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Treme: Ein Liebesbrief mit Stockflecken – Staffel 1 / Season 1

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Das Klagelied einer Stadt, die zwischen Melancholie und Hoffnung  die Unausweichlichkeit des Alltags feiert. Willkommen bei Treme, der wenig populären HBO-Serie vom The Wire-Schöpfer David Simon. Die Simon-Produktionen haben, oberflächlich betrachtet, eine heraustechende Gemeinsamkeit: Niedrige Quoten. Dank HBOs Senderpolitik aber und damit der “Erlaubnis”, die Simon bekommt TV-Kunst zu kreieren, dürfen wir in den Genuss von The Wire, Generation Kill und jetzt Treme kommen. Übrigens David Simons Wunsch lautet, Tremes Erzählung mit insgesamt vier Staffeln abzuschließen. HBOs Reaktion darauf? Deal! Wenn man Simons Werke genauer betrachtet, dann wird man sich vor ästhetisch-erzählerischen Gemeinsamkeiten nicht retten können. Trotzdem fällt einem bei der Beschäftigung mit den drei hier aufgezählten Serien ein Unterschied auf und dieser ist in meinen Augen am besten in literarischen Begriffen zu beschreiben.

Man kann behaupten, dass David Simon unter den Fahnen des Pay-TV-Senders mit dem epischen Roman seine Reise began, nämlich mit The Wire, um sich dann der Kurzgeschichte zu widmen, Generation Kill. Mit Treme betreten er und seine Mitstreiter den Bereich der Lyrik und damit des Augenblicklichen. Natürlich ist Treme eine fortlaufende Erzählung, aber sie feiert genau den Moment, in dem das Herz schneller schlägt oder aber einen Schlag aussetzt. Treme ist Emotion pur und damit meine ich nicht Melodram, sondern die Art menschliche Emotionen zu entblößen, bis auf ihre “Knochen”. Sie sind zum Greifen echt, so wie die verwüsteten Viertel in New Orleans nach dem Hurricane Katrina. Was erhält nach so einer Katastrophe die Menschen am Leben? Was treibt sie von einem Augenblick zum nächsten, von einem Herzschlag zum nächsten?Genau wie Katrina New Orleans bis auf die Knochen frei gespült hat, sehen die Beteiligten ihre Geschichten davon schwimmen. Sie müssen nicht nur um ihre Existenz kämpfen, sondern um ihre Seele und um diejenige ihrer Stadt. Wenn man es in cinematographischen Begriffen fassen würde und gleichzeitig den typischen Musikmontagen in nahezu jeder Episode Tribut zollt, ist Treme ein Establishing Shot der Seele als ein Stück Treibholz, das mit tänzerischen Bewegungen nach Zugehörigkeit sucht.

David Simons Serie nimmt die Erzählung drei Monate nach Katrina auf und verschwendet keine Zeit, um uns etliche Figuren zu präsentieren, wie den Posaunenspieler Antoine Batiste (Wendell Pierce, The Wire), der zwischen seiner Leidenschaft für Jazz und den Familienverpflichtungen (zweite Frau und ein Baby) keinen Kompromiss zu finden scheint. Von einem Auftritt zum nächsten lässt er sich von dem Strom unermüdlicher Begeisterung und Lebensfreude tragen. Genauso leicht fließt das Geld aus seiner Tasche. Vielleicht einer der Gründe, warum ihn die Barbesitzerin, seine Ex-Frau. LaDonna Batiste-Williams (Khandi Alexander, CSI: Miami) ihn verlassen hat? Aber ihre Bar und damit ihre Stadt kann sie nicht verlassen, auch wenn ihr zweiter wohlhabender Mann mit den beiden Söhnen in Baton Rouge lebt. Sie pendelt zwischen den beiden Orten und kommt von New Orleans nicht weg, sie kommt von ihren Wurzeln nicht weg.

