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Inside Men: Episode 4

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Am Anfang dieser vierten Episode sehen wir, wie John im Lagerhaus auf dem Kistenberg mit dem Geld seelenruhig auf seine zwei Partner, Chris und Marcus, wartet. Als sie eintreffen, will er ihnen ihre Anteile geben, aber wie aus dem Nichts verpasst ihm Chris einen Schlag mit einem Metallrohr. Alles verwischt… und es ist wieder August. So beginnt das Finale der BBC-Serie – an dem sich die Zuschauergeister scheiden dürften, je nachdem, wer was von der Serie erwartet hat. Ich persönlich finde den Abschluss recht gelungen. Bis auf eine kleine Sache: Zu offensichtlich legte man uns Zuschauern vor allem Johns (Steven Mackintosh) Motivation nahe, zu stark wurde sie betont – zum Beispiel mit der The-Gruffalo-Story. Dabei hatten wir uns ohnehin schon Gedanken darüber gemacht, warum sich John zu dieser Tat entschlossen hat. Johns Monolog vor Chris hätte hier ausgereicht: I have wasted so many years being scared you have no idea. Nothing in this world is gonna frighten me again! This is what I wanted… this is what I stole… This, man! Being rich didn’t matter, getting away with it didn’t matter – I just couldn’t go back to being him!

John wollte ein anderer Mann sein: ein Mann, so, wie er seiner und auch Kirstys Vorstellung nach sein soll. In einem Interview beschreibt einer der Inside Men-Autoren Johns Situation als einen Prozess, in dem ein “Beta”-Männchen zum Alpha werden will. Natürlich geht ein solcher Prozess nicht so schnell vonstatten: nicht von ungefähr also zeigt uns Inside Men eine Handlung über mehrere Monate, wenn auch in rasantem Tempo!

Was den Ablauf des Überfalls betrifft, muss man der Serie ein Kompliment aussprechen: Obwohl wir eigentlich wissen, wie das Ganze ausgeht, tropft die Spannung nur so vom Bildschirm, wie die Schweißtropfen der Beteiligten ihren Weg Richtung Boden suchen. Am Boden bleiben oder vom Boden abheben: So kann man im Grunde die drei Männer beschreiben und das, was sie mit ihrem Überfall erreichen. Zwar fährt Inside Men nicht mit derart spektakulären Wendungen oder einem solchen Finale auf, dass die Zuschauer mit offenen Mündern sitzen bleiben; doch die BBC-Produktion bietet eine Antwort auf die grundsätzliche Frage, die man sich bei solchen Erzählungen stellt: Werden John, Chris und Marcus davonkommen? Diese Antwort lautet: Ja!

Alle drei befriedigen letztendlich das Begehren, das sie in erster Linie zu diesem Schritt führte. Dieses Begehren richtete sich bei keinem der Verschwörer auf Reichtum; vielmehr fungiert das Geld als die eigentliche Maske: Chris wollte eine normal funktionierende Familie, Marcus wollte mehr als ein Pantoffelheld sein und John gar ein neuer Mann.

Die Betrachtung des Überfalls aus den Blickwinkeln aller Figuren lässt eine herausragende Mischung aus Action, Spannung und Emotion entstehen. Und die Betonung liegt auf Emotion: Die Kamera zeigt uns die unterschiedlichen Figuren ohne Masken, obwohl wir sie mit den Augen der Geiseln wiederum maskiert sehen.

Wir wissen auf diese Art und Weise, wer gerade was tut und wie dieses Tun auf die jeweilige Person wirkt. So erfahren wir, woher Chris’ Wut auf John kommt und warum Chris die Komplizen der Polizei verpfiff. Chris (Ashley Walters) nämlich sollte ursprünglich gar nicht beteiligt sein, nachdem der erste Anlauf schief ging – aber zur falschen Zeit war er am falschen Ort. John wollte ihm die Todeskugel verpassen, als Chris verletzt am Boden lag, was Marcus (Warren Brown) im letzten Moment verhinderte.

Am Ende kann Marcus – frisch verheiratet mit Gina und mit “ein bißchen Geld” in der Tasche – in den Sonnenaufgang fahren, während Chris bei Dita und dem Baby Geborgenheit findet. Und John?

Er fährt zur Arbeit. Er fährt mit einem Lächeln im Gesicht dorthin zurück, wo alles begann – aber als ein Anderer…

Inside Men: Episode 3

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Protect yourself and your family, sagt Chris’ (Ashley Walters) Vater zu seinem Sohn, als der ihn im Gefängnis mit einer grausamen Nachricht besucht. Mit dieser Aussage beschäftigt sich diese dritte und bisher wohl beste Inside Men-Episode, formuliert sie aber als Frage: Soll man sich zunächst um sich selbst kümmern oder um die Familie? Um beides? Gibt es eine Reihenfolge? Kann man das Kümmern um sich selbst als Kümmern um die Familie „verkaufen“?

Bei so einer Fragestellung kann man erst aus der Nähe riechen, dass etwas faul ist. Es bedarf der Nähe, um ein faules Spiel festzustellen, um sich Gedanken zu machen. So wie Johns Frau Kirsty (Nicole Walker), als sie am Anfang der Episode unterschiedliche Deo- und Parfümflaschen gesammelt hat, um den aufdringlichen Geruch ihres Geiselnehmers auf eine Marke festlegen und sie der Polizei mitteilen zu können. Als Gina sie besucht – angeblich um sich zu vergewissern, wie es ihr geht -, riecht Kirsty plötzlich den Braten. Buchstäblich. Nicht nur Ginas Parfüm, sondern auch ihre kurze Unterredung mit John draußen, kombiniert mit Johns leicht angespannter Haltung, geben ihr deutliche Hinweise darauf, wer die Inside Men und Women sein könnten. Diese Woche beginnen die Masken zu fallen.

