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Mad Dogs: Review der ersten Staffel

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Wenn Engländer in sonnige Regionen reisen, endet es jedes Mal mindestens mit Sonnenbrand, wenn nicht mit Schlimmerem. Vier beste Freunde machen Ferien, die sich zu einem surrealen Alptraum entwickeln. 

Eigentlich brauchen Schauspieler wie Philip Glenister („Hidden“, „State of Play“), John Simm („State of Play“, „Life on Mars“), Max Beesley („Kill Me Later“, „Hotel Babylon“) und Marc Warren („State of Play“) weder Drehbuch noch Handlung, um dem Zuschauer eine Darbietung der besonderen Art zu liefern. Wie man zwischen den Klammern lesen kann, haben drei der Hauptbeteiligten in der preisgekrönten BBC-Serie „State of Play“ zusammen gearbeitet.

„Mad Dogs“, eine Sky1-Produktion, ist im Grunde auch State of Play, aber das Spiel findet innerhalb des Nervensystems einzelner Personen statt. Und davon gibt es nicht besonders viele in „Mad Dogs“ – bis auf die vier Freunde Rick, Quinn, Baxter und Woody, die einen fünften besten und reichen Freund namens Alvo (Ben Chaplin) auf Mallorca besuchen, um in seiner Villa unvergessliche Ferien zu verbringen. Im Voraus möchte ich betonen: Wer genial geflochtene und bedeutungsschwangere Geschichten in perfekter audiovisueller Umsetzung erwartet, klopft bei „Mad Dogs“ an die falsche Tür. Wer aber vier Episoden Kammerspiel über die unerträgliche Leichtigkeit des Seins mit exzellenten Darstellern sehen will, für den heißt es: Vorhang auf!

Was ist eigentlich ein Kammerspiel? Bezeichnet das Wort einen Ort, ein Spiel oder eher einen Zustand? In „Mad Dogs“ geht es um den Zustand, in den man die Beteiligten versetzt. „Normal men avoid all forms of extended discussion at any costs. It’s in our DNA“, sagt Rick (Mark Warren). Nun, hier sind die männlichen Protagonisten gezwungen zu reden: miteinander, mit sich selbst und wieder miteinander – oder aber mit einer toten Ziege. Als die vier Freunde das wunderschön gelegene und luxuriöse Anwesen ihres Gastgebers Alvo auf Mallorca genießen, beginnt Alvo ein merkwürdiges Benehmen an den Tag zu legen.

Merkwürdiges Benehmen ist nun nicht ungewöhnlich bei einem Männerurlaub, aber warum landet eine tote Ziege im Pool? („Do you think someone should say a few words? Goodbye, goat. Yeah, that should do it.“) Warum hat Alvo die Villa samt Grundstück seinen Freunden überschrieben? Wen schreit er am Telefon an? Wem gehört die Yacht, die sich die Freunde für eine Spritztour “ausborgen”?Der surreale Effekt setzt ein: nicht wegen der In-die-Kamera-Reden-Einstellungen (die nicht besonders gelungen sind), sondern wegen der dazwischen geschalteten ruhigen Aufnahmen von Insekten, die um Alvos Pool herumkrabbeln oder einfach nur reglos verweilen im Schein des himmelblauen Wassers. Diese wie aus einer Naturdoku herausgeschnittenen Bilder sorgen für ein unruhiges Gefühl – weil ihre Existenz die Handlung stört.

Sie spiegeln aber gleichzeitig die Impulse wider, die die Gehirne der Beteiligten in dieser bizarren Geschichte senden: ein Krabbeln, ein Kribbeln oder ein Erstarren. Vor allem nachdem Tony Blair Alvos Hirn weggeblasen und über den Küchentisch verteilt hat. „One minute you’re looking forward to everything, the next minute you’re looking over your shoulder.“ Eigentlich erklärt Quinn damit die männliche midlife crisis im Allgemeinen, aber seine Erklärung beschreibt auch die kommenden Ereignisse im Besonderen.

Denn der kleinwüchsige Mörder mit der Tony-Blair-Maske deutet den Freunden an, dass Alvos Mord ihnen angehängt würde, wohingegen er mit der korrupten Polizei zusammenarbeite. „How’re we gonna explain this?“ fragt Rick. „Tony Blair took his DNA. They’re trying to frame us!“ Ab diesem Zeitpunkt macht den Rest der vier Episoden die Mischung aus explosiven, teilweise handgreiflichen Auseinandersetzungen und mehr oder weniger gelungenen Slapstick-Einlagen im Kampf gegen den unbekannten Gegner.

