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The Walking Dead: Save the Last One (2×03)

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Werden Shane und Otis rechtzeitig zurückkommen mit den rettenden Medikamenten für Carl? Lori scheint jede Hoffnung  verloren zu haben, während Andrea und Daryl einen Ausflug in die Wälder unternehmen.

Got bit / Fever hit / World gone to shit / Might as well quit. Diese Worte – geschrieben von einem Unbekannten, bevor er sich erhängte, um dann dummerweise als hängender Zombie weiter zu existieren – enthalten die Verbindung zwischen zwei wichtigen Szenen und geben der Episode ihren Hintergrund. Soll man nur um des Überlebens willen zu überleben versuchen? Save the Last One bietet eine leichte Steigerung im Vergleich zu letzter Woche: Man widmet sich nicht nur internen Konflikten, sondern verkompliziert sie auch; von der Struktur her ist die Episode abgerundet. Man muss außerdem bedenken, dass sich The Walking Dead gerade in einem Überbrückungszeitraum befindet: Es ist schwer, Gruppendynamiken zu thematisieren, bevor die „neue“ Gruppe etabliert ist und wir einen Einblick in die Köpfe der neuen Figuren bekommen. Geduld bleibt angesagt.

Zugegeben: The Walking Dead läuft langsam. Aber wie ihre Zombies hat die Serie schon unter Beweis gestellt, dass sie auch schneller kann. Auch Save the Last One baut sich um Carls Situation herum auf, was natürlich Hershel und den anderen „Neuen“ nicht viel Möglichkeit gibt, sich zu „zeigen“. Trotzdem machen die Autoren zwei Schritte in Richtung Zusammenführung beider Gruppen: einen kleinen und einen großen. Der erste: der kurze Austausch zwischen Glenn (er kann endlich wieder mehr als nur einen Satz sagen!) und Maggie, als Glenn und T-Dog auf Hershels Farm eintreffen. Der zweite betrifft Shane. Mit Shane eröffnet die Episode und mit Shane endet sie, als er an einen noch problematischeren Ort geschickt wird. In den ersten Minuten sehen wir, wie Shane seinen Kopf kahl rasiert; im Laufe der Episode verstehen wir auch, warum: weil ihn die kleine kahle Stelle, zu der die Kamera erst in den letzten Minuten der Episode kommt, daran erinnert, was er getan hat, nämlich Otis sterben zu lassen.

Man kann Shanes Entscheidung zwar rationalisieren, aber trotzdem benutzte er im Grunde einen anderen Menschen als Ablenkung für die Zombies, um selbst überleben zu können. Er schoss auf Otis, der Shanes (Jon Bernthal) Leben kurz davor rettete. Im Grunde wurde Otis gezwungen, Shanes Leben noch einmal zu retten: von Shane selbst. Das musste sein, um Carl zu retten. Aber dieses Ereignis drängt Shane noch näher heran an das Loch, in das er seit Anfang der Serie zu stürzen droht. Somit ist das Zusammentreffen der beiden Überlebenden-Gruppen vollkommen: ein Leben für ein anderes. Aber lohnt sich das überhaupt? In dieser Episode müssen plötzlich zwei Figuren davon überzeugt werden, dass es Sinn ergibt zu leben: Lori und Andrea (Laurie Holden). In beiden Handlungen gab es Aspekte, die nicht funktionierten, und solche, die gut waren. Beginnen wir mit Lori und ihrer plötzlichen Entscheidung, dass Carl vielleicht besser sterben sollte, um die zu Grunde gegangene Welt nicht länger ertragen zu müssen. An sich ist die Frage nach dem Sinn des Überlebens für die Serie zentral, sie muss thematisiert werden – und genau so wirkt es bei Loris Rede leider auch: als würde die Figur schlichtweg benutzt, um uns etwas mitzuteilen. Nach wie vor gelingt es in meinen Augen nicht, Lori zum Leben zu erwecken.

Trotzdem sind die Szenen wichtig, denn sie machen eine Sache klar: Es gibt eigentlich keinen großen Unterschied zwischen Zombies und Überlebenden. Alle existieren wie aus einem Reflex heraus, ohne Zweck und ohne Ziel. Andrea und Daryl (der immer sympathischer wirkt) machen einen Ausflug in die Wälder, um Sophia zu suchen. Eigentlich ist es Daryl (Norman Reedus), der in den Wäldern Ruhe sucht, da er nicht schlafen kann – Sophias Mutter weint die ganze Zeit, und Andrea spielt mit einer Waffe. Der Ausflug in die Wälder wirkt zwar konstruiert – man schickt zwei Figuren irgendwohin, um ihnen die Möglichkeit zum Reden zu geben -, aber bringt die beiden als Menschen einander näher; und neben der amüsanten Szene mit dem hängenden Zombie wird vielleicht auch Andrea ein wenig von ihren Selbstmordgedanken abgerückt. Sicher: Man setzt sie großer Gefahr aus für nur wenig Zugewinn. Aber genau das demonstriert The Walking Dead mit der gesamten Episode: Es sind kleine Dinge, kleine Schritte, die den Unterschied machen – wie das Bild mit dem Reh in den Wäldern, zu dem Carl nach seinem Aufwachen als erstes zurückkommt. Es verleiht eine – wenn auch fast surreale – Hoffnung aufs Leben und steht dem entgegen, was Lori für Carls Zukunft fürchtet.

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The Walking Dead: Bloodletting (2×02)

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Wer hat geschossen? Welche Konsequenzen wird dieser Schuss in den Wäldern auf das Schicksal der Gruppe haben?

Im Review zur Staffelpremiere von letzter Woche sprach ich davon, dass The Walking Dead Langsamkeit gut zu nutzen wisse und manche Szenen sehr intensiv geraten seien. Nun, mit der zweiten Episode stellt die Serie unter Beweis, welch schmaler Grat zwischen atemberaubender und langweiliger Langsamkeit liegt. Wie ich schon an der ersten Staffel kritisierte, gelingt es der Serie noch nicht recht, die Lebenden interessanter zu machen als die Toten. Es scheint, als wollten die Autoren Vorfall für Vorfall aneinander reihen und komplette Episoden darum herum aufbauen. Das ist zumindest dann nicht weiter schlimm, wenn ein Schauspieler wie Andrew Lincoln die wenigen guten Szenen der Episode bestreitet.