Die New Orleans Wurzeln, vor allem  von der Naturkatastrophe entblößt, sind nicht immer ein schöner Anblick, wie man anhand zwei Handlungssträngen mitbekommt. Der erste dreht sich um die Rückkehr von Albert Lambreaux (Clarke Peters, The Wire), dem Mardi Gras Indian Chief, nach Hause und seinem hartnäckigen Versuch wieder an alte Traditionen zu knüpfen, sie wiederzubeleben. Aber kann man immer Vergangenheit wiederbeleben? Delmond (Rob Brown), der in New York lebende Jazz-Musiker und Sohn vom Big Chief ist nicht wirklich dieser Meinung. Lambreaux’ Wiederaufnahme der Traditionen beinhaltet gleichzeitg auch eine revolutionäre Haltung gegenüber dem System und dieses hat solche Lücken, wie die Dämme, die das Wasser von New Orleans nicht weghalten konnten. Durch eine solche Lücke scheint auch LaDonnas Bruder weggeschwemmt worden zu sein. LaDonna sucht ihn überall mit Hilfe der Anwältin Toni Bernette (Melissa Leo). Toni dreht jeden Stein um, aber bekannterweise verstecken sich unter Steinen oft Schlangen…

So sieht Tonis Mann, der Literaurprofessor Creighton (John Goodman – grandios im Stile eines Walter Sobchaks “The Big Lebowski”) die New Orleans Behörden, gar die US-Regierung – wie eine mehrköpfige Schlange, auf die man zwar Steine werfen kann, wie er es mit seinen Youtube-Wuttiraden tut, aber letztendlich zusehen muss, wie sie sich einfach darunter versteckt oder davon gleitet. In dieser Auswegslosigkeit, in seiner Verzweiflung über sich selbst und die Welt, gleitet nach und nach Creightons Leben von ihm weg und er sieht nur eine Möglichkeit für sich, nämlich den Selbstmord. In einer schön inszenierten Abschiedsszene werden wir gar nicht Zeugen davon, wie er von der Fähre springt. Für einen Augenblick steht er am Geländer, dann bewegt sich die Kamera um die Ecke, kommt zurück und er ist nicht mehr dort. Ein Augenblick und ein Mensch ist weg. Macht es einen Unterschied, ob er da ist oder nicht? Machte er mit seiner Existenz einen Unterschied? Verrät er mit diesem Abschied vom Leben seine Tochter und seine Frau oder befreit er sie?

Das Wasser, das eigentlich nie Creightons Haus erreichte, wird jetzt zu seinem Zuhause. Die Trauer und die Wut über Ungerechtigkeit, Unfähigkeit und Selbstgefälligkeit sind zwar nicht weggewaschen, aber Simon weiß sie auszubalancieren … mit Liebe. Es sind Liebe und Sorge um das, was beinahe verloren ging und es zu behalten lohnt. I just want my city back, sagt Davis. DJ Davis McAlary (Steve Zahn), der Allround-Musiker und späterer Bürgermeister-Kandidat ist eine der schillerndsten Treme-Figuren und in meinen Augen der Träger dieser Mischung aus hilfloser Wut, Lebensfreude und der Weigerung zu resignieren. In Resignation wird die Restaurantbesitzerin und Davis’ Freundin Janette Desautel (Kim Dickens), nachdem ihr einfach das Geld fehlt, um die Trockenperiode zu überstehen. Dabei ist sie eine Meister-Köchin. Shame, Shame, Shame – der Titel von Davis’ neuem Song beschreibt es am besten.

Als die große Parade trotz Schwierigkeiten triumphierend durch die Straßen zieht – genauso wie die echte aus dem Jahre 2006 – endet alles mit Schüssen und mit Toten. Nicht nur das Gute kehrt nach New Orleans nach der Katastrophe zurück, sondern auch das Schlechte.

Wie vom Winde verweht, sind Tremes Figuren und doch miteinander verbunden, durch ihre Stadt, durch ihre Geschichte und durch ihre Seelen, die nach Schönheit streben, während sie ihrer Misere optimistisch begegnen, zum Beispiel im Vergleich zu den Figuren aus The Wire. Obwohl es ist schwer zwischen Sich-Abfinden und Optimismus zu unterscheiden. Nach einer Katastrophe wie Katrina bleibt den Menschen dieser Stadt auch nichts Anderes übrig, als zu leben.