Die Perspektive wechselt weiterhin zwischen Gegenwart und Vergangenheit, aber der Fokus liegt auf Chris. Wir hatten uns schon gefragt, was bei dem Überfall eigentlich so schief ging, dass Chris – der frischgebackene Vater – ein Bein verlor. In der Mitte zwischen Marcus‘ Leicht- und Schwachsinn und Johns neu entdecktem Sinn für Alpha-Männchen schien Chris den moralischen Kompass des Trios zu verkörpern. Aber die BBC-Serie weiß auch an diesem Punkt unser Empfinden für die Figur zu verkomplizieren. Wir erleben einen Chris, der tatenlos zusieht, als seine Mutter an ihrem Erbrochenen erstickt. Nach ihrem Tod kann Chris sein neues Leben mit Dita erst richtig beginnen, ohne jegliche Bürden. Im Haus seiner Mutter, wohlgemerkt! Somit kehren wir zu der Frage zurück, die ich am Anfang erwähnt habe: Chris sorgt für sich und seine Familie, indem er nicht für sie sorgt.

Denn zwar war seine Mutter Alkoholikerin, aber trotzdem Chris’ eigenes Fleisch und Blut! Im Handumdrehen trifft er auch die nächste Entscheidung, nämlich seinen Komplizen den Rücken zu kehren. Er will raus aus der Geschichte und ein normales Leben führen. Ist das möglich – auf einer solchen Grundlage? Einmal Inside Man, für immer Inside Man: so droht ihm John (Steven MacKintosh). Marcus (Warren Brown) wiederum unternimmt mit Gina eine Shopping-Tour für Masken. Aber manches lässt sich nicht verstecken und verneinen. Man sieht, wie sowohl Chris als auch John eine Art Befreiung genießen, wie sie die Freiheit buchstäblich anfassen und riechen können. Aber wird diese Freiheit sie ausgerechnet ihre Familien kosten? Sowohl John als auch Chris machen sich vor, im Sinne eines besseren Lebens zu handeln, im Interesse des Familienglücks. Aber der faule Geruch daran lässt sich nicht maskieren…

Inside Men: Episode 2

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Was war der Plan? Und wieso wurde Chris angeschossen? Sind die drei Männer tatsächlich so, wie wir glauben, dass sie sind, oder lauert mehr unter der Oberfläche?

Inside Men behält in der zweiten Episode die Konstruktion der ersten bei und fängt in medias res an, so dass wir wieder in der Gegenwart, im September, Zeugen der Ereignisse nach dem Überfall werden. Marcus scheint zutiefst erschüttert, dass Chris angeschossen wurde; zumindest aus seiner Sicht ist nicht alles nach Plan gelaufen. Aber wie sah der Plan wirklich aus, und wer ist darin verwickelt? Diese Frage macht Inside Men so spannend – und die Kunst der BBC-Serie, ihr auszuweichen. Der LKW mit dem entwendeten Geld hält in einer Ortschaft; in einem dort befindlichen Lager arbeiten etliche Personen (Frauen und Männer ausländischer Herkunft) daran, das Geld umzupacken. Wer die Outside Men sind, erfahren wir etwas später, als wir in der Rückblende unser Trio zu dem Entschluss kommen hören, dass man für den Job auch Leute von außen anheuern muss: Call Center und Internet-Cafes sind längst nicht mehr das, was sie mal waren.

Inside Men leidet ein wenig unter dem selbst angesetzten hohen Tempo – sowohl was die psychologische Ausgangssituation der Beteiligten anbetrifft als auch die Schnelligkeit, mit der man die Outside Men an Bord bekommt. Nur die Performance der drei Hauptdarsteller und die Atmosphäre machen dieses Manko wieder wett. You don’t know anything about me, sagt Johns Voice Over. Die drei Männer, die wir in der Pilotepisode kennen lernten, gleichen nur bedingt den dreien, die wir jetzt erleben; am deutlichsten zeigt sich das an Marcus und John: Wir glaubten sie zu kennen, aber die BBC-Serie belehrt uns eines Besseren. Und vielleicht war die schnelle Exposition einfach ein Täuschungsmanöver?

Durch die zeitliche Konstruktion der Erzählung fühlt sich Inside Men neben der kriminellen Verschwörung auch wie eine Geschichte über drei Männer an, deren Essenz man zu entblößen versucht, indem Gegenwart und Vergangenheit zu einem Knoten zusammengezogen werden. Was Inside Men mit dieser zweiten Episode sehr geschickt erreicht, ist die Einbeziehung der Inside Women in den Fokus: Natürlich stehen Chris, John und Marcus im Zentrum der Ereignisse, und ihre Kollegen und Freunde ahnen nicht, was sich hinter der Maske des Alltagslebens versteckt – aber ihre Frauen, vor allem Gina, sind die emotionalen Drahtzieher im Leben dieser drei Männer. I don’t have to believe in you to love you, sagt Gina, die dafür sorgt, dass Marcus den Job nicht vermasselt. Und Kirstys Familienbegehren scheint die Schlinge um Johns Hals immer enger zu ziehen. Geschieht es aber nicht allzu leicht, dass John – der Mann, dessen Hände bei dem kleinsten Missverständnis zu zittern beginnen – in die Rolle des kriminellen Mastermind schlüpft? Oder ist diese Rolle gar nicht neu für ihn? Ist sie tief sitzendes Begehren oder weit zurückliegende Vergangenheit? Die Frage bleibt bestehen, ob Inside Men diese heftigen und schnellen Wendungen zu einem plausiblen Ganzen flechten kann?