Bloodletting eröffnet mit einer Rückblende, die offenbar mehr Licht auf Lori als Figur werfen soll – und auf ihre Beziehung zu Rick.  Denn wir sehen sie in den Momenten, bevor sie von Ricks Verletzung erfährt. Sie spricht mit einer Freundin über Beziehungsprobleme, als Shane mit der Nachricht eintrifft. Die größte Hürde für Lori besteht darin, es Carl zu erzählen. Im Jetzt der Episode ist alles spiegelverkehrt: Carl befindet sich in Lebensgefahr, ohne dass Lori Bescheid weiß. Und diese Tatsache zerreißt Rick, genauso wie das Gefühl, das eigene Kind für ein anderes geopfert zu haben. Sein emotionaler Austausch mit Shane trifft die richtigen Akkorde und lässt uns Zuschauer den Schmerz wirklich spüren. Denn für Rick folgt auf den Albtraum, im Zombieland aufzuwachen, der Albtraum, seinen Sohn zu verlieren – genau dann, als er gerade denkt, wieder zu seiner Familie gefunden zu haben. Alles war so „plain and simple“, sagt Rick. Aber eigentlich so kompliziert!

Dass wir durch Carls Verletzung in ein neues Setting eingeführt werden und auch eine neue Gruppe von Menschen kennen lernen, gefällt mir gut. Aber die Serie arbeitet hier auf Sparflamme, und die Figuren bekommen kaum Umriss. Gut, dafür bleibt ja noch Zeit… Zu den Neuen gehören außerdem Otis (der das Reh und Carl traf), seine Frau und Hershels Tochter Maggie (Lauren Cohen). Was aber nicht funktioniert, ist das Familiendrama um Lori und Rick; und auch die restlichen Gespräche zwischen unterschiedlichen Figuren wirken wie klischeehafte Lückenfüller und drehen sich im Kreis.

Natürlich kann man die Dinge so oder so betrachten: Jede Betrachtung ist höchst subjektiv. Das Im-Kreis-Drehen etwa könnte auch als Metapher für Ausweglosigkeit gesehen und als ‚Spannungs-Akkumulator‘ empfunden werden, während man nicht weiß, ob Carl überleben wird oder ob man Sophia je wieder findet. In meinen Augen jedoch kommt diese Spannung nicht auf: Die Action ist nur geringfügig präsent, als Shane und Ortis Medikamente holen fahren – und vor allem die potentiell interessanten inneren Dramen der Figuren kommen bis auf Ricks nicht zum Tragen. Sowohl die schon bekannten als auch die gerade eingeführten Figuren wirken irgendwie irrelevant.

Von Hershel (Scott Wilson) allerdings wird, hoffe ich, mehr kommen – die Weichen für eine Rick-Hershel-Dynamik sind gestellt. Maybe it’s better now, sagt Hershel zu Rick über die Zombie-Apokalypse. Hoffen wir, dass diese Worte auch auf die kommenden Episoden zutreffen werden!

The Walking Dead: What Lies Ahead (2×01)

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Rick führt die Überlebenden fort von Atlanta, aber ihre Reise ist nicht von langer Dauer. Können sie die Hindernisse überwinden, oder müssen sie zuerst diejenigen aus dem Weg schaffen, die mitten unter ihnen lauern?

