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Rubicon: The Outsider (1×04)

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Ich liebe es, wenn sich eine Serie Zeit nimmt: etwa für extreme Close-Ups von Kaffee, Kaffeebechern und Kaffee trinkenden Menschen. Als seinen Kaffee genießender Zuschauer fühle ich mich dann gut aufgehoben. Bei Rubicon fühlte ich mich seit dem Anfang der Serie irgendwie immer gut aufgehoben. Vielleicht liegt es daran, dass mir „Rubicon“ die nötige Ruhe gönnt für die Unmenge an Serien, die ich außerdem verfolge. Damit ist nicht das Guilty-Pleasure-Gefühl gemeint – mit Zurücklehnen und die-Serie-uns-unterhalten-Lassen:

Die AMC-Produktion übernimmt nicht das Denken für den Zuschauer, sondern kreiert einen audiovisuellen Raum, in dem der Zuschauer gerade wegen der sehr langsam voranschreitenden Handlung selbst voranschreiten, selbst auf Erkundung gehen muss, um Vorhandenes zu entdecken. Während die ersten drei Episoden sparsam und behutsam den Kontext der Ereignisse schildern, bewegt sich The Outsider nach innen – will sagen: ins Innenleben der Beteiligten, denn die Episode beschäftigt sich auf den ersten Blick wenig mit dem handlungsübergreifenden Erzählstrang um die globale Verschwörung.

Erst einmal geht es darum, was für Menschen in Wills Team arbeiten und wie wichtig Will (James Badge Dale) für sie ist. The Outsider erzählt parallel zwei Geschichten: Eine um Will und seinen Boss Truxton Spangler (Michael Cristofer), die nach Washington müssen, und eine zweite um Wills Team, das vor einer schweren Entscheidung steht: In Wills Abwesenheit muss man einen vermeintlichen Terroristen zum Abschuss frei geben.

Im Laufe der kompletten Episode können wir beobachten, wie die drei – Tanya (Lauren Hodges), Miles (Dallas Roberts) und Grant (Christopher Evan Welch) – unter dem Gewicht der Entscheidung fast in eine Art Agoniezustand verfallen. Auf visueller Ebene wird dieser zusätzlich hervorgehoben: Der Raum, in dem sich die drei befinden (Min. 12:07), wird fast immer aus der einen Ecke gefilmt, so dass unser Blick sich auf der Diagonalen bewegt. Die Lamellen der Jalousien wiederum bilden horizontale Linien, deren Bewegung Richtung Raumecke von der ebenso horizontalen Linie an der Wand verstärkt wird.

Man bekommt das Gefühl, als wolle die dunkle Raumecke, der Fluchtpunkt des Bildes, das komplette Bild einsaugen wollen. Die Neonröhren an der Decke bilden einen rechten Winkel zu den Lamellen und kreieren einen zusätzlichen Rahmen innerhalb des Bildes, was den Raum optisch verkleinert: seine Seiten drücken auf den „Rauminhalt“, drohen ihn zu ersticken. Grün und Schwarz sind hier die dominierenden Farben, bis auf den gelben Fleck (das Gelb der Schrift aus dem Vorspann) auf Grants Hemd, als er dem Chef die Entscheidung des Teams präsentiert.

The Outsider hat nach wie vor keine großen Enthüllungen oder Ereignisse zu präsentieren, sondern eine Reihe kleiner, feiner Charakter-Momente, die die Figuren in dieser Welt beschreiben. Rubicon leistet nach wie vor hervorragende Arbeit, was das Auffangen solcher flüchtigen Verbindungsmomente betrifft: Augenblicke des flüchtigen zwischenmenschlichen Kontakts in einer anonymen Welt, die einer Maschinerie gleicht. Es ist so, als würde man etwas Aufmerksamkeit Erregendes aus dem Zugfenster sehen: im nächsten Moment ist es schon wieder verschwunden.

