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Serenity

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Der Film Serenity bildet einen Abschluss der Firefly-Erzählung, nicht aber ihren Schluss.

Nachdem die Entertainment-Industrie von all den Browncoat-Fans in Erstaunen versetzt wurde, fand sich NBC Universal bereit, Joss Whedon mit knapp 50 Millionen Dollar seine Weltraum-Cowboy-Saga abschließen zu lassen. Wenn man Insider-Berichten Glauben schenken darf, dann hat das Studio Whedon einen noch größeren Gefallen getan: nämlich, sich aus dem Ganzen herauszuhalten. Heraus kam ein Film für „Firefly“-Fans, nicht für den “normalen” Kinogänger, der mit der Serie nichts am Hut hat – daher die mittelmäßigen Bewertungen der “objektiven” und “neutralen” Betrachter. (Diese beiden Wörter sollte man sowieso sparsamer benutzen und sich zuerst fragen, ob eine objektive Betrachter-Position überhaupt möglich ist.) Seine Qualitäten entfaltet „Serenity“ nur als Teil von „Firefly“, dem er einen überzeugenden vorübergehenden Schlusspunkt setzt. Warum vorübergehend? „You can’t stop the signal!

Ich gehe davon aus, dass die Leser dieses Artikels „Serenity“ bereits kennen und ich mich direkt auf den Kern des Films stürzen kann, ohne ausführlich die Handlung wiedergeben zu müssen. Sie entwickelt sich nämlich um ein Dreieck, das Whedon im Laufe von „Firefly“ schon vorgezeichnet hat: Alliance – River (Serenity) – Reavers. Die Verbindung zwischen diesen drei Punkten wird über das wiederholte Auftauchen eines Satzes in leicht abgewandelten Variationen hergestellt: „They never lay down!

Die „Serenity“-Produzenten schaffen einen glatten visuellen Übergang von der Serie zum Film und bedienen sich dabei sogar des Universal-Logos. Wir haben gesehen, dass die letzte „Firefly“-Episode „Objects in Space“ so endete, wie sie anfing: mit einem bunten Ball im Zentrum des Bildes.

Am Anfang der Episode handelte es sich um den Planeten, am Ende um den Ball, den River in der Hand hält. „Serenity“ zeigt uns nun, dass das Schicksal der Planeten tatsächlich in Rivers Händen liegt. Vielleicht eröffnet der Film aus diesem Grund mit einem Bild, das eine visuelle Verbindung zur Serie herstellt: Das Universal-Logo verwandelt sich in die Erde und führt uns nicht nur in die Geschichte des „Firefly“-Universums ein. Eine weibliche Stimme erzählt aus dem Off, wie es zur Gründung der Alliance kam, zum Anfang vom Ende. Diese Einführung der Zuschauer in die Welt „Serenity“s ist visuell sehr geschickt orchestriert und vollzieht sich anhand zweier entgegen gesetzter Bewegungen: Als sich vor unseren Augen das Universal-Logo in die Erde verwandelt (Einführung in das Universum), fährt die Kamera zurück. Etwas später füllt die Überschrift “Serenity” den Bildschirm aus und präsentiert zugleich den Filmtitel, aber auch Serenity selbst: Denn auch hier fährt die Kamera zurück, und der Filmtitel entpuppt sich als Aufschrift an der Wand des Schiffes. Wir treten also ein, indem wir einen Schritt zurück machen, um uns sozusagen vom Dargestellten und Erzählten ein Bild machen zu können: vom Close-Up zu einem Long Shot (establishing shot).

Nun bekommt auch die erzählende Stimme eine Trägerin: Es sind Rivers (Summer Glau) Kindheitserinnerungen, erzählt von ihrer Lehrerin (Tamara Taylor). Als River der Lehrerin widerspricht und erklärt, dass Menschen es nicht mögen, “belehrt” zu werden, sieht es so aus, als würde die Lehrerin River einen Stift ins Auge stecken. Schnitt auf Blau. River ist im Labor, und Nadeln werden in ihren Kopf gesteckt. Wir erfahren, warum die Alliance River sucht: sie kennt ihre Geheimnisse. Ihr kindlicher Widerspruch enthielt Wahrheit: Alliance undReavers sind die zwei Seiten derselben Münze – genauer gesagt: wenn man Menschen ruhig stellt, ihnen vorschreibt, wie sie zu denken und sich zu verhalten haben, bekommt manReavers als Ergebnis. In „Serenity“ erfahren wir, dass die Reavers im Zuge eines Experiments der Alliance entstanden sind: Mit dem Gas Pax wollte man den ultimativen Frieden schaffen: ultimative Ruhe. Und das funktionierte so gut, dass die Menschen auf dem Planeten Miranda, ganze 30 Millionen, aufhörten… zu leben. Bis auf diejenigen, bei welchen das Mittel die umgekehrte Wirkung hatte. Sie wurden ultimativ gewalttätig und überquerten die Grenzen des menschlichen Verstandes, ja des Menschseins selbst: „They’re animals“, sagte Jayne. „They made them“, sagt Wash.