Nach dem Finale der ersten Staffel beurteilten wir diese nicht gerade als rund, aber sie bot trotzdem gute Unterhaltung. Im bisherigen Verlauf schaffte es die AMC-Serie, mit jeder Episode eine wichtige Frage aufzuwerfen: Wem kann man vertrauen, nach welchen Regeln wird jetzt gelebt, wie geht man mit den Infizierten um, wo sollen die Überlebenden hin? All diese Probleme wurden im Finale in einer einzigen Frage zusammengefasst: Warum soll man überhaupt am Leben bleiben? Auf The Walking Dead selbst gemünzt, lautet die Frage: Kann die Serie den großartigen Voraussetzungen, die sie selbst vor allem mit dem Piloten etablierte, gerecht werden und als wirklich spannendes und unterhaltendes Drama umsetzen?
Während The Walking Dead immer auf dem richtigen Kurs war, was Atmosphäre und Themen betraf, lag ein Manko darin, dass das Interesse der Zuschauer für die Charaktere nur unzureichend geweckt wurde: Die Lebenden erschienen  weniger spannend als die Toten. Nach nur einer Episode kann man nicht sagen, dass dieses Manko behoben wurde, aber What Lies Ahead hinterlässt den Eindruck, dass Besserung in Sicht ist – bzw., um dem Titel gerecht zu werden: dass eine Besserung bevorsteht. In dieser ersten Episode der zweiten Staffel werden die neuen Zuschauer in die Geschichte und die Atmosphäre der Serie eingeführt, aber zusätzlich seziert man geradezu die apokalyptischen Fragen nach dem Überleben, bricht sie auf die Schicksale der Einzelnen herunter und lässt sie dadurch an Relevanz gewinnen. Man kann sagen, dass man vom Allgemeinen eines apokalyptischen Ereignisses zum Besonderen übergeht. Übrigens: Budgetkürzungen sind dieser Episode definitiv nicht anzumerken! Wir bekommen so viel Zombieaction wie bisher kaum in einer Episode.
Damit springen wir direkt in die beste Szene von What Lies Ahead. Eigentlich kann man das mehr als 20 Minuten dauernde, Nerven zerreibende Schauspiel nicht Szene nennen. Die Überlebenden verlassen Atlanta Richtung Fort Benning, aber sie kommen nicht weit, da der Wohnwagen den Geist aufgibt – vorerst. Reparatur und Plünderung verlassener Autos auf der Straße sind angesagt… und schon kommen die Zombies. Ihr Angriff dauert eine Ewigkeit – im positiven Sinne! Von Dales erstem Blick auf die Walkers bis hin zu Sophias Flucht in die Wälder verstreicht fast die halbe Episode, aber seine Intensität macht den Abschnitt lohnenswert. Alles eskaliert langsam, so wie die Zombiefüße über den Boden schleifen, aber es erfolgen weder panisches Durcheinander noch Massenkämpfe, sondern die meiste Zeit über bleibt es still. Nur durch einzelne, beunruhigende Geräusche und kleine Auseinandersetzungen wird die Stille unterbrochen. Auch die Kamera verschafft uns keinen Überblick, sondern bleibt die meiste Zeit unten: mit den Überlebenden, die unter den Autos kriechen.
Etwas später, als Daryl und Rick eine Zombie-Autopsie durchführen, wird der Zuschauer vom Genre-üblichen visuellen und auditiven Horror nicht verschont. Diese Szene dient denn auch in meinen Augen weniger narrativen Zwecken als reiner Schockwirkung. Nun, zu einer Zombieserie gehört das dazu! Genauso wie ein ordentlicher Cliffhanger – und dieser hier ist kein schlechter. Als Shane, Rick und Carl durch den Wald gehen, sichten sie ein Reh, und Carl nähert sich dem Tier vorsichtig mit einem Lächeln im Gesicht. Dasselbe Lächeln erscheint auf den Gesichtern beider Männer. Eine Szene voller Frieden… bis ein Schuss fällt und sowohl das Reh als auch Carl zu Boden sinken. Schnitt.
Nach einem starken Piloten erweckte die AMC-Serie mit jeder weiteren Episode den Eindruck, dass man irgendwie nicht recht wusste, wohin sich das Ganze bewegen sollte; die Erzählung schien sich im Kreis zu drehen. Man hatte – etwa bei der Rettungsaktion um Daryls Bruder – das Gefühl, dass die Autoren einfach Zeit schinden wollten. Vielleicht sollte diese Zögerlichkeit demonstrieren, in welcher Ausweglosigkeit die Überlebenden stecken, wie gering ihre Wahlmöglichkeiten sind. Andrea hatte ihre Wahl getroffen, aber wie sie sagt, nahm ihr Dale diese Möglichkeit. Mit der kleinen Auseinandersetzung zwischen Dale und Andrea bietet diese Episode eine zweite feine Szene, die im Vergleich zu dem soapigen und redundanten Austausch zwischen Shane und Lori emotionales Gewicht besitzt.
Die Suche nach Sophia in den Wäldern dauert auch lange – und im Gegensatz zur ersten Episodenhälfte viel zu lange. Zum Glück wird das Ganze durch das Aufwerfen einer neuen Problematik unterbrochen: Shane will gehen, und Andrea, die sein Gespräch mit Lori mithört, möchte sich ihm anschließen. Wird die Gruppe zersplittern? Wie ist man in einer solchen Situation besser aufgehoben – mit allen anderen oder mit nur einem Partner? Das hängt davon ab, wohin man will, was man erreichen will.
Die zweite Staffel bringt Hoffnungslosigkeit – und Zweifel, an sich selbst und den Anderen. Gleichzeitig aber sucht man nach einem Grund, an etwas zu glauben, nach einem Ziel – und damit verspricht die Serie, Einiges besser zu machen…

The Walking Dead: TS-19 (1×06)

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Im Finale erfahren wir, warum Dr. Jenner allein im CDC geblieben ist; die Gruppe der Überlebenden genießt die Zeit in Sicherheit. Aber für wie lange?

The Walking Dead verabschiedet sich fürs Erste – mit einem Kracher. Leider ist damit nicht das Finale an sich gemeint, sondern das CDC-Gebäude, das am Ende in Flammen aufgeht; die Kamera verharrt für eine Weile aus der Vogelperspektive bei den Flammen, nur um dann nach oben zu schwenken, zu dem schwarzen Rauch, der emporsteigt. Genau wie dieser Rauch verflüchtigen sich die Hoffnungen, mit denen die Überlebenden im Cliffhanger der letzten Woche zurückgelassen worden waren – und mit denen sie fast zwei Drittel dieser finalen Episode verbringen.

Im bisherigen Verlauf schaffte es die AMC-Serie, mit jeder Episode eine wichtige Frage aufzuwerfen: wem kann man vertrauen, nach welchen Regeln wird jetzt gelebt, wie geht man mit den Infizierten um, wo sollen die Überlebenden hin? All diese Probleme werden im Finale in einer einzigen Frage zusammengefasst: Warum soll man überhaupt am Leben bleiben? Diesbezüglich kann man TS-19 als sehr gelungen bezeichnen, was vor allem an der Noah Emmerichs Leistung in der Rolle des Dr. Edwin Jenner liegt und seinem Zusammenspiel mit Andrew Lincoln als Rick. Die klaustrophobische Atmosphäre in den Katakomben von CDC lädt buchstäblich zu einem Kammerspiel ein, in dem die beiden brillieren.

Der Rest der Episode allerdings fühlt sich nicht so sehr wie ein Finale an, sondern eher wie die Vorbereitung darauf. TS-19 eilt überhastet voran und steckt doch voller belangloser Szenen, wo Figuren eine Menge Zeit damit verbringen, einander schockiert anzustarren, bevor sie sich wieder einmal in Panik auf den Weg machen müssen. Vermutlich wegen der kurzen Season ließ man ihnen kaum Zeit, im CDC zur Ruhe zu kommen: schade, denn so hätte noch tiefer in ihrem Trauma gegraben werden können, was die Serie bisher ja mehr zu interessieren vorgab als Zombie-Schlachten.