Inside Men: Episode 1

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Die neue BBC-Serie startet mit einer Mischung aus explosiver Action und ruhiger Darstellung dreier menschlicher Schicksale, die aus den Fugen zu geraten drohen. Aber wann gerät ein Leben aus den Fugen: bevor oder nachdem man sich zu einer Verzweiflungstat entschließt?

Was hält die meisten Menschen davon ab, das Gesetz zu brechen? Die Angst, erwischt zu werden. Oder sind es doch moralische Richtlinien, nach welchen man eben lebt? Wie lange kann es sich der Durchschnittsbürger heutzutage leisten, nach moralischen Regeln zu leben, bevor sein Leben sich in ein Nichts verwandelt oder sogar vorbei ist? Wenn das Leben Anderer vor den eigenen Augen wie ein glamouröser Blitz vorbeihuscht, fängt man an, diese Welt und ihre Richtigkeit anzuzweifeln. Gibt es Moral und entsprechende Regeln überhaupt – oder nur Abstufungen des Übertretens?

Ist man ein guter Mensch, wenn man sich soweit wie möglich an die Moral hält, oder ist man einfach nur dumm? Das neue BBC-One-Drama Inside Men versteckt diese Fragestellungen in den grau-gelben Bildern der Versuchung dreier Männer, ein neues Leben zu beginnen. Eigentlich erfahren wir erst im Nachhinein, was wir in den ersten Minuten von Inside Men sehen. Die BBC-Serie bietet mit ihrer Auftaktepisode ein Wechselbad der Gefühle. Diesen Ausdruck verwende ich, um die „vertauschte“ Erzählung  zu beschreiben: Gewöhnlich sehen wir Handlungslinien, die sich von der Normalität des Alltäglichen aus in Richtung „Aus den Fugen geraten“ bewegen. In Inside Men ist die erzählte fiktionale Welt von Anfang an aus den Fugen. Wir begleiten John (Steven Mackintosh, Luther) zur Arbeit, aber dieser scheinbar normale Weg bekommt einen unguten Beigeschmack durch eine Stimme aus dem Off und kurze Einblicke in Johns nahe Vergangenheit. Sie zeigen uns, dass er auf dem Weg ist, etwas mehr zu tun als nur in die Normalität des Arbeitsalltags einzutauchen.

Johns Job nämlich besteht darin, für ein großes Lager verantwortlich zu sein, in dem haufenweise bares Geld liegt: Geld von Banken, Geschäften und anderen Institutionen, das hier gezählt, verpackt und aufbewahrt wird. Die maskierten Männer, die John gezwungen ist hereinzulassen – sie haben seine Frau und seine Tochter in ihre Gewalt gebracht – wollen alles, um jeden Preis. Auch vor Schüssen schrecken sie nicht zurück, als einer der Wachmänner (später erfahren wir, dass er Chris heißt) das Passwort nicht schnell genug parat hat. Als John dann die Waffe eines Angreifers in die Hände bekommt, huscht das Bild vom September, der Zeit des Überfalls, zum Januar zurück – und damit zu Johns Normalität. Wir lernen einen seiner Mitarbeiter kennen, Marcus (Warren Brown, Luther), der mit Geldproblemen und dem Traum von geschäftlicher Selbständigkeit hadert. Außerdem sehen wir Chris (Ashley Waters), den angeschossenen Wachmann, wie er sich um seine alkoholkranke Mutter kümmert und in der siebzehnjährigen Dita (Leila Mimmack), die John wegen Diebstahls entlassen musste, seine Liebe findet. John seinerseits ist unsicher, hektisch, voller Zweifel; fehlende Beträge in seinem Lager begleicht er aus eigener Tasche – kurz gesagt: er ist genau so, wie der Manager eines Geldkontors nicht sein sollte.

Seine Frau und er haben kürzlich ein Kind adoptiert. Es sieht danach aus, als stünden alle drei Männer an der Schwelle zu einem neuen Leben – und könnten sie nicht übertreten: wegen ihrer finanziellen Situation. Der Vorzug einer vierteiligen Serie besteht darin, das Tempo hoch ansetzen und innerhalb einer Episode ohne große Umschweife zum Punkt kommen zu können, nachdem uns der mittlere Teil der Episode kurz die Klaustrophobie in Johns, Chris‘ und Marcus‘ Leben geschildert hat. John bringt es auf den Punkt, als er Marcus und Chris beim Entwenden von fünfzigtausend Pfund erwischt: Warum so viel für so wenig riskieren? Warum nicht alles nehmen? So wird das huschende und verwischte Bild zwischen Januar und September, als wir John mit geladener Waffe in der Hand stehen ließen, plötzlich klarer, klärt sich aber noch nicht ganz auf. Ist John doch der Täter? Oder – im nächsten Moment – Opfer?

Warum wurde Chris angeschossen? Wer sind die restlichen Männer? Inside Men scheint (zunächst) einfach strukturiert und mit Antworten auf alle Fragen rasch bei der Hand zu sein, aber die Darsteller können überzeugen, und die Inszenierung kreiert eine verhängnisvolle Atmosphäre, die den Zuschauer sofort in ihren Bann schlägt. Verbrechen zahlen sich nicht aus, sagt man. Doch, das tun sie! Die Frage ist, welchen Preis man bezahlen muss, um die Grenze zu überschreiten – und damit zu leben.

