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Mad Men: The Good News (4×03)

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The Good News ist eine sehr traurige Episode, aber dafür die beste seit dem Start der neuen Staffel. Das neue Jahr 1965 steht vor der Tür und die Räume von SCDP sind menschleer. Nun, nicht ganz. Die Mad Men-Autoren konzentrieren sich in The Good News auf drei Figuren: Don bzw. Dick (Jon Hamm), Lane Pryce (Jared Harris) und Joan (Christina Hendricks). Interessanterweise habe ich gerade Lanes Nachnamen als einzigen schreiben müssen: Eine unbewusste Handlung, die darauf hinweist, wie wenig wir eigentlich über Lane wissen, so dass man sich selbst erinnern muss, wer das ist?

Es ist zwar etwas stark formuliert, aber das Timing der Autoren ist wieder einmal perfekt, um nicht nur Lane stärker in das Figurenensemble einzubinden, sondern vielleicht auch für Don eine Art Roger-Ersatz zu schaffen? Roger und Pete sind übrigens in dieser Episode erst in der letzten Szene für kurze Zeit zu sehen. Und was viele Fans freuen wird, kommt Dons Ex-Frau Betty (January Jones) diesmal gar nicht ins Bild. Zu recht, denn das Bild ist ausgefüllt, auch wenn es auf dem ersten Blick nicht so scheint. Nachdem Don in den letzten zwei Episoden wie ein Boxer nach einem heftigen Schlag auf dem Boden wieder finden musste, verliert in der traurig-ironisch betitelten Episode The Good News auch diesen Boden unter sich. Übrigens der Boxervergleich kommt nicht von ungefähr, sondern spiegelt Mad Mens Bildsprache wieder.

Seit Anfang der dritten Staffel haben wir sehr häufig Szenen, in welchen Don sich auf das Bett fallen lässt, mit Armen eng am Körper, Kopf zur Seite geneigt. Er wird auf dieselbe Art und Weise gefilmt wie üblicherweise Personen, die einen schweren Schlag bekommen haben und K.O. gehen. Nach den pathetischen Trink- und Sekretärinnenexzessen besucht Don in dieser Episode Anna (Melinda Page Hamilton) Draper, um genau vor der pathetisch gewordenen Hülle Don Draper Zuflucht zu suchen. Ob es nur eine Hülle ist, ist eine andere Diskussion, aber in den Momenten mit Anna fühlt es sich so. Don darf Dick Whitman sein: I know everything about you and I still love you. Anna ist die einzige in seinem Leben, die über ihn nicht urteilt und die Freiheit bietet, sich selbst zu sein. Weiß er aber, wer er ist? Ist Dick Whitman tatsächliche der Kern, der unter der Hülle leiden muss? Die Szenen mit Anna glänzen (sind auch von der Beleuchtung heller) mit Leichtigkeit.

Der humorvoll-liebevolle Umgang miteinander kann man kaum mit etwas Anderem in seinem Leben vergleichen. So sehen wir ihn: Mit einer Pinsel in der Hand und in Unterwäsche, Annas Wände neu streichen, wie wenn er damit die Farbe, das Licht am Leben erhalten wollen würde. Denn es wir erlöschen. Anna hat sehr weit fortgeschrittenen Krebs und nicht mehr lange zu leben. Das Grausame: Sie weiß es nicht mal. Don/Dick erfährt es von Stephanie, Annas Nichte, die er zu verführen versucht. Sehr geschickt, benutzen die Autoren diese Mitteilung, wie einen Schlag ins Gesicht. Als würden sie Don Draper dafür bestrafen, dass er wieder hinterm Lenkrad sitzt! Um Anna nicht die letzten Tage zu zerstören, behält er die Neuigkeit für sich. Umso herzzerreißender der Abschied zwischen den beiden, bei dem man sich die Frage stellen muss: Was wird Annas Verlust aus ihm machen – Don oder Dick? Oder machen beide zusammen das aus, was er ist?

Diese Entwicklung wird mit einer anderen in Verbindung gebracht, nämlich mit dem Plot um Joan, die zum ersten Mal in der neuen Staffel so viel Screentime bekommt. Beide wollen in dieser Episode jemanden haben, vor dem sie sich selbst sein dürfen und verstanden werden. Aber Don verliert Anna und Joan im gewissen Sinne den Glauben daran, dass sich ihr Ehemann wirklich für sie interessiert: For me, this is like filing papers is for you. I do it all the time.

Lane scheint auch ins Bodenlose zu stürzen, denn seine Frau will sich von ihm trennen. Es gibt dann nichts Besseres als das Don Draper-Rezept: Alkohol, Kinobesuch (sie schauen Gamera!), ein Abendessen (I’ve got a big Texas belt buckle. Yee-haw!), Stand-Up Comedy und Prostituiertenbesuch! Die Szenen mit den beiden bringen in diese traurige Episode genau die richtige Prise an Humor, die uns alles nicht vergessen lässt, sondern einfach bittersüß schmecken lässt. Ich verlasse euch mit der bittersüßen Aufnahme von Dick, der auf Annas Couch sitzt, während sich die Nacht in Tag verwandelt.