Irgendwie funktionierte der Rhythmus dieser Episode nicht, was man generell über die gesamte erste Staffel sagen kann. Sie glich einem Auf und Ab – zweifellos mit zahlreichen grandiosen Momenten. Kann Frank Darabont Recht haben, wenn er für die zweite Staffel durch die Entlassung der restlichen TWD-Autoren Kurs auf einen Auteur-Ansatz nimmt? Kann für die Inkonsistenz in der Entwicklung der ersten Staffel, wenn überhaupt davon gesprochen werden kann, wirklich der Writer Room verantwortlich gemacht werden – weil die unterschiedlichen Autoren den Stoff in den einzelnen Episoden mit unterschiedlichen Ansätzen angingen? Rein spekulative Fragen – denn wir wissen nicht mit Sicherheit, was hinter der ganzen Geschichte steckt.

Was ich mit Sicherheit weiß: der Teaser von TS-19, mit Shanes Flashback, ist absolut grandios! Ich mag zwar TWDs stille Art des Erzählens, aber die Szenen des absoluten Chaos, das dem menschlichen Verstand seine Grenzen zeigt und die Hilflosigkeit des Einzelnen hervorhebt, kamen in der Serie manchmal zu kurz. Wir sehen Shane im Krankenhaus, der nicht weiß, wie er den komatösen Rick wegtransportieren soll, während überall Zombies auftauchen und die Soldaten auch Zivilisten in den Kopf schießen, ohne zu schauen, ob sie infiziert sind oder nicht.

Als der Strom ausfällt, hält Shane Rick tatsächlich für tot – aber verbarrikadiert trotzdem die Tür, bevor er flieht. Diese Erinnerungen werden später aufgegriffen, als die Überlebenden nach einem schönen Essen, einer warmen Dusche und einer Menge Wein im CDC relaxen und der betrunkene und verzweifelte Shane Lori zur Rede stellt. Wir haben im Flashback gesehen, dass er Lori nicht wirklich belogen hat: es war einfach alles zu viel für ihn, für sein Denkvermögen, alles entglitt ihm, eigentlich genau wie in jedem einzelnen Moment. Er wird sogar handgreiflich, und Lori zerkratzt sein Gesicht. Shane lässt los – aber es sieht danach aus, als sei jede Hoffnung für ihn verloren.

Und nicht nur für ihn? Dr. Jenner konfrontiert schließlich die Gruppe mit der Belanglosigkeit ihres Überlebens. Wir erfahren zwar wenig bezüglich der Zombies, was wir nicht schon wussten oder ahnten, aber Jenner enthüllt dennoch zweierlei: Der Titel der Episode steht für Test Subject Nr.19! Das war Jenners Frau, eine geniale Wissenschaftlerin und Leiterin des CDC, die infiziert wurde und ihren Mann den Mutationsprozess freiwillig an ihr selbst dokumentieren ließ. Jenner habe nur deshalb keinen Selbstmord begangen, wie so viele seiner Kollegen, weil er ihr versprochen habe, so lange nach Heilmitteln zu suchen wie irgend möglich.

Aber er ist bislang erfolglos geblieben, und die Zeit läuft langsam davon: Die Gruppe erfährt, dass ein Countdown läuft; wenn die Energievorräte erschöpft sind, wird ein Selbstzerstörungsmechanismus alles vernichten. Decontamination! Wir haben in der letzten Episode gesehen, was das bedeutet. Jenner hat keine Hoffnung mehr für die Welt da draußen – und in einem Gespräch mit Rick bekommen wir zu hören, dass Rick ebenso wenig Hoffnung verspürt. Das kommt, ausgehend vom bisherigen Verlauf, etwas überraschend, aber sorgt für eine emotional geladene Szene, in der Jenner alle mit sich zusammen einsperrt, um sie zu erlösen, und der Gruppe Ricks Einstellung mitteilt. Letztendlich lässt er sie doch hinaus, um weiter hoffen zu dürfen, und verbleibt zusammen mit Jacqui in Erwartung des Todes.

Jenners Figur und Noah Emmerich als Schauspieler hätten dem Cast von TWD gut getan, wäre er länger geblieben. Im Gegensatz dazu verabschiedet sich mit Jacqui eine weitere Figur; als Zuschauer registriert diesen Abschied kaum, da er irgendwie belanglos ausfällt – genauso wie die Trennung von der Latino-Familie in der letzten Episode. Andrea (Laurie Holden) will zunächst auch bleiben, aber Dale (Jeffrey DeMunn) kann sie überzeugen, doch mit den anderen zu fliehen und weiter zu hoffen. Die Frage ist nur – worauf?

Das Einzige, was diese Staffel als Ganzes zusammenhält bzw. den Kreis der sechs Episoden schließt, ist die Granate aus dem Piloten. Mit Hilfe eben dieser Granate schaffen es Rick & Co., rechtzeitig aus dem versiegelten CDC-Gebäude zu entkommen, bevor alles in Flammen aufgeht – unter den Klängen von Bob Dylans “Tomorrow Is A Long Time“. The Walking Dead verabschiedet sich in eine lange Pause, die den Produzenten genug Zeit liefert, die Hoffnungen der Fans nicht zu enttäuschen: denn einen Grundstein für großartiges Fernsehen hat man mit einer zwar unebenen, aber beileibe nicht schlechten ersten Staffel schon gelegt.

 

 

The Walking Dead: Wildfire (1×05)

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In dieser Episode kommt es, das Schicksal der ganzen Gruppe betreffend, zu einer Konfrontation zwischen Shane und Rick. Können sich die beiden einig werden? Kann es überhaupt Hoffnung und Rettung geben?

Wildfire ist nicht nur eine sehr intensive Episode, sondern auch eine sehr persönliche. Über ihre gesamte Länge macht der Regie führende Ernest Dickerson häufig Gebrauch von extremen Close-Ups bei zahlreichen Eins-zu-Eins-Dialogen. Obwohl: kann man sie Dialoge nennen? Wildfire handelt von Kommunikation: von Hoffnung und vom Sich-Abfinden mit dem Leben oder aber mit dem Tod, wie es / er auch kommen mag.