Luther: Season 2, Episode 4

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Am Anfang der zweiten Staffel beobachteten wir Luther (Idris Elba) dabei, wie er in seiner Wohnung Russisches Roulette zum Frühstück spielte. Am Ende der Staffel stehen seine Chancen nicht mehr fünf zu eins (vorausgesetzt, der Revolver hat sechs Kugeln), sondern nur noch 50:50.

Aber ist das wirklich so? Ist Luther ein fatalistisches Spiel? Oder eher ein Dazwischen, das Luftanhalten nach dem Fall des Würfels, das Mehr im Hundert? Hat man bei einem Spiel immer noch dieselben Chancen, wenn ein Gegner die Bühne betritt – vor allem, wenn die Gegenspieler sich stark von einander unterscheiden? Luther findet in diesem Finale einen Mitspieler für das Spiel, das er seit Anfang der neuen Staffel mit bzw. gegen sich selbst spielt. Aber die beiden sind nicht gleich!

Ebenso wenig können wir die Teile der Luther-Erzählung gleich gut nennen. Man verstehe mich nicht falsch: Luther ist und bleibt eine herausragende TV-Produktion. Meine Kritik richtet sich noch immer gegen den Jenny-Plot, der mich zum großen Teil gleichgültig ließ. Zwar funktioniert das innige Zusammenspiel zwischen Luther und Jenny, aber der Plot an sich als Vehikel für Drama und Spannung greift in meinen Augen auch im Finale zu kurz – und dafür erstreckt sich seine Screentime zu lang. Zu keinem Zeitpunkt empfindet man die Porno-Bedrohung als Bedrohung oder interessiert sich für die Beteiligten und ihre Geschichten. Auch Luthers Grenzüberschreitungen, um Jenny zu helfen, wirken als wenig tragfähige Grundlage für moralische Dilemmata am Arbeitsplatz und die Fragen nach Vertrauen und Hingabe, genauso wie alle Nebendarsteller in dieser Staffel zu kurz kommen.

Andererseits fehlt der Serie die Zeit für mehr: Luthers Problem besteht darin, dass die Fälle der Woche (oder der zwei Wochen) viel zu interessant und spannungsgeladen daher kommen, um “Luft” für mehr und Anderes zu lassen. Außerdem scheint es so, als würde man sich alle Türen offen halten wollen und deswegen laufende Nebenhandlungen kurzer Hand beenden, um “neu” anfangen zu können, falls die Serie verlängert wird. Wenn man also die vier Episoden der zweiten Staffel rückwirkend betrachtet, sieht alles nach dem Versuch aus, einen handlungsübergreifenden Erzählstrang aufzubauen – als Gefahr im Hintergrund, die Luther bei Bedarf stets aus dem Gleis werfen kann. Verglichen mit der Alice-Story aus der ersten Staffel verfehlt diese jedoch ihr Ziel.

So sind wir bei einem weiteren Kritikpunkt angelangt: Alice. Genauer: Ihrem Fehlen! Im Hinblick auf die Intensität der Beziehung zwischen Luther und Alice (Ruth Wilson) und deren Wirkung auf Luthers erste Staffel verabschiedeten die Autoren Alice allzu sang- und klanglos. Man kann sich natürlich vorstellen, vor welchem Dilemma die Autoren standen: Egal welchen Zug sie mit der Figur gemacht hätten, die Gewinnchance hätte nie mehr als 50 Prozent betragen. Wenn man Luther eine Beziehung mit Alice führen lässt, droht sich das Ganze festzufahren, so dass die Intensität mit der Gewöhnung verloren geht.

Aus der Rolle der Luther-Nemesis wiederum hatte man Alice schon herausgeholt und eine viel zu innige Beziehung zwischen den beiden aufgebaut. Sie als eine Art ständige Beraterin einzusetzen, hätte der Serie zu viel US-Procedural-Feeling zugefügt – auch nicht wünschenswert. Die von Alice vorgeschlagene Variante des Zusammenlebens in Mexiko würde die Serie, so wie sie ist, beenden. Eine letzte Möglichkeit läge darin, Luther und Alice ihr selbst-liebendes und gleichzeitig selbst-mörderisches Spiel zu Ende spielen zu lassen – was auch das Leben der beiden Serienfiguren beenden würde.

In meinen Augen sind die Autoren allen Gefahren aus dem Weg gegangen, indem sie Alice auch im Finale der zweiten Staffel keine Rolle spielen ließen – außer der Bedrohung im Hintergrund, die Luther der Porno-Godmother vor Augen führt, um Jennys dauernde Freiheit zu gewährleisten. Im Vordergrund dieses Finales steht eindeutig das Spiel mit dem Würfel, das um Leben und Tod geführt wird. Mehr um Tod, wie Luther und seine Kollegen herausfinden.

Die schonungslos inszenierte Mord-Orgie der beiden Zwillingsbrüder Nicholas und Robert wirkt wie die Live-Variante eines Computerspiels, bei dem die Spieler neue Levels erreichen müssen: Je mehr Tote, desto bessere Waffen dürfen die Spieler benutzen. Ein Ende wäre nur möglich, wenn einer der beiden bezwungen wird. Da Robert in Haft sitzt und Luther nicht auf seine Hilfe zählen kann (er verliert das Würfelspiel gegen ihn), muss Luther nicht als Spieler, sondern als Level das Feld betreten. Er bietet sich also Nicholas an: als Weg zur Steigerung.