Davis: “All you want to do is get high, play some trumpet and barbecue in New Orleans your whole damn life?”

Kermit: “That’ll work.”

Wenn man überhaupt eine Aussage der HBO-Serie festhalten kann, dann besteht sie in meinen Augen aus einem hoffnungsvollen Appell, und nicht nur an Amerika. Es geht um die Schimmelflecken, die Besitz von unseren Seelen nach und nach ergreifen. Und daran ist kein Wirbelsturm schuld.

In Treme geht es um das Kreieren eines Augenblicks, eines Moments, wie David Simon sagt. Diese Momente sind voller Schönheit, es sind Übergangspunkte, an welchen diese Schönheit in den Alltag fließt.

Davis: “There are so many beautiful moments here.”
Janette: “They’re just moments. They’re not a life.”

Typisch für David Simons Arbeiten, haben auch in Treme Zuschauer-Touristen nichts verloren – in jedem erdenklichen Sinne. Die Serie erfordert Aufmerksamkeit und schert sich nicht darum, den Zuschauer an die Hand zu nehmen und ihm auch das letzte Stückchen zu erklären. Der Liebesbrief, über den ich schon sprach, wird von Treme zwar vorgetragen, aber man muss die Sprache können und gut zuhören, um in vollen Zügen zu genießen. Genauso wie bei den vorgetragenen Musikstücken nicht darum geht, was gespielt wird, sondern wie es gespielt wird: Einen eigenen Rhythmus kreieren.

Man kann sagen, dass Treme ein Soundtrack ist oder wie ich schon gesagt habe – ein Lyrikband. Die Serie besteht aus Augenblicken, Momenten, die aber dank penibler Recherche seitens Simon & Co. auch einen historischen Hintergund bekommen, was sie noch lebendiger erscheinen lässt. Auch die Musiker, die in Treme auftreten, Elvis Costellos Gastauftritt augenommen, sind aus New Orleans: Dr. John, Tom McDermott, Troy Andrews, Bruce Sunpie Barnes usw. Nicht zu vergessen die Star-Geigenspielerin Lucia Micarelli spielt hier Annie, die Straßenmusikantin, die im Duett mit ihrem Freund Sonny (Michiel Huisman) ihr Geld verdient. Aber das Zusammenleben entwickelt sich nach und nach zu einer Qual und von Duet kann gar nicht die Rede sein. Aber für jedes wegtreibende Boot könnte es irgendwo doch einen Hafen geben:

When Annie met Davis – in New Orleans findet doch jede/r einen Partner, um die Noten des eigenen Lebens in Begleitung vortragen zu können. Tremes Staffel Eröffnet mit einer fröhlichen Parade und schließt mit einer Begräbniszeremonie. Mit “I’ll Fly Away” schließt sich der Kreis der ersten Staffel, aber es ist eigentlich keiner, denn durch die Flashbacks von den Momenten vor Katrina sehen wir wieviel sich seit der Katastrophe für die Beteiligten verändert hat. Also ist Treme keine Erzählung darüber, wie sich nichts ändert, sondern wie plötzlich sich alles ändern kann und wie man damit zurecht kommt … und auch mit sich selbst.

Im Review zur zweiten Staffel und den anschließenden Episodenbesprechungen der kommenden dritten Staffel werde wir erfreulicherweise wieder die Treme-Lyriksammlung aufklappen dürfen und dabie aufpassen, auch wenn manche Seiten Stockflecken haben.

Bis dahin:

Buona sera, signorina, kiss me goodnight!


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HBO’s Generation Kill – Sind wir alle Oscar Mike?

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The Art of War

Ein Riesen-Zeltlager an der Grenze zwischen Kuwait und dem Irak. Dort sitzt das Marine-Elitebatallion und wartet auf den Einmarschbefehl, um Geschichte zu schreiben. Aber welche Geschichte wird das sein, wenn die Tinte unausweichlich rot zu sein hat?