Unter extremen Bedingungen, ohne den Deckmantel der Zivilisation, steigen menschliche Unzulänglichkeiten und Schwächen an die Oberfläche. Eine davon: sich nicht die Zeit zu nehmen, mit anderen zu sprechen – und ihnen zuzuhören. Nach der recht schnellen Einführung der Figuren nimmt sich The Walking Dead diesmal die Zeit, diesen Figuren Tiefe zu geben und sie mehr tun zu lassen, als nur auf Zombies zu schießen und in Panik wegzulaufen. Mit Wildfire versucht die Serie die Charaktere zu entblößen, ihre Beziehungen zu vertiefen. The Walking Dead ist nicht nur dann gut, wenn Zombies im Bild sind, sondern erst recht dann, wenn die Monster einen unsichtbaren Hintergrund bilden: eine Abstraktion der verloren gegangenen Welt, mit der die Überlebenden umgehen müssen.

Womit sie aber erst recht umzugehen lernen müssen, das ist die abstrakte Hoffnung. In diesem Zusammenhang – und meiner Meinung nach zum richtigen Zeitpunkt – macht The Walking Dead, falls ich mich nicht falsch erinnere, einen großen Schritt weg von den Comics und schüttelt ein As aus dem Ärmel: Rick besteht darauf, dass die ganze Gruppe Richtung CDC (Centrum for Dicease Control) fährt, um dort Hilfe zu suchen – denn im Lager besteht keine Sicherheit mehr. Auf diese Idee kommt er vor allem deswegen, weil Jim bei dem Angriff gebissen wurde und auf dem Weg ist, zum Zombie zu mutieren. Shane ist dagegen, was zu einer Konfrontation zwischen den beiden Ex-Polizisten und Kollegen führt. Im Wald steht Shane kurz davor, Rick aus dem Hinterhalt zu erschießen. Er senkt seine Waffe im letzten Moment, aber nicht bevor Dale das Ganze mitbekommt…

Die für mich stärksten Szenen präsentiert The Walking Dead am Anfang und am Ende dieser Episode. Die lange Szene mit den beiden Schwestern Amy und Andrea ist hervorragend inszeniert. Während um sie herum Zombies verbrannt werden und die Leichen einen Schlag ins Hirn bekommen, um dann vergraben zu werden, rührt sich Andrea nicht vom Fleck. Sie lässt auch niemanden in ihre Nähe. Dann wacht Amy auf; zunächst sieht es so aus, als wolle sie ihre trauernde Schwester umarmen. Aber ihr einziges Begehren ist: Fressen! Andrea scheint auf diesen Augenblick gewartet zu haben, um sich von ihrer Schwester zu verabschieden. Sie entschuldigt sich bei ihr – und schießt ihr in den Kopf.

Neben dieser rührenden Szene sehen wir in den ersten Minuten Rick mittels Walkie Talkie zu Morgan und seinem Sohn sprechen und sie vor Atlanta warnen – mitten in der Stille der Felder. Niemand antwortet: Es findet kein Dialog statt. Rick redet im Grunde genommen mit sich selbst. Morales und seine Familie trennen sich von der Gruppe und fahren ihre Verwandten in Alabama suchen. Der Rest fährt letztendlich Richtung CDC… und muss sich unterwegs von Jim trennen, dessen Zustand immer schlimmer wird; er bittet Rick darum, ihn einfach am Wegrand zurückzulassen, damit er sterben, zu seiner Familie gehen kann.

Ricks Hoffnung, im CDC jemanden zu finden, erweist sich nicht als so abstrakt, wie die anderen denken. Zwar verbreiten die eindrucksvoll gefilmten Bilder des Platzes vorm CDC – voller verwesender Körper und summender Fliegen – Ernüchterung unter den Überlebenden, aber es hält sich im Gebäude doch jemand auf: Wir sehen einen Wissenschaftler namens Jenner (Noah Emmerich), der eine Art Videotagebuch führt und uns mitteilt, dass die Forschungen zum Event Wildfire keine Fortschritte zu verzeichnen haben.

Als ein weiteres Experiment schief geht und das computergesteuerte Anti-Kontaminations-Programm alle Proben vernichtet, bricht Jenner in Verzweiflung aus; bei seinem letzten Eintrag ins Tagebuch erwägt er Selbstmord. Aber dann „klopft“ es an der Tür – und nach anfänglichem Zögern öffnet er und lässt Rick & Co. ein. Das letzte Bild der Episode ist von Licht erfüllt, mitten in der Dämmerung um das CDC-Gebäude, die die Toten bringt. “We’re at the ragged edge here. We need relief“, sagte Rick am Anfang der Episode. Haben sie diese Erleichterung nun gefunden?

 

The Walking Dead: Tell It To The Frogs / Vatos (1×03 / 1×04)

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Kann Merle noch gerettet werden? Wie lange wird das Lager der Überlebenden vor Zombie-Attacken sicher sein? The Walking Dead liefert mit dieser sehr starken Episode die Antworten.

Tell It To The Frogs legt den dramaturgischen Grundstein für den weiteren Verlauf der Staffel. Rick Grimes findet im Lager seine Familie wieder, und es werden die Beziehungen und Konflikte zwischen den Überlebenden dargestellt. Allerdings gehört die beste Szene der Episode Merle, der weiterhin auf dem Dach angekettet ist: Im Teaser sowie angesichts der Zombies, die die Tür zum Dach stürmen, liefert er ein Monolog, der trotz seiner antipathisch angelegten Figur den Zuschauer erschüttert und die Verbitterung über die gottverlassene Welt zum Ausdruck bringt. In dieser Welt hat man nicht mehr die Sicherheit, dass man seinen Nächsten noch einmal sehen wird…

Trotzdem lässt Rick seine Familie zurück, um zusammen mit Merles Bruder Daryl, Glenn und T-Dog nach Atlanta zurückzukehren. Damit lässt er das Lager in Shanes Hand, der, erschüttert durch Ricks Auferstehung von den Toten und Loris abweisende Haltung, Ed brutal zusammenschlägt: weil der seine Frau misshandelt. Diese Brutalität – zuerst seitens Ed, dann seitens Shane – ist Teil des alltäglichen Lebens dieser Menschen geworden: Sie sind sich selbst die schlimmsten Feinde.