Was Whedon hier tut, ist, die Machtmechanismen und die Gewalttätigkeit patriarchaler Ordnungen und Systeme bloßzustellen. Die patriarchale Gesellschaft mit all ihren Auswüchsen wie Early, Niska, The Operative und den Reavers wird einem zerbrechlichen siebzehnjährigen Mädchen entgegen gesetzt, an einem Ort, der – filmgeschichtlich gesehen – männliche Diskursen bedient (abgesehen von Filmen wie „Alien“). Dieses Mädchen verkörpert aber gleichzeitig eine tödliche Waffe, wie wir in der Barszene sehen, als River mit tödlicher Eleganz ihre Gegner neutralisiert. Diese Kampfsequenz gleicht einem Tanz: „She always did love to dance“, sagt Simon (Sean Maher) zu dem Alliance-Arzt, bevor er es schafft River zu befreien. (Auf der Metaebene ist dies übrigens ein Hinweis auf Summer Glaus tänzerische Fähigkeiten.) River ist wie ein „leaf on the wind“: sie schwebt graziös durchs Leben – aber das Blatt kann sich in eine Messerschneide verwandeln, um bei der bildlichen Metaphorik von „Objects in Space“ zu bleiben.

Rivers bewusstes Einsetzen von Gewalt jedoch – gegen die Reavers nämlich – geschieht im Interesse der Community, der Serenity-Familie, um sie zu retten. „Like this facility, I don’t exist“, sagt The Operative (Chiwetel Ejiofor). Er ist Jubal Early ähnlich, stellt sich allerdings – eine Stufe weiter – in den Dienst eines Ideals, indem er sein Selbst auslöscht: „We are making better worlds.“ Aus diesem Grund hat er keinen Namen, denn er ist die Leere. Diese versucht er, wie Early, mit Erklärungen philosophischer Natur zu füllen, um weiter machen zu können.

He didn’t lie down. They never lie down“, sagt River, als der Reaver an Bord der Serenityvon Mal (Nathan Fillion) getötet wird. Damit wird die Rastlosigkeit des patriarchalen Systems beschrieben, das niemals schläft – und in einer nächsten Szene Rivers zwiegespaltene Position innerhalb des Dreiecks. Wieder einmal wird uns River liegend gezeigt; wieder aber sehen wir auch ihre Erinnerungen. Dort befiehlt die Lehrerin den Kindern, sich auszuruhen: „Lie down.

Rivers Antwort: „No.

Hier kommt die Seite der Rebellion, die in ihr geschürte Gewalt zum Vorschein: „The girl or the weapon?

River ist eigentlich wie die Reavers: daher auch die Ähnlichkeit der Namen. Beide sind gewissermaßen Erzeugnisse des Systems, aber River ist etwas verschoben, anders: Ihre Rebellion ist eine höchst ethische – seitens des männlichen Diskurses von Mal in gewissem Sinne unterstützt. Rivers Verweigerung gegenüber der Lehrerin wird auf visueller Ebene erklärt, indem man verweste, liegende Leichen zeigt – die Bilder in Rivers Kopf. Ihre Rastlosigkeit, Miranda zu finden und die Wahrheit aufzudecken, hat ein Ziel und einen ethischen Charakter, während die anderen „Misbehave“-Erzeugnisse, die Reavers, weder soziale Verantwortungen noch Ideale kennen: Sie leben pure Gewalt, die männliche Natur in ihrer wahren Form, befreit von sozialen Zwängen.

