aus der blauen Welt kennen, und mit Olivia (Anna Torv) geschieht das gleiche.

Peter muss eigentlich nirgendwohin zurück: Zuhause ist man dort, wo man es sich einrichtet. So kommt das Zuhause zu Peter, nicht umgekehrt. Mit in Blau getauchten Bildern eröffnet die neue Episode: Olivia und Peter im Bett, verfangen in einem blau illuminierten Spiel verschobener Umrisse und Liebkosungen. Sie flüstert „I love you“ und erhält von Peter die Bestätigung seiner Liebe zu ihr.

Zum zweiten Mal in dieser Staffel bekommen wir einen Traum zu sehen, in dem die beiden ein romantisches Miteinander genießen. Dieses Mal aber träumt ihn nicht Peter, sondern Olivia. Peters Anruf unterbricht das Träumen: Er teilt Olivia mit, dass Walter (John Noble) und er bei ihrer Arbeit an der Maschine Fortschritte machen und ihn vielleicht schon bald nach Hause schicken können. In dieser Episode erleben wir bei Olivia und Walter Traurigkeit über Peters mögliches Verschwinden aus ihrem Leben.

Die Erinnerungen und Gefühle “unserer” Olivia scheinen Amber-Olivia zu überkommen; nicht nur erinnert sie sich an Fälle, die Olivia und Peter im blauen Universum zusammen bearbeitet haben, sondern gibt sich selbst am Ende der Episode als “unsere” Olivia. In ihrem Fall scheint die Verwandlung nicht dem Aufenthalt in dem kleinen Städtchen namens Westfield geschuldet zu sein, wo plötzlich magnetische Felder alles außer Rand und Band geraten lassen – Einwohner inklusive. Wer einmal in Westfield eingetroffen ist, kann nicht mehr weg, wie Peter, Olivia und Walter schnell feststellen müssen.

Ja, Walter verlässt sein Labor, um mit Peter zusammen am Tatort arbeiten zu können – und er genießt die Zusammenarbeit in vollen Zügen! Auch ein Stück Kuchen im Westfield-Diner genießt er. Oder auch nicht? Denn dem Betreiber ist nicht zu trauen. Es scheint, als glitten den Bewohnern ihr Selbst, ihre Identität davon. Ihre Körper müssen plötzlich zwei Ichs beherbergen, denn anscheinend ereignet sich eine Überlappung zwischen den Universen: Sie verschmelzen an diesem Ort zu einem… Nichts, unter Freisetzung gewaltiger, zerstörerischer Energien.

Man vermutet David Robert Jones’ Finger im Spiel. Zwar offensichtlich, aber trotzdem sehr gelungen werden die Ereignisse in Westfield als Metapher für die Ereignisse in der FOX-Serie selbst präsentiert. Die neue Zeitlinie wird mehr und mehr zu Peters Zuhause. Empfindet auch er das so? Und welche Pläne verfolgen Nina und Jones? Was ist mit den Observern? Fragen über Fragen, die in Fringe-Fans dasselbe Gefühl gegenüber der Serie erwecken wie jenes, das Olivia in Peter weckte: „A place to call home.“

Fringe: Making Angels (4×11)

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Wenn man sich die Quoten anschaut und alle Berichte, die Fringe schon jetzt begraben, kann man diese Episode als eine Art ironische Erinnerung daran interpretieren, dass FOX in Sachen „making angels“ auf eine lange Tradition zurückblickt. Und Fringe wird, vor allem mit solchen Episoden, definitiv in den Serien-Himmel aufsteigen: ins Serien-Paradies, wo die Kaffeesorte Firefly heißt und die Bardame The Sarah Connor Chronicles liest.

Was passiert ist, wird wieder passieren und passiert jetzt. Für alle, die sich in der vierten Fringe-Staffel fragen, in welcher Zeit wir gelandet sind, wo wir uns befinden und wann wir wieder zurückkehren, lautet die Antwort: „There is no future. There is no past. Everything happens right now.“ Wir sind die ganze Zeit hier und dort und überall, simultan. Genauso wie dieselben Darsteller unterschiedliche Figuren spielen, die wiederum denen aus einer anderen Zeit gleichen und auch wieder nicht. Es ist so, als bekämen wir unterschiedliche Facetten dieser Figuren zu sehen, die in einer Simultaneität von Zeit und Raum immer zu ihnen gehört haben und gehören werden.