Während Luther im Jenny-Spiel die Züge der Gegner komplett mit einrechnet – er benötigt sie, um zu gewinnen, sie ließen zu, dass er mitspielt -, so spielt er mit Nicholas nach den Regeln des Russischen Roulettes. Wenn nun Nicholas die Chancen mit 50:50 berechnet, so stehen sie in Wirklichkeit doch eher 5:1 – für Luther, der das Außerhalb des Spiels mit einberechnet: die Scharfschützen, die Aufschrift auf dem Van und den Umstand, dass Nicholas’ Leidenschaft für das Spiel ihn für diese äußeren Umstände und für die Berechnungsfähigkeiten seines Gegners letztlich doch blind macht. Durchtränkt mit Benzin gewinnt Luther also auch dieses Spiel.

Ob seine Serie aber eine dritte Staffel bekommt? Es steht 50:50…

Luther: Season 2, Episode 3

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Der Horror lauert vielleicht an der nächsten Straßenecke, wo ein eigentlich unscheinbarer Mann Mitte Zwanzig steht und sein bohrender Blick einen für den kurzen Augenblick in Stein zu verwandeln droht. Eigentlich ist es ein einladender Blick: Komm und tanz mit mir den tödlichen Tanz des Chaos, des kompletten Orientierungsverlustes, des freien Falls. Luther konfrontierte uns schon in der ersten Staffel mit unheimlichen menschlichen Taten, aber Episode 3 bildet meiner Meinung nach einen Höhepunkt, was das Hervorrufen von purem Entsetzen beim Zuschauer betrifft. Ein Unbekannter terrorisiert London, indem er etliche Gewalttaten verübt, die im Laufe der Episode eine kontinuierliche Steigerung erfahren. Es fängt mit Vandalismus und Totschlag an der Tankstelle an und endet mit dem Ermorden mehrerer Büroangestellter am helllichten Tag.

Die Atmosphäre der Episode wird von dem Fall diktiert – eine Tatsache, die in manchen anderen Episoden nicht so perfekt funktionierte. Der starke Sog, den der Fall entwickelt, sorgt in meinen Augen dafür, dass der Nebenplot um Jenny (Aimee Ffion Edwards) und die Mafia eher als Ablenkung funktioniert. Da allerdings möchte man ausrufen: Wenn schon Ablenkung, dann bitte Alice!

Luther begibt sich in noch größere Probleme, um Jenny weiterhin beschützen zu können. Obwohl er im Rahmen des Möglichen (und Illegalen) kooperiert, bekommt Jenny Besuch von Toby Kent (David Dawson), der dann auf Luthers Fußboden im eigenen Blut endet, mit Luthers Küchenmesser im Kopf: Jenny hat den Zweikampf gewonnen. Die Eskalation dieses Nebenplots zum Finale scheint damit gesichert.

Aber kehren wir zurück zu dem Mann, der sich seinen mörderischen Weg durch London würfelt. Er handelt einfach, brutal, sinnlos und vor allem wahllos. Dieses Konzept – oder eher: Täterprofil – ist nicht unbedingt etwas Neues in der Film- und TV-Geschichte, aber die Art, wie Luther den Fall präsentiert, und die Steven Robertsons Verkörperung des Täters wirken äußerst verstörend. Der Angriff im Bürogebäude gehört zu den traumatischsten Szenen der letzten TV-Jahre.

Dabei wissen wir eigentlich gar nicht, ob der Täter ins Schema passt. Bislang ist er nur ein Niemand außer Rand und Band, der anscheinend wahllos Gewalttaten verübt. Auch am Ende der Episode wissen wir – und auch Luther – nichts über ihn, nicht einmal seinen Namen. Luther schafft es ihn zu verhaften, aber nichts Schlimmes konnte verhindert werden. Außerdem gibt es kein Täterprofil, gar keinen ersichtlichen Grund für alles. „He’s making his decisions on the roll of a dice“, sagt Luther. Auch John gelingt es nicht, das Spiel mit den Würfeln, den Zahlen und dem Notizblock zu durchschauen.

Zum ersten Mal in Luthers Geschichte erleben wir ein Verhör, bei dem Luthers (Idris Elba) Gegenüber sich auf kein Gespräch einlässt. Vielleicht, weil er nicht… da ist? Weil er immer noch da draußen ist, um weitere Verbrechen zu begehen: als ein Anderer und doch gleich? “Sweet Dreams” erklingt am Ende und schickt den Zuschauer ins Land der Alp-Träume, wo nächste Woche Luthers Finale wartet.

Luther: Season 2, Episode 2

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John Luther (Idris Elba) steht mit den Händen in den Taschen da. Unbeweglich am Straßenrand, während die Kamera ihn umkreist, als wolle sie die Bewegung in seinem Innern vorführen. Längst ist Luthers Welt aus dem Gleichgewicht geraten – hinein in einen Sog, der dem eines Schwarzen Lochs ähnelt. Und doch ist Luther selbst derjenige, der diese Bewegung erzeugt, in ihrem Zentrum steht und Andere mit in den Abgrund reißen kann. Oder auch retten. In dieser zweiten Episode der BBC-Produktion hängt Ripleys Leben an einem nicht seidenen, sondern sehr groben Faden, Jenny braucht weiterhin Luthers Hilfe, und Alices seidige Worte in Luthers Ohr geben ihm zu denken.