Mad Men: Christmas Comes But Once A Year (4×02)

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Bei Mad Men reimen sich Wort und Bild, Weihnachtsmann und Weihnachten, aber das daraus entstandene Lied ist eher ein Abgesang, nicht nur auf das alte Jahr… In Christmas Comes But Once A Year geschieht auf den ersten Blick nichts Schwerwiegendes. Die Handlung schreitet im herkömmlichen Sinne nicht voran, aber der Stillstand ist eine Sinnestäuschung, wie wenn durch das neue Bild in Rogers Office kreiert. Man versinkt darin und empfindet den Stillstand trotzdem als Bewegung. Weihnachten, Schnee, Weiß, Rot, Licht, Dunkelheit, Alt und Neu: Die Serie verpackt alles im selben Weihnachtsgeschenkt und serviert es zusammen mit zwei fünfzig Dollar Banknoten. Sehr selten, sogar noch nie, haben wir in Mad Men so die Augen bestechende Kombination aus Rot und Weiß gehabt, die auszuufern scheint und nur noch durch die geschickte Unauffälligkeit des Schwarzen in Grenzen gehalten wird.

Fast jede Frau, die in der Episode ein Stückchen Dialog vortragen darf, ist im roten Kleid und überall im Bild sind rote Flecken (meistens durch Blumenschmuck) platziert. Der Rest ist von Weiß dominiert. Dabei haben die Produzenten geschickt hinter Wänden und Fenstern zusätzliche Lichtquellen positioniert, um die Oberflächen zusätzlich zum Strahlen zu bringen. Die hellen Innenaufnahmen wechseln sich mit den nächtlichen Außenaufnahmen ab. Das Innen ist hell und das Außen ist dunkel: Genau das umgekehrte Bild stellt Don Draper dar: I didn’t hate Christmas — I hate this Christmas. Don scheint auf etwas zu warten, auf eine Veränderung des Zustandes, in den er sich hineinmanövriert hat. Dabei lässt uns diese Episode durch den geschickten Wechsel zwischen Dons Frauen- und Alkoholbeschäftigungen und dem Glen-Sally- und Peggy-Mark-Plots erfahren, welchen Einfluss Dons Figur, wenn auch unbewusst bzw. ohne die direkte Intention, auf andere hat. Geheimnisse – das ist das Schlagwort. Sally hat ihr Geheimnis mit Glen . Durch Freddy Rückkehr zu der Agentur wird das nächste Kapitel der Thematik Jung bzw. Neu/Alt aufgeschlagen.

Peggy benutzt dieselben Worte – old fashioned – als sie Freddy verbal eine verpassen will, die davor ihr Freund ihr gegenüber in den Mund nimmt, um ihren Unwillen mit ihm zu schlafen zu beschreiben. Er denkt, sie sei noch Jungfrau. Nun, kontrolliertes Bewahren von Geheimnissen will gelernt sein. Von Don. Denn Peggy hat für sich auch eine neue Vergangenheit geschaffen und versucht zu ihr zu stehen. Auch in dieser Episode haben wir eine kleine, aber umso bedeutungsvolle Szene zwischen Don und Peggy, als er sich von ihr auf der Agentur-Party verabschiedet und “sweetheart” nennt. In diesem kurzen Augenblick scheint er das Gesagte auch zu meinen. Genauso wie er seiner Sekretärin Allison (Alexa Alemanni) gegenüber den Bonus (zwei fünfzig Dollar Scheine in einer Weihnachtskarte) als solchen meint, aber nachdem er mit ihr die Nacht davor unter Alkoholeinfluss geschlafen hat, sieht das aus, wie die Bezahlung dafür. Als Don mit Allison zusammen ist, wird auf Sally geschnitten, die von ihrem Fenster aus Ausschau hält. Nach Glen? Oder vielleicht nach ihrem Vater? Oder einfach nach jemandem, der sie aus ihrem jetzigen Leben rausholt?

How would you describe your father? Das ist die erste Frage aus dem Fragebogen, den die Motivational Research Group bzw. in Person von Dr. Faye Miller unter den Agentur-Chefs austeilt. Erste und letzte für Don. Er verlässt unter einem Vorwand den Raum begleitet von dem leisen Kichern seiner Kollegen. Ist es Zufriedenheit darüber, dass sich Don gegen das Neue aufgelehnt hat?

Ein schiefes Lächeln stellt auch die Weihnachtsparty der Agentur dar, die im Grunde exclusiv für Lucky Strikes Lee Garner organisiert wird. Er erniedrigt gewissermaßen Roger, indem Garner ihn den Weihnachtsmann zu spielen zwingt. Rogers eigene Worte holen ihn ein: Koste es, was es wolle, Lucky Strikes zufrieden zu stellen! Am nächsten Tag kann er sogar darüber lachen: I Saw Mommy Kissing Santa Claus…