Oder ist der Gegner jemand, den die vier – abgesehen von Tony Blair – schon kennen gelernt haben? Damit meine ich die anhängliche Polizistin (gespielt von Maria Botto), die alle vier in ein Spielchen von Frage und Antwort verwickelt, dem sie nicht gewachsen sind. Es bleibt dabei: Der Mann ist sein eigener Feind. Festgenagelt zwischen dem blauen Poolwasser und der strahlenden spanischen Sonne gleichen die vier Männer letztendlich vier Insekten unter einem Vergrößerungsglas und können weder sich selbst noch den anderen ausweichen. Und die einzigen Billboard-Plakate an den spanischen Straßen tragen die Aufschrift: „Yenda a ninguna parte“ – Going Nowhere…

Wie die verbrannten Hautschichten oder die Kriegsbemalung der Körper, so wäscht der Schweiß ihrer Gefangenschaft im Sein auch die letzte Schicht an Selbstsicherheit und Selbstachtung von den Beteiligten ab. Was man darunter sieht, sind die glänzenden, klaren Bilder eines surrealen Wahnsinns, genannt: männliche Sinnkrise… Und wenn der Sinn flöten geht, dann kann alles passieren, was die zweite „Mad Dogs“-Staffel zeigt…

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State of Play

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Im Laufe der sechsteiligen BBC-Serie „State of Play“, die hier Objekt der Diskussion sein wird, sagt der leitende Detective zu einem Reporter: „It’s a case, not a story.“ Wo aber liegt der Unterschied, könnte man fragen? Hängt vom Blickwinkel ab, würde man entgegnen. Hängt davon ab, wer bezeichnet und was bezeichnet wird. In „State of Play“ ändert sich nicht wirklich der Blickwinkel, aber dafür die Geschichte selbst. Sie weigert sich für lange Zeit, bezeichnet und festgelegt zu werden.

Man muss sie erst zu einer Geschichte machen, sie nicht bloß einen „case“ bleiben lassen – sie spannen, wie ein Seil, an dem unsere Augen entlang gleiten können, ohne dass der Blick das Gleichgewicht verliert. Das erfordert auch unsere Aufmerksamkeit. Denn „State of Play“ stellt einen Versuch dar, den Blick in die Irre zu führen, zum Über-sehen zu verleiten. Das Mitspielen-Können zählt, die Teilnahme am Spiel – und die Einflussnahme auf es. Wie Omar Little es so schön in „The Wire“ formulierte: „The game’s out there, and it’s play or get played. That simple.

Aber die BBC-Serie ist kein Krimi-Drama, zumindest nicht im engsten Sinne des Wortes; sie spielt mit Gefühlen, während sie einen menschlichen Makel untersucht, der zu tun hat mit einem Gegensatz, den der Schriftsteller Milan Kundera als den geheimnisvollsten und vieldeutigsten aller Gegensätze bezeichnet: den zwischen Leicht und Schwer. „State of Play“ wurde von Paul Abbott („Cracker“, „Shameless“, „Touching Evil“) kreiert, und Regie führte David Yates.

Im übertragenen Sinne kann man sagen, dass Yates unauffällig Regie führte, genauso wie der Soundtrack der Serie unauffällig ist: Musik kommt weitaus weniger exzessiv zum Einsatz, als wir es gewöhnt sind. Es wird nicht versucht, mit Hilfe des Soundtracks unsere Emotionen zu beeinflussen. Das heißt natürlich nicht, dass Produktionen, die so vorgehen, schlecht/er wären: für jede Geschichte muss man die passende audiovisuelle Sprache finden.

In „State of Play“ lässt sich ruhige, distanzierte Kameraarbeit beobachten, fast an der Grenze zum Statischen. Aber diese Grenze wird nicht überschritten, sondern man gibt exzellent geschriebenen Dialogen und genauso exzellent präsentierenden Darstellern den Raum für ihre Exzellenz, ohne unsere Aufmerksamkeit zu lenken bzw. zu stören. Denn die ist hier, wie gesagt, sehr angebracht.

Ein schönes Beispiel für dieses vorsichtige Annähern an Figuren und ihre Gespräche sehen wir in der zweiunddreißigsten Minute der allerersten Episode, als Reporter Cal McCaffrey (John Simm) auf der Loggia des Wohnblocks mit dem Bruder des niedergeschossenen farbigen Jungen spricht. Die Kamera nähert sich den beiden buchstäblich im Schildkrötentempo: vorsichtig, bedächtig – so, wie jedes Wort, das in der Serie fällt, behandelt werden sollte; denn Worte können töten, viel effektiver als Blicke.