She is an albatross“, sagt The Operative über River. Doch sie ist mehr. Sie ist die Diagonale im Bild, die die Vertikalen und Horizontalen stört. Oft wird sie aus der Untersicht gefilmt, was sie groß erscheinen lässt und ihr so auch eine Machtposition verleiht; sie steht schräg im Bild (Min. 59:30 zum Beispiel) – ihr Kopf (oben links) bildet das eine Ende der Diagonalen und die Waffe in ihrer Hand (unten rechts) das andere. Sie erst bildet dritte Seite des Dreiecks der Whedonschen Pyramide, die für Familie, Zusammenhalt und Menschlichkeit steht.

Schon der Beginn des Films hat uns Whedons ethische Abschluss-Aussage visuell vermittelt: Man sollte die Welt nicht von außen besser machen wollen, sondern von innen, indem man die eigene Menschlichkeit beibehält.

Firefly: Shindig (1×04)

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Joss Whedon selbst beschreibt die Firefly-Welt als eine Kombination von Horror, Science Fiction und Western bzw. als ein „Western Noir“ mit „a kind of a Hong Kong sensibility“. Bisher haben wir die Westernseite („border planets“), die Horrorelemente (Reavers) und den Staatsapparat (Alliance) erleben dürfen. Es wurde klar, dass diejenigen Planeten, die im Krieg für den Widerstand kämpften, mehr oder weniger „arm“ gehalten werden: sie sind ausgeliefert und müssen jeden Happen portionieren. Das gilt auch für all diejenigen Schiffe, die nicht unter der Flagge der Alliance fliegen. Ganz deutlich wird das in der „Serenity“-Szene, als Book Kaylee als Gegenleistung dafür, dass er Passagier auf die Serenity darf, eine Erdbeere schenkt. Der Genuß, mit dem sie die Erdbeere verspeist, erzählt mehr, als wenn man in zehn Minuten Filmzeit Aufnahmen von den armen Planeten zeigen würde.

Die Erdbeere kommt außerdem – wie es bei Firefly und generell bei Whedon-Projekten der Fall ist – als visuelles Motiv wiederholt zum Einsatz. In Shindig kommt Kaylee in den Genuß richtig vieler Erdbeeren und eines vornehmen Ballkleides, in dem sie wie eine… Erdbeere aussieht. (Durchaus positiv gemeint! „I, too, love the ruffles!“) Apropos Metapher: Shindig scheint, um eine pejorative solche aufgebaut zu sein. Die Episode beginnt damit, dass Mal und Jayne in einer Bar Billard spielen. Na ja, es ist so etwas wie Hologramm-Billard, wo das Bild Störungen erfahren kann und die Bälle für kurze Zeit verschwinden. Die Kamera schwenkt zu einem Schild an der Wand: „Management Not Responsible for Ball Failure.

Aber jeder ist für seine eigenen verantwortlich. Und Mal muss, flapsig ausgedrückt, welche zeigen, – in Inaras Anwesenheit, die an der Bar trinkt. Er provoziert also eine Schlägerei. Kurze Zeit später, als die Serenity auf Persephone landet und Badger (Mark Sheppard) sie mit einem Jobangebot aufsucht, ist die Rede von Diamanten mit der Größe eines Hodens! Balls everywhere! Mal zeigt letztendlich wirklich welche und verteidigt Inaras Würde in einem Kampf auf Leben und Tod. Nun ja, auf seine Art und Weise halt.Inara nämlich pflegt auf Persephone geschäftliche Beziehungen zu dem reichen Atherton Wing, den sie zum Ball der gehobenen Alliance-Gesellschaft begleitet. Mit der Präsentation dieser Gesellschaft schließt nun Shindig eine Lücke in der Darstellung von Fireflys Welt: Wie schon erwähnt, haben wir bisher eher deren erschreckende und negative Seiten gesehen; das, was Mal “Inaras Welt” nennt, wurde nicht wirklich gezeigt: die Welt der Reichen, die Welt auf den Planeten in Zentrumsnähe. Den Unterschied zwischen dem Leben auf der Serenity und dem der Reichen wird anhand der Kameraarbeit deutlich demonstriert: Während an Bord der Serenity mit Handkamera und vielen extremen Close-Ups gearbeitet wird, was Intimität impliziert, bleibt die Kamera während der Ballaufnahmen auf Abstand (Long Shots). Sie tanzt zwar mit, aber aus der Distanz: klassische, “normale” Kameraarbeit, wie in einem alten Kostümfilm.