Peters Existenz lässt sie uns “etwas anders” erleben – durch seine Erinnerungen, die wir mit ihm teilen. Hätte September ihn aus dem Ganzen gelöscht, hätten wir Fringe nie gesehen. Andererseits: Nachdem wir den “neuen” Walternate kennen gelernt und in dieser Episode in aller Deutlichkeit erlebt haben, dass Walter ebenso böse auf Fauxlivia ist wie “unser” Walter („The Viper! Mata Hari!“), müssen wir uns fragen, wie es ohne Peter dazu kam? Was motivierte Fauxlivias Spiel als Olivia ohne Peter als Dreh- und Angelpunkt? Was geschah überhaupt in dieser Variante des Olivia-Fauxlivia-Konflikts?

Ereignet sich gegenwärtig ein Überschreibungsprozess? Ist das der Grund, warum Walter (John Noble) und Olivia (Anna Torv) in dieser Zeitlinie eine Verbindung mit Peter (Joshua Jackson) spüren, ohne ihn je gekannt zu haben? Verwandelt sich diese Zeitlinie durch Peters Eindringen allmählich in diejenige, die er kannte? Kann die Differenz, die sein Auftauchen kreiert, letztendlich zu einem Gleichnis führen? Bestand Septembers Hoffnung darin, dass aufgrund menschlicher Gefühle und der daraus resultierenden Beziehungen alles von selbst an seinen Platz kommen würde?

Septembers Geheimnis kommt in dieser nur so von Observern wimmelnden Episode ans Licht. Aber nicht nur sie machen Making Angels besonders. Im Mittelpunkt der Emotionen steht das lange schon fällige Treffen zwischen den beiden Astrids: Astrids (Jasika Nicole) Doppelgängerin nämlich handelt in Making Angels – gemessen an den Wahrscheinlichkeiten, die sie sonst berechnet und anhand derer sie von den anderen selbst berechnet wird – unlogisch und überraschend.

Ohne jegliche Absprache oder weitere Meldungen stattet sie Walters Labor einen Besuch ab, um endlich Astrid zu treffen und bei ihr Trost zu suchen in einem schwer zu berechenden Zustand der Trauer nach einem Verlust. Ihr Vater ist gestorben, der ihr seine Liebe nie so gezeigt hat, wie sie es sich wünschte – ihrer Meinung nach deswegen, weil sie “anders” ist, nicht normal. Nun sucht sie Trost im Gleichen: „My mother died of cancer when I was a girl; did yours as well?“ lautet einer ihrer ersten Sätze.

Jasika Nicole, die im realen Leben eine autistische Schwester hat, spielt beide Astrids durchgehend mit herzzerreißender Wärme, Geduld und Melancholie: von dem Erschrecken der diesseitigen Astrid angesichts der unerwarteten Begegnung bis hin zum Genuss des ersten Kaffees seitens der Astrid “von drüben”. Hier, vor allem in den Gesprächen mit Walter, berechnet letztere Astrid nicht nur mathematische Wahrscheinlichkeiten, sondern auch emotionale Wirklichkeiten. Wahrscheinlich und wirklich: Wahr werden kann etwas nur durch die Tat, die aber mit eingerechnet ist.

Konnte Emily aus der vergangenen Episode die tödliche Zukunft bestimmter Personen nur sehen und aufzeichnen, so kann ein gewisser Neil, ehemaliger Mathematik-Professor, diese Tode berechnen. Er hat Gleichungen gelöst und spielt nun den Todesengel, der sie von dieser Zukunft befreit – er kann zwar die bevor stehenden Tode nicht verhindern, kommt ihnen aber zuvor und nimmt ihnen die Qual. Mit einer schönen Inszenierung bietet uns Fringe den ersten Einblick in Neils Tun.