Wir sind so beschäftigt mit den Figuren und ihren emotionalen Zuständen, dass wir nicht merken, wie die Story das Tempo anzieht. Das liegt auch an der schon erwähnten Kinematographie, an der Konzentration auf den Dialog. Es ist wie ein Ersticken, obwohl man eigentlich Luft holen könnte. Die Frage ist: will man oder nicht? Streckenweise vermitteln die Figuren das Gefühl, als würden sie mit einem unbewussten, wenn man so will: perversen Genießen den eigenen emotionalen Fall miterleben und teilweise vorantreiben. „State of Play“ erzählt mit Hilfe politisch-wirtschaftlicher Konspirationen von menschlicher Unzulänglichkeit.

Die Serie beginnt mit dem Mord an einem farbigen Mann und einer Sequenz, in der wir, rückwirkend betrachtet, bereits den kompletten Kern der Verschwörung zu sehen bekommen, auf deren Spur man erst kommen soll. Für die Schlagzeilen sorgt der Selbstmord Sonia Bakers, der Assistentin eines hochrangigen Politikers namens Stephen Collins (David Morrissey). Er scheint von diesem Tod schwerer betroffen, als er es vielleicht sein sollte.

Collins, der eigentlich als Hauptfigur eingeführt wird – oder scheint uns das nur so? -, wirkt bis zur letzten Episode wie ein Stück Holz, das auf einem wilden Fluss dahintreibt. Manchmal scheint er abwesend, nicht da: er fehlt bzw. ist fehl am Platz. Bis wir am Ende schließlich herausfinden, dass dieses Fehlen den Dammbruch und damit die halsbrecherische Fahrt für alle ermöglicht hat… Collins ist das fehlende Stück Holz im Damm, das ein Loch gerissen hat. Er ist die Variable.

Sein langjähriger Freund Cal, der als Reporter für den Herald arbeitet, geht zusammen mit seinen Kollegen (in diesen Rollen unter Anderen die großartigen Kelly Macdonald und James McAvoy) der Sache nach – unter der unauffälligen, zutiefst sarkastischen Führung des Chefredakteurs Cameron Foster (ein grandioser Bill Nighy). Cameron ist so etwas wie der Balancepunkt der Handlung und zugleich ihr gnadenloser Kommentator, was für die mit Abstand witzigsten One-Liner der Serie sorgt.

Die wahnwitzige Fahrt startet durch, als Della (Kelly Macdonald) eine Verbindung zwischen Sonias Tod und dem Mord an dem farbigen Teenager Kelvin Stagg findet. Kelvin hatte einen silbernen Koffer entwendet, in dem sich Fotos von Stephen und Sonia und eine Waffe befanden. Als DI Brown, der den Fall untersucht, zusammen mit Della einen Zeugen im Krankenhaus aufsucht, werden sie angegriffen – und Brown stirbt. Dieser Vorfall ruft den um einiges rücksichtloseren DCI Bell (Philip Glenister) auf den Plan, der aber schließlich keinen anderen Weg mehr findet, als mit den Reportern zusammenzuarbeiten.

Es stellt sich heraus, dass Stephen Collins mit Sonia nicht nur eine Affäre hatte, sondern sogar seine Frau Anne (Polly Walker) verlassen wollte. Abwechselnd suchen Stephen und Anne Trost bei Cal, der der Möglichkeit nicht widerstehen kann, Anne endlich seine langjährige Liebe zu gestehen. Das bringt die Untersuchung in Gefahr, aber auch das Verhältnis zwischen Cal und Stephen. In der Zwischenzeit schaffen Cals Kollegen dank einem gewissen Dominic Foy (Marc Warren), Sonias Ex-Liebhaber, den Durchbruch, der sie unter anderem zum Energieminister George Fergus und der US-Ölindustrie führt.

Durch-Bruch ist in meinen Augen das beste Wort, um die Ereignisse zu beschreiben! Jedes Weiterkommen ist zugleich so schmerzhaft, dass es Zweifel hervorruft – aber die Begeisterung, die man zuweilen in den Gesichtern von Cal & Co. sieht, blendet möglichen physischen oder ethischen Schmerz aus. Und so müssen auch wir Zuschauer uns immer wieder fragen: Wollen wir eigentlich noch mehr wissen? Möchten wir einen Fall aufklären – oder doch lieber die Geschichte weiter hören? Das muss wohl jeder Zuschauer für sich entscheiden; und hiermit sei „State of Play“ allen, die die Serie noch nicht kennen, wärmstens ans Herz und/oder an den Kopf gelegt.