Will bereitet sich am Anfang der Episode Kaffee, schaut hinüber zu der Frau in der gegenüberliegenden Wohnung, die ihn anlächelt. Katherine (Miranda Richardson in der Rolle der Witwe) bricht über der Kiste mit dem Beweismaterial, dem blutigen Mantel ihres verstorbenen Ehemannes Tom, zusammen. Aber auf Toms Mailbox hört sie eine Nachricht, die sie stutzig macht und einige Zeit später in ein chinesisches Restaurant mit Lieferservice führt. – Der Nebenplot um Katherine ist übrigens meiner Meinung nach die einzige Geschichte, die ihre Schwachstellen hat und mit fortlaufender Dauer tatsächlich einen Schritt nach vorne bräuchte, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu verdienen.

Unsere volle Aufmerksamkeit zieht Wills und Truxtons kleine Reise auf sich: mit dem Zug und nicht mit dem Flugzeug, in warmen Farben getaucht. Bisher hatten wir kaum den Namen des API-Chefs erfahren – und schon gar nicht irgendwelche Details über ihn. In einer Reihe grandioser Szenen mit Truxton – die etwa seine Aktentaschen-Obsession betreffen oder seine Rede über die Krawatte des Ausschussvorsitzenden – gelingt es Rubicon, Truxton ein Gesicht zu verleihen, die Zuschauer ihn mögen zu lassen.

Er hat eine Tochter und einen Sohn. Wo studiert der Sohn? Keine Namen. Perfekt wurde inszeniert, wie Will im Laufe des Aufenthalts auf Menschen trifft und Details über ihr Leben erfährt – aber nie Namen. Die Einsamkeit in dieser Branche, auf die Truxton zu sprechen kommt, braucht, ja verträgt keine Namen. Will fühlt sich zwar wie ein Outsider, aber gerade das macht ihn laut Truxton so brillant und nützlich. Wem würde man eher vertrauen, dem Analytiker ohne Namen oder der eigenen Ehefrau, wenn es um die Einschätzung der eigenen Person geht?

Nach dieser Episode wirkt Truxton nicht nur humaner, sondern wir sehen, dass hinter seiner scheinbaren Unbeholfenheit ein brillanter Spieler steckt. Seine Auffassung vom Job ist es, das letzte Wort zu haben, den anderen auszuspielen und das Spiel zu gewinnen. Natürlich stellt man sich die Frage, auf welcher Seite er selbst steht – aber: gibt es in Rubicon „Seiten“? Die Serie steht nicht mitten im Kampf „Gut gegen Böse“ in der Spionagewelt, sondern sie versucht, ÜBER diese Welt zu erzählen, so wie The Shield oder The Wire ÜBER die Welt der Kriminalität erzählten. Damit sind wir Zuschauer die eigentlichen Outsider, die die Einsamkeit und den langsamen Blick lernen müssen.

Rubicon: Keep the Ends Out (1×03)

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Der Prozess, in den Rubicon die Zuschauer hineinzieht, repräsentiert die Ereignisse in der Erzählung selbst. Das Versprechen der AMC-Produktion lautet: Wenn ihr lange genug auf den Bildschirm starrt und jedes Detail mit seiner Verbindung zu den anderen wahrnehmt, dann werdet ihr den Code knacken, dann werdet ihr belohnt. Irgendwie habe ich nach dieser Episode, die von dem Erzähltempo her gesehen genauso langsam wie die ersten zwei ist, an Vertrauen gewonnen, dass sich das Zuschauen von Rubicon auszahlen wird.

Nach wie vor fühle ich mich von der kaum vorhandenen Entwicklung weder gelangweilt noch verspüre ich das Bedürfnis, alles zu erfahren. Kann man eigentlich behaupten, dass keine Entwicklung vorhanden ist? Das hängt davon ab, was man darunter versteht! Rubicon setzt auf Selbstreflektion und auf Entwicklung, die vor allem durch die Kamera und die schauspielerische Leistung hergestellt werden. „Rubicon“ kann man durchaus nicht als Stillstand bezeichnen. Die ununterbrochen wechselnden Kameraperspektiven und Kameraeinstellungen bringen eine Unruhe, Bewegung ins Bild und gleichzeitig konstruieren sie es. Man bekommt das Gefühl, das Bild wird vor unseren Augen zusammengepuzzelt.