Als ein an Krebs erkrankter Mann (mit 95% Heilungschance, wie sein Arzt sagt) auf den Bus wartet, sitzt er vor einem Ferienanbieter-Werbeplakat mit der Aufschrift: „Paradise is closer than you think – plan your“… Der Rest wird von seinem Körper verdeckt. Neil setzt sich zu ihm und teilt ihm seine Zukunft mit… Der Rest wird von dem eintreffenden Bus verdeckt. Neil verwendet ein kleines, blau leuchtendes Gerät, um seine Gottesmission durchzuführen; für eine solche nämlich hält er sein Tun. Aber es ist kein Gott – zumindest nicht nach herkömmlicher Auffassung -, der Neil auf seinen Weg geschickt hat, sondern die Observer.

Genauer gesagt, September: Er hatte das Gerät damals am Reiden Lake verloren, wo Neil, der dort ein Ferienhaus besitzt, es dann fand. Peters Nicht-Existenz bleibt Dreh- und Angelpunkt aller Beziehungen und Ereignisse. Überraschenderweise erfahren die restlichen Observer erst jetzt, dass September Peter nicht ausradiert, sondern sich dem Befehl widersetzt hat. Wie ist das möglich? Wurde September schon dafür bestraft, als er verletzt vor Olivia in der Oper auftauchte – an einem zukünftigen Punkt?

Werden die Observer versuchen, Peter auszuradieren, oder ist das nicht mehr möglich? Sind Menschen wie Emily und Neil eine Gefahr für sie – oder eine Hilfe? Und Olivia? Warum haben wir bereits zwei Episoden hintereinander gesehen, in denen es um angekündigte Tode ging? Wer oder was stürbe mit Olivia? Wenn September ihr sagt, dass sie in jeder möglichen Zukunft sterben müsse – ist es nicht jeweils Peters Zukunft, um die es geht?

Erzählt Fringe im Grunde die Geschichte eines Menschen, der wieder und wieder versucht, sich eine Welt zu gestalten, in der er lieben kann und geliebt wird – ganz gleich, wie viele Tode er selbst dafür sterben muss?

Fringe: Forced Perspective (4×10)

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Im typischen Fringe-Stil wechselt mit Forced Perspective der Fokus von Peter (Joshua Jackson) zu Olivia (Anna Torv). Die (Selbst-)Ironie im Titel ist genauso offensichtlich wie die Verbindung zwischen Septembers Aussage und dem Fall der Woche um das Mädchen Emily (Alexis Raich), die tödliche Ereignisse in der Zukunft vorhersehen und Standbilder davon zeichnen kann, kurz bevor sie eintreten.

Nachdem uns in den letzten Wochen vorwiegend das Ereignis Peter in der “neuen” Fringe-Welt beschäftigte, konzentriert sich die neue Episode auf Olivia und darauf, was ihr Kopfschmerzen bereitet: ihre Vergangenheit und ihre Zukunft, ihre Kindheit und ihr zukünftiger Tod. Dazwischen, in der Gegenwart, bleibt nur der Schmerz der Gewissheit, dass etwas nicht stimmte, nicht stimmt und nicht stimmen wird: das Schicksal. Aber ist das zu ändern? Gegen diesen Schmerz helfen Olivias Medikamente nicht.

Septembers Aussage über ihre Zukunft wird umso grausamer, als ihr Peter mehr über die Observer mitteilt, die in dieser Welt der Fringe Division so gut wie unbekannt sind. Die Observer sind außerhalb wie die Fringe-Autoren, die als einzige den Überblick über die komplette Zeitlinie, gar die unterschiedlichen Zeitlinien haben. Observer empfinden Zeit als ein Ganzes und scheinen gleichzeitig in allen Zeiten zu existieren, erklärt Peter Olivia. Ergibt es dann überhaupt einen Sinn, gegen das Schicksal anzukämpfen, wenn dieser Kampf schon mit in die Zeiten eingeschrieben ist?

Wir Zuschauer jedoch wissen, dass die Observer letztendlich selbst die Geschichte verändert haben: ob man sie nun als Schicksal bezeichnen will oder nicht. Seitdem versuchen sie, einen Fehler zu korrigieren, der sich wider Erwarten doch nicht von allein korrigiert. Nach wie vor bleiben die Observer eine unbekannte Größe in der Fringe-Gleichung.