Vatos kommt meiner Meinung von allen bisherigen Episoden der Qualität des Piloten am nächsten. Sie befriedigt die Bedürfnisse der Zuschauer vollauf, sowohl was Zombie-Action als auch was psychologische Studien der Überlebenden betrifft. Vatos ist, genauso wie die vorherige Episode, eine runde Sache: Sie beginnt mit einer ruhigen Szene zwischen den Schwestern Andrea und Ami, die angeln und sich an ihren Vater erinnern. Ihr Gespräch über Knoten verwandelt sich in eine Reflexion darüber, wie es ist, die Menschen zu überleben, die man liebt.

Die Episode endet mit Amis Tod in Andreas Armen: und Ami ist nicht das einzige Opfer, denn das Lager wird von den Zombies überfallen. Vielleicht genügen die Gräber, die Jim (Andrew Rothenberg) schon fertig gebuddelt hat? Am Anfang der Episode gräbt er stundenlang unter der brennenden Sonne und sorgt mit seinem Verhalten für Besorgnis unter den Lagerbewohnern, so dass Shane ihn für eine Weile an einem Baum festbinden muss. Das Graben ist nicht nur eine Expression seiner Trauer um seine tote Familie, sondern etwas, wovon er geträumt hat – sagt er am Ende der Episode. Nicht nur Erinnerung also, sondern auch eine Vorahnung kommender Ereignisse.

Die Rettungsaktion für Merle geht schief, aber auf unvorhergesehene Art und Weise. Nachdem die vier Männer festgestellt haben, dass es Merle auch mit einer Hand aus dem Gebäude hinaus geschafft hat, holen sie Ricks Waffen. Dann taucht eine mexikanische Gang auf und entführt Glenn. Rick und Daryl haben aber ebenfalls ein Gang-Mitglied gefangen genommen.

Wer nun einen Showdown zwischen Gangleader Guillermo, seinen Leuten und Ricks Gruppe erwartet, liegt falsch. Es erweist sich, dass die Mexikaner ein Gebäude voller Kranker und alter Menschen verteidigen und nur deswegen Ricks Waffen brauchen. Diese sehr schnelle Einführung zahlreicher neuer Figuren und ihre scheinbare Belanglosigkeit für die Erzählung können natürlich irritierend wirken: denn die Begegnung in Atlanta hat keine weiteren Auswirkungen, und Rick & Co. kehren zurück ins Lager.

Man muss aber bedenken, dass den Produzenten nur sechs Episoden zur Verfügung standen – ohne Gewissheit, ob ihre Serie verlängert würde. Aus diesem Grund versucht man, die Figuren möglichst schnell einzuführen. Wie viele von ihnen werden uns für längere Zeit erhalten bleiben? Ed und Amy sind tot, Merle ist weg. Früher oder später wird es überdies zwischen Rick und Shane zu Problemen kommen. Und das Lager ist anscheinend nicht mehr Zombie-sicher. Also: Quo vadis, Domine?

 

The Walking Dead: Guts (1×02)

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Die Welt von The Walking Dead besteht nicht nur aus Zombies, wie Rick in dieser Episode erfährt. Aber ob das eine heilsame Erfahrung ist?

Während der Pilot von The Walking Dead leise verlief und den Blick von außen auf eine Welt eröffnete, in der jede Hoffnung verloren gegangen zu sein scheint, ist die zweite Episode Guts laut – und wie der Titel verrät, ermöglicht sie den Blick von innen. Laute Geräusche bilden die rote Linie, der es in Guts zu folgen gilt.

Sahen wir im Piloten überwiegend High-Angle-Aufnahmen (aus der Vogelperspektive), die einen Panoramablick boten, dominieren in Guts Close-Ups und Medium Shots. Dahinter steckt durchaus Absicht, denn wie schon erwähnt, arbeitet sich die Serie von außen nach innen vor. Sie präsentiert uns nun den Großteil des menschlichen Casts. Im Piloten folgten wir der Stille – jetzt folgen wir den Geräuschen, wie es die Zombies tun.

Rick hört auf die Anweisungen der Stimme aus dem Funkgerät, kann aus dem Panzer entkommen und den Walker-Horden entfliehen. Die Stimme bekommt einen Träger: Sie gehört einem jungen Mann namens Glenn (Steven Yeun). Glenn und Rick schaffen es bis zu einem Einkaufszentrum, wo andere Überlebende warten – aber sie sind nicht glücklich über Ricks Eintreffen. Weil es Lärm verursacht hat! Rick erschießt mehrere Zombies, um den Weg frei zu schaufeln, was dazu führt, dass das Einkaufszentrum umzingelt wird. T-Dog (Robert ‘IronE’ Singleton – Overacting kann zu viel des Guten sein), Jacqui (Jeryl Prescott), Morales (Juan Gabriel Pareja) und Andrea (Laurie Holden) geben Rick die Schuld an ihrer Situation.

An dieser Stelle entfernt sich die Serie von den Comicbüchern, in denen Rick in Atlanta nur auf Glenn trifft und der Rassist Merle Dixon (Michael Rooker, bekannt aus vielen Bösewicht-Nebenrollen und der Hauptrolle in Henry: Portrait of a Serial Killer) als Figur gar nicht existiert. Ich schätze, die Autoren der Fernsehserie wollten möglichst viele Konflikte schüren und für mehr Mensch-zu-Mensch-Action sorgen. Denn Merle greift sich aus Lust und Laune eines der farbigen Gruppenmitglieder und prügelt auf den Mann ein.

Hier greift The Walking Dead wieder auf altbewährte Western-Traditionen zurück. Sheriff Rick (John Wayne) überwältigt Merle und erklärt ihm in Searchers-Style: I’m a man looking for his wife and son. There’s us and the dead. We survive this by pulling together, not apart. In diesen Überresten von Zivilisation sind Geschlecht und Hautfarbe egal, denn alle sind nur Fleisch. Gefressen werden oder nicht gefressen werden: so lautet die Frage, die sich jeder stellen soll.