Warum Kostümfilm? Wie wir sehen, bedeutet Reichtum in der Firefly-Welt ein Leben im Stil des Adels im 18./19. Jahrhundert. Aus diesem Grund gelten auch die damaligen Ehrenkodices. Als nun Mal, der mit Kaylee (im Erdbeerkleid!) auf dem Ball auftaucht, um seinen neuen Auftraggeber zu treffen, Atherton ins Gesicht schlägt, da dieser Inara erniedrigt und wie Besitztum behandelt, bedeutet das automatisch eine Duellforderung. Mal schafft es, das Ganze zu überleben – aber die Duellszene dient nicht nur als humorvolle Einlage, sondern trifft eine wichtige Aussage über Mal: Hier kommt die Widersprüchlichkeit seines Charakters zum Tragen – die ganz eigene Grenze, die er zwischen Ehre und Hinterlistigkeit zieht, zwischen unbeholfener Arroganz und Warmherzigkeit. (A propos: Wer hatte schließlich Kaylee das Erdbeerkleid gekauft, nachdem er sie vor dem Schaufenster empfindlich gekränkt hatte?)

Shindig ist zwar eine Mal-Inara-Episode, aber auch die restlichen Figuren sorgen für erfrischende Szenen, die die dunkle Stimmung der vorherigen Episode wieder wettmachen. Ausgerechnet River bringt Humor in die Szene mit Badger, die den Zuschauer unvorbereitet erwischt. Ihre lange Rede für Badger, in der sie seinen britischen Akzent nachahmt und ihn mehr oder weniger lächerlich macht, ist die längste verbale Äußerung, die River bisher von sich gegeben hat.

Um mit der anrüchigen Metaphorik abzuschließen, mit der wir anfingen: In dieser Episode dürfen wir Zoe und Wash dabei zusehen, wie sie ihr Eheleben endlich genießen dürfen – und einen Jayne erleben, der, als Badgers Leute die Crew quasi gefangen halten, Ausdruck “Bälle zeigen” wortwörtlich versteht:

Jayne: „What we need is a diversion. I say Zoe gets naked.

Wash: „No.

Jayne: „I could get naked.

Wash: „No!

Doch noch eine Erdbeere zum Dessert: Kaylee, die nach diesem langen, ereignisreichen Tag erschöpft und zufrieden in ihr “Mädchenzimmer” auf der Serenity zurückkehrt. In voller Maschinistinnen-Klamottage lässt sie sich auf ihre Koje fallen und geht glücklich lächelnd auf in der Betrachtung ihres… Erdbeerkleides, das in voller Pracht am Fußende des Bettes von der Decke hängt…

Firefly: Serenity (1×01)

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Es war einmal eine Serie namens Firefly. Auf den ersten Blick wirkte sie unspektakulär, auf den zweiten wunderschön. So wie das Schiff Serenity, das Zuhause von Firefly.

I don’t care.

Diese Zeile stammt nicht nur aus dem Titelsong von Firefly, sondern beschreibt leider auch die Haltung sowohl des Heimatsenders FOX als auch des deutschen Käufers RTL der Serie gegenüber. Nein, ich werde hier nicht erneut das ewige rote Tuch schwingen, wie die Senderpolitik Serienperlen tötet. Stattdessen möchte ich skizzieren, wieso es inhaltlich falsch war, “The Train Job” als erste Episode auszustrahlen – anstatt des eigentlichen Piloten “Serenity”.

Bevor wir uns den Details aus „Serenity“ widmen, vielleicht ein paar Worte dazu, warum “The Train Job” als Pilot nicht allzu viele Zuschauer begeistern konnte. (Wenn man alte US-Kritiken liest, wird man lustigerweise feststellen, dass Kritiker, die die Serie später in den Kultstatus erhoben, zuerst überhaupt nicht mit ihr zufrieden waren…) Für diesen Artikel habe ich versucht, mir “The Train Job” so objektiv wie möglich als Auftakt-Episode anzuschauen. Dabei fällt auf, dass eine Einführung der Figuren nicht wirklich stattfindet – wenn überhaupt, dann anhand kurzer Dialoge. Umso mehr fällt ins Gewicht, wie man sie zum ersten Mal in Action erlebt.

In “The Train Job” übernimmt das Serenity-Team einen dreckigen Job, der die Charaktere den Zuschauern nicht gerade sympathisch macht. Außerdem kollidieren in der mentalen Konstruktion eines „bösen Gegners“ seitens der Zuschauer Niskas Rolle und die Alliance. Genauer: Die Alliance als Bösewicht „larger than life“ ist durchaus genug – die Darstellung von Niska als zusätzlicher solcher scheint überflüssig und verwirrend, zumal wenn das Ganze als Pilot präsentiert wird (nicht vergessen: ganz sachlich betrachtet). Auch die Einführung in die “Firefly”-Welt als solche – als multikulturelle und multihistorische Mannigfaltigkeit – kommt zu kurz.