Wir sehen selten Establishing Shots, sondern die Bilder, vor allem mit Will darin, werden aus unterschiedlichen Aufnahmen zusammengesetzt, die nicht nur subjektiv sind (Wills Blick darstellen), sondern immer wieder auch einen möglichen fremden Blick suggerieren. In dieser Episode bekommt er mehrere Träger. Seit Davids Tod ist Will (James Badge Dale) paranoid genug geworden, um die Blicke auf seinem Rücken zu spüren. Aber Wills Verfolger, der Mann im schwarzen Mantel, erweist sich als FBI-Agent, der Will für eine Freigabe der höheren Sicherheitsstufe überprüfen soll.

Das Problem: Das ist nicht der einzige Beobachter. Die beiden, die sich am Ende im Waschsalon treffen, verfolgen auch jede Bewegung von Will.

Für wen arbeiten sie und wem übermitteln sie die Nachricht, dass Will weiterhin Davids Spuren sucht und findet? Den Männern in dem Raum, die wir im Piloten gesehen haben? Pflegte der Banker, der Selbstmord beging, auch im selben Raum zu sitzen? Sein bester Freund James Wheeler (David Rasche), der die Witwe auch in dieser Episode mit lieben Worten ruhig zu stellen versucht, nimmt ein altes Bild aus der Wohnung des Verstorbenen. Auf dem Bild sind sieben Jungs zu sehen. Waren die Männer in dem Raum ursprünglich zu siebt?

Davids Sohn, der lange in einer psychiatrischen Anstalt war, trifft sich mit Will und möchte gerne das Motorrad haben, das David Will geschenkt hat. Das sei ihm vom Vater versprochen worden! Diese Tatsache bringt Will dazu, sich das Motorrad näher anzuschauen, und er entdeckt eine Liste mit zehnstelligen Nummern auf der Rückseite eines Klebebandes und auch noch eine Waffe, versteckt im Sitz. Nach dem Kombinieren von Hinweisen und Spuren, von Wissen und persönlicher Geschichte – die Kamera liebt es, Wills Denkprozess zu zeigen – kann Will die Nachricht dekodieren und feststellen, dass es sich um sieben Namen handelt.

Sieben? Kleeblatt-Verschwörung? Man kann davon ausgehen, dass Will bald durch Davids Botschaften sich an einem Punkt vorfinden wird, von dem aus er alleine neue Erkenntnisse gewinnen muss. Die Frage ist, ob man ihn lässt und um welchen Preis? Rubicon ist zwar um eine unheimliche Verschwörung aufgebaut, aber mit dieser Episode fängt die Serie an, auch kleine Notizen über die beteiligten Figuren zu hinterlassen, sie voneinander innerhalb dieser anonymen Welt zu differenzieren. Während die Verschwörung, obwohl wir über sie so gut wie nichts wissen, die Welt als Ganzes zu bedrohen scheint, sehen wir (zum Beispiel bei Miles) wie ganz persönliche Welten erschüttert und bedroht werden.

Rubicon: First Day Of School (1×02)

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Im ersten Review über den Piloten fiel mir das treffende Wort für das von Rubicon vermittelte Gefühl nicht ein, aber jetzt weiß ich es: Nostalgisch! Aber nicht im Sinne von Tarkowkijs Film „Nostalgia“, der die Essenz, das pure Gefühl als einen Hauch vergangener und zukünftiger Träume inszenierte, sondern die Nostalgie als eine Liebeserklärung an die Zivilisation und an den menschlichen Verstand. Wie man als Zuschauer Rubicon wahrnimmt und schätzt, hängt nicht nur von der eigenen Disposition ab, sondern davon, was der Zuschauer von der Serie will.

Ja, es ist eine dieser Serien, in der man das Gesuchte auch finden wird. Oder auch nicht. Ich persönlich habe darin viel gefunden, nicht nur weil die brillanten Rubicon-Bilder mich in eine Art audiovisuellen Traumzustand versetzen, sondern weil mich das kaum vorhandene Tempo, das mühsame Voranschreiten der Serie, reflektieren lassen, über… Worüber eigentlich? Rubicon gibt noch keine Antwort. Aber zu diesem Zeitpunkt habe ich als Zuschauer auch keine nötig, denn glücklicherweise bin ich an die Serie nicht mit der Erwartung herangetreten, 24 oder „Bourne Identity“ zu sehen. Zum Glück.