Sie sollen ihr objektives Gleichheitszeichen bilden, aber wir haben schon erlebt, dass auch die Observer gewisse Vorlieben, wenn nicht Gefühle entwickeln – und selbst hervorrufen; sowohl Oktober als auch September umgibt eine herbstliche Melancholie. In diesem Sinne würde Fringes Lektion lauten, dass die Gefühle, die wir empfinden, und die Beziehungen, die wir auf Grund dieser Gefühle eingehen, unser Schicksal ausmachen, das nicht verändert werden kann.

Wir sind zu Emotionen verdammt, ganz egal, ob Rationalität, Objektivität, physikalische Gesetze und Logik eingreifen oder nicht. Der Prozess verläuft umgekehrt als gedacht: Man versucht nicht, der Liebe wegen Gesetzmäßigkeiten los zu werden, sie zu ver-biegen, sondern diese versuchen sich gegen die Liebe durchzusetzen. Die FOX-Serie beweist wieder einmal, dass sie Differenz hauptsächlich als ein Verschieben des Blickwinkels versteht. Das Twin-Peaks-Motto “Die Eulen sind nicht das, was sie zu sein scheinen” zeugt bei Fringe nicht nur von Verschiebung bei der Beschaffenheit dieser Eulen, von wechselnden Identitäten, sondern vom Einnehmen eines bestimmten Blickwinkels seitens der Beobachter.

Das Objekt im Auge des Betrachters verändert sich, aber vielleicht nur wegen der eigenen veränderten Position. Wir erleben die Fringe-Welt verändert, da uns ein neuer Blickwinkel aufgezwungen wurde: eine Forced Perspective. Es geht auch darum, den Figuren Augenblicke zu geben, die sie in den anderen Fringe-Welten nicht hatten – seien es diejenigen zwischen Elizabeth und Walter (John Noble) aus der letzten Episode oder aber die Szene zwischen Olivia und Nina in dieser. Dabei wissen wir Zuschauer, dass Nina vermutlich auf der “bösen” Seite steht und für Olivias physische Kopfschmerzen verantwortlich ist. Nicht nur Olivias Kopf bereitet Probleme, sondern auch Emilys.

Laut Walters Erklärung und der Tatsache, dass die Zukunft in Fringe immer schon geschehen sein wird, vermag Emily kommende Ereignisse wie im Traum zu sehen und auf ihrem Skizzenblock festzuhalten. Was sie empfängt, sind die Vibrationen der Zukunft, ein Echo des traumatischen Kommenden, das in der Gegenwart nach- oder eher: vorhallt. Im Grunde verleiht Emily ihren subjektiven Produktionen = Projektionen, den Zeichnungen, einen objektiven Wert, den Wert eines Standbilds unausweichlicher Wahrheit.

Dank der Zusammenarbeit zwischen Peter, Walter und Olivia kann in einem Fall das Unvermeidliche doch verhindert werden. Die Zukunft tritt nicht so ein, wie Emily es angekündigt hat. Aber Emily selbst, die in ihrer Kindheit wie Olivia Massive Dynamics in die Hände geriet, kann vor ihrem eigenen Schicksal nicht davonlaufen. Kann es Olivia? Sie bringt den Attentäter davon ab, sich und alle um ihn herum in die Luft zu jagen. Olivia handelt in dem Glauben, sich dadurch ihrem eigenen angekündigten Schicksal zu widersetzen.

Im Gegensatz zu Peter, der immer schon bereit war, seinen Blickwinkel zu wechseln, wenn Hindernisse im Weg stehen, muss Olivia zu einem Perspektivwechsel gezwungen werden, zum Handeln: „Maybe they could say I love you to someone, or do one good thing.“ Vielleicht reicht das, um die Erschütterungen, die Vibrationen des Kommenden umzulenken?

Fringe: Enemy of My Enemy (4×09)

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Oft begegnen wir in Sci-Fi-Erzählungen dem Problem, dass man zwar Ereignisse beeinflussen, ihren Ablauf verändern kann, obwohl sie schon einmal geschehen sind – sich aber am Ende doch geschlagen geben muss, weil der Ausgang derselbe bleibt. Macht aber das Ergebnis sein Zustandekommen nichtig? Ändert sich nicht doch etwas – wie zum Beispiel die Gefühle und dadurch die Beziehungen zwischen den Beteiligten?