“So wird der erleuchtete Herrscher und der weise General die Intelligentesten seiner Armee als Spione einsetzen und auf diese Weise hervorragende Erfolge erzielen. Spione sind ein äußerst wichtiges Element des Krieges, denn von ihnen hängt die Fähigkeit der Armee ab, sich zu bewegen.” Mit diesen Worten beendete Sun Tsu vor zweieinhalbtausend Jahren sein Werk “Die Kunst des Krieges”. Im Sinne dieser Aussage beginnt die siebenteilige HBO-Serie Generation Kill von David Simon (The Wire) und Ed Burns, die auf dem gleichnamigen Buch des Rolling-Stones-Journalisten Evan Wright basiert. Beim Einmarsch in den Irak begleitete Wright das Elite-Batallion der US-Marines bis nach Bagdad. Was das Sun- Tsu-Buch damit zu tun hat? Nicht nur erscheint es in der allerersten Episode, als wir einen der Soldaten Sun Tsu lesen sehen, sondern der oben zitierte Passus betrifft direkt den Ablauf des Irak-Krieges, wie ihn die HBO-Serie schildert. Die Marine-Einheit, die hier unter die Lupe genommen wird, wurde ursprünglich für genau diesen Job ausgebildet: Spionage. Aber was passiert, wenn die US-Generäle andere Pläne verfolgen? Wenn man vergisst, was nach Sun Tsu das Hauptziel eines Krieges ausmacht: Frieden? Schon auf der zweiten Seite des kleinen Buchs steht der folgende Satz: In der ganzen Geschichte gibt es kein Beispiel dafür, dass ein Land aus einem langen Krieg Gewinn gezogen hätte. Anscheinend haben die Befehlshaber der US-Armee, wenn überhaupt, dann nur diesen einen Satz gelesen – oberflächlich. Sie wollen einen Blitzkrieg, und das Marine-Batallion sollte die Spitze des Speers sein: in angejahrten Humvees durch die offene Wüste…

Subhuman Morons?

Generation Kill ist eine komplizierte Erzählung – und gleichzeitig eine sehr einfache. Sie handelt davon, sich in einem permanenten Zustand der Ungewissheit zu befinden: Nicht nur weiß man nie, wohin es als Nächstes geht, sondern jeder muss die Antwort auf die Frage, wie im Krieg Menschlichkeit zu bewahren ist, allein finden – wenn er überhaupt Interesse daran hat. Wenn der eigene Job darin besteht, andere zu töten – wie bewahrt man dann einen Rest an Menschlichkeit? Bevor das Marines’ 1st Reconnaissance Battalion in den Irak einmarschiert, wird eine letzte Ansprache gehalten, die man nach dem Zählen bis drei mit einem gemeinsamen Ruf beendet: Kill! Die Ungewissheit macht diesen Soldaten auf den ersten Blick nichts aus. Was sie wollen, ist “to get some”. Viele von ihnen sehen den Krieg und die angeblichen Beweggründe dafür aber aus einer relativ zynischen oder zumindest ironischen Perspektive: Sie vertreten die Hypothese – die sich übrigens mehrmals bewahrheitet -, dass die Beteiligten um so minderbemittelter werden, je höher man die Militärränge hinaufschreitet. “Sergeant, I thought they were going to send us over the bridge in the darkness,” sagt einer der Soldaten, als der Humvee am hellichten Tag in die Gefahrenzone eindringt. “Nuh-uh,” lautet die Antwort, “not retarded enough.”

Trotzdem handelt sich hier nicht um Pazifisten oder eingefleischte Kritiker der US-Politik. Viele sind sich des Slapsticks bewusst, der immer wieder Besitz von der Situation ergreift: The individual who needs his head examined is the man responsible for taking arguably the finest damn independent recon operators of any military in the world, and dropping us in Humvee platoons to lead a parade of POGs, officers, and heavily-armed subhuman morons like Casey Kasem across Mesopotamia. How much does Uncle Sam spend on us? Jump school, dive school, mountain warfare, ranger school, SERE. That’s a $1,000,000 on average to train up 0321s like us. And here we are, perfectly-tuned Ferraris in a demolition derby, sagt Sergeant Brad Colbert, gespielt von einem brillanten Alexander Skarsgard.