Denn wer von Rubicon Action und eine Verschwörung erwartet, die schnell von einem Bösewicht zum nächsten springt, wird wenig Freude an der AMC-Produktion haben. Wer sich wiederum mit der schleichenden Erkenntnis auseinandersetzen will, dass der eigene Verstand der beste Freund und der größte Feind sein kann, ist hier goldrichtig. Rubicon ist eine dieser Serien, die dem Zuschauer den Raum lassen, ihre fiktionale Welt durch die eigene Reflektion mitzugestalten. Und die Serie reflektiert die Zuschauererfahrung: Wer sucht, der wird auch finden. American Policy Institute (API), die Organisation für die unsere Hauptfigur Will (James Badge Dale, 24 und The Pacific) arbeitet, durchsucht das Weltgeschehen nach Mustern und Hinweisen auf zukünftiges Unheil, um die Regierung rechtzeitig warnen zu können.

Will kommt ausgerechnet beim Lesen der Zeitung auf eine codierte Botschaft, die in den Kreuzworträtseln verborgen ist und mehrmals auftaucht. Rubicon verzichtet auf codierte Emails, Satellitenaufnahmen und Google. Die Serie präsentiert die Spionage-Arbeit als eine Hommage an alten Zeiten, als eine melancholische Erinnerung daran, dass diese Arbeit nicht nur ohne Glanz und Glamour verrichtet wird, sondern auch noch Gefahren für die eigene mentale Gesundheit birgt. Die Menschen, die für API arbeiten, sind selbst wie ein Code “geknackt”. Der eigene Kopf als Speicherplatz steht hier im Mittelpunkt. Der Prozess, wie Erfahrenes überarbeitet, interpretiert und eingesetzt wird (oder auch nicht), macht Rubicon aus und nicht das Ausspucken von Antworten mittels modernster Technologie, was dann zu Handlungen führt.

Die hemmungslose Langsamkeit dieses Prozesses wird auch durch die Hauptfigur vermittelt. Die Gesetzmäßigkeit dieser Welt lehrt uns, dass wenn Menschen sich an etwas erinnern wollen, sie automatisch langsamer gehen … Woran will sich Will Travers erinnern? An die Welt vor 9/11? An die Welt, als seine Familie noch am Leben war? Einer der großen Vorzüge der Serie liegt darin, genau diese schmerzhaften Erinnerungen nicht an die Oberfläche kommen zu lassen und ständig zu thematisieren. Will scheint in einer erinnerten Welt zu leben, aber die Rubicon-Welt, die vor unseren Augen entfaltet wird, ist ja eine erinnerte, in der Stift und Papier eine Bedeutung hatten.

James Badge Dale ist in meinen Augen schon nach zwei Episoden die absolut gelungene Besetzung, denn im Zentrum dieser Langsamkeit der Erzählung zu stehen, fordert eine Hauptfigur enorm heraus. Dale schafft es perfekt, den ständigen Denkprozess, in dem seine Figur verfangen ist, darzustellen und damit den Zuschauer miteinzubeziehen. Manche Kritiker werfen Rubicon vor, dass auch in der zweiten Episode nichts passieren würde. Aber das stimmt so nicht ganz, denn die Serie schafft für den Zuschauer (der sich darauf einlässt) ein Gefühl der ständigen Unruhe, beinahe Paranoia. Eine Paranoia, dass in der Serie ganz viel passiere, wir es nur nicht zu sehen bekommen.

Eine Szene aus The First Day of School beschreibt es am besten: Als Will nach Hause geht, wird er verfolgt und beobachtet. Er vermutet es, sieht es aber nicht. Dafür sehen wir es, die Zuschauer. Trotzdem geschieht wieder einmal nichts und wir werden alleine in der Nacht zurückgelassen, mit Blick über die Schulter. Mit Hilfe des in Rente gegangenen Analytikers Ed Bancroft (Roger Robinson) kann Will die Nachricht, die ihm von seinem verstorbenen Vorgesetzten und Mentor hinterlassen wurde, entziffern: „They Hide in Plain Sight“. Um wen handelt es sich? Was hat das mit dem Nebenplot um die Witwe (Miranda Richardson) des toten Bankers zu tun?