Kann er seiner Welt den Rücken zukehren und mit Alice nach Mexiko gehen? Wäre er dann noch John Luther?In dieser Episode zitiert er Alice zwei Mal: am Anfang der Episode und an ihrem Ende. Seine Antwort auf ihre Frage zum Schluss, warum er nicht mit ihr nach Mexiko kommt, lautet: „Because I am what I am.“ Man erinnere sich außerdem an das Gespräch zwischen Luther und Alice (Ruth Wilson) aus der ersten Staffel, als Alice über den Sog der Schwarzen Löcher und das ultimative Böse sprach: Jene Worte wiederholt Luther am Anfang vor seinen Kollegen, als alle um Ripleys (Warren Brown) Schicksal bangen.

Alice ist erst am Schluss der Episode kurz zu sehen, doch ihre Worte begleiten Luther die ganze Zeit über und weisen ihm den Weg, um Cameron unter die Haut zu gehen: Luther führt Cameron (Lee Ingleby) dessen eigene Nichtigkeit vor Augen, zieht ihm die Bühne unter den Füßen weg. Er inszeniert für Cameron den fehlenden Blick auf ihn. Cameron will die Hand Gottes sein: so drückt es Luthers Vorgesetzter aus, während er einen Komplizen verhört. Aber niemand hört Cameron zu.

Das Setting korrespondiert mit dieser Leere, der sich Cameron ausgesetzt sieht: Die Kamera zeigt uns Bilder des Verfalls in London. Die meisten Gebäude sind leer oder kaum bewohnbar, wie Camerons Tatorte, Luthers Wohnung oder aber Mark Norths verwahrlostes Domizil.Doch genauso wie die Blume, die Mark mit Zärtlichkeit begießt, bleibt ein Rest Hoffnung hinter der abgeblätterten Farbe der Häuser am Leben. Luther und Ripley schaffen es, die Schulkinder zu retten, die Cameron töten will. Außerdem entscheidet sich Luther, Jenny (Aimee Ffion Edwards) weiterhin zu helfen, und nimmt sie bei sich auf. Dafür freilich überschreitet er erneut das Gesetz.

Luther handelt zwar mit guten Absichten, nimmt aber Grenzüberschreitungen in Kauf – und, wie man argwöhnt, nicht ungern. Auch er spielt, wenn man so will, die Hand Gottes. Sinnbildlich bekommt er dafür einen Nagel durch die Hand geschlagen. Aber das hindert ihn nicht daran, weiterzumachen. „You’ve done enough“, sagt Alice zu ihm und wiederholt damit nun ihrerseits seine eigenen Worte zu Jenny und ihrer Mutter, „now give it up and walk away.“ Genau das aber kann Luther nicht…

Luther: Season 2, Episode 1

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Alices (Ruth Wilson) Lächeln. Was amüsiert sie? Der Verlauf der Geschichte um sie und Luther (Idris Elba)? Die eigenen Worte während einer Befragung am Anfang dieser zweiten Staffel? Wegen Luther sitzt Alice in einer psychiatrischen Anstalt. Sie wollte ihm helfen und tötete den Freund, der ihn verriet. Trotzdem bringt sie der Gedanke an Luther zum Lächeln. Währenddessen betrachten wir Luthers Vorbereitung auf den neuen Arbeitstag: Anziehen, Kaffee machen, eine Kugel in den Revolver stecken und… russisches Roulette spielen. Sieht fast nach Routine aus. Das Klicken beim Abdrücken lässt uns Zuschauer die Augen zukneifen. Alices Augen stehen weit offen, aber ihr Blick scheint anderswo zu sein: bei Luther.

Durch das Hin- und Herspringen zwischen zwei Handlungsorten in dieser ersten Sequenz hat man das Gefühl, Alice würde Luther beobachten, während sie über den Mord an Ian und ihre Beziehung zu Luther spricht. Schon immer haben sie und Luther russisches Roulette im eigenen Kopf gespielt und waren eigentich nie sehr weit von einem Treffer entfernt. Was hält die beiden davon ab, den letzten Schritt zu machen? Eine Differenz in einem indifferenten Universum zu erzeugen?

In der ersten Staffel überstieg die Chemie zwischen Idris Elba und Ruth Wilson physikalische Gesetze. In einem Interview erzählte Ruth Wilson, wie sehr sie The Wire gemocht habe – vor allem Elbas Figur. Dann kam die Rolle in Luther und das erste Treffen mit Elba, der sofort versicherte, sie als Jane Eyre geliebt zu haben. Ihre Antwort: „You never watched Jane Eyre!“ Dieses Detail aus dem realen Leben klingt genau wie eine Unterhaltung zwischen Luther und Alice. Ruth Wilson bereitete sich mit „Das Schweigen der Lämmer“ und John Grays philosophischen Werken auf ihre Rolle vor. Aber Luthers und Alices Reise durch menschliche Abgründe ist mehr Alice Through the Looking Glass.

Die Richtungswechsel im Zuge dieser Reise, die verwinkelten Gänge menschlicher Makel, durch die sie führt, sind spannend, aber auch trostlos. Denn diese Reise will und kann keine Endstation erreichen. Luthers Bilder sind voller enger Gassen, undefinierbarer Räume, verwinkelter Gänge, Hintertreppen. Man verliert beim Zuschauen die Orientierung und weiß nicht, was im nächsten Moment geschieht und was sich hinter der nächsten Ecke befindet. Durch die ausgeblichenen Farben der Erzählung aber führt uns eine dunkelrote Krawatte: Luther hat seinen Job zurückbekommen, darf Ripley an Bord holen und muss seinem neuen Chef (Dermot Crowley) versprechen, keine Spielchen hinter seinem Rücken zu treiben… und natürlich „no Alice Morgan“. Luther verspricht alles – bis auf Letzteres.