Das oben genannte Problem hat viel damit zu tun, dass das Ändern von Ereignissen immer innerhalb einer gewissen Anzahl kalkulierbarer Möglichkeiten geschieht. Warum kalkulierbar? Weil das eigene Tun der Realität eingeschrieben ist, ganz egal ob man zurück in die Zukunft reist oder zwischen Parallelwelten wechselt. Der/diejenige ist der Zeit eingeschrieben. Die eigene Existenz ist einkalkuliert. Wie aber sieht es aus für jemanden wie Peter, der nicht existiert und nie existiert hat, der aus der Zeit ausradiert ist – und doch da? Er scheint tatsächlich die Variable zu sein, die in der Gleichung für Probleme sorgt.

Peter ist auch der einzige, der Jones aus dem Gleichgewicht bringen, ihn verunsichern kann, als er im Verhörraum mit ihm spricht und ihm bestätigt, dass sie schon einmal aufeinander trafen. „Where?“ lautet Jones’ Frage. Sollte sie nicht eher lauten: „When?“

Es verhält sich mit der un-möglichen Variable so wie in dem Beispiel, das der Sci-Fi-Schriftsteller Stanislaw Lem in seinem Buch Das Katastrophenprinzip gibt. Immer gleich aussehende Flaschen werden zu absolut gleichen Bedingungen aus dem Fenster geworfen. Lem fragt danach, wie oft beim Zerschlagen der Flaschen die gleichen Bruchstücke bzw. die gleiche Anzahl von Bruchstücken entstehen, und weist darauf hin, dass einer statistischen Auswertung das Eintreten außergewöhnlicher Umstände im Wege stehen könnte, wie zum Beispiel das Ablenken der Flasche von ihrer Flugbahn durch einen Fußball.

Aber man kann genauso gut die Frage nach dem Werfer selbst stellen: Muss er immer derselbe sein? Und wenn ja: kann er das? Oder wird es, je nach Gemütszustand, Abweichungen bei seiner Wurfstärke geben, was das Experiment beeinflusst? Der Werfer ist nie kontextfrei. Und doch sieht das Ergebnis immer gleich aus: die Flasche zerbricht. Mit dieser vierten Staffel demonstriert Fringe, dass diese Figuren, die wir nicht kennen, die nicht “unsere” zu sein scheinen, es doch sind – nur wir sind ihnen bisher nicht begegnet.

Das macht aber ihre Existenz nicht unmöglich. Fringes Erzählung handelt von Möglichkeiten, von Verschiebungen innerhalb des Immergleichen, von Entscheidungen, die irgendwo irgendwer an unserer Stelle traf. Die Verschiebungen, die Differenzen dienen jedoch nicht dazu, eine Kluft zu schaffen, sondern sie ergänzen das ursprüngliche Bild, machen es facettenreicher. ist der Beweis dafür.

Fringe muss nun den Zuschauern langsam zeigen, was sie zu erwarten haben: Sollen wir Emotionen und Hoffnung in diese Figuren investieren, mit Veränderungen und Entwicklungen rechnen – oder sollen wir darauf warten, mit Peter zusammen nach Hause zurückzukehren? Erfahrung führt zu Erkenntnis. Erlebtes führt zu Veränderung, durch die man Entscheidungen vielleicht anders trifft, als man sie zuvor getroffen hätte. Dadurch beeinflusst man automatisch andere, vor allem die Menschen, die man liebt und die einem nahe stehen.

Auch wenn Peter nach Hause käme, würde er die Erfahrungen mit den Menschen aus einer nie gewesenen Zeit mitnehmen. Fringe stellt die Frage danach, ob sich im Universum überhaupt etwas spurlos ausradieren lässt. Es gehört zum Verdienst der Serie, uns Zuschauer solche Fragen stellen zu lassen – wenn auch laienhaft. Im Moment ist Fringe ein Balanceakt, und mir persönlich gefällt der Seiltanz.

Trotzdem darf die Serie die Entscheidung, in welche Richtung sie sich bewegen will, nicht mehr lange hinauszögern; andernfalls ließe sie die Zuschauer in ein emotionales Schwarzes Loch fallen: Je komplizierter die Erzählung durch das Einführen unterschiedlicher Realitäten, desto nötiger braucht der Zuschauer einen emotionalen Rettungsring, um sich über Wasser zu halten. Den nun bekommen wir in , vor allem dank der Interaktion zwischen Peter, Walternate, Elizabeth und Walter.