Es macht nicht nur Spaß, Will beim Lösen des Puzzles mit Buch, Stift und Papier zuzuschauen. Die zweite Episode gibt uns verstärkt das Gefühl, dass während Will auf das Puzzle konzentriert ist, die Serie selbst damit beschäftigt ist, schleichend eine größere aber anonyme Welt um ihn aufzubauen, die gerade durch ihre Anonymität das Gefühl der Angst suggeriert. Moderne Thriller mit spärlich beleuchteten Gassen und durch die Technik schnell zu treffende Entscheidungen lassen keinen Raum für Reflektion. Das Erfrischende an Rubicon ist, die Figuren (deren Namen man kaum erinnert) über ihre Welt reflektieren zu sehen. Trotzdem lässt einen das Gefühl nicht los, dass jede Sekunde etwas passieren kann. Es passiert zwar nichts, aber es ist da. Das Gefühl ist dem Bild eingeschrieben.

Die erste Szene aus The First Day of School ist ein vom Breaking Bads Kameramann „Michael Slovis“ brillant gefilmtes Beispiel dafür: Als Will auf der Brüstung des Dachs steht, wechselt die Kamera zwischen dem subjektiven Blickwinkel Wills und einem anderen neutralen: Von Jemandem, der nicht da ist. Wir sehen mit Wills Augen die verzerrten Spiegelungen an der gläsernen Gebäudewand. Und dann beobachten wir ihn, wie er diese Welt um sich betrachtet. Extreme Obersicht (Wills Blick) wechselt sich mit extremer Untersicht (Blick auf ihn auf der Brüstung) ab, Close-Ups mit Long Shots und dann springt er herunter … aber auf der Dachseite und geht in das Gebäude hinein.

Es ist nichts passiert, bis auf das in seinem Kopf.

Rubicon: Pilotenepisode (1×01)

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Wie kann man „Rubicon“ am besten beschreiben? Es ist so, als würde man in der Tageszeitung nach einem Muster in den Kreuzworträtseln suchen. Wie wäre es mit einer Erzählung aus Osteuropa zu kommunistischen Zeiten? Eine alte Frau bat ein Mitglied der Partei während des Wahlkampfs um Hilfe. Sie war davon überzeugt, dass ihre Hausnummer (23) ihr Unglück bringt. Von dem Augenblick an, in dem ihr Haus aufgrund einer Verwaltungsmaßnahme eine neue Nummer erhalten hatte, wurde sie vom Pech verfolgt (Einbrecher drangen in ihr Haus ein, ein Sturm deckte das Dach ab, die Nachbarn begannen sie zu belästigen usw.). Sie bat daher diesen Mann, der in diesem Bezirk kandidierte, bei den städtischen Behörden eine neue Hausnummer zu erwirken.

Er machte ihr den Vorschlag: Warum ändert sie die Hausnummer nicht selbst? Die alte Dame antwortete: „Das habe ich vor einigen Wochen schon versucht, ich habe ein a hinzugefügt, aber es funktioniert nicht, ich habe auch weiterhin ständig Pech – es lässt sich nicht überlisten, es muss ordnungsgemäß gemacht werden, von der zuständigen staatlichen Stelle…“ Das „es“, das sich nicht überlisten lässt ist natürlich der große Andere der symbolischen Institution. Die symbolische Ordnung ist die der symbolischen Fiktionen, die auf einer anderen Ebene als die direkte materielle Kausalität operiert. Jeder Mensch ist in diesem Sinne gewissermaßen religiös, weil er irgendwo, an einem anderen Ort, einen makellosen großen Anderen (Gott, Partei, Behörde) voraussetzt, um in seinem Leben vor dessen Blick bestimmte Handlungen überhaupt ausführen zu können, wirksam zu sein oder Wirkungen wahrzunehmen, die er als Reaktionen des großen Anderen auf das menschliche Tun interpretiert.