Damit man nicht gefressen wird, muss man schon tot sein – oder wenigstens tot „riechen“. The Walking Dead beschleicht definitiv alle Sinne… Damit Rick und die anderen zu einem LKW gelangen können, kommt Rick die Idee, Glenn und sich selbst mit Fleisch, Blut und Innereien eines Toten zu beschmieren. Obwohl sehr blutig, ist die Szene, in der Rick den Körper zerhackt und das Gedärm herausgeholt wird (We need more guts!), sehr schön gefilmt: mit einer Klarheit, die uns alles buchstäblich riechen lässt. Die darauf folgende Sequenz mit Rick und Glenn, zwischen den Zombies wandelnd und ihr Verhalten nachahmend, birgt Slapstick und Spannung zugleich.

Merle wird auf dem Dach des Einkaufszentrums zurückgelassen; als aber T-Dog die Handschellenschlüssel unabsichtlich in das Loch fallen lässt und dann flieht, stößt er den Werkzeugkasten um. Wir dürfen also damit rechnen, dass Merle wieder auftauchen wird, um sich an den anderen zu rächen… Oder folgt man auch in diesem Fall den Gesetzen der Dramaturgie nicht, wie bei Rick und der Granate? Am Anfang nimmt man sich die Zeit, uns zu zeigen, dass Rick eine Granate findet – aber allen Erwartungen zum Trotz geht sie bis zum Ende der Episode nicht hoch. Man wartet buchstäblich darauf, aber es geschieht nichts. Vielleicht sparen sich die Autoren die Granate für einen späteren Anlass auf, genauso wie Merle?

Zu früh, um hier Urteile zu fällen. Das gilt auch für die anderen Überlebenden im Lager, allen voran Lori und Shane. Trotz ihrer Romanze, der sie in den Wäldern freien Lauf lassen, verbringen wir wenig Zeit mit ihnen und den anderen Lagerbewohnern. Aber wir lernen Dale (Jeffrey DeMunn) und Amy (Emma Bell) kennen, Andreas Schwester. Sie besteht darauf, der Gruppe in Atlanta zu Hilfe zu eilen, aber Shane schreibt sie einfach ab.

An dieser Stelle wechselt der Blick wieder auf Rick & Co.; es bleibt ungeklärt, was die Gruppe um Amy tun oder nicht tun wird. Ricks und Glenns Rettungsaktion wird ein voller Erfolg, denn während Rick alle in den LKW lädt, lenkt Glenn die Zombies ab – mit einem blutroten Dodge Challenger, dessen Alarmanlage auf Hochtouren jault und in dem er Atlanta anschließend verlässt, mit voller Geschwindigkeit über die leere Autobahn.

 

The Walking Dead: Days Gone Bye (1×01)

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Sie kommen. Obwohl: waren sie nicht immer schon da? The Walking Dead erzählt von einer Zivilisation, die kannibalistische Züge angenommen hat und sich selbst nicht zu genügen scheint.

Durch den Vormarsch von Vampiren und Werwölfen in Film und Fernsehen gerieten die Zombies in letzter Zeit in Vergessenheit. Ihr letztes Aufbäumen in Filmen wie 28 Days Later und Resident Evil diente der Inszenierung apokalyptischer Szenarien um die Jahrhundertwende. Da aber der drohende Weltuntergang ausblieb, widmete man sich anderen Erzählungen, vor allem den stilisierten und idealisierten Vorstellungen vom ewigen Leben und der damit verbundenen Romantik. Vampir-Stories geben genug Stoff her, um zwischenmenschliche Beziehungen mit großen Gefühlen fesselnd auf den Bildschirm zu bringen: Das Horrorgenre ist heutzutage sexy und geht Race- und Genderfragen nach.

Zombies wiederum sind streng genommen sozio-politisch, gar geopolitisch. Sie sind nicht sexy. Sie fühlen nichts. Sie sind nicht auserwählt. Sie SIND. Die Wurzeln ihrer Geschichte liegen im Proletariat. Zombies sind Voodoo-Erzeugnisse: Sie wurden von Voodoo-Priestern erschaffen, um auf den Feldern Haitis zu arbeiten. Ihr Eintritt in unsere erzählte Welt war also nicht bösartig, sondern rein ökonomisch motiviert.

Während die Zombies ursprünglich im Dienste des Systems standen, begannen sie in Erzählungen wie den Comic-Büchern “Tales From the Crypt” oder dem Roman “I Am Legend” in den Fünfzigern zu ‚rebellieren’, um dann 1968 in The Night of the Living Dead (George Romero) ihr Flaggschiff zu finden. Die Zombies machten sich daran, das System, in dessen Dienst sie standen, zu zerstören, auszulöschen. Sie entwickelten sich zur Kritik der Konsumgesellschaft, die, immer hungrig nach mehr, an einen Punkt gelangen wird, da sie sich selbst auffrisst. Ein Thema, das heute aktueller erscheint denn je!

Als ich von der Verfilmung von The Walking Dead seitens AMC hörte, griff ich sofort zu den Comic-Büchern. ‚Glücksgriff’ ist die richtige Bezeichnung! Die Arbeiten von Robert Krikman starten langsam und brauchen Zeit, aber dann entfachen sie ihr ganzes Potential und können auch diejenigen überzeugen, die die Möglichkeiten einer solchen Genreerzählung in Serie als begrenzt betrachten.

Der Rhythmus der Comicbücher – dem die Serie, nach dem Piloten zu urteilen, zu folgen scheint – gleicht der Entwicklung der Zombies selbst als Genre. Die ersten Zombies auf dem Blidschirm waren langsam, gar träge, mühsames Fortbewegen erzeugte den Horror als das ultimative Anderssein im Vergleich zur normalen Bewegung. Später wurden sie immer schneller und beweglicher und beschnitten damit unsere Möglichkeiten zu entkommen. Wie ein US-Kritiker spaßeshalber anmerkte, wird unser Ende dann eintreten, wenn die Zombies anfangen, Auto zu fahren: wenn sie also lernen, sich der Erzeugnisse des Systems zu bedienen, das sie zerstören: der Konsumgesellschaft.