Die Räume und Orte in Luther wirken wie eine Kartographie von Luthers mentalem und seelischem Zustand: ein Stillleben, das den Rahmen sprengt. Gleichzeitig spiegeln die verkommenen Räume in London, die wir betreten, den Fall der Woche, in dem ein gescheiterter Kunststudent (bitte: immer das Studium zu Ende führen!) bühnenartige und blutige Inszenierungen mit jungen Frauen als Opfern hinterlässt. Der Mann will die Stadt aus ihrem Stillstand holen, den Rahmen sprengen. Gleichzeitig will die Witwe eines von Luther überführten Kriminellen, der im Gefängnis Selbstmord begangen hat, dass Luther ihre Tochter aus dem Bann von Sexvideos, Prostitution und Drogen herausholt. Ausgerechnet Mark, Zoes verhinderter Zweit-Ehemann, wird ihm dabei eine Hilfe sein.

Der neue Serienmörder (Lee Ingleby) – der Luther und seinen Kollegen zu schaffen macht, indem er mit dem Team als Publikum live via Webcam einen Mord begeht -, trägt eine Mr.-Punch-Maske und hegt eine Vorliebe für Londoner Geschichte. Die Serie macht typischerweise kein großes Geheimnis um seine Identität: In Luthers Welt sind Maskierungen überflüssig. Wir begegnen hier Grimassen der Realität, die zum Beißen nah sind. Mit einem Biss holt sich Luther bei der Auseinandersetzung mit Mr. Punch seine DNA, seine Identität. Und mit einem Biss holt er sich Alice wieder. Er besucht sie in der Anstalt und bringt einen roten Apfel mit. Alices Arme sind bandagiert: Auch sie hat Russisches Roulette gespielt.

Nachdem sich Alice über die mangelnde Erotik in der Anstalt beschwert hat, beißt Luther genüsslich ein großes Stück vom Apfel ab: so groß, dass eine Chipkarte Platz im Apfel bekommt. Beim Hinausgehen wirft er den Apfel über den Zaun, den Alice beim Hofspaziergang prompt findet. Mit Kapuze auf dem Kopf, dem roten Apfel in der Hand (und somit einem Teil von Luther: seiner DNA!) und einem Lächeln auf den Lippen steht sie da: Rotkäppchen, Alice im Wunderland und Schneewittchen in einer Figur. Die Frage ist: Wird der Apfel sie nach Hause bringen oder töten?

Luther: Season One

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It’s unfortunate that when we feel a storm, we can roll ourselves over ’cause we’re uncomfortable. Oh well the devil makes us sin, But we like it when we’re spinning in his grin. Love is like a sin my love, For the ones that feel it the most. Look at her with her eyes like a flame, She will love you like a fly will never love you, again.“ So lautet der Text des Massive-Attack-Songs “Paradise Circus” aus „Luther“s Vorspann.

Genauso wie uns Massive-Attack-Songs in einen hypnotischen Zustand versetzen, sorgen Idris Elba (Detektiv John Luther) und Ruth Wilson (Alice Morgan) dafür, dass man die Augen keine Sekunde mehr vom Bildschirm abwenden kann. Idris Elba dürfte den Zuschauern aus seinem Auftritt in „The Wire“ als Drogendealer Stringer Bell bekannt sein, während Ruth Wilson ihre erste große Rolle als Jane Eyre landen konnte („Jane Eyre“, BBC 2006).

Zuletzt war sie in der Mini-Serie „The Prisoner“ zu sehen, AMCs faszinierendem Remake. Dank der Performances nicht nur von Elba und Wilson, sondern auch vom Rest des Casts kann „Luther“ in keine Schublade wegsortiert werden, bleibt undefinierbar. Jedes Mal, wenn man denkt, die richtige Beschreibung gefunden zu haben, macht „Luther“ eine halsbrecherische Wendung und lässt den Zuschauer, der sich schon in kategorischer Sicherheit wiegte, am Rand stehen: vor einem Abgrund, vor dem freien Fall in die Tiefe.

Genauso steht Detective Luther auf dem Dach eines Gebäudes; seine Schuhspitzen ragen über den Rand hinaus. Er denkt über den Sinn eines freien Falls nach. „Luther“ zeigt uns Menschen im freien Fall, auch wenn dieser nur in ihrem Kopf geschieht. So wie „Rubicon“ es für seinen Protagonisten Will Travers (James Badge Dale) tat, nimmt sich die BBC-Serie „Luther“ die Zeit, ihre Hauptfigur beim Denken zu zeigen. A beautiful mind, but broken? Klingt das etwa nach Klischee? Mag sein, aber Wilson und Elba machen daraus ein spektakuläres Kammerspiel. Der Dialog zwischen den beiden während Alices Verhör bleibt uns lange im Kopf hängen.„Luther“ vergeudet keine Zeit, um uns in eine Konfliktsituation zu manövrieren. Die Serie eröffnet mit einer actiongeladenen Sequenz. Detective John Luther schafft es, einem Kindesentführer und Mörder den Aufenthaltsort seines letzten Opfers zu entlocken, aber lässt den Mann dennoch abstürzen. Darauf folgen Zusammenbruch, Untersuchung, Freistellung vom Dienst – und anschließend bekommt John seinen Job wieder. Warum? Weil keiner so obsessiv und so erfolgreich Verbrecher verfolgen und überführen kann wie er!