Auf diese Art und Weise wird die symbolische Wirksamkeit aufrecht erhalten. Unser Handeln, egal auf welchem Niveau, wird erst dann wirksam, wenn wir uns sicher sind, dass es von dem großen Anderen, von der symbolischen Institution wahrgenommen worden ist. Die symbolische Ordnung schafft es, ein Netz aus intersubjektiven Beziehungen zu flechten, die dem Subjekt erlauben, das Treffen mit dem Realen, mit dem, was darunter steckt, zu vermeiden. Die soziale Realität ist demnach nichts als ein dünnes symbolisches Spinnennetz, das jederzeit durch den Einbruch des Realen zerrissen werden kann. Diese Einbrüche hinterlassen Spuren und diesen Spuren gilt es zu folgen.

Etwas kompliziert und mit Hilfe psychoanalytischer Begrifflichkeiten erklärt, aber so lautet im Grunde die Botschaft, die uns „Rubicon“ im Piloten vermittelt. Will Travers (James Badge Dale, „The Pacific“), der Protagonist der Serie, arbeitet für The American Policy Institute, das sich mit Spionagearbeit beschäftigt, aber im Bereich der Analyse. „Rubicon“ präsentiert sich schon in den ersten Minuten als eine Erzählung im Stil solcher Filme wie „Three Days of the Condor“ und „The Parallax View“. Anhand der visuellen Einführung werden die Zuschauer in einen Zeitabschnitt geworfen, in dem Facebook und Google nicht zu existieren scheinen.

Die Zuschauer dürften irritiert sein, wenn sie erfahren, dass die Handlung in der Post-9/11-Welt spielt. Will wurde von den Anschlägen schwer getroffen, denn seine Frau und Kind kamen dabei ums Leben.

Gefilmt in Grau- und Sepiatönen fängt „Rubicon“ noch in den ersten Minuten an, ein Mysterium zu flechten, allerdings ohne High-Tech-Unterstützung. Und bei ihrer Lösung wird das eigene Gehirn den Schlüssel finden, indem man alle Informationen dort eingibt, und nicht in einen Computer.

Vielleicht liegt darin eine Aussage über die technologische Seite des heutigen Lebens, die durch den Überfluss an Information und den damit erzwungenen schnellen Rhythmus ihrer Auffassung und Verarbeitung, uns für die Details blind macht, für das, was hinter den Vorhängen vorgeht. Und Details sind das Wichtigste. Das legt uns „Rubicon“ anhand der Wechsel zwischen scharfen und unscharfen Aufnahmen und mehrerer Close-Ups von Geschriebenem und Gedrucktem nah. Das Tempo der Erzählung unterstützt diese Prämisse, denn es ist langsam, fast halluzinatorisch. Will und seine Kollegen suchen nach Mustern, nach Verbindungen innerhalb des Weltgeschehens. Sie halten Ausschau nach den Ausbrüchen dessen, was unter der Oberfläche bzw. in der Oberfläche der sozialen Ordnung mit eingeflochten ist. Denn diese „Störung“, die innerhalb der Realität auftritt, hinterlässt Spuren.

Das Paradoxe daran ist – wie in vielen verschwörungstheoretischen Erzählungen -, dass ausgerechnet die Institutionen, die nach der Aufrechterhaltung der symbolisch-sozialen Ordnung streben, gleichzeitig an diesen Störungen beteiligt sind und versuchen, im Nachhinein ihre eigenen Spuren zu verwischen. Will stößt auf diese Spuren, die verborgen in den Kreuzworträtseln einer Tageszeitung stecken. Als er seinem Schwiegervater und Mitarbeiter David Hadas (Peter Gerety) davon erzählt, nehmen die Ereignisse ihren Lauf (auf Soundtrackebene erklingt ein ähnliches Thema wie bei „Fringe“), die zu Davids Tod führen und Will zu der Entscheidung treiben, diese Spuren zu verfolgen.

Aber ist David wirklich tot? Kann jemand, der sich sein ganzes Leben lang vor der Zahl „13“ hütet, vor den Augen des großen Anderen einen Fehler begehen? Oder ist dieser Fehler für die Augen des großen Anderen, der in Gestalt mehrerer älterer Männer in einem Raum in der Tiefe des Bildes die Tür für unsere Augen zumacht?