Sgt. Antonio Espera (Jon Huertas) meint: The U.S. is just going to all these fucked up countries, Iraq, Africa, South America. How else we gonna make these hungry motherfuckers stop killing everybody? Put a McDonalds on every fucking corner. We gotta blow up the fucking corner, then build a McDonalds, so be it.

Kill

Sie sind, wie sie sind – Produkte der heutigen Gesellschaft, die über dieselbe räsonieren: And all that hate, dawg, all the hate took to blow these motherfuckers away. It’s destiny, dawg, white man’s gotta rule the world. Espera agiert in der Serie als eine Art Vertreter aller möglichen Minderheiten, um je nach Lust und Laune eine Verschwörungstheorie über die weltweite Dominanz der weißen Rasse aufzustellen. Warum er trotzdem mit den “Weißen” zusammen kämpft? Weil er verstanden habe, dass man sie nicht besiegen kann, also sei es besser, sich ihnen anzuschließen. Espera ist manchmal Native American, dann African American und letztendlich Latino. Er gehört zu den Figuren in der Mini-Serie, mit denen wir Zeit verbringen. Die meiste Zeit über begleiten wir jedoch den Humvee von Sgt. Brad Colbert (Alexander Skarsgard) aka Iceman, dem stillen, aber charismatischen Anführer, der in der Truppe hohes Ansehen genießt. Colbert und sein Corporal Josh Ray Person (James Ransone, dem Ziggy aus der zweiten “The Wire”-Staffel), der Fahrer des Humvee, treten wie ein altes Ehepaar auf, das keine Gelegenheit auslässt, Sarkasmus hageln zu lassen: über einander oder über andere. In einem Interview sagte Simon: “I always envisioned Colbert’s Humvee as like the family car on a road trip.” Lance Cpl. Harold James Trombley (Billy Lush) ist der Jüngste im Team, ein Trigger-Happy-Soldat, der sich nichts anderes wünscht, als “Hadjis” niederzuschießen. Seine Ungeduld bringt Colbert später in Teufels Küche. Auch Wright aka “Scribe” ist dabei: Er begleitet Colberts Team, aber nicht als Hauptfigur in dieser Geschichte, die eigentlich keine Hauptfigur hat. Wenn auch ein besonderer Fokus auf Colberts Team liegt, so bekommen doch auch die anderen Soldaten die Möglichkeit, einen Eindruck zu hinterlassen: seien es Lt. Nathaniel Fick, Lt. Col. Stephen “Godfather” Ferrando (Chance Kelly), Capt. Dave “Captain America” McGraw (Eric Nenninger) oder aber Sgt. Rudy Reyes aka Fruity Rudy – ein echter Marine-Soldat und Berater der Produktion, der hier sich selbst spielt: auf Oprah, Kampfsportarten, östliche Philosophie und Cappuccino schwörend und trotzdem eine in jeder erdenklichen Hinsicht gut geölte Tötungsmaschine.

Diese Figuren also hinterlassen, wie fast alles in Generation Kill, bleibende Eindrücke. Seiten und Seiten könnten darüber geschrieben werden, und ich bin durchaus nicht sicher, ob ich mit diesem Text der Serie gerecht werde.