Ein Bild aus dem The Walking Dead-Piloten kann als Metapher für die Abwesenheit der Zombies auf dem kleinen Bildschirm stehen: Don’t Open. Dead Inside. Diese Überschrift an einer Tür, hinter der die lebenden Toten lauern, bezeichnet die Angst der TV-Schaffenden, sich solchen Themen zu widmen. Obwohl: „lauern“ ist nicht die richtige Beschreibung. Zombies lauern nicht, sie verweilen. Sie sind ein zeitliches Phänomen. Sie reduzieren Zeit auf ihre auch für uns wesentliche Bedeutung, die wir mit Aktivitäten verdecken: das Hinausschieben des endgültigen Todes, so lange es nur geht. Sie reduzieren uns auf die Wahrheit über den Menschen: Eine Fressmaschine aus Fleisch und Blut, die überleben, dauern will. Sie erinnern uns daran, wohin wir uns unausweichlich bewegen. Alles beginnt und endet mit der Nutzlosigkeit, dem Verlorensein, dem wir tagtäglich zu entgehen versuchen.

Wo spielt sich dann das Drama ab? Dazwischen! Viele verbinden – teilweise auch zu Recht – Zombie-Erzählungen mit puren Schlachtorgien. Auch The Walking Dead ist definitiv nichts für die Zartbesaiteten, aber der Pilot der neuen AMC-Serie ist keine Splatter-Orgie, sondern eine Feier cinematischer Kunst. Die Serie hält sich nicht penibel an die Originalvorlage, aber verändert auch nicht zu viel. Eine perfekte Balance ergibt sich teilweise aus den Notwendigkeiten des Mediums. Geschrieben und gefilmt von Frank Darabont, bietet Days Gone Bye ergreifende neunzig Minuten. Viele davon dominiert absolute Stille. The Walking Dead hat zwar einen klassischen Orchester-Score, aber die Kunst des Piloten steckt im Gebrauch der Stille. Dazu kommen die grandiosen Establishing Shots: in ausgeblichenem Grün und Sepia gehaltene Bilder vom Verfall der Menschheit. Alles, wonach wir streben – Autos, Häuser, Gegenstände – liegt nutzlos da, so wie wir selbst als Zombies. Gespenstische Stille umgibt diese zerstörte Welt, durch die Rick Grimes (großartig dargestellt von Andrew Lincoln) als Überlebender sich fortbewegt.

Der Polizist Rick Grimes erwacht im Krankenhaus aus dem Koma. Wir sehen Bilder von vorher, als er bei einem Einsatz schwer verletzt wurde. Wenn man es ganz genau nimmt, kommt auch er von den Toten zurück. Sehr eindrucksvoll finde ich die Szene im Krankenhaus, die sein Aufwachen wie eine Wiederkehr inszeniert: Er bewegt sich mühsam fort – so wie ein Zombie -, Schläuche und Bänder hängen vom Operationshemd herab… Rick stolpert durch die Gänge, nur um Chaos und Verwesung zu begegnen. Ricks Welt ist verschwunden. Seine Frau und sein Sohn sind verschwunden. Sein Blick auf diese „neue“ Welt ist ähnlich wie ein Zombie-Blick, nur geprägt durch Erfahrung und Erinnerung.

Andrew Lincoln spielt Rick Grimes mit einer Mischung aus Trauer, Autorität und noch verbliebener Würde. Als er später, da sein Auto kein Benzin mehr hat, auf einem Pferd reitet, muss man einfach an Gary Cooper denken. Unter den Strahlen der leuchtenden, aber nicht wirklich wärmenden Sonne, vor dem Hintergrund eines Gemäldes der Verwüstung, sitzt er in Polizeiuniform auf dem Pferd und reitet Richtung Stadt. Dieses Bild entspricht einem Überrest der Zivilisation: der neuen und der alten. Die Tage ihrer Existenz sind gezählt, wie die einzelnen Hufschläge auf der leeren Straße. Nur sie sind zu hören, zu fühlen, wie ein Herzschlag, wie die Schläge einer Uhr, die eine ablaufende Zeit zu Ende zählt.

Rick reitet Richtung Stadt, um seine Familie zu suchen, aber es ist kein glorreicher Ritt. Es ist ein Ritt in den Untergang, wie wir auf den nächsten Bildern sehen. In der Stadt wird er von Zombies umzingelt; die Kamera gleitet nach oben und eröffnet den Blick auf ihre Masse, die das Pferd zerfleischt. Was den The Walking Dead-Autoren gelingt, ist nicht nur den Horror auf leisen Sohlen kommen zu lassen, sondern immer wieder eine tiefe Trauer zu suggerieren. “I’m sorry this happened to you,” sagt Rick zu einem pathetisch einher kriechenden Zombie-Torso,  dessen gieriges Handausstrecken fast wie eine flehende Geste wirkt; Rick verpasst ihm einen Kopfschuss und befreit ihn so aus seiner Misere bzw. seiner Nutzlosigkeit.

Sterbehilfe für einen Zombie? He used to be like us! Diese kleinen Momente mit all dem Schmerz und der Würde des Menschseins machen The Walking Dead faszinierend.

Neben Rick gibt es weitere Überlebende. Er trifft auf einen Vater mit seinem Sohn, die sich in ihrem Haus verstecken. Sie wollen und können nirgendwo hin: Trauer und Erinnerungen halten sie fest. Lennie James (Jericho) spielt großartig die Zerrissenheit des Vaters und Ehemanns, der sich nicht dazu bringen kann, abzudrücken: Vors Haus geschlichen kommt immer wieder die Mutter und Ehefrau, ein Zombie. Versucht sie, nach Hause zurückzukehren – zu einem Leben, das sie nicht mehr lebt?

Ricks Frau Lori (Sarah Wayne Callies) und sein Sohn sind noch am Leben, aber auch ihr Leben ist nicht mehr dasselbe. Wer hat es schlimmer: die toten Lebenden – oder die lebenden Toten?

Über die neue AMC-Serie kann man einfach nur sagen: Please, Open. Dead inside.