Breaking Bad oder über die Grenzen von Chemie und Poesie

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Die Chemie

Faszinierende Erzählung, großartiges Schauspiel, kunstvolle Bilder… und die Chemie: Das ist „Breaking Bad“. Dabei kann Chemie als Oberbegriff fungieren: hier stimmt sie, zwischen allen Erzählmolekülen, egal, welche Verbindungen sie miteinander eingehen.

„Breaking Bad“ wurde vom ehemaligen „The X-Files“-Schreiber Vince Gilligan für das Kabelnetwork AMC kreiert. In den letzten Jahren hat sich das Network in eine Geburtsstätte für großartige Dramen verwandelt: „Mad Men“, „Breaking Bad“ und „Rubicon“. Man sieht es: AMC ist auf dem Wege, einen Status zu erreichen, der lange Zeit nur HBO vorbehalten war.

Wenn der kleine Kabelsender eine neue Produktion auch nur ankündigt, fallen wir alle wie von selbst in den Quality-Television-Erwartungsmodus. Dabei startete AMC als Abspielstätte für Filmklassiker – und ging über Jean-Claude-Van-Damme-Filme hin zu „Breaking Bad“, der Serie über Walter White (Bryan Cranston), den Chemielehrer aus Albuquerque, New Mexico.

Bei Walter wird Krebs diagnostiziert. Er schlägt daraufhin einen unerwarteten Weg ein, um seiner Familie finanzielle Sicherheit in der Zukunft ohne ihn zu gewährleisten: mit Hilfe seiner überragenden Kenntnisse des Periodensystems produziert Walter Crystal Meth. „Breaking Bad“ ist eine Serie mit Chemie über die Chemie: Über die Verbindungen chemischer Elemente – und über die Elemente zwischenmenschlicher Beziehungen. Br steht für Brom, Ba für Barium. Die Titel der Serie heben auch die Formel für Methamphetamine hervor – C10H15N – sowie dessen Molekülmasse, 149.24 g/mol.

Sowohl Nummern als auch das Wort “Mas” spielen eine wesentliche Rolle in der Serie. Die „Breaking Bad“-Autoren lieben das Spiel mit Titeln und konstruieren ihre Breaking Bad-Erzählung wie ein Buch, das in unterschiedlichen Kapiteln unterteilt ist.

Diese Kapitelüberschriften zeichnen im Grunde Walter Whites Schritte nach: von einem chemischen Element zum nächsten, bis er den radioaktiven Bereich erreicht und Einiges zum Explodieren gebracht wird.

Die Chemie ist Walts einzige Stütze. Zwar wird seine Krebserkrankung erfolgreich mit der Chemotherapie bekämpft, und er befindet sich auf dem Weg der Besserung – aber dafür infiziert, verseucht er alle Menschen (Elemente), die mit ihm eine Verbindung eingehen, gar mit ihm in Berührung kommen: ihr Leben wird instabil.

Die „Breaking Bad“-Autoren konstruieren die Gesamterzählung wie das berüchtigte hundertzwölfte Element des Periodensystems. Ein internationales Wissenschaftlerteam entdeckte das Element im Februar 1996. Seit 2010 trägt es offiziell den Namen Copernicium: nach dem Astronomen Kopernikus (1473-1543), der herausfand, dass sich die Erde und die anderen Planeten um die Sonne drehen. Eine fundamentale Veränderung im menschlichen Denken, eng verknüpft mit dem Beginn der Neuzeit. Auch „Breaking Bad“ hat das TV-Denken verändert. Zwar hat die Serie das Fernsehen nicht revolutioniert, aber perfektioniert.

Copernicium, das Element Nr. 112, wurde entdeckt, als die Forscher eine Bleifolie mit Zink-Ionen beschossen. Durch die Verschmelzung der Atomkerne entstand ein neues Atom. Dieses Atom war allerdings nur für Bruchteile von Sekunden stabil. Kein Wunder, denn Cn ist das schwerste Element im Periodensystem: schwer – und hochgradig instabil. Eine explosive Mischung, wie uns die vier „Breaking Bad“-Staffeln zeigen. Die Veränderung, die neuen Verbindungen, die die Elemente (der Story) eingehen – ob sichtbar oder unsichtbar – tragen eine schwere (tiefe) Bedeutung.