Aber es gibt Dinge, die, einmal gebrochen, für immer gebrochen bleiben. Luthers Vorgesetzte Rose (Saskia Reeves) und sein Kollege und bester Freund Ian (Steven Mackintosh) sehen in ihm eine tickende Zeitbombe. Von diesen Gefühlen am Rande des Ausbruchs macht die Serie sehr gut Gebrauch: Man weiß nie, ob John im nächsten Moment nicht doch hochgehen wird. Seine Präsenz füllt den Bildschirm aus – in jedem Sinne. Ein groß gewachsener Mann mit den Händen in den Taschen, mit hängenden Schultern und einem unnachahmlichen Gang: bedrohlich träge, weil zugleich voller Spannung – wie eine Raubkatze, die nur zum Schein döst.

Wie in späteren Episoden Personen anmerken werden, als Luther “maskiert” auftritt: jegliche Maskierung ist nutzlos. Man erkennt Luther, auch wenn er mit Strickmütze und Brille auf einen zuläuft.

Man erkennt ihn, ja – aber kennt man ihn? Kennt er sich selbst? Seine Frau Zoe (Indira Varma) glaubt ihn zu kennen; gerade deshalb verlässt sie ihn und beginnt eine Beziehung mit dem harmlosen Mark. Diese Tatsache wirft Luther fast über das schon angesprochenen Rand hinaus und hinab. Aber er trifft auf einen anderen „beautiful mind“: auf die hyperintelligente Astrophysikerin und Mörderin Alice Morgan, die gerade ihre Eltern samt Hund umgebracht hat. Luther weiß es; sie weiß, dass er es weiß – und dass er es nicht beweisen kann: Sie hinterlasse keine Beweise, sondern „evidence-shaped absence“, erkennt Luther.In Alice findet Luther, was er am allermeisten sucht: Erklärungen. Sie denkt mit ihm mit, sie ist sechs Episoden lang seine „mind mate“, seine Nemesis und seine Komplizin – letztendlich sein einziger Freund. Beide ziehen einander an mit dem Sog eines Schwarzen Lochs, das Alice beschreibt als „evil at its most pure, something that drags you in, crushes you, makes you nothing.

Don’t you worry you’re on the devil’s side without even knowing it?“, fragt er sie.

Aber meistens sitzt John Luther nur da und hört zu, vor allem in Verhörsituationen. Oft wird er vor einem eintönigen Hintergrund gezeigt, wodurch das gesamte Bild “flach” wirkt. Sein Kopf ist in der linken unteren Bildhälfte zu sehen. Er sitzt da, hört zu und denkt nach. Diese Aufnahmen entwickeln einen Sog für den Zuschauer, trotz fehlender Tiefe des Bildes. Man versucht, in Luthers Kopf zu blicken, ihn zu lesen, aber es gelingt nicht. Er ist gleichzeitig absolut vertieft und fieberhaft involviert, kurz vor einer möglichen Explosion. „The universe is not evil, just indifferent“, sagt Alice zu ihm. Im Laufe dieser ersten Staffel hilft sie ihm mehrmals – doch auch er ist eine Hilfe für sie, nicht nur eine gedankliche Herausforderung.Wie erzählt diese Serie? Traurig. Es ist die Trauer über den menschlichen Makel, die John Luther in den Abgrund reißt. Diese Trauer kann Alice nicht fühlen, denn sie selbst ist ein solcher Makel: Sie ist “flaw-shaped absence” – gnadenlose, gleichgültige Schönheit der reinen Abwesenheit, des Fehlens. Nur in den Begegnungen mit John Luther kann Alice fühlen, indem ein Mensch sie als Mensch braucht, als das, was sie ist. „We are who we are.

Britische Produktionen zeigen nicht nur einen speziellen Sinn für Humor – mit dem „Luther“ bislang extrem sparsam verfährt -, sondern auch ein Faible für entsetzliche Verbrechen. Genauso wie sich die Beziehung zwischen Alice und Luther über die Staffel hinweg dreht und wendet, wendet sich die BBC-Serie selbst. „Change the state of play“, rät Alice John bezüglich eines Falls. Und die Serie „Luther“ hört auf sie.

Während in den ersten vier Episoden einzelne Fälle grausamer menschlicher Taten untersucht werden, verwandelt sich die Produktion in den finalen zwei Episoden von einer Erzählung über den Wahnsinn von Serienmördern in einen klassischen Krimi über Korruption und Verrat. Geschickt benutzt die Serie zwei Nebenfiguren, um diesen Wandel zu untermauern, nämlich Luthers neuen Partner Justin Ripley (Warren Brown) und seinen besten Freund Ian. Beide tauschen die Plätze: Während sich Ian zu Luthers schlimmstem Alptraum entwickelt, wird Ripley am Ende der einzige sein, auf den Luther an seinem Arbeitsplatz zählen kann. Für mich funktionieren die letzten zwei Episoden im Doppelpack als Agonie einer Freundschaft, die zu Ende geht und Andere mit sich in die Tiefe reißt.

Ausgerechnet Zoe ist das Opfer. Die Staffel endet mit einer Auseinandersetzung zwischen John und Ian, die – mit Alices Hilfe – tödlich für Ian endet. Bereitwillig, da entzückt über die entstehende “Beziehung” zu John Luther, macht sich Alice zu seinem Finger am Abzug. „Oh well the devil makes us sin, But we like it when we’re spinning in his grin. Love is like a sin my love, For the ones that feel it the most. Look at her with her eyes like a flame, She will love you like a fly will never love you, again“…