Ausgerechnet Elizabeth, die auch in den zwei existierenden Universen nur eine ist, erreicht durch zwei Gespräche (und zwei exzellent gespielte Szenen) mit ihrem Mann und seinem Gegenüber Walter (John Noble), dass Walter sich dazu durchringen kann, Peter (Joshua Jackson) zu helfen. Es ist die emotionale Verbindung, die Beziehung untereinander, die in Fringe die physikalischen Gegebenheiten überschreibt und die Handlung vorantreibt. Im Grunde sind die Olivia (Anna Torv) und der Walter, die wir hier sehen, denjenigen sehr ähnlich, die wir in der ersten Staffel kenn lernten und die durch Peters Einfluss zu der Olivia und dem Walter wurden, die wir in der dritten Staffel zurückließen.

ist vielleicht die erste Episode, in der Peters Einfluss auf die “neue” Zeit spürbar wird und sich in Entscheidungen manifestiert, die sonst wohl nie getroffen worden wären. David Robert Jones scheint dem, den wir kennen, sehr ähnlich zu sein – was gut ist, denn Jared Harris bietet als Bösewicht willkommene Abwechslung. Trotz seines Auftritts in der Fringe Division, wohin ihn Lee und Fauxlivia bringen, scheinen sowohl er als auch Broyles nur Handlanger zu sein, die ihre Befehle direkt von Nina Sharp bekommen. Und die zweite Phase ihres Planes betrifft Olivia.

Schon als zweite Episode in Folge endet mit schicksalhaften Andeutungen für Olivias Zukunft. Bevor ich euren leidenschaftlichen und interessanten Kommentaren das Feld überlasse, stelle ich also die Frage, die ich schon einmal gestellt habe: Wird Peters Rettung Olivias Verderben bedeuten? Kann es Peters und Olivias Beziehung irgendwo geben, ohne dass das jeweilige Universum aus den Fugen gerät? Oder wird es dank dieser Beziehung immer schon aus den Fugen gewesen sein?

Fringe: Back to Where You’ve Never Been (4×08)

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Wo gehören wir hin? Dorthin, wo wir geboren wurden, wo wir immer waren? Steht uns die Welt zu? Oder müssen wir einen eigenen Weg in dieser Welt finden, der uns dann an einen Ort führt, den wir unser Zuhause nennen können? Allzu leicht verliert man die Orientierung, vor allem dann, wenn man ungleich Hänsel und Gretel keine Spur aus Brotkrümeln findet. Die Krümel in Fringe sind die Gefühle, die einem helfen, auf dem richtigen Weg zu bleiben: Wegbegleiter, die gleichzeitig Orientierungspunkte bilden. Für Peter (Joshua Jackson) sind dies Olivia (Anna Torv) und Walter (John Noble) – genauer: die aus seiner Zeitlinie, bevor sie überschrieben wurde.

Fringes Back to Where You’ve Never Been eröffnet mit einer Traumsequenz: Wir befinden uns in Peters Kopf, in seinem Traum, wo ein nackter Walter in der Küche Pfannkuchen zubereitet und Olivia Peter einen Guten-Morgen-Kuss gibt. Peter träumt von einem Ort, wo er hingehört, er träumt von den Menschen, die ihm geholfen haben, zu sich selbst zu finden. Denn ist man nicht dort zu Hause, wo man zu sich gefunden hat? Die erste Episode nach der langen Winterpause zieht das Tempo an, nicht nur die Emotionen, sondern auch die Handlung betreffend.

Etliche Fringe-Zuschauer beschwerten sich darüber, wie Fringe in der alternativen Zeitlinie des Nicht-das-Fringe-wie-wir-es-kennen gefangen blieb, ohne sich irgendwohin zu bewegen. Fehlende Entwicklung wurde bemängelt, fehlende Action… Eigentlich aber begehren die Zuschauer etwas ganz Einfaches. Sie wollen, so wie Peter, nach Hause zurückkehren, ihre emotionalen Orientierungspunkte wiederfinden – denn ein Spiegelbild ist vielleicht nicht das, was es sein sollte: Es ist nicht man selbst. Sehr schön wird die Handlung der Episode in den ersten Minuten visuell vorweggenommen.