People who can’t kill will always be subject to those who can

Genauso wie es mit The Wire war, ist Generation Kill eine Erzählung, die von einem Besitz ergreift, die man immer wieder anschauen und über die man immer wieder nachdenken kann. Sie bleibt im Kopf stecken. Und ebenso gut könnte man Generation Kill eine Comedy nennen. Obwohl es hinsichtlich der vulgären Sprache, der rassistischen, homophobischen und homoerotischen Witze wenig Zitierbares gibt, kann ich getrost zugeben, dass ich wegen Situationskomik und Sprachwitz selten mehr gelacht habe als bei dieser HBO-Produktion. Aber die Kunst bei Generation Kill liegt in der emotionalen Gratwanderung. In einem Moment lacht man über Rays beinahe poetische Ergüsse aus zynischen und sarkastischen Lebensweisheiten, und im nächsten fühlt man sich so, als wäre man gerade von einem Schrapnell in den Bauch getroffen worden. Ein gutes Beispiel: die Szene aus der dritten Episode, als zwei schwer verletzte Kinder zur Bravo Company gebracht werden, die Trombley in seiner Schusswut getroffen hat, ohne es überhaupt gemerkt zu haben. Lt. Nathaniel Fick (Stark Sands) fordert, dass ein Kind per Helikopter ins Krankenhaus transportiert wird; First Recons Kommandant Lt. Col. Stephen Ferrando (Chance Kelly) entscheidet sich zunächst dagegen, was zu immenser Spannung zwischen den Offizieren und ihren Vorgesetzten führt. People who can’t kill will always be subject to those who can, sagt Colbert.

Es fällt schwer, die HBO-Produktion als fiktionale Erzählung zu behandeln, wenn man bedenkt, wie nah sich die Serie an Wrights Buch bewegt. Doch abgesehen von tatsächlichen Ereignissen ist es ein subjektiver Blickpunkt, der hier das “Wie” kreiert. Wie kam es zu einem Ereignis, welche Auswirkungen, welche Emotionen und Gefühle rief es hervor? An diesem Punkt beginnt die wirkliche Arbeit Simons und Burns‘.

Die Mini-Serie wurde in Mosambik, Namibia und Südafrika gefilmt – für mehr als 50 Millionen Dollar. Regie führten Susanna White und Simon Cellan Jones. Das Ergebnis: Die Kamera zieht die Aufmerksamkeit nicht auf sich, es werden keine besonderen Eingriffe vorgenommen, um das Bild zu ‚stylen‘. Andererseits wiederum kann man auch nicht von dokumentarischen Aufnahmen sprechen: Viele Bilder gleichen kunstvollen Postkarten, die aber manchmal tödliche Nachrichten enthalten. Bis auf das Serienende mit dem Johnny-Cash-Song “The Man Comes Around” wird keine weitere Musik eingesetzt; lediglich die Marines selbst singen unterwegs berühmte Pop-Stücke, während sie sich Sorgen um Jennifer Lopez machen.

Loving You

Weder eine „richtige“ Hauptfigur gibt es noch eine „richtige“ Geschichte. “Gentlemen, from now on we’re going to have to earn our stories,” sagt Colbert, als die Offensive startet. Welche Geschichten aber werden das sein?

Schwer lässt sich Generation Kill eine „Aussage“ extrahieren, genauso schwer, wie das Wort “Sieg” zu definieren wäre in diesem Krieg – wenn Sieg überhaupt möglich ist. Fest steht: Irgendwie fühlt man sich mit jedem weiteren Kilometer Richtung Bagdad wohler in der Gesellschaft dieser Marines und sehnt sich nach mehr. Zwischen Lachen und Schaudern sitzen wir Zuschauer fest, ebenso hilflos wie die Marines im Irak – denn oft lässt uns die Serie nach einem Lächeln im nächsten Moment Schuldgefühle wegen dieser Sympathie empfinden: fehlerhafte Kommunikation, falsche Entscheidungen etc sind die Regel dieses Krieges. Unschuldige sterben. Trotzdem wird kurz darauf im Humvee gesungen, und man kann nicht umhin mitzuträllern…

Für den kompletten Zuschauergenuss empfehle ich die UK-DVD-Ausgabe der Serie, Evan Wrights gleichnamiges Buch, ein J.Lo-Foto und etwas Starkes, Klares zum Trinken.

“We have major activity on the wire!” Ob dieser Satz aus Generation Kill eine The Wire-Referenz sein soll, wird man nie erfahren. Fest steht aber, dass in diesem Jahr hier jede einzelne Episode von The Wire ihre Besprechung finden wird. Also macht euch bereit!

How copy?