 

Die Poesie

Nun betreten wir den Bereich des Sichtbaren, der Poesie für das Auge, die „Breaking Bad“s Produktionsteam unter New Mexicos Sonne dichtet. „Imagine the Coen brothers directing an episode of Weeds, and you have Breaking Bad“, sagte einmal TV-Kritiker Troy Patterson in seinem Artikel “No Country for Old Meth Dealers” (Slate). Damit hat er, ob bewusst oder unbewusst, einen Treffer gelandet: Beim Schauen von „Breaking Bad“ muss ich jedes Mal an „Fargo“ denken. Natürlich spielt „Fargo“ mitten im Winter in Minnesota, aber beide Produktionen erwecken mit ihrer Bildgestaltung, ihrer Inszenierung von Raum und Zeit ähnliche Gefühle. Es geht um die spezielle Kombination des Ländlichen und des Urbanen: „Fargo“ und „Breaking Bad“ untersuchen das Offene, Grenzenlose und das Begrenzte, die zeitgleich existieren und denselben Raum zu beanspruchen scheinen, ohne miteinander zu kollidieren. Denn beide können Leere und Isolation bedeuten. Man findet nicht nur den ausgedehnten Parkplatz unter dem weiten, offenen Himmel leer vor, sondern auch das eigene Haus. Die meisten Orte, an die uns die Serie führt, sind anonym, aber signifikant für die Erzählung: leer, aber schön. Sie befinden sich im Kontext der Geschichte und kreieren ihn zugleich. Die braun-gelben Bilder der New Mexico-Wüste bilden (!) „Breaking Bad“s Zuhause: es ist, existiert, lebt im Bild.

„Breaking Bad“ erzählt auch über unser Bedürfnis nach einem Zuhause, nach Geborgenheit, nach Stabilität, einer Grenze als Abgrenzung gegenüber dem Grenzenlosen, Instabilen. Diese Stabilität jedoch geht durch die Verkettung von Entscheidungen, die Walter trifft, verloren – und plötzlich ist die Leere in die eigenen vier Wände eingefallen. Was Walter als Versuch sehen will, die Familie zusammenzuhalten, wird mehr und mehr zur offenen Tür für die gefährliche Außenwelt. Walters Interaktion mit diesem Außen geschieht auch von einem anderen Zuhause aus: vom Wohnmobil, dem RV. Dort, inmitten der Chemie, fühlt er die Stabilität, derer er nach und nach in seinem eigentlichen Zuhause verlustig geht.

„Breaking Bad“s Bilder thematisieren den Zeitverlust, der gleichzeitig stehen gebliebene und fehlende Zeit bezeichnet. Zu Beginn fehlt Walter Zeit, da er todkrank ist. Als die Krankheit weicht, steckt er zu tief in den Drogengeschäften: auf einmal ist da Zeit im Überschuss, zu viel. Walter White alias Heisenberg bleibt in diesem braun-goldenen Wortspiel stecken. Doppelspiel kann tödlich sein – wie die gelbe Farbe in „Breaking Bad“, die Farbe der Chemie, die alles durchdringt: Das Gelbe der Schutzanzüge, die Walter und Jesse beim Kochen tragen, Gus’ gelbes Hemd (der Drogenbaron, gespielt von Giancarlo Esposito) und das Gelbe der Sonne.

Genauso wie damals „Fargo“ sich der weißen Farbe widmete, widmet sich nun „Breaking Bad“ der gelben. Michael Slovis (Emmy-Preisträger für seine Arbeit bei „CSI: Crime Scene Investigation“), „Breaking Bad“s Kameramann (auch „Rubicon“s), benutzt einen so genannten „tobacco filter“ für die Kameralinse, um die Farbtönung zu beeinflussen. „The desert in New Mexico is so brown that (the filter) makes the browns really pop and gives it a really pleasing skin tone to me. It’s kind of like a tea stain“, sagt er über die Location; dieser Filter akzentuiere neben der gelben ebenso die rote und braune Farbe.

Der grenzenlose Himmel von New Mexico und die gelbe Schönheit der Wüste fungieren nicht nur als eigenständige Figuren der Serie, sondern als ihr Zuhause. Aber dort wird kein Tee für Walter White serviert.