So kann man zum Beispiel die sich in Walters Labor schnell drehenden Windrädchen als Beschreibung des Erzählwechsels in dieser Episode sehen, die sich von einem Universum ins andere und zurück bewegt. Eine Farbe wechselt die andere ab, aber nicht in der herkömmlichen Abfolge: nicht in der gewohnten Richtung, genauso wie die Handlung später in der Episode überraschende Wendungen nimmt.Nach seinem Traum geht Peter zu Walter und fleht ihn an, ihm mit der Maschine und damit bei der Heimkehr zu helfen. Aber Walter antwortet: „I am the only man who can help you, but I am also the only one man who cannot help you.“ Als er das sagt, hält er kurz vor einem Spiegel inne, so dass wir ihn gespiegelt sehen. Diese sowohl sprachliche als auch visuelle Anspielung auf Walternate hat auch Peter verstanden.

Er geht zu Olivia und bittet sie, ihm nach drüben zu helfen. Olivia, die sich den Tag wegen ihrer Kopfschmerzen frei genommen hat, erklärt sich einverstanden, spannt aber den gerade eingetroffenen Lincoln mit ein: Er soll drüben als Alt-Lincoln posieren und Peter so zu Walternate hineinschmuggeln. Eigentlich aber hat auch Olivia andere Pläne. An diesem Punkt fangen die Windrädchen an, sich in die “falsche” Richtung zu drehen. Peter vertraut Olivia – nur eben der Olivia aus seiner Zeit. Unausweichlich aber beeinflusst das, was einem vor Augen steht, das eigene Denken und auch das Herz.

Die Frage, mit der diese Episode spielt, lautet: Wie “anders” kann das Gleiche sein, als man es aufgrund von Erfahrung und Erinnerung erwartet? Von jeder Sache gibt es zwei: das wurde in Fringe schon oft gesagt. Die Eins existiert nicht. Darf vielleicht nicht existieren, um die Balance nicht zu stören? Das einmalige Ereignis, jene Eins, ist Peter – und er beharrt auf dem Recht auf Existenz. Peter ist der einzige, der nicht nur so aussieht, sondern tatsächlich und ausschließlich ist, was und wer er ist. Und seine Existenz wird bedroht. Er geht mit Lincoln nach drüben, nur um sich in tödliche Gefahr zu begeben – denn dort ist nichts so, wie es aussieht. Die Shapeshifter scheinen die komplette rote Welt infiltriert zu haben.

Walternates Tun? Das glaubt nicht nur Peter, sondern sogar Fauxlivia und Alt-Lincoln sind davon überzeugt. Shapeshifter übernehmen das Aussehen, vielleicht gar die Persönlichkeit ihres Opfers bis zu einem gewissen Grad – nicht aber das Herz. In Fringes Universum bleibt das Herz die letzte Instanz, an welcher man gemessen wird. Wenn zwei Menschen gleich aussehen, macht das Herz den Unterschied. Walternates scheint, zumindest was die Shapeshifter-Sache anbetrifft, am rechten Fleck zu sitzen, wie Peter feststellt, nachdem ihm Elizabeth zu einem Treffen verholfen hat.

Übrigens wird auch Walternate anhand einer Spiegelung (in der Tischplatte, während er vor dem tatsächlichen Spiegel steht) in die Episode eingeführt. Es erweist sich überraschenderweise, dass Brandon selbst ein Shifter ist, den Walternate kurzerhand erledigt – und dass Broyles und kein Geringerer als David Robert “Mr.” Jones hinter der Shifter-Invasion stehen. Bei diesem Schock lässt es die Episode nicht bewenden, sondern verpasst uns gleich noch einen zweiten: Am Ende wartet Olivia im Theater auf Lincoln, in orangefarbenes Licht getaucht. Doch es erscheint der Observer, offenbar schwer verletzt.

Er teilt Olivia mit letzter Kraft mit, dass sie sterben müsse – ganz egal, wie man die Zukunft drehen und wenden möge, er habe sie in jeder möglichen Variante gesehen… Dieses Ende erinnert an Mr. X aus Lysergic Acid Diethylamide und lässt die Frage offen, ob Olivia der Preis sein soll, um den Peter wieder in die Zeitlinie eingefügt werden kann.