Darüberhinaus sollten wir bedenken, dass “Firefly” genau zu dem Zeitpunkt kam, da alle Networks nach Procedurals lechzten und ihren Glauben ans Serial verloren zu haben schienen. Also versuchte man, auch “Firefly” als Serie mit abgeschlossener Episodenhandlung zu verkaufen. Wie man gesehen hat, ohne kommerziellen Erfolg.

Aber die Serie endete nicht mit ihrer Absetzung, sondern sollte noch jahrelang in zahlreichen Haushalten in der richtigen Reihenfolge laufen.

I’m still free. You can’t take the sky from me.

“Serenity”, der wirkliche Pilot von “Firefly”, bietet in seinen ersten Minuten genau das, was man von einem Piloten erwartet: Wir bekommen zwei der Hauptfiguren in einer Art Flashback zu sehen, das uns ihren Hintergrund präsentiert – und damit auch einen andauernden Konflikt des ganzen “Firefly”-Universums, den Kampf gegen die Alliance. Mal (Nathan Fillion) und Zoë (Gina Torres) verloren zwar als Soldaten der Unabhängigkeitsbewegung, genannt The Browncoats, den Krieg, haben aber das Streben nach Freiheit nicht aufgegeben. Das ist die Geschichte, die “Firefly” erzählt: von einer Welt, die das Wort Globalisierung bis zum bitteren Ende am eigenen Leib erfahren hat, und von einer Alliance als mehrköpfiger Drache mit zu wenigen Köpfen, um all das im Blick halten zu können, was sie gewaltsam unter ihr Dach geholt hat. In milderem Sinne sieht es heutzutage ähnlich aus. In dieser Hinsicht ist Joss Whedons Zukunftsvision weder eine Utopie noch eine Dystopie.

Kein Wunder also, dass die Serie Westernelemente enthält, denn “Firefly” feiert die Freiheit als Nomadentum. Dabei setzt sie sich natürlich mit dem amerikanischen Frontiermythos auseinander und stellt ihn unter umgekehrte Vorzeichen: Man dringt in das Andere, in das Unbekannte, Fremde ein. Nicht um es zu kolonisieren, sondern um sich frei zu fühlen; nicht um sich niederzulassen, sondern um die Möglichkeit zu haben, immer weiter in Bewegung zu bleiben.

“Firefly”s Freiheit ist die Freiheit des Sich-Fortbewegens. Aus diesem Grund wirkt auch die Einrichtung des Schiffes Serenity, seine Atmosphäre nicht so klaustrophobisch, wie wir es aus so vielen Sci-Fi-Produktionen kennen, sondern heim-lich – in Freuds Sinne: heimelig, home-like. Hier verbirgt sich eine kleine, feine Differenz, die die Serie daran gehindert hat, die Gunst von FOX und seiner Zuschauer zu erlangen: Sie bricht mit einer Tradition innerhalb des Genres und schöpft ihre Wirkung und ihre Themen nicht aus dem für Science-Fiction üblichen Oppositionspaar von heimlich und unheimlich. Sie thematisiert also nicht die Freudsche Umkehrung des Heimlichen, Heimeligen ins Un-Heimliche, sondern versucht im Gegenteil, unter den magischen gelb-braunen Weltraumwolken ein Zuhause zu erschaffen; ein Zuhause für freie Geister.

A captain’s goal was simple: find a crew; find a job; keep flying.

Serenity

Nachdem wir am Anfang der Episode die Hauptfiguren kennengelernt haben – Mal, Zoë, Wash (Alan Tyduk), Jayne (Adam Baldwin) und Kaylee (Jewel Staite) -, werden nach und nach die Beziehungen und Konflikte innerhalb der Serenity-Crew geschildert, vor allem durch das Dazustoßen neuer Mitglieder. Inara (Morena Baccarin) trifft ein, die als Edelprostituierte arbeitet und eine typische Hund-und-Katze-Beziehung mit Mal führt. Auf dem Planeten Persephone sammelt die Besatzung Gäste ein, darunter den Priester Book (Ron Glass) und den vornehmen Simon (Sean Maher). Mit dem Transport von Passagieren halten sich Mal und seine Crew finanziell über Wasser, aber es reicht nicht, und deshalb müssen sie mit gestohlenem Alliance-Gut handeln, was zu etlichen Komplikationen führt. Die durchaus gut inszenierten Action-Sequenzen werde ich hier nicht besprechen, damit das Review überhaupt irgendwann ein Ende finden kann.

Auf der Seite der sogenannten Bösen wird im Piloten die Alliance präsentiert – nicht jedoch eine Absicht seitens der Serenity-Crew, sie zerstören oder auch nur bekämpfen zu wollen. Serenitys Crew will ihre Ruhe haben, ihre kleinen verbotenen Deals abwickeln und weiter fliegen. Die Figuren sind nicht unterwegs, um eine Opposition zu gründen; sie sind vielmehr desillusioniert, was Widerstand betrifft. Ein Leidensdruck aber besteht, was bei Mal sehr deutlich gezeigt wird und was den heimlichen, versteckten Konfliktherd für so manche Situation liefert.

Nicht zuletzt lernen wir das Zuhause der Crew kennen:

Serenity – von Kaylee als „my girl“ bezeichnet. Whedon: „Beat-up but lived-in and ultimately, it was home…“ Das Schiff Serenity verkörpert nicht nur das thematische Zentrum der Serie, sondern bietet die wichtigste Inszenierungsebene für die Figurengeschichten. Den heimischen, fast dokumentarischen Stil der Aufnahmen unterstützt der Einsatz von Handkameras (außer bei Aufnahmen in Regierungsräumen) sowie von sogenannte „lens flares“, typisch für das Fernsehen der 70er Jahre. Im Vergleich zu anderen im Sci-Fi-Umfeld angesiedelten Produktionen fällt der fehlende Sound bei Aufnahmen im Weltraum auf: Es herrscht absolute Stille, die, gekoppelt an Handkamera-Simulationen, ein fast dokumentarisches Vakuum erzeugt.

Generell ist Serenity als Ort der Inszenierung Dreh- und Angelpunkt narrativer Fäden, die anhand von Beleuchtung, Farbe, Tiefe und Komposition, aufgenommen und wieder fallen gelassen werden. Beispielsweise bildet die Brücke mit den seitlichen Treppen in Serenitys Laderaum, wo oft die Handlung spielt, ein Dreieck mit ausgeprägten Diagonalen und Schattenmustern, die das Bild intensivieren. Sie dienen auch dazu, eine Figur symmetrisch einzufangen und ihr dadurch Stabilität zu verleihen. Wenn die Horizontalen der Brücken (nicht nur im Laderaum) im Hintergrund zu sehen sind, korrelieren sie bei Close-Ups und Medium-Shots von Figuren oft mit deren Mündern oder Augenpartien und zwingen so regelrecht die Aufmerksamkeit des Zuschauers darauf. Figuren und Hintergrund als deren Beschreibung sind “Firefly”s Markenzeichen – Zoë und Wash als Liebende werden oft in Türen oder Durchgängen eingerahmt. Simon, der sich als ein talentierter Arzt erweist, wird am Anfang vor flachem Hintergrund und selten im Zentrum des Bildes gezeigt; auch die Farben seiner Bekleidung „entfremden“ ihn.

Simon und seine Schwester River (Summer Glau), die er auf die Serenity schmuggelt, sind auf der Flucht vor der Alliance. Die Regierung will River, um ihre außerordentlichen Begabungen auszubeuten. Man hat an ihr bereits Experimente durchgeführt, bevor Simon sie retten konnte: „They won’t stop…won’t stop…they’ll just keep coming until they get what you took. Two by two…hands of blue…two by two…hands of blue.“ Dieses Lied singt die sichtlich gestörte River vor sich hin. Wie wir später erfahren werden, enthält es einen wichtigen Hinweis.

Durch den Verlauf der Episoden-Ereignisse ernennt Mal schließlich Simon mehr oder weniger als neues Teammitglied. Damit beginnt auch seine visuelle Anpassung an die Atmosphäre der Serenity. Und die steckt voller kleiner Konflikte, die liebevoll ausgetragen, gezeichnet und bis zu den kleinsten sprachlichen oder visuellen Details perfekt inszeniert werden.

Wie man sieht, gibt es über “Firefly” eine Menge zu erzählen – und ich hoffe, der Serie mit den noch folgenden Texten gerecht werden zu können: „There